Sinnl und Hanten - Die Meister der Musikelektronik
Manfred Sinnl und Konrad Hanten
Foto: Manfred Rebhandl
Eine unscheinbare Türe in der Lindengasse im 7. Wiener Gemeindebezirk, sie führt in eine unscheinbare Meisterwerkstatt für Musikelektronik. Tritt man ein, steht man vor einem Empfangspult, hinter dem seit 40 Jahren Eva Hanten-Schneider sitzt und den Betrieb koordiniert. Weiter hinten in der neun Quadratmeter großen Werkstatt sitzen Manfred Sinnl, Ingenieur für Elektrotechnik, und Konrad Hanten, Meister der Kommunikationselektronik. Letzter sagt: „Wir reparieren hier alles, wo Musik herauskommt und was mit Strom funktioniert. Es muss halt durch die Türe hereinpassen.“ Denn Hausbesuche machen sie nicht. Dafür bräuchten sie ein Fahrzeug, das als Werkstatt eingerichtet ist. „Aber dann fehlt dir trotzdem immer irgendwas. Oder die Leute fragen dich: Woin‘S an Kaffee? Das tu ich mir nicht an.“
Hanten begann als 12jähriger in Langenlois mit Radios. Beim Spielen hat ihm ein Freund gesagt, er hätte in der Stadtbibliothek das Werkbuch für Jungen von einem gewissen Rudolf Wollmann gefunden. Zu Weihnachten hat er sich das Buch gewünscht und auch bekommen. „Das Kapitel über Radiotechnik war der Wahnsinn, da habe ich Blut geleckt.“
Später, Ende der 1960er Jahre, bekam er von einem anderen Freund einen weiteren Tipp: „Du, auf der Klumpertg‘stettn hau‘n die Leut‘ die alten Radios weg.“ Also fuhr er mit dem Radl zur Klumpertgstett’n, wo ihn sogleich der schöne Eindruck überwältigte, im Paradies zu sein: „Die Leute haben damals angefangen, neues Zeug zu kaufen und das alte wegzuwerfen, die ganzen Minerva- und Eumig-Geräte.“ Er brachte sie alle in den Keller seines Elternhauses, wo er sich eine Werkstatt eingerichtet hatte, und begann sie zu reparieren. „Das war im Prinzip meine Berufsausbildung“, sagt er, das jahrelange Anschauen, Tüfteln und Basteln. Gefolgt von dem Gefühl großer Freude, wenn etwas wieder funktionierte.
In Wien war er dann bei Freunden in der Neubaugasse eingemietet und hat ein bisserl herumstudiert, was ihn aber nicht interessierte. Bis seine heutige Frau Eva zu ihm sagte: „Warum machst du denn nicht das, was du kannst und dich freut?“ Ein bisserl überrascht war er schon, dass er bis dahin nicht selbst drauf gekommen war. Sogleich aber dachte er den Gedanken seiner Frau weiter und hatte plötzlich die Idee: Er wollte eine „perfekte Dienstleistung“ anbieten und begann, Musikgeschäfte abzuklappern. In denen sagte er: „Ich bin der Konrad Hanten, ich habe eine Werkstatt für Musikelektronik und lass das hiniche Zeig bei euch abholen, repariere es und lass es euch wieder bringen. Das war ein Wahnsinn! Die Leute haben genau darauf gewartet.“ Denn bis dahin war es so, dass man im Musikgeschäft einkaufte und die Sachen wieder hinbrachte, wenn sie kaputt gingen. Aber was man damit machen sollte, wusste keiner so recht: Zum Hersteller zurück schicken? Oder selbst aufmachen und reinschauen?
Damals hat es in jedem Bezirk mehrere Musikgeschäfte gegeben, und er fing mit dem Stelzhammer in der Linzer Straße an, wo ihm der Herr Dörfler alles mitgegeben hat, was sich in den letzten Jahren bei ihm angesammelt hatte. “Nach drei Tagen hab ich alles repariert gehabt und zurückbringen lassen: Elektrogitarren, Gitarrenverstärker, Orgeln, Synthesizer - wir hatten das Glück, dass wir in einer Zeit angefangen haben, in der die Musikelektronik so richtig losgegangen ist. Die Moog-Synthesizer oder die vom Don Buchla ...“
Bis heute kommen immer wieder besonderes schöne Aufgaben oder exotische Geräte herein, was ihre Arbeit auch nach 40 Jahren spannend macht. Hanten zeigt mir einen Revox Tangentialplattenspieler…
… einen sehr schönen Revox CD-Player…
https://revox.com/de/classic/classic-products/169/b226-cd-spieler
…. und einen unglaublich teuren WADIA-CD-Player „mit einer sehr aufwändig gestalteten Wandlerstufe, die das Digitalsignal in ein Analogsignal umgewandelt, das hat schon was! Da ist die Firma kaputtgegangen und keiner kann das mehr reparieren – Aber wir können’s!“
Manchmal kommen Geräte herein, die selbst sie zuvor noch nie gesehen haben, wie der DUAL Verstärker, der gerade auf Hantens Werkbank steht. Die Studer Tonbandmaschine A807 hingegen kommt öfters: „Ein tolles Gerät, mit dem man auf einem Viertelzollband zwei Kanäle aufnehmen kann. Für den Heimbetrieb gab es das auch mit vier Spuren, dann hieß es Viertelspur. Es hat aber auch ein Halbzollband gegeben, damit kannst du mehrere Spuren gleichzeitig aufnehmen, das war schon was fürs Tonstudio. Und das größte, das es gibt, ist ein Zweizollband. Das ist der Standard, den man von früher gewöhnt ist. Das 24-Spur-Band hat 762 Meter Länge, und bei entsprechender Bandgeschwindigkeit von 76 kannst du 16 Minuten aufnehmen. Es kostet 500 Euro.“
Teure und aufwändige Musikproduktionen nehmen daher gewisse Spuren immer noch analog auf und überspielen das Ergebnis auf einen langlebigen digitalen Tonträger. Das wäre wichtig, „denn mit diesen Bändern nimmst auf Eisenoxyd oder anders gesagt: auf Rost auf. Und der ist natürlich vergänglich. Alleine durch den Magnetismus, der uns ständig umgibt, und die Gravitation, der wir ausgesetzt sind, verschwinden mit der Zeit die feinen Höhen.”
Das Fender Rhodes Piano aus den 1980er-Jahren…
… nennt er „eine eigentlich simple Konstruktion, die mit Klangstäben arbeitet und dadurch einen unverwechselbaren Sound erzeugt.“ Grundsätzlich gelte auch hier: „So einfach, wie es geht, und so gut wie möglich. Wenn es zu kompliziert ist, interessiert es mich nicht. Multiroom? 25 Lautsprecher? Da krieg ich Kopfweh. Ich hab ja nur zwei Ohren. Eine vernünftige Tonanlage reproduziert die Aufnahme so, dass du das Gefühl hast, du warst während der Aufnahme dabei.“
Vor einiger Zeit hat er für das Krenek- Institut das Synthesizer-System vom Buchla restauriern dürfen. Der Buchla war einer der ersten, der einen Analog-Synthesizer gebaut hat, „ein bisserl vor dem Moog sogar, aber in der gleichen Liga.“ 1964 kam er mit einem modularen Synthesizersystem auf den Markt, das einem Schrank mit einer Klaviatur ähnlich war. Schon 1963 gründete Pionier Don Buchla aus Berkeley, Kalifornien seine Buchla Electronic Musical Instruments und entwickelte in die gleiche Richtung.
„Der Ernst Krenek hat mit Tonbandgeräten experimentiert und sich für ein halbes Vermögen so einen Buchla 100-Synthesizer gekauft, in den sogar ein einfacher Sequenzer integriert war. Das System hat nicht mehr gescheit oder gar nicht mehr funktioniert, jetzt borgt es sich häufig die Musikuni in Linz aus.“
https://www.youtube.com/watch?v=A7RdhaKsum8&list=RDA7RdhaKsum8&start_radio=1&rv=A7RdhaKsum8
“Unsere Arbeit ist auch deswegen schön, weil wir es durch die Vorselektion nur mit Menschen zu tun haben, die entweder Musik hören oder Musik machen. Und die sind grundsätzlich interessant.“ Wie der etwas ältere Herr, der gerade einen Verstärker hereinbringt. Fragt Hanten sich manchmal, wie diese Leute wohnen? „Schon. Du kannst ja gewisse Rückschlüsse ziehen, wenn du siehst, wie das Gerät ausschaut. Allerdings sind die meisten unserer Kunden sehr heikel und wissen, was sie daran haben. Solche Geräte haben viel Geld gekostet, und die Besitzer haben oft lange darauf gespart.“
Besonders interessant wären die Menschen, die ein riesiges Archiv zuhause haben, so wie der eine Kunde, der 65000 DAT-Cassetten besitzt, alle feinsäuberlich beschriftet und archiviert. Manche Kunden kaufen auch ganze Archive, nachdem der ORF die meisten seiner analogen Schätze vernichtet hat. Diese Leute sind meistens über 70, haben rund um die Uhr Recorder im Einsatz, mit denen sie Konzerte oder Opern von Radiostationen auf der ganzen Welt aufnehmen, während sie gleichzeitig womöglich noch live in einem Konzert sitzen. „Einige“, sagt Hanten, “geben ihr ganzes Geld für Equipement aus und leben in sehr bescheidenen Wohnungen, wo sie ihre teuren Geräte auf dem Bügelbrett stapeln.“
Die Koordination der zu reparierenden Geräte liegt in der Verantwortung seiner Frau Eva, die auf ihrem Zahnarztkalender den Überblick bewahrt. Weil sie hier relativ wenig Platz haben, arbeiten sie nur nach Terminvereinbarung: „Einfach reinkommen und was vorbeibringen, das geht nicht. Man muss vorher anrufen, kriegt einen Termin, und dann kommt man zur Diagnose.“
Bei dieser ist der Kunde selbst oft freilich keine Hilfe: „Da ist nur der Kondensator hin“, hören sie oft, denn auf “den Kondensator” wird gerne alles geschoben. “Klar, sie wollen den Schaden klein reden, weil sie dadurch die Kosten klein halten wollen“, hat Hanten dafür sogar Verständnis. Ein anderer Satz, den sie häufig zu hören bekommen: „Ich war damit ja eh erst vor zwei Jahren bei euch!“ Bei Durchsicht der gesammelten Unterlagen stellt sich aber heraus, dass seit dem letzten Mal schon zwölf Jahre vergangen sind. Ehrliche Antworten müsse man den Kunden oft aus der Nase ziehen: „Da muss doch was passiert sein! Ist das Teil runtergefallen? Hat wer was drüber geleert?“ – „Ja, vielleicht…“ Bei Geräten, die normalerweise in einem Proberaum stehen, lautet die entscheidende Frage stets: „Ist das ein gemeinschaftlich genutzter Proberaum? Wenn ja, weißt du sofort, warum das Teil kaputt ist: Weil zehn andere darauf spielen, die nicht aufpassen!“
Wenn Hanten tagelang ein Gerät am Tisch stehen hat, bei dem die Lösung eines Problems unerwartet schwierig ist, wird er in der Nacht manchmal munter und denkt sich: „Das ist es!“ Seinen Partner ruft er deswegen aber nicht gleich an. In der Werkstatt werden solche Probleme aber natürlich schon gemeinsam besprochen, und man zieht den anderen bei, wenn ein besonderer „Patient“ am Tisch liegt: „Sei es, wenn das Teil so dreckig ist, dass wir das so noch nie gesehen haben. Oder wenn es überhaupt eine Fehlkonstruktion, was auch sehr interessant sein kann.“
Längst werden Bauteile maschinell versetzt, sie aber freuen sich immer noch, wenn sie Widerstände, „die einen Haxn haben“, noch mit der Hand in die Platine drücken können: „Früher hattest du eine Platte mit Löchern, in die du übersichtlich und einfach reparierbare Bauteile (Radio, Endstufe, Netztrafo, Netzteil, Vorverstärker) gesteckt und auf der Unterseite verlötet hast“, sagt Hanten. Am meisten frustriert ihn heute, wenn Geräte so verbaut sind, dass man sie nicht einmal mehr zerlegen kann.
Klar, die Entwicklung schreite voran, und es werden heute viele Dinge digital nachgebaut, die früher unglaublich teuer analog realisiert werden mussten. „Der Klang ist aber nicht derselbe. Beispiel Hammond B3 Orgel: Da ist eine elektromechanische Tonerzeugung drin, es rotieren Zahnräder – der Hammond war ja ein Uhrmacher – vor einem elektromagnetischen Tonabnehmer, und je nachdem, wie viele Zähne da drauf sind und wie schnell sich die drehen, hast du unterschiedlich höhere oder tiefere Töne. Ein mechanisches Wunderwerk, das jeden Tag anders klingt bei unterschiedlicher Temperatur und Luftfeuchtigkeit.“ Viele Musiker würden sich digitale Simulationen davon kaufen, weil die leichter zu schleppen sind, sagen aber nach einer Woche: „Der Sound geht mir am Zeiger, weil er immer gleich ist. Er lebt einfach nicht.“
Nachdem er und Eva 1986 mit der Werkstatt begonnen haben, gründeten sie 1989 die GmbH. Da war auch schon Manfred Sinnl dabei, der gerade an einem Röhrenmikrofonverstärker arbeitet, „der mehr Fehler hat, als man sich wünscht.“ Seither arbeiten sie Seite an Seite auf neun Quadratmetern. „Was wir an Werkzeugen und Messgeräten brauchen, haben wir da hinten. Wenn es keine Ersatzmodule gibt, müssen wir schauen, ob wir das Modul aufmachen können. Wenn wir es können, wissen wir nicht, was drinnen ist. Manchmal ist die Suche nach dem Fehler wie ein Krimi.”
Sinnl macht seither mehr die „Backline-Geschichten wie Gitarrenverstärker, Keyboards, PA-Anlagen und Instrumente.” Zu ihm kommen Studiotypen und sagen: „Kannst du mir zwei Kanäle von dem Mischpult so umbauen, dass es fürs Mastern leiwand ist?“ Das Gitarrentuning erledigt er quasi nebenbei, sodass die Kunden oft bessere Instrumente zurück bekommen, als sie sich erwartet haben. Notfälle gab und gibt es selbstverständlich immer wieder, wenn Bands in Wien ihre Auftritte haben und anrufen: „Der Verstärker geht nicht, das elektrische Cello spielt nicht, es kracht, es krammelt und brummt – Könnt ihr?“ Ja, sie konnten und können. An die große Glocke hängen sie aber nicht, welchen Weltstars sie schon geholfen haben.
Insgesamt haben sie 18854 Kunden im Adressverzeichnis, die meisten aus Österreich. Es rufen aber auch aus Deutschland Leute an und sagen: „Sie sind meine letzte Hoffnung!“ Dann sagt Hanten im Spaß: „Ich sollte ihre erste Hoffnung sein!“ Denn die mit ihrer letzten Hoffnung bringen meist Geräte, die zusammengeschustert oder verpfuscht sind. „Wenn schon Vorarbeiten passiert sind, wird es schwieriger, etwas zu reparieren. Und wenn falsche Bauteile eingebaut wurden, wird der logische Bezug der Bauteile zueinander verändert.“ Dann muss zuerst der Fehler repariert werden, bevor man sich an die eigentliche Reparatur machen kann. Die reparierten Geräte müssen sie mit einem halben Jahr Gewährleistung zurückgeben, „aber wenn es nach einem halben Jahr kaputt ist, hast du auch keine Freude. Die Sachen müssen ewig halten!“ Das ist ihr Rennommé, von dem sie leben: „Kein Reparaturgeschäft ist 40 Jahre im Business, wenn es nix zusammenbringt.“
Während der Arbeit hört Sinnl auf seiner Seite Radio Wien, Hanten hört Jazz. „Wenn wir arbeiten, sind wir jeder für sich so konzentriert, da hören wir den anderen nicht“, sagt Hanten. „Na gut, hin und wieder reißt er mich aus der Trance, wenn er einen Gitarrenverstärker repariert und auf einmal ein paar Akkorde spielt. Dann hol ich mir einen Kaffee.“ Und dann arbeitet er weiter, während seine Frau Anrufe entgegennimmt oder Abholungen vereinbart. Ein paar Jahre lang werden sie das noch so machen. Dann werden auch hier die Lötkolben ausgesteckt.