Eva und Erich

„Gestern habe wir unseren 13. Hochzeitstag gefeiert“, erzählen Eva und Erich Zeller stolz, als ich sie beide am Tag darauf treffe. Sie kommen gerade von der Probe des MV-Rudolfsheim, die jeden Dienstag in der Berufsschule Hütteldorferstraße im 15. Bezirk stattfindet. Letztes Jahr habe ich sie im Schutzhaus auf der Schmelz kennengelernt, wo sie verliebt wie am ersten Tag turtelten, und wir vereinbarten, in diesem Mai die Geschichte ihrer Liebe aufzuschreiben. Hier ist sie:

„Ich hatte schon länger bei der Blasmusik Rudolfsheim als Flügelhornist gespielt“, erzählt Erich. „Da kam sie als Posaunistin hinzu. Wir haben einige Zeit nebeneinander geprobt, ohne dass es gleich gefunkt hätte.“ Gut Ding braucht eben manchmal Weile.

„Damals haben wir dort im Gymnastiksaal noch was trinken und essen können“, erzählt die ehemalige Tierärztin weiter. „Da sind wir nach einer Probe zusammengestanden, es war gerade wieder ein Faschingsdienstag vorbei und ich habe keinen Hund mehr gehabt, sodass ich wieder mehr Zeit für die Musik hatte. So sind wir also ins Reden gekommen und haben festgestellt, dass er am 15. März Geburtstag hat und ich am 18. März.“ Eine erste Gemeinsamkeit. Und während einer Musikreise mit der Kapelle nach Meran haben sie den Kontakt dann „intensiviert, nachdem er zunächst noch in einem anderen Hotel geschlafen hat.“

„Es war Liebe auf den ersten Kuss“, sagt sie und lacht dabei ihr einnehmendes Lachen. Beide hatten da schon nicht mehr geglaubt, dass sie jemals heiraten würden. Sie war über 50, hatte drei Kinder, die längst groß waren, aber keinen Mann. Und er ein Single ohne Altlasten, der acht Jahre jünger war als sie. „Ziemlich genau nach einem halben Jahr sind wir zusammengezogen.“

Und zwar sie zu ihm, der neben seiner Wohnung in Wien zusammen mit seinem Bruder auch einen Zweitwohnsitz in Brand im Waldviertel direkt an der tschechischen Grenze besitzt, wo sie ihre Katzen untergebracht hat. Als sie ihn ihren Kindern vorstellte, sagten diese zunächst ein wenig ungläubig: „Ah, den gibt´s also wirklich!“

Seinen Antrag machte er ihr in der Wohnung ihrer Mutter, wo sie gemeinsam Weihnachten feierten: „Er saß am Klavierstockerl, als nach dem Essen die Packerl verteilt wurden.“ Sie bekam an diesem Heiligen Abend zwei von ihm: In dem einen war der Verlobungsring, und im anderen ein Halsketterl. „Wie ich die Packerl aufmache und den Ring sehe, sagt er: Willst du meine Frau werden? Und ich habe ja gesagt: Ja!“ (Ihr Sohn fragte dann noch zur Sicherheit: War das jetzt ein Heiratsantrag?)

„Ein halbes Jahr später haben wir geheiratet.“ Natürlich im Rahmen einer großen Hochzeit mit drei Blasmusikkapellen und 180 Musikern oben im Waldviertel: Die MusikerkollegInnen aus Rudolfsheim sind gekommen, die Trachtenkapelle Brand war dabei, und das Quintett Frech’s Blech, in dem Erich die Trompete spielt –  „Eine freche Brassmusik zu jedem Anlass.“ Es war eine Dirndl- und Lederhosenhochzeit, die am Christi Himmelfahrtstag begann, „da hat er gepoltert. Am Freitag darauf waren wir am Standesamt. Am Samstag, den 11. Mai 2013, haben wir in der Kirche geheiratet. Am Sonntag war Muttertag, und eine Woche später das Pfingstfest. Ein anstrengender Mai!“, lachen beide, aber die Anstrengung hat sich gelohnt.

„Wir ergänzen uns perfekt“, sagt die ehemalige Tierärztin, die seit neun Jahre in Pension ist, während er noch eineinhalb Jahre als Computertechniker arbeiten wird.  Gemeinsam unternehmen sie Reisen (z.B. nach China) oder Musikerausflüge wie den zum Woodstock der Blasmusik nach Ort im Innkreis. Neben ihren gemeinsamen musikalischen Aktivitäten in drei Kapellen lassen sie sich aber auch genug Freiraum für eigene Aktivitäten. Während er mit seinem Brassquintett noch zusätzlich gut eingeteilt ist („Geburtstage, Agapen, demnächst Schloss Hof“), trifft sie sich mit Klassenkolleginnen oder besucht einen Tschechischkurs, um die Musik ihrer KollegInnen aus dem Grenzgebiet verstehen zu können:

Ladislav Kubeš mit Musikern

Die böhmisch-mährische Blasmusik, die hier seit vier Generationen gespielt wird, heißt es auf der Homepage der Trachtenkapelle Brand, ist mittlerweile „Immaterielles Kulturerbe böhmisch-mährische Blasmusik.“ Ladislav Kubeš heißt der tschechische Held, „der selbst an die 400 Polkas, Walzer, Märsche, Galoppe und Titel in anderen Rhythmen komponiert hatte und den 300 Kompositionen aus der Feder seines Vaters Matěj Kubeš hinzufügte. Die Trachtenkapelle Brand ist u.a. in Besitz von über 150 Werken von Ladislav Kubeš, teilweise im Original per Hand verfasst und mit persönlicher Widmung versehen.“

„Ich liebe dich!“ auf Tschechisch heißt übrigen „Miluji tě!“, weiß sie längst, und das sagt sie nun zu ihm, während sie ihn verliebt anschaut. Dann bekommt er einen Kuss, den er gerne erwidert. Und wenn er ein Lied für sie spielen müsste, unter einem Balkon stehend, von dem sie zu ihm herunterschaut, dann wüsste er genau, welche sie sich wünschen würde: Der Böhmischen Traum.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ladislav_Kube%C5%A1

Anhang Trachtenkapelle Brand:

Vor, während und auch nach dem 2. Weltkrieg musste in der Grenzregion, jedenfalls seitens der Trachtenkapelle Brand, oft auf tschechische AushilfsmusikerInnen zurückgegriffen werden. In erster Linie bei Begräbnissen war eine musikalische Begleitung ohne gegenseitige Aushilfe nicht möglich. Der Großcousin von Adolf Zeller, Bohuslav Marek, war einer der AushilfsmusikerInnen. Später war er mit dem südböhmischen Komponisten Ladislav Kubeš bei der Militärmusik in Jindřichův Hradec 1947 – 1948 eingerückt. Es entstand durch diese Kontakte eine musikalische Zusammenarbeit in der Grenzregion, bei der nach mündlicher Überlieferung auch Blasmusik-Literatur wie z.B. Begräbnis- und Unterhaltungsstücke ausgetauscht wurden.

Ab 1962 wurden mit Ladislav Kubeš und seiner Kapelle gegenseitige Besuche in Tschechien und Österreich organisiert. Der oft mehrtägige Aufenthalt in Brand-Nagelberg, auch in Privatunterkünften von Mitgliedern der Trachtenkapelle Brand, fand immer unter Aufsicht von Kommissären des kommunistischen Regimes statt, da Fluchtgefahr bestand. Die tschechischen MusikerInnen wurden dabei mit Waren des alltäglichen Bedarfs (u.a. Stoffe zum Kleidermachen) heimlich versorgt. Eine Bedingung des Austauschs war außerdem, dass die Musikgruppe mit freier Kost und Logie entlohnt wurde, gegen Gage durften die MusikerInnen im Ausland praktisch nicht auftreten.

Die Politik wurde eingeschaltet und seitens der Vereinsführung nach Hollabrunn ins Regionalbüro der kommunistischen Partei gepilgert, um ein Parteischreiben zu erbitten, damit Ladislav Kubeš und seine Blasmusikkapelle offiziell den „Eisernen Vorhang“ überschreiten durfte. Dieses Engagement sorgte dafür, dass die Kompositionen von Ladislav Kubeš zunehmend auch in Österreich - neben seinen Auftritten und Besuchen in der Region und darüber hinaus - Verbreitung fanden.

Natürlich kam bei der gemeinsamen Leidenschaft für Blasmusik auch der Spaß nicht zu kurz: Damals war man in unseren Breitengraden hoch angesehen, wenn man einen Krug mit 1l Bier spendierte. Dies war einfach etwas Besonderes. Als Kubeš bei der Ankunft einen Krug Bier wollte, erhielt dieser zu seiner Überraschung einen 15l Bierkrug angefüllt (der in unserer Gemeinde hergestellt wurde).

Nach der Gründung des „Kleinen Ensembles“ 1971 nahm sich der damalige Kapellmeister Othmar Macho in beispielgebender Weise um die Gestaltung von Trauermusik an, wobei auch die alten böhmischen Trauermärsche, schon zur Zeit des Vorgängers Adolf Zeller von Kubeš übernommen, weithin bekannt und geschätzt wurden. Auch für die Unterhaltungsmusik wurde man über den Bezirk hinaus bekannt. Bis heute werden bei Begräbnissen einzelne dieser Trauerlieder regelmäßig gespielt.

Der Kontakt zu Kubeš sen. hielt bis zu seinem Tode 1998. Die Mitglieder der Trachtenkapelle waren oft auf Hausbesuchen in Tschechien (Žíšov), mit der Besonderheit, dass man schon in der Einfahrt die Schuhe ausziehen musste.

2010 wurde das internationale Blasmusikfestival „Der böhmische Traum“ als Nachfolge der seit 1968 stattfindenden Wald-, Heustadl- und zuletzt Pfingstfeste gegründet. Bei diesen Festen wurden und werden regelmäßig befreundete Blasmusikkapellen aus Südböhmen (aber auch aus anderen Regionen Mitteleuropas) eingeladen, was für die BesucherInnen, insbesondere aber für die Gemeindebevölkerung, einen grundsätzlichen Reiz darstellt.

Ladislav Kubeš jun. ist Schirmherr dieser jährlich durchgeführten Veranstaltung. Im Rahmen eines Großkonzertes werden unter anderem Stücke und Arrangements der Familie Kubeš aufgeführt, in Würdigung ihres Lebenswerkes und stellvertretend für alle freundschaftlichen Verbindungen zum nördlichen Nachbarn, die man ebenso schätzt, wir die innige Freundschaft zur Familie Kubeš.

Auf Grund eines Generationswechsels in der Trachtenkapelle Brand entstand 2019 intern eine neue „Böhmische“ namens „Kubešovanka“, die in nächster Generation zum zuvor „Kleinen Ensemble“ vor allem den musikalischen Teil des Kulturerbes weiter- und wiederentdecken möchte.

Quelle: https://www.tk-brand.at/chronik/freundschaft-mit-familie-kubes

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