Der Schoko-Michi. Portrait eines Schlaflosen

Fotos: Manfred Rebhandl

Der Schoko-Michi, der eigentlich Michael Reimer heißt, würde so gerne wieder einmal richtig schlafen, aber seit vierzig Jahren arbeitet er jede Woche 120 bis 130 Stunden und kommt einfach nicht dazu. Jeden Tag steht er bis vier Uhr früh in seiner Fabrik und produziert Schokolade, und um sieben Uhr steht er schon wieder da. Dann kommen Leute wie ich, die sich seine Fabrik anschauen wollen, die im 15. Bezirk an der vielbefahrenen und uneleganten Sechshauserstraße liegt, an der man ein solches Juwel (sorry: Bonbon!) einer Fabrik gar nicht erwarten würde. In das angrenzende Geschäft kommen daher auch nicht allzu viele Leute, und der alte Rolls-Royce davor erinnert bestenfalls an die guten alten Zeiten, als das Geld noch floss wie Schokolade über warme Finger. Heute muss der Schoko-Michi jeden Tag kämpfen, damit seine Schokoladenfabrik überlebt. Dabei würde er doch nur so gerne einfach wieder mal richtig schlafen.

Mit schwachem Händedruck begrüßt er mich, sein bekannt freundliches Lächeln im Gesicht und den noch bekannteren Zylinder auf seinem mächtigen Kopf, der ihn während der letzten Jahre zu einer kleinen Berühmtheit hat werden lassen. Alleine letztes Jahr berichtete der ORF zehn Mal über ihn, der Stern brachte eine große Geschichte, und am Opernball war er heuer natürlich auch wieder - zum zweiten Mal ohne seinen väterlichen Freund Richard Lugner. Hinzu kommen Charity-Veranstaltungen und gesellschaftliche Events, die er besucht, und vielleicht tragen auch all diese Aktivitäten ihren Teil dazu bei, dass der Schoko-Michi immer müder wird.

„Nein, nein, nichts durcheinander bringen!“, sagt er gleich zu Beginn, als er mich durch seine Fabrik samt kleinem Museum führt, in dem er “Die süße Geschichte Wiens” ausstellt und mir die wechselvolle Geschichte seiner Familie erzählt: „Die Fabrik wurde 1880 errichtet, aber sie hat nicht immer uns gehört!“ Er entstammt einer alte Süßwaren- und Schokoladendynastie, die seit 100 Jahren Geschäfte macht. „Wir haben viele Firmen gehabt, auch Zuckerl- und Bonbongeschäfte in ganz Wien, oder eine Keksfabrik im achten Bezirk in der Josefstädterstraße, die mein Großvater in den 60er-Jahren übernommen hat.“ Der Großvater hieß Walter Reimer, über die Jahrzehnte hinweg produzierten sie stets „Feinstes“ nach Wiener Familientradition. In ihren besten Jahren hatten sie 100 Angestellte, der Name der Firma lautete SÜWAG – Süßwaren Aktiengesellschaft.

Der alte Name der Firma - SÜWAG

„Am Anfang haben wir mit verschiedenen Backzutaten wie Zucker oder Margarine die Gastronomie beliefert, über 800 Konditoreien und Bäckereien waren darunter.“ Die Margarineproduktion wurde ausgelagert, und man spezialisierte sich auf die Herstellung verschiedenster Arten von Süßwaren, nicht nur von Schokoladen. „In den 60er und 70er Jahren war beispielsweise die Windbäckerei sehr beliebt. Wir haben hier pro Jahr 13 Millionen Baiser-Schalen erzeugt, jedes Gasthaus hat die früher auf der Speisekarte gehabt. Das Baiser hat lange gehalten, bis zu zwei Jahre bei guter Lagerung. Der Wirt hat nur Schlagobers drauf geben müssen und einen schnellen Nachtisch gehabt. Das war damals beliebt, jetzt ist das nicht mehr so.“ Und zu Weihnachten produzierten sie viele Windringe und Windketten, die waren ein zusätzliches Standbein. „Es sind auch sehr viele Datteln getunkt worden, und flach gedrückte Feigen.“

Auch durfte früher jeder die Schokoladebomben erzeugen, die später von Niemetz unter dem Namen Schwedenbomben markenrechtlich geschützt wurden. „Das war noch ein Schillingartikel“, erinnert er sich. „Damit haben wir jedes Anker-Geschäft beliefert.“ Sein Großvater war es auch, der als Erster Süßwaren an den SP-nahen Konsum lieferte, der wie der Meinl damals zahlreiche Filialen hatte. „Es gab eine wahnsinnige Vielzahl an Lebensmittelhändlern und Detailgeschäften, und nur ein Teil von ihnen durfte auch Süßwaren verkaufen.“ Kaugummis an der Tankstelle? Damals undenkbar!

Sein Großvater hatte bis in die 90er Jahre hinein auch die Generalvertretung für Sarotti-Schokoladen, „eine der berühmtesten Schokolade-Marken der Welt, in jedem Fachgeschäft gab es Sarotti.“ Die Firma wurde 1852 in Berlin gegründet, weiß er, und auch über andere Firmen, von denen er Plakate oder Produkte in seinem kleinen Museum ausgestellt hat, kann er viel erzählen: „Der Egger eröffnete die erste pharmazeutische Süßwarenfabrik, ihr Gründer Isidor war Pharmazeut und hat zu Beginn der Industrialisierung sehr viel von seinem Wissen in die Produktion mit eingebracht.“

Kirstein wiederum mit seiner „uralten Tradition“ kennen alle, die als Boomer geboren wurden: „Firmengründer Ludwig Kirstein hat ab 1877 in seiner Backwarenfabrik im Rheinland Blockmalz auf Milch-Malz-Basis in Blöcken geprägt und mit einem Eisenhammer locker aufgeklopft. Heraus kam der Bruch, der mit der Walze eingeprägt und nach Gewicht abgesackelt wurde.“ Sein Sohn Emil Kirstein gründete 1912 eine Fabrik in Wien-Währing, 1928 übersiedelte man damit an den Standort in der Heiligenstädterstraße, den es heute noch gibt. Der Kirstein-Blockmalz-Mann (…. „der hat´s mir angetan…“) wurde Mitte der 50er Jahre zum ersten geschützten Markenzeichen Österreichs. 1973 musste an die Grazer Firma Engelhofer verkauft werden, die ihrerseits 1997 von Nestlé übernommen wurde, welche die Marke kurz darauf an die deutsche Süßwarengruppe Storck weiterreichte. 2017 konnte der Urenkel des Firmengründers die Marke wieder zurückkaufen und belebte sie in Döbling neu.

In seinem Museum hat der Schoko-Michi auch all seine Hüte ausgestellt, die ihn bekannt machten: „Die Idee dazu basiert aber nicht auf dem Willi Wonka, wie viele glauben. Hüte sind vielmehr eine alte Tradition der Schokoladefabrikanten.“ Wenn er nicht darauf vergisst (und wenn er dafür nicht zu müde ist!), nimmt er ihn um vier Uhr morgens, wenn er ins Bett fällt, sogar ab, sonst trägt er ihn eigentlich immer. Auch, wenn er wieder mal ein Problem lösen muss.

Vor über einem Jahr kaufte er „diese spezielle Maschine“, die er sich aus Italien hat liefern lassen, „von einer renommierten Firma, die einen guten Ruf hat.“ Er hat noch extra Formen dazu gekauft und zusätzlich investiert, um größere Aufträge auch für die Hotelerie erledigen zu können. „Aber die Maschine offenbarte schon beim ersten Anlaufen einen Fabrikationsfehler, und das tut mir weh.“ Die Italiener müssen, sagt er, in dieser Maschine etwas falsch Dimensioniertes verbaut haben, sodass, wenn er die Abstände beim Verpacken einstellt, die Schweißbalken genau in die Schokolade hineinfahren. „Und ich kann nichts verpacken, weil sich dadurch die Geschwindigkeit vom Band reduziert. So habe ich keinen Nutzen, nur Kosten.“ Eine Lösung müsse her, eine Instandsetzung. Aber was mit so einer Maschine tun? Sie zurück bringen? Und wenn er sie hier behält, wie soll er denen beweisen, dass der Fehler bei ihnen liegt? „Zehntausende Euro hat sie gekostet“, sagt er. „Zehntausende habe ich angezahlt, jetzt muss ich die Leasingraten abstottern, aber die Maschine funktioniert nicht. Es ist immer ein Kampf, obwohl ich so fleißig bin.“

Wie einfach funktionierte dagegen die alte Teigteilermaschine für klassische Krapfen aus dem Jahr 1890, die er mir zeigt: „Da wurde der Teig hineingelegt. Dann wurde die Maschine verschlossen. Dann wurden die Platten hinuntergedreht. Und so ist der Teig in gleich große Teile geschnitten worden.“ Die Krapfen mussten dann nur noch von Hand „geschliffen“ werden, wie man es in der Schule gelernt hat, und abschließend in heißem Fett herausgebacken.

Mit Begeisterung zeigt er mir auch eine „Original Guglhupfform aus der Zeit des Kaisers Franz Joseph“ sowie eine Form für Schneebälle: „Das war ein Fettgebäck ähnlich der Mäuse, wo man den Teig streifenförmig und kreuz und quer in diese Form eingelegt hat. Heraus kamen unförmige Teigkugeln, die Schneebällen ähnlich waren. Man hat sie herausgebacken und mit Staubzucker bestaubt.“

Er besitzt auch eine Waffelform mit kaiserlichem Wappen drauf und 100 Jahre alte Nikolausformen, die in Wien erzeugt wurden. „Es gab viele Formenfirmen bei uns, die auch Süßwarenmaschinen hergestellt haben. Die größeren Firmen aber waren alle in Dresden.“ Er ersteigerte eine Formmaschine für  Seidenzuckerlmaschen und eine handbemalte Porzellantasse von Meissner aus dem Jahr 1865 zum Trinken von heißer Schokolade, „die damals eine wirkliche Schokolade war und nur von den Reichen getrunken wurde.“ „Frapp“ hieß ein “Frucht-Milch-Bonbon” der Firma Heller, dessen Namen sich wohl vom englischen Wort „to wrap“ (einpacken) ableitete und ein Bote der damals aufkommenden modernen Plastikverpackungen war.

Plakat der Firma Heller, die ihr “Frucht-Milch-Bonbon” Frapp anpries

Der schönste Teil seiner Sammlung aber ist das alte Zuckerlgeschäft aus den 1920er-Jahren, das er im Ganzen gerettet hat. „Es stand in der Thaliastraße kurz vorm Eissalon Maus.“ Die Gegenstände darin entstammen seiner Sammlung und sind noch viel älter als das Geschäft selbst, die Kaugummiautomaten hingegen, die auch darin stehen, sah man in den 70er Jahren an jedem zweiten Haus: „Da gab es einige kleinere Firmen, die diese betreut und nachgefüllt haben.“

Altes Zuckerlgeschäft

Unweigerlich denkt man: Wie schön muss so ein Tag gewesen sein, an dem ein Kind vielleicht das einzige Mal im Monat mit seinen Eltern in dieses Geschäft ging und ein Zuckerl bekommen hat, ein einziges. „Die Eltern waren oft sehr arm und haben in ihrer Verlegenheit Würfelzucker in altes Zuckerlpapier eingewickelt und den Kindern gegeben“, erzählt er.

Seine Fabrik hatte wie alle Fabriken damals einen riesigen Schornstein, „durch den die Abgase der Dampfmaschine abgleitet wurden. Alle Maschinen standen hier aufgereiht entlang einer Wand und wurden über eine Transmissionswelle angetrieben.“ Die alte Dragéemaschine, mit der man Nüsse dragieren oder auf Schokolade Zuckerschichten darauf dragieren konnte, hat er noch. Der 35 Meter hohe Schornstein aber wurde schon vor Jahrzehnten geschliffen.

Zuckermühle

Die große Zuckermühle aus den 1960er-Jahren bestieg er viele hundert Male mit einem 50 Kilo schweren Sack auf dem Rücken, den Kristallzucker darin schüttete er in die Mühle, als doppelt feiner Staubzucker kam er wieder heraus. Diesen „Tortenpuder“ lieferten sie auch an den Konsum, verwendeten ihn aber hauptsächlich für die eigenen Cremen, „die diese Pudermasse leichter aufnahmen.“ Wenn sie allerdings feucht wurde und Klumpen bildete, musste man sie wieder auflockern.

Alter Produktkatalog

Er besitzt noch Kataloge mit all den Produkten, die sie früher erzeugten: „Leberknödel“, die der Manner weiter produziert hat, heute nennt man sie Nougatknödel. Er selbst hat das „Rosenschweinchen“ erfunden, dem aus dem Rücken eine Rose wächst. Ob man mit den Rechten an solchen Kreationen auch etwas verdient? Der Schoko-Michi schüttelt müde den Kopf: „Ich war immer nur fleißig, aber nicht erfolgreich“, sagt er.

Seine Eltern waren noch ständig auf Messen und pflegten dort den direkten Kontakt zu den Kunden, der maßgeblich für deren Erfolg beitrug. „Über 200 Messen werden es gewesen sein, sie waren wichtig, weil man da die Kundschaft von morgen die Produkte von heute kosten lassen konnte.“ Kein Wunder, dass sich seine Eltern auf der Grazer Messe kennengelernt haben, wo die Reimers 70 Jahre lang ausstellten: „Dort gab es früher eine große Vielfalt: Der Hornig mit seinem Kaffee, der Pirker mit seinem Lebkuchen, der Czeka mit seinem Wein, der Julius Meinl aus Wien und Produzenten aus Frankreich - das war ein Erlebnis.“

Sein Vater hatte dort als junger Schokoladefabrikant einen großen Stand, an dem hübsche Damen seine Ware anpriesen, „Mannequins hat man zu ihnen gesagt.“ Eine fehlte ihm aber noch. Als sich diese meldete, sagte sein Vater zu ihr: „Schneuz‘ dich und kampel dich und komm mit!“ Das tat sie, und sie verkaufte viel besser als alle anderen, „denn sie war die beste Verkäuferin überhaupt.“ Und bald seine Frau, die ihm an einem 1. Februar den gemeinsamen Sohn schenkte und ihn als Baby immer zur elf Meter langen Tunkmaschine in der alten Fabrik schob, weil dort die heiße Schokolade vorbei lief und das Kind wärmte.

„Sie besteht aus der dem kleineren Teil, der Überziehmaschine, von der es warm weggeht, und dem längeren Kühlkanal, auf dem die noch feuchten Schokoladen durchwandern und am Ende fertig zum Verpacken sind.“ Er erinnert sich, wie die Schokoladenbomben vor seinem Gesicht vorbeizogen und diesen typisch süßen Geruch verströmten. „Ich war ein Klettermax“, sagt er, „und habe immer versucht, mir eine zu greifen.“ Dann war sein Gesicht verschmiert „mit der sehr gehaltvollen Schokocreme“, deren Geruch er ebenso liebte wie die Gerüche der warmen Massen, der Cremen oder des warmen Schaums der Windbäckerei: „Da wird ganz langsam ein heißer Zucker eingerührt und sorgt für diesen ganz eigenen Geruch.“ Seine Eltern mussten also nach einer Lösung suchen, die ihn warm hielt und ein paar Schokobomben vor ihm rettete. Der Papa richtete ihm ein kleines Kammerl mit Kindertapeten parallel zum Büro ein. „Aber auch dort ist es mir ständig gelungen, herauszukraxln“, lacht er, und sein Gesicht war weiterhin ständig verschmiert, wenn er Bonbongeschäfte, Schokoladefabriken und Lastwägen, die Bonbons ausliefern, zeichnete, während andere Kinder „Apfelbäume, Flugzeuge oder die Mutti gezeichnet haben. Ich war untypisch, aber ich war halt so geprägt und begeistert davon.“

Wenn die Familie  beim Spazierengehen irgendwo ein leeres Geschäft sah, sind die Eltern oder der Großvater stehengeblieben und haben geschaut, wer die Hausverwaltung ist und ob man es vielleicht mieten könne. Zuhause hat sich der Bub dann das neue Geschäft vorgestellt und  gezeichnet und sich Namen dafür ausgedacht. Bis er nach Breitensee in die Klosterschule und danach ins Internat nach Strebersdorf kam.

Nach Beendigung der Schule begann er seine Zuckerbäckerlehre, jedoch nicht beim Vater, denn dieser war kein Zuckerbäcker und durfte ihn gar nicht ausbilden. Am Wochenende half er ihm aber trotzdem, und das nicht zur Freude seines Lehrherren, denn so war der Schoko-Michi schon damals ständig müde. So blieb er für die nächsten 30 Jahre im Betrieb des Vaters, bis er diesen 2016 selbst übernahm. 500.000 Euro steckte er in die Renovierung und Modernisierung und benannte die Fabrik in Schokomichi-Fabrik um. Dann kam die Pandemie, und der Schwung des Neuen war verpufft. „Ich musste praktisch ohne Kunden anfangen.“

In einem der drei großen Produktionsräume fließt stetig heller Nougat aus einer Maschine, aus einer anderen dunkles Nougart, und aus einer weiteren weiße Schokolade. Er stellt den stadtbekannt besten Nougat her, in seinen österlichen Nougateiern möchte man ertrinken.

Nougateier

Zu Beginn der Corona-Zeit wollte er einen Webshop eröffnen, aber sein Vater war dagegen, und wie meistens hörte er auf ihn. Der ist heute 84 Jahre alt und steht noch jeden Tag selbst bei ihm im Geschäft: „Er drängt mich, alles so zu machen, wie er es gemacht hat. Ich liebe ihn, aber er ist noch ganz verwurzelt in den 50er Jahren, das passt nicht zusammen mit heute.“ Streiten will er aber auf keinen Fall mit ihm, also versucht er halt mit viel Geduld, ihn von Neuerungen zu überzeugen, wie er umgekehrt stets akzeptiert, wenn er selbst falsch gedacht hat.

Die Frage, die sich ihm heute wirtschaftlich Tag und Nacht stellt: Wie und ob er überhaupt jemals aus diesem Geschäftsmodell eines „Ein-Mann-Betriebs“ rauskommt, ohne sich mit den damit anfallenden zusätzlichen Kosten zu übernehmen. Macht er aber alleine weiter, wie der Vater es wünscht, ist er stets so ausgelastet mit schokoadefremden Sachen (Jeden Tag muss er alleine drei Stunden lang selbst alles putzen!), dass er kaum zum Produzieren kommt. „Du kannst alleine einfach keinen 800 m2-Betrieb führen“, sagt er. Aber jemanden aufnehmen und anlernen traut er sich eben auch nicht, und ich will mir das Geschäft auch nicht aus der Hand nehmen lassen“, daher kommt ein Investor erst recht nicht infrage. Richtig ausschlafen würde er andererseits aber auch gerne wieder einmal, und so steckt er in einem Teufelskreis fest, der ihn immer noch müder werden lässt.

Sein Vater ist vielleicht deswegen so fordernd, weil auch er mindestens sein halbes Leben lang nichts anderes kannte als über 100 Stunden pro Woche zu arbeiten. Gebürtig in Weyer in Oberösterreich, fuhr er jeden Montagmorgen mit fünf Kilo Polenta und einem Kilo Schmalz im Handgepäck nach Spital am Pyhrn, wo er nachts beim Bau des ersten Bosruck-Straßentunnels mitarbeitete und untertags auf der Wurzeralm Blitzableiter installierte. Schon mit 16 war er Pilot und absolvierte in der Folge 185 Alleinflüge.

Und dann natürlich die Leistungen, die er hier in der Fabrik erbracht hat und auf die er zurecht stolz ist: „Wir haben hier 60 Tonnen Haselnussmasse im Jahr erzeugt, der Molin am Schwedenplatz war unser Hauptkunde! Wir haben 100 Brautpaare für Torten in der Woche verkauft, jetzt pro Jahr vielleicht noch zwei Stück, weil die Torten ganz anders gemacht werden! Wir haben 50 Tortenstämme in der Woche verkauft, jetzt im ganzen Jahr keinen einzigen mehr!“ Und nicht zu vergessen die 13 Millionen Baisers pro Jahr, von denen auch er schwärmt. “Ich schau nur jetzt so deppert aus“, sagt er mit verschmitztem Lachen. „Aber ich war nie deppert!“

Mit seinen Schnurren unterhält er im Geschäft weiterhin die Kunden, und wenn niemand da ist – was oft genug vorkommt! - , unterhält er sich halt selbst und singt sich alte Lieder vor: „Mei Huat, der hot drei Ecken, drei Ecken hot mei Huat…“

Der Schoko-Michi aber hat die Kosten: „Der Kakaopreis ist zwar runtergegangen“, sagt er. „Dafür sind die Preise für andere Rohprodukte wieder raufgegangen.“ Weil er nicht in so großen Mengen bestellen kann wie andere, muss er immer über ein paar Ecken einkaufen, und das macht alles noch viel teurer. Oder die Energie! Für die bezahlte er vor zwei Jahren noch 34.000 Euro, letztes Jahr waren es aber schon 86.000! „Das ist für eine kleine Firma, die nicht so viel Umsatz macht, sehr viel. Und das tut mir weh.“

Vielleicht würde ihn eine Partnerin ihn entlasten? „Natürlich möchte ich die Schoko-Prinzessin finden!“, sagt er. „Aber ich will sie nicht aus ihrem Leben reißen und zur Arbeit einspannen. Wenn sie bereit wäre, mir zu helfen – wunderbar! Aber ich möchte für meine Prinzessin da zu sein und sie mit meiner Arbeit ernähren, nicht nur mit Dragées.“ Sie soll vor allem nicht Tag und Nacht arbeiten müssen, wie er es bei seiner verstorbenen Mama gesehen hat.

Mit einer alten Dragéemaschine

Manchmal träumt der Schoko-Michi davon – und es sind Tagträume! -, dass er in einem Film mitspielen kann: „Natürlich einen Schokoladefabrikanten, weil den könnte ich am besten spielen! Und der wird gekidnappt - nein, lieber nicht gekidnappt! Aber er wird irgendwo versteckt oder so irgendwas, weil dann brauche ich nicht so viel Text zu sprechen.“

Und dann könnte vielleicht endlich wieder einmal ein bisserl schlafen.

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