Olivier Giroud - Auch du?Fußballer! Hört endlich auf zu beten!
Gestern haben die Deutschen gegen Curaçao bei der Weltmeisterschaft mit 7:1 gewonnen. Mittelfeldmann Felix Nmecha legte eine imaginäre Krone auf dem Spielfeld nieder, nachdem er das 1:0 erzielt hatte. Nach dem Spiel betete er mit ein paar von den Gegnern. Diese elende Beterei treibt mich noch zum Curling!
Fußballer sind interessante Menschen, wenn nicht sogar schräge Typen. Sie ziehen sich an, als wären sie Pfaue, fahren Autos, die man längst nicht mehr bauen dürfte, und haben WAGs (Women and Girlfriends), die mehrheitlich „etwas gemacht“ haben – und zwar an ihren Körpern vorne oder hinten. All das kennt man seit den seligen Zeiten des George Best. Seit einigen Jahren aber wird eine neue Seite an unseren geliebten Kickern sichtbar: Nicht wenige von ihnen glauben an Gott beziehungsweise an die Spezialvariante von dem: An Jesus. Und zwar nicht so sehr im stillen, heimlichen Kämmerlein, wie wir das früher kannten – „Seid mal Psst! Omi betete!” – sondern offen vor den Fans im Stadion oder den Abermillionen vor ihren Bildschirmen und an den Scrollmaschinen.
Einige werden mit mir gestaunt haben, als der deutsche Mittelfeldmann Felix Nmecha, eine „Holding Six“, nach dem glorreichen Triumph der Seinen gegen Curacao mit Mannschaftskollege Jonathan Tah und ein paar von den Gegnern einen Kreis gebildet und dem Sieg ein flottes Gebet hinterhergeschickt hat. Zuvor hat er sein Tor mit einer Geste gesegnet, die einen schon nach dem Messwein rufen ließ: Er legte eine imaginäre Krone auf dem Spielfeld nieder! Diese Krone gehörte aber nicht Trump oder Infantino, alten soliden Vertretern des Glaubens an den Mammon, sondern … erraten! Jesus, den wir doch als öffentlichkeitsscheu und durch und durch auf der Seite der Armen in Erinnerung haben. Nun protzt plötzlich jeder zweite millionenschwere Kicker mit ihm!
Schon beim Einlaufen überbieten sich die Spieler seit Jahren mit der Anzahl geschlagener Kreuze, drei müssen es mindestens sein, gegen 30 hat auch keiner was. Vergleichsweise entspannt erscheinen dagegen die, die sich noch auf ihren Aberglauben verlassen und immer mit dem linken Fuß zuerst das Spielfeld betreten oder drei Schritte hüpfen müssen, sonst ist das Spiel schon vor dem Anpfiff gelaufen. Ist es aber oft genug auch schon nach der ganzen Hüpferei oder Kreuzschlagerei! Verlässlich als Letzter einzulaufen, scheint da noch die tauglichste Variante zu sein, wenn man es sich mit dem Schicksal gut stellen möchte, rettet einen aber auch nicht verlässlich vor dem Abstieg. Also mal ehrlich: Was was soll das?
Im Finish der englischen Meisterschaft schien es, als könnte der Belgier Jeremy Doku von Manchester City den Tabellenführer Arsenal Kraft seiner irdischen Fähigkeiten und Talente doch noch von der Spitze ballern, so unglaublich präzise und oft traf er ins … Achtung: Kreuzeck! Nicht aber, dass er diese Treffer für sich selbst reklamiert hätte. Stets lief er danach zu einer Kamera am Spielfeldrand und stritt die Urheberschaft seiner Tore mit ausladenden Gesten und den Worten „Not me! Not me!“ ab. Dann fuchtelte er herum und deutete hinauf zu dem, der sie seiner Meinung nach eigentlich geschossen hat: Der, der am Kreuz für ihn gestorben ist (glaubt er jedenfalls)! Immerhin ein paar Fußballer drehen nach einem Treffer noch ab und hören nicht mehr auf, auf sich selbst zu deuten. Klassische Ich-AGs, wie man sie früher kannte und liebte. Aber selbst Cristiano scheint heute keine Chance mehr zu haben gegen diesen Jesus.
Auch unser David Alaba, einen überaus sympathischer Kerl, trägt unter seinem Fußballershirt meist noch ein einfaches weißes Leiberl (oder die teure Version eines solchen) mit der Aufschrift: Meine Kraft liegt in Jesus. Hier muss die Frage erlaubt sein, was Jesus eigentlich mit Alabas Macht anfangen soll, wenn sie schon in ihm liegt? Oder was soll der Spruch überhaupt bedeuten? Und Zusatzfrage: Was bringt’s überhaupt, sich einer vermeintlich höheren Macht anzuvertrauen, wenn man sich dann trotzdem das Kreuzband reißt? „Wer weiß, wofür´s gut war!”, hört man dann meistens. „Der Herrgott wird sich schon irgendwas dabei gedacht haben!“ Das gilt auch für Kriege und Hungersnöte, und wir finden nie heraus, was er sich dabei gedacht haben soll.
Legende Toni Polster liebt Jesus so sehr, dass er seinen eigenen Sohn nach ihm benannt hat: Anton Jesus. In einem Interview mit der Wiener Zeitung bekannte er unlängst: „Ich glaube an Gott und bete jeden Tag. Dieses Zwiegespräch tut mir gut.“ Sein Glaube ist sympathisch kindlich und sehr Österreichisch, wohingegen der von Neymar kindisch und sehr Brasilianisch ist. Hier muss man wissen: Brasilien wird seit Jahren von evangelikalen Freikirchen überrollt, deren Gründer nichts gegen freiwillige Spenden haben, und Neywar war schon als Kind Mitglied einer solchen. Der Brasilianer besitzt daher selbstverständlich seit längerem eine Bibel, die ihn „überallhin begleitet“ und ihm „auf dem Platz und auch abseits“ hilft, wie er in Interviews gerne bekennt. Allerdings noch nicht beim Entwickeln verständlicher Slogans. „100 % Jesus“ schreibt er sich gerne auf sein Stirnband, und wir fragen hier gar nicht mehr, was das bedeuten soll. Oder doch? Ist er 100 % Jesus? Oder wie?
Wenden wir unseren Blick lieber auf seinen Lebenswandel. Der ehemalige Superstar feierte in den letzten Jahren mehr Partys, als dass er Spiele absolvierte, und zumindest punktuell dürfte er dabei gegen das Sechste Gebot verstoßen und sich vielleicht sogar der Völlerei schuldig gemacht haben. Ob er aber vom terminus technicus „Sünde“ überhaupt schon mal gehört hat? Wurscht! Denn von all dem Schotter, der ihm nach Saus und Braus noch übrig bleibt, spendet er, so heißt es, den Zehnten seiner Kirche, streng nach Maleachi 3,10: „Ich, der Herr, der allmächtige Gott, fordere euch nun auf: Bringt den zehnten Teil eurer Erträge in vollem Umfang zu meinem Tempel.“ Der kann dann mit „10 % von Neymar“ werben.
Auch der Stuttgarter Chris Führich bekannte nach dem diesjährigen Pokalsieg seiner Mannschaft für den internationalen Markt auf Englisch: „I belong to Jesus“, weil er, wie er im Buch Mehr als 90 Minuten erzählt, immer schon gläubig war, sich in letzter Zeit aber noch mehr damit „auseinandergesetzt“ hätte. Das Buch erschien rechtzeitig zum Beginn der Weltmeisterschaft im christlichen Brunnen Verlag, der im deutschen Gießen angesiedelt ist. Es porträtiert zahlreiche Spieler, die sich nicht nur dem runden Leder, sondern auch dem Mann am Kreuz verschworen haben. Führich steht für ein weiteres um sich greifendes Phänomen: Die „Christliche Online Community“, bei der man sich – so stellen wir uns das vor - in den Zoomcall einwählt und fragt: „Was sagt dir Psalm 55,23, linker Schienenspieler? Wirf deine Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen.“ Als Fußballfan möchte man in letzter Zeit immer öfter schreien: „Wirf endlich schneller ein, du wiedergeborener Christ, oder ich dreh‘ ab!“ Früher haben Fußballer noch Hotelzimmer zertrümmert, heute öffnen sie den Computer und beten. US-Boy Christian Pulisic postet immerhin Bibelstellen, die man mit Fußball in Verbindung bringen kann: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Und ist bange, aber wir verzagen nicht.“ Klingt nach einer Viererkette, auf die Mpappé zuläuft.
Die ballersingod haben auf Instagram über 750000 Follower, und selbstverständlich kann man sich im dazugehörigen Onlineshop alles Mögliche kaufen: An ihren Schienbeindeckeln mit Kreuz und BIG (ballersingod) drauf geschrieben sollt ihr sie erkennen! Die Seite flutete den Kanal sofort mit Fotos von Nmecha, wie er seine imaginäre Krone niederlegt. Oder mit Fotos des Spielers Emmanuel Agbadou von der Elfenbeinküste, der „Je te love!“ auf sein Unterleiberl geschrieben hat und dabei natürlich Jesus meint. David Luis legt dort Fernando Torres, als beide noch bei Chelsea spielten, sogar die Hand auf und „segnet“ ihn. Der Schwede Elanga packt seine Bibel aus, einen ordentlichen Ziegel, den er sich vor ein paar Tagen natürlich ins Mannschaftshotel mitgenommen hat. Und dann versinke ich in tiefe Verzweiflung, als ich dort Spieler finde, die ich mal richtig cool fand, weil französisch lebenszugewandt: Olivier Giroud? Auch du? Wie sympathisch war da George Best, der vor und nach dem Spiel – und sicher auch während des Spiels! – gesoffen hat.
Fußball geht mir schon lange auf die Nerven mit dem ganzen Zinnober, der nun vor, während und nach dem Spiel von den Spielern aufgeführt wird. „Seid ihr endlich fertig mit beten?“, möchte ich ständig schreien. Diese Beterei wird bei mir nur zu einem führen: Dass ich mich endgültig Richtung Curling verabschiede, wo die Spieler zwar auch die ganze Zeit knien. Aber nur, weil sie ihren Stein anschieben müssen.
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