Fritz Ostermayer
Endlich sagt es mal einer: „Ich bin ein begeisterter Klositzer, ich habe dort schon eine ganze Bibliothek weggelesen.“ Im Bett hingegen klappt das Lesen bei ihm nicht mehr, „da schlafe ich nach zwei Seiten weg wie ein Gott.“ Daher sitzt er nachts bis zwei Uhr lesend mit Hündin Frau Lotti am Küchtentisch, wo er einen Kaffee nach dem anderen wegtrinkt. Das mag - neben dem wilden Leben! - ein Grund gewesen sein dafür, dass er neulich wieder einen Herzinfarkt erlitten hat. „Sie sagen, ich soll leiser treten.“
Suchte er das Wilde auch in der Literatur? „Das Wilde nicht, aber das Außergewöhnliche und Durchgeknallte, das Nicht-Sozialrealistische.“ Es dürfte mit Thomas Bernhards Frost begonnen haben, das er mit 15 zum ersten Mal las. „Ich habe nichts verstanden, außer, dass es einen Ort namens Weng gibt, der noch viel kranker ist als Schattendorf, wo ich herkomme. Die Menschen werden dort nicht größer als 1.50 - das hat mir natürlich gefallen. Seine ersten Romane sind ganz große komische Übertreibungsliteratur. Anfangs habe ich das aber nicht verstanden, gekuderte habe ich erst, als ich die Bücher später nochmal las.” Er erwähnt mit heftigem Kudern die Szene in Verstörung, wo der Fürst ins Wirtshaus geht: Ich sagte ihnen das Wort Konstantinopel, und sie fürchteten sich. Dann sagte ich ihnen das Wort Bospourus, sie standen alle auf und liefen davon. Die dunklen Vokale der Ortsbevölkerung hinwerfen, damit sie sich fürchten, das ist großartig!”
Mit sechs hörte er zum ersten Mal Barbara Ann von den Beach Boys, und ab da war er Musiknarr und hörte Stones und Beatles. In Mattersburg, wo er dann die Schuljahre seiner Pubertät verbrachte, „war ich ein schlechter Sportsknabe und musste nach dem Essen nicht sporteln, sondern durfte zu den Alten gehen und mich still beschäftigen. Die haben Billard gespielt und getratscht und 1968/69 bereits Frank Zappa, Jimmy Hendrix, The Doors, Soft Machine oder Velvet Underground gehört. Wo die das her hatten, verstehe ich bis heute nicht, aber ich habe so große Ohren gekriegt. Und da ich schon damals ein Prediger war, ging ich mit meinem neuen Wissen zurück in seine Unterkunft zu den Jungen und sagte: Hey, es gibt was Größeres in dieser Welt als ihr euch mit euren kleinen Beatles-Köpfen vorstellen könnt!“ Und er predigte Robert Wyatt oder Nico, die er mit 13 schon verehrte, und er sah, dass es gut war.
Die Beatliteratur hingegen legte er sich auf dem Klo in die Muschel, denn die hat ihn schnell fadisiert. „Die Beatniks waren mir zu angeberisch, die machten auf verwahrloster Hemingway, auf Ich bin so fertig, ich halt das nicht mehr aus.“ Er vertraute lieber dem Wort des großen Predigers Jim Morrisons, wonach die Franzosen ziemlich interessant sein könnten, und fing an, Rimbaud und Baudelaire zu lesen. Auch die hat er nicht verstanden, und auch die fadisierten ihn. Aber als Reclam-Hefterl passten sie perfekt in den Dufflecoat, und die rororo-Bücher schauten sogar ein bisserl heraus. So konnte er mit Hesse oder den französischen Symbolisten erste Anbratversuche in der Racing Disc in Wiesen starten, wir stellen es uns so vor: „Hallo, ich bin der Fritz und lese tagsüber vom Camus Die Pest, magst du ein Cola-Rot?“ Dort waren die ersten, die über den Landweg nach Indien gefahren und wieder zurückgekommen waren.
Die Zeit bei der Musicbox beschreibt er als eine, wo er von interessierten Kollegen umgeben war: „Mit dem Werner Geier konnte man über Bildende Kunst genauso gut reden wie über Konzeptliteratur, mit dem Herrn Blumenau war es nicht anders. Aber alles hatte immer diesen Pop-Piff, man hat die Sachen sehr ernst genommen, aber man musste sie auch vermitteln können, die Fan-Perspektive war wichtiger als die intellektuelle Warte.” Während dieser Zeit begann er wohl auch, sich seine „schöne Bibliothek“ (nicht die am Klo!) aufzubauen. Im Bett lesen kann er nicht mehr, „ da schlafe ich nach zwei Seiten weg wie ein König.“ Er sitzt daher nachts bis zwei Uhr am Küchentisch zusammen mit Hündin Frau Lotti und trinkt lesend einen Kaffee nach dem anderen weg. Und ein Zigaretterl darf es dabei natürlich auch immer wieder sein.
Sein Buch der Bücher geht hingegen in keinen Dufflecoat, es heißt The Madman‘s Library. „Es geht darin um monströse und unglaubliche Bücher. Um den Koran, geschrieben mit dem Blut von Saddam Hussein. Der hat sich über zwei Jahre 27 Liter Blut abzapfen lassen und damit den Koran schreiben lassen. Oder um ein Mathematikbuch, in dem keine einzige Zahl vorkommt, sondern nur Rattensymbole. Und mit denen kannst du alles machen bis hin zum Wurzelziehen. Prächtig bebildert!“ Und ideal fürs Klo!
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