Foto: Rebhandl
27.10.2026 SERBIEN/UNGARN
Ab Subutica um 13.37
An Szeged um 14.57
Zug: RE7305
Wann erlebt man in Europa noch eine Zugfahrt mit Pass- und Zollkontrolle?
Wer das möchte, der nehme den von einer Diesellok gezogenen und insgesamt sehr bescheiden ausgestatteten RE7305 vom serbischen Subotica aus ins ungarische Szeged und lasse die Damen und Herren Grenzkontrollore am Übergang Roszke / Horgoš ihres Amtes walten. Alle sehen sie tadellos aus in ihren Uniformen, so wie schon die Schaffner und Kontrollore, und zu wenige sind es auch nicht - erst die Serben, dann die Ungarn.
Die beiden Länder teilen sich ja eine 151 Kilometer lange Fluss- und Landgrenze, aber wenn das mit den Studenten in Serbien, deren Proteste ich zuvor besucht hatte, so weitergeht, darf man ja darauf hoffen, dass auch dieses schöne Land irgendwann mal in der EU sein wird und man sich die Grenzkontrolle ersparen kann. An ihrem lästigen Nationalismus und ihrer durchgehend positiven Einstellung zu Putin müssen sie freilich noch arbeiten, man trifft dort tatsächlich nur selten jemanden, der einen „Angriffskrieg“ in dem sieht, was dieser Putin mit den Ukrainern aufführt, dort erzählen alle die Mär, „dass der Westen ….“
Also warten wir lieber noch ein bisschen mit den freien Grenzen, und solange wir das tun, lasse ich mir gerne einen Stempel in den Pass drücken, den auch EU-Bürger Willem bekommt. Während ich aber mit einem Rucksackerl reise, dessen Inhalt (zwei Unterhosen und zwei Paar Socken) niemanden interessiert, fordert man ihn auf, seinen schwarzen Koffer zu öffnen, und bereitwillig kommt er dieser Aufforderung nach.
Nachdem sie bei ihm nichts gefunden haben, was sie interessiert hätte, kommen wir ins Gespräch, während er seinen Koffer wieder einpackt und schließt. Willem ist 72 Jahre alt, er wohnt zusammen mit seiner Frau im niederländischen Schiphol https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Amsterdam_Schiphol, wo sie den riesigen Flughafen für Amsterdam hin gebaut haben, gerne erklärt er mir, wie man den Ortsnamen richtig ausspricht.
Er wäre gewiss nicht in Schiphol wohnen geblieben, wenn über sein Dach Tag und Nacht die Flieger hinwegdonnern würden, aber er, der dort auch mal Kommunalpolitiker war, wohnt im ruhigen Westteil, während der Flughafen im Osten der Stadt liegt. Als Kommunalpolitiker, der er dort auch einmal war, kam ihm sein Brotberuf als Steuerberater gelegen, denn so wusste er nur zu genau, warum es einerseits nötig ist, Steuern einzuheben (der Staat, die Kommune…), und andererseits, Steuern zu bezahlen (der Bürger die Bp. „Ich mag Steuern“, sagt er. Nicht nur, weil sie ihm ein lebenslang gutes Einkommen verschafft haben.
Wie ich hat Willem sich ein Senioren-Interrail-Ticket gekauft, anders als ich reist er mit seiner Frau normalerweise in der 1. Klasse. „So einen Zug wie diesen hier sind wir nicht gewohnt“, lacht er. „Das ist nicht unsere Präferenz.“ Aber mit dem Zug zu reisen wäre insgesamt eine einfache, billige und lustige Art zu reisen. Wie ich kommen sie gerade aus Belgrad, wo sie in einem Luxushotel genächtigt haben, anders als ich, der ich in einer Bruchbude schlief, freilich gleich beim Republic Square (Тргг републике) , von wo aus ich am Vortag Demonstranten zum zentralen Slavija-Platz gefolgt bin, wo die „Siegesfeier“ nach der Abwahl von Vucic am Vortag, dem 25. Oktober, stattfand. Was uns beiden den Aufenthalt in Belgrad deutlich verleidete: Die kyrillischen Schriftzeichen, mit denen sie auf Straßenbahnen und Bussen ausschließlich ihre Destinationen ankündigen.
Neulich fuhren Willem und seine Frau mit dem Zug sogar bis nach Liverpool hinauf, waren dort an der Anfield Road im Stadion und ansonsten häufig an der „Beatles Road“, wie er die Abbey Road nennt. Er ist ein Fan, seit er sie 1964 in einem Club nahe Haarlem live gesehen hat, „sie haben gute und schlechte Musik gemacht“, sagt er. So wie die Stones auch, die er lieber mochte, als sie anfangs noch lauter waren. Für ihre Partnerschaft, sagt Willem, wäre das Reisen durchaus „herausfordernd“, aber eine Partnerschaft wäre das sowieso immer, lacht er.
Da sein Sohn als Fußball-Journalist für das „Dutch-TV“ arbeitet, ist er selbst oft in den Stadien und schaut sich Spiele – „meist Teile von Spielen“ – live an. Als großen AZ Alkmaar Fan, der er ist, muss ich ihn natürlich fragen, ob er Kurt Welzl (https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Welzl ) kannte, den ersten Österreicher, der von 1978 bis 1981 für diesen Verein spielte und in 66 Spielen 39 Tore erzielte.
Und er erinnert sich tatsächlich an ihn: „He was our right winger.“
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