Auf einen Kaffee mit Leo

Foto: Rebhandl

Triff doch mal den Leo, sagte neulich eine Freundin zu mir, der ist so ganz anders! Und richtig. Als wir uns in seinem Stammcafé im zweiten Bezirk zur Begrüßung gegenüber stehen, überragt er mich mit seinen zwei Metern Länge, was bei meinen eigenen 1,95 nicht so oft vorkommt. Sein hageres Gesicht ist umrahmt von einem Abraham-Lincoln Bart, den so heute kaum noch jemand trägt. Zu dem passt aber die Pfeife, die er raucht - was man heute auch nur noch selten sieht. Diese Pfeife ist ein willkommener Einstieg in ein Gespräch, das anfangs nur schleppend in Gang kommt. Was auch reden mit einem, der die Einsamkeit und das Schweigen zum Lebensinhalt gemacht hat? Oder hochtrabend gesprochen: Das Streben nach Weisheit.

Der letzte Pfeifenraucher, den ich getroffen habe, hieß Günther und war vor 50 Jahren unser deutscher Sommerfrischegast im oberösterreichischen Elternhaus. Ich erinnere mich an seinen „Stopfer“, und einen solchen verwendet auch Leo, „weil man die Glut ja immer wieder ein bisschen herunterstopfen muss.“ Die Zigaretten, die er früher geraucht hat, „waren eine sehr schnelle Befriedigung im Unterschied zur Pfeife“, sagt er. „Mit zunehmendem Alter wird man aber ruhiger, also habe ich mich für letztere entschieden.“

Und für ein unüblich weltabgewandtes Leben.

Die Jahre und Jahrzehnte davor war es aber auch bei dem heute 82jährigen „etwas turbulenter zugegangen.“ Er hatte eine kleine Firma für Holzschnitzereien und Restaurierungen von antiken Möbeln und Skulpturen. „Mit 60 herum habe ich mir dann gedacht, jetzt ist es Zeit, damit aufzuhören.“ Er hat die Werkstatt an einen Antiquar verkauft und ein paar Kisten bei Freunden untergestellt. Danach hatte er keinen Wohnsitz mehr, keine Hausschlüssel und kein Telefon, nichts. Nur ein paar Ersparnisse, die ihm den Abschied vom alten Leben ermöglichten.

Der Neubeginn führte ihn auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela im nordwestspanischen Galizien.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jakobsweg

„Aber natürlich nicht von Wien aus“, relativiert er. „Ich bin nach Pamplona geflogen, von wo aus es immerhin noch 750 Kilometer sind.“ Als er in Santiago angekommen ist, dachte er: „Da geht noch was!“ Und marschierte die 350 Kilometer weiter bis ins portugiesische Fatima hinunter. Geld verbrauchte er in dieser Zeit kaum. „Einen Pilgerweg zu gehen ist ein günstiges Erlebnis, die Übernachtungen sind umsonst, und das Essen, mein Gott, wird eh ein bisschen überschätzt.“ So redet er.

Über das Gehen will er zunächst gar nicht so gerne reden, versucht es dann aber doch: „Ich ging immer alleine, knüpfte nie Kontakte.“ Was zugegeben schwierig war, denn: „Da gehen wirklich sehr, sehr viele Menschen, die einfach das Gefühl ihrer Einsamkeit mildern wollen.“ Wie er das sagt, hört er sich beinahe ein wenig von oben herab an, und nicht nur, weil er so groß ist. Der Jakobsweg als Fluchtweg also? „Ja“, findet er. „Die meisten könnten auch nach Hamburg gehen, aber der Jakobsweg ist halt spektakulärer, nicht wahr?“ Wobei sich Begegnungen natürlich nicht vollständig vermeiden ließen, wenn man 30 bis 35 Kilometer pro Tag ginge und die meisten anderen dies im gleichen Tempo auch täten. Er sagte aber allenfalls „Grüß Gott!“ zu denen und staunte über sich selbst, als er nach zwei Wochen Gehen gar nicht mehr über das Gehen nachdachte. „Da weiß der Körper, wie es geht, er stolpert auch nicht mehr. Alles geht automatisch.“

Geht doch, über das Gehen zu reden!

„Man hat einen Rucksack, der wiegt ungefähr 18 Kilo.“, erzählt er weiter. Zwei Orte, in die er mit diesem Rucksack kam, gefielen ihm sogar ganz gut, in denen blieb er eine Nacht länger. „Aber sonst ist das Ziel einfach eine Richtung, in die man sich bewegt“, wischt er alles weg, was auf dieser Reise mit Lust, Spaß oder Genuss zu tun gehabt haben können. Tritt dann wenigstens etwas an die Stelle von dem, was man abgelegt hat oder ablegen wollte? „Das ist eine sehr gute Frage“, sagt er. „Weg mit dem alten Stock, ich habe einen neuen – so geht das aber nicht.“

Und lieber redet er sowieso wieder über die anderen: „Die meisten sind ziemlich traurig, sobald sie in Santiago ankommen. Weil dann die Zeit vorbei ist, während der man über das immer Gleiche reden kann: Wo kommst du her, wie heißt du? Trinkst du Wein zu den Spaghetti?“ Diese gemeinschaftlichen Begegnungen an den Zielorten waren aber ebenso wenig nach seinem Geschmack wie das gemeinschaftliche Aufbrechen am Morgen.

Und sein eigenes Ankommen in Santiago? „Naja, ich war nicht enttäuscht wie viele andere. Aber ich fand schon, dass da nicht viel Greifbares mit mir passiert war. Ich habe weder Visionen gehabt noch Heilige gesehen oder Stimmen gehört.“ Was er durchaus für möglich gehalten hätten, denn: „Wenn ich so etwas Skurriles mache, könnte ja irgendetwas in diese Richtung geschehen!“

Dass er nicht als „neuer Mensch“ dort ankommen würde, war ihm hingegen klar. „Man kann sich ja nicht neu zusammenbauen, während man geht, bleibt vielmehr immer der Gleiche mit seinen Gefühlen, Irrtümern und Hirngespinsten. Man macht nur äußerlich etwas ganz anderes, wenn man geht.“

So redet er.

Und da wundert es einen dann gar nicht mehr, dass er nach dem Gehen nicht mehr in die frühere Welt zurückkehren wollte. Lieber hat er sich danach näfür eineinhalb Jahre bei Freunden in einen leer stehenden Hof im oberösterreichischen Oberbach im Mühlviertel zurückgezogen. Aber auch das reichte ihm noch nicht, also ging er zu den schweigenden Trappisten in deren letztes Kloster in Engelhartszell, das sich mittlerweile aufgelöst hat. „Ich glaube aber, die ganze Trappistenform hat sich in Österreich nie wirklich durchgesetzt“, ist er heute überzeugt. Bei den vergleichsweise gesprächigen Benediktinern im Stift Seitenstätten blieb er danach noch drei Jahre.

Wenn er heute eine Bilanz über das Klosterleben ziehen müsste, was würde er sagen? „Das asketische Klosterleben hat sicherlich sehr viel für sich, aber für mich müsste es ein besonderes Kloster sein wie Athos. Die europäischen Klöster sind sehr wirtschaftlich orientiert.“ Ihm freilich wäre etwas anderes viel lieber: „Der Gründer der Benediktiner hat ja leichtsinnigerweise gesagt: Bete und arbeite. Aber wo bleiben die Mühe, die Anstrengung und die Plage?“, fragte er, und es scheint, als sehne er sich genau danach. Auch in seiner kleinen Wohnung im Zweiten Bezirk, wohin er sich nach den Klosterjahren zurückgezogen hat. Die Pensionskasse, sagt er, zahle ihm genug aus, um damit ein bescheidenes Leben bestreiten zu können.

Sein Wunsch nach Einkehr, erzählt er weiter, hätte sowohl religiöse als auch praktische Gründe gehabt. „Wenn man nicht genau weiß, was man sucht, kommt man irgendwann an einen Punkt, wo einen das Lernen nicht weiterbringt, sondern nur noch das Staunen.“ Ob er das Gehen draußen lieber empfehlen würde als das Leben drinnen im Kloster, könne er nicht sagen. „Denn dann würde ich ja werten, und diese Ambition habe ich nicht.“

So redet er, und dann legt er noch eins drauf: „Der Wegweiser geht nicht den Weg, und gute Ratschläge funktionieren in den wenigsten Fällen, nicht wahr?“

Im Kopf des Zuhörers hat sich längst das Bild des weltabgewandten Eremiten verfestigt, der er immer schon war, als er überraschend von seiner Familie erzählt, die er „Jahrzehnte vor Beginn meiner Pilgerreisen und Klosterjahre“ verlassen hat und zu der er lange den Kontakt vollständig abgebrochen hatte. Dass er zunächst nicht mehr von seiner Familie erzählen möchte, erklärt er beinahe verächtlich so: „Ich rede ja auch nicht über meine Säuglingszeit.“ In seinen Augen aber erkennt man den Schmerz über diesen Verlust, auch wenn er ihn kleinredet. Dann gesteht er doch ein: „Ich bin kein guter Kämpfer. Zumindest nicht, wenn ich kein verlockendes Ziel erkenne.“ Und der Erhalt seiner Familie wäre ihm eben kein solches Ziel gewesen. Schließlich flüchtet er sich in Härte: „Es gibt Menschen, die suhlen sich im Schmerz, und das tue ich nicht. Bei mir liegen die Leichen in irgendwelchen Katakomben ganz unten, und auf denen lasse ich die Deckel drauf, so gut es geht.“

Wir schweigen, während er seine Pfeife pafft. Und dann wird er nachdenklich und grundsätzlich: „Jeder verkauft sein Leben als gelungen, dabei hat jeder seine wunden Punkte. Fällt Ihnen nicht auf, dass die Leute nie über ihre Niederlagen sprechen? Es gibt nur Siegertypen! Jeder Mann ist ein Frauenheld! Keiner würde sagen: Ich habe Zeit meines Lebens Probleme mit Frauen gehabt.“ Dass dies auf ihn zutreffen würde, gesteht er schließlich ein. „Mich haben immer alle verlassen, und ich weiß bis heute nicht, wieso.“

Vielleicht, weil ihm das Streben nach Weisheit näher liegt als der Genuss von Liebe? „Die alten Griechen hatten das Bild des Wagenlenkers, der für Vernunft stand, und der Pferde, die für Emotionen standen. Der Wagenlenker muss diese zügeln und in Bahnen lenken. Mit Emotionen tue ich mich gewiss sehr schwer.“ Auf Sexualität verzichtet er daher seit langem. „Man hat das jahrelang praktiziert“, sagt er, als würde er über etwas sehr Fernes sprechen. „Man hat Freude daran gehabt, hat Verluste erlebt und war auch oft enttäuscht. Aber irgendwann einmal geht man einen halben Schritt weiter und sagt sich: Das war´s.“

An den meisten Tagen kommt Leo nun um neun Uhr in sein Stammlokal an der Praterstraße, trinkt eine Tasse Kaffee und erfreut sich – man muss sagen: Soweit er dazu fähig ist - seines Daseins. „Oft passiert den ganzen Tag gar nichts. Oder es ergeben sich Dinge, wenn man sich mit etwas beschäftigt. Manchmal fällt einem ein Buch in die Hand.“

Das nimmt er mit in seine kleine Wohnung, die so weit eingerichtet ist, dass er sie als „normal“ erlebt, aber nicht als „Heimat“. Dort denkt er auch immer öfter über den immer näher kommenden Tod nach, und trotz all seiner erlangten Weisheit freut auch er sich nicht auf ihn: „Ich habe da wie alle ein bisschen ein banges Gefühl. Trotz bescheidenen Lebens ist es ja immer ein Loslassen von allem, was man geschätzt hat in seiner Umgebung - der Lebensform, oder der Morgenkaffee.“ Und von ein paar Freunden, die er noch trifft.

Oder vielleicht sogar den Kindern, zu denen er mittlerweile wieder sporadisch Kontakt hat. Wenn er ihn nur genießen könnte in dieser Welt, von der sich vor langer Zeit abgewandt hat.

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Kurt Brazda - Regisseur und Kameramann