Martina Schmidt
Als ehemalige Programmchefin des Deuticke-Verlags (Daniel Glattauer!) musste sie pro Jahr ca. 300 unverlangte Manuskripte lesen. "Früher haben das die Praktikantinnen gemacht. Wenn die was toll fanden, lasen es die Lektorinnen. Wenn die das auch toll fanden, las ich es." Daraus entstand im Durchschnitt nicht einmal ein realisiertes Buch pro Jahr. Einer der wenigen, die auf diesem Weg entdeckt wurden, war Stefan Kutzenberger, "der ungewöhnlich ist". Die meisten dieser unverlangt eingesandten Manuskripte seien aber "Stoffe mit therapeutischem Effekt für die Autoren selbst, jedoch schlicht und einfach keine Literatur".
Sie liest auch viel für Jurys, und auch da sei es "teilweise erstaunlich, was die Leute schreiben". Es macht einen Menschen also "nicht zu einem glücklicheren Leser, wenn man beruflich lesen muss". Nur im Urlaub konnte sie noch Genusslesen praktizieren, was auch tatsächlich umgehend zu Entspannung führte. "Den Betrieb" mit all den Haxlbeißereien kennt sie natürlich auch, die Österreicher bei den Buchmessen fühlen sich immer "wie Schulausflug" an. Und lustig ist’s dort auch immer! Zum Beispiel in Frankfurt beim Österreich-Café: "Dort kriegt man als Österreicherin ja immer Kaffee." Aber nachdem der deutsche Hanser-Verlag ihren österreichischen Arbeitgeber gekauft hatte, wies man sie dort ab. Begründung: "Ihr Namensschild wirkt so professionell!"
Ihre erste Kontaktaufnahme mit Prousts monumentalem Wälzer Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erfolgte "1983 in einem wahnsinnig heißen Sommer während einer Phase höchsten Liebeskummers gepaart mit einer Lungenentzündung". Sobald sie das Buch in die Hand nahm, war sie nicht mehr allein: "Das ist ja ein einziges Anschreiben gegen die Sinnlosigkeit des Daseins!" Erstarrt vor seiner Meisterschaft ist sie allerdings nie, vielmehr lachte sie später mit Alain de Botton und dessen "Ratgeberbuch für den postmodernen Zeitgenossen", so die Beschreibung des Verlags, "das keine Heldenverehrung, sondern lustig und nicht sehr wissenschaftlich ist", so die Beschreibung des Leseprofis.