Sasa Hanten

Foto: Lukas Beck

Literaturkritiker Denis Scheck nannte ihr literarisches Debüt Talent zum Glück “überwältigend”. Für den STANDARD konnte ich mit der diplomierten Kunstsachverständigen und Notarin Sasa Hanten über das Buch reden.

29.08.2026 im STANDARD


Standard: Eine schöne Schreibstube haben Sie hier, ein mehrere hundert Quadratmeter große. Gehört Ihnen das ganze Haus?

Hanten: Nein, das gehört einer Versicherung, und die verkaufen gar nichts. Sonst hätte ich das natürlich versucht, aber Mieten ist in Wien ohnehin viel besser als kaufen.

Standard: Wie haben Sie es denn gefunden?

Hanten: Ich wohne ja bei der Familie Windsch-Graetz im Haus, keine 60 Meter von hier. Aber ich bin nicht die, die sich so einen improvisierten Schreibtisch ins Schlafzimmer stellt und dort anfängt zu schreiben. Vor dem Café Eiles war früher eine Zeitschriftenbude, und zu dem Herren, der sie betrieb, habe ich gesagt: Guter Mann, ich brauche ein Kontor. Der sagt also: Ich kümmere mich. Ein paar Tage später hab ich ihn getroffen, er hatte eine selbstgemachte Lasagne in der Hand und meinte: Wir haben einen Termin im Café Auersperg, das es so nicht mehr gibt. Dort saßen ein paar schräge Typen, die in allen Sprachen der Welt gesprochen, geraucht und Kaffee getrunken haben, Schnaps gab es auch. Denen hat er mich vorgestellt mit meinem Anliegen, und in den Tagen darauf haben mich Unmengen von Leuten angerufen und mir die abenteuerlichsten Räumlichkeiten angeboten. Diese hier war total runtergekommen, es gab kein fließendes Wasser und keine Heizung. Aber ich sah mich sofort hier sitzen wie Peggy Guggenheim und hatte die Vorstellung, wie das aussehen würde.

Standard: Zum Schluss noch grüne Farbe an die Wand, und fertig?

Hanten: Bei meinen Vorträgen übers Kunstsammeln sage ich ja gerne, dass, wenn man sich verkauft – also, wenn man etwas Falsches kauft – und damit nach Hause kommt, diese grüne Farbe für fast jede Kunst so eine Aufwertung ist, mit der man den Fehler auch wieder ausbügeln kann.

Standard: Kommen wir zu Ihrem Buch….

Hanten: … von dem heute meine persönlichen Exemplare geliefert wurden, ich habe eine Riesenfreude.

Standard: Das Geld, das Sie damit verdienen werden, geben Sie dann „zum anderen“ dazu, wie es im Buch so schön heißt?

Hanten: Ich habe schon mal etwas vorausgespendet für die Deutsche Gesellschaft für Frontotemporale Degeneration DGFTD, die haben mich wissenschaftlich sehr unterstützt bei meinem Buch. Aber ich komme aus dem Kunstmarkt, da geht es um andere Summen als im Buchmarkt, in den ich mit einem Produkt gehe, das sich objektiv jeder leisten kann. Außerdem habe ich gelesen, dass nur ein Prozent der Buchproduktion überhaupt mehr als 2.000 Stück Auflage erreicht. Da bin ich Gott sei Dank mit den Vorbestellungen schon drüber.

Standard: Ohne zu sehr ins Private gehen zu wollen: Sie sind auch ohne die zu erwartende Bucheinnahmen reich?

Hanten: Ich bin ein fleißiges Mädchen, das von Bauern abstammt, die – Gott sei Dank! - keinen Hunger und keine Vertreibung erlebt haben. Das macht mich natürlich wahnsinnig unbekümmert, auch weil meine Eltern mich mit dem Imperativ auf die Reise geschickt haben, dass Begabung zunächst einmal Verpflichtung ist, ebenso wie Eigentum. Dass man sich also um andere kümmert und für etwas kämpft. Man wird nicht zwingend glücklich, nur weil man eine Kunstsammlung, einen hochqualifizierten Beruf oder Geld hat. Es geht im Leben um die Systematiken des Sich-Satt-Fühlens, und ich habe den Eindruck, da viel Ahnung von zu haben. Deswegen habe ich mich getraut, einen Roman darüber zu schreiben.

Standard: Wie groß war die Überwindung, wie groß das Selbstbewusstsein?

Hanten: Die Überwindung war groß. Aber dass ich das können würde, war nicht ganz fern liegend nach 100 verfassten Tagebüchern und viel Fachliteratur. Ich hatte mein ganzes Leben lang das Gefühl, dass ich erst mal sammeln muss, um das Gesammelte zu fiktionalisieren und zu einer großen Geschichte zu machen, die für viele Menschen funktioniert und eben nicht nur für ein paar, die sich für Kunst interessieren. Das war harte Arbeit, denn nichts ist so schwer wie die Simulation von Leichtigkeit oder lässiger Zufriedenheit.

Standard: Wie das Charly Tusch gelingt, dem reichen Wiener Schaustellerunternehmer mit Wurzeln in Köln in Ihrem Buch.

Hanten:  Im Verlag dachte man ja zuerst, Schausteller müssten prekär lebende Typen sein, aber da habe ich gesagt: Freunde, ihr habt gar keine Ahnung! Ich kenne Schausteller mein ganzes Leben lang. Meine Eltern waren echt bedient, als sie für meine viel ältere Schwester ein teures Grundstück kauften, und dann waren die Nachbarn dort Schausteller! Die sieht man ja zunächst nicht, weil sie in der Saison unterwegs sind, und plötzlich stellen sie einen Autoscooter in den Garten und einen Schwan, der zum Karussell gehört, sowie zugkräftige Fahrzeuge und einen Mercedes, der so golden ist wie ihre Zähne, und es geht recht lebhaft zu. Ich habe da sofort für mich geträumt, dass ich aus so einer Schausteller-Dynastie stammen würde. Als ich dann ein paar Jahre später ins katholische Mädcheninternat kam - wer war  bei mir im Zimmer? Die Zirkusprinzessin!

Standard: Auch die Schausteller schicken ihre Kinder ins Internat am Bodensee oder gar ins Schloss Salem?

Hanten: Obwohl sie natürlich belächelt oder auch gefürchtet werden vom bourgeoisen Umfeld! Das war für mich Fallhöhe genug, um mit diesem Personal einen skurrilen Unternehmerroman zu schreiben. Charly ist im Leben so trittsicher,  wie  das nur große Unternehmer sein können. Der weiß genau, dass er Kunst kaufen muss, weil sonst keine entstehen kann, und dass er Handwerk kaufen muss, weil es sonst verschwindet. Das ist auch meine tiefe Überzeugung.

Standard: Er zahlt auch Steuern, ohne zu jammern.

Hanten: In meinem Beruf als Rechtsanwältin und Sachverständige sage ich: Leute, die viel Steuern bezahlen, sind offensichtlich einkommensstark, hingegen scheint bei denen, die keine Steuern zahlen, etwas nicht zu laufen im Laden. Das gilt auch für die Kunstsammlung, die man sich nicht zusammenmauschelt, sondern ordnungsgemäß mit Quittung kauft. Da schauen natürlich immer alle, als wäre ich bekloppt. An mir liegt es nicht!

Standard: Sie reden hier von Unternehmern, die sich an Werten orientieren und an Gesetze halten. Wie groß ist denn diese Gruppe Ihrer Erfahrung nach?

Hanten: Ich glaube, dass die in so einer Art Sleeping-Mode war, dass da gerade wieder Neues entsteht und man bestimmte Sachen nicht mehr mitmacht. Meine Söhne und deren Freunde lachen über teure Autos, die in der Stadt herumkurven, und sagen: Wenn ich Mercedes fahren will, bestell ich mir ein Taxi. Charly im Roman findet: Wenn ich reich bin, gönn ich mir doch einen Chauffeur und sichere so einen Arbeitsplatz. Oder er sagt: „Wer reich ist, nimmt sich ernst, aber nicht wichtig.“ Das ist der vielleicht wichtigste Satz in meinem Buch.

Standard: Sie, die Sie sich zwischen Wien, Köln und und Bodensee bewegen, schreiben: „Zuhause“ wäre dort, wo man den Bauch nicht einziehen muss oder wo zum Kühlschrank geht, ohne zu fragen. Wie und wo leben denn Sie am liebsten?

Hanten: Die perfekte Lebensform für mich ist eine generationsübergreifende Wohngemeinschaftssituation mit Nachbarschaftshilfe und Kontakten in alle sozialen Schichten, wo jeder dazu gibt, was er halt dazugeben kann. Ich habe immer junge Menschen um mich herum, die mir mein Handy erklären, umgekehrt kann ich jeden -auch- anwaltlich beraten und ich koche auch ganz ok.

Standard: Charly Tusch stirbt an Demenz, seine letzten Jahre verbringt er umgeben von Pflegern. Die Krankheit nimmt breiten Raum ein im Buch.

Hanten: Ich selbst habe ja das Problem, dass all meine Interessen wie Kunst, Lesen, Mode oder Gespräche mit Leuten im Fall einer Demenzerkrankung verlorengehen würden, das ist keine gute Vorstellung. Es gibt auch Demenzformen, die schon weit vor dem 60. Lebensjahr auftreten. Wir sprachen eben darüber. Frontotemporale Degeneration. Immer, wenn mir ein Mann über den Weg läuft und einen komischen Spruch rauslässt, denke ich deswegen mittlerweile: Von dem würde ich auch mal gern ein MRT sehen. So ein gelber Lamborghini plötzlich, ein sorgloser Umgang mit Geld und eine übersexualisierte Attitüde, da kann man sich fragen, ob das noch eine Midlife-Crisis ist oder ob da schon ein Stück vom Gehirn fehlt.

Standard: Erzählen Sie uns doch ein wenig von Salem, dem legendären Schlossinternat, das Ihre Kinder besuchen oder besuchten. Sie waren ja in einem anderen Internat.

Hanten: Also… der Christian Kracht war dort und ist dann rausgeflogen. Der Jonathan Meese wollte dort unbedingt hin, weil seine Mutter ja mit dem Prinz Philipp schon dort war in einem der ersten Jahrgänge. Der durfte aber nicht, weil seine Mutter ihn gebraucht hat. Und das ist heute auch das Hauptargument gegen ein Internat: Mütter, die ihre Kinder nicht ziehen lassen wollen. Die Kunst ist aber, sie laufen zu lassen und zu sehen, wie sie davon profitieren 

Standard: Wie haben Sie vom Internat profitiert?

Hanten: Enorm, was die Demutserziehung und den Teamgeist anbelangt! Denn wenn einen die Mutter trotz Geschwisterl als Einzelkind aufzieht, wird man kein Teamplayer.

Standard: Dort wird Demut unterrichtet?

Hanten: Heute kann ich das ja sagen: Die Ordensschwester, die da für das Silentium zuständig war, hat zu mir gesagt, ich würde mir keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn ich die anderen abschreiben ließe, das wäre gut für meine Demutserziehung! Meine Mutter hat natürlich gesagt, die haben ja ein Rad ab, wir zahlen genauso viel wie die anderen, warum sollst du denen helfen? Aber das ist die falsche Herangehensweise, denn ich habe selbst profitiert, indem der Teamerfolg wichtiger wurde als der private!

Standard: Wie luxuriös ist dort das Leben?

Hanten: Gar nicht! Es gibt nur begrenztes Taschengeld, die Zimmer sind sehr einfach, es wird viel Sport gemacht und ehrenamtlich gearbeitet.

Standard: Wenn man so wie Sie lebt, hat man da noch Kontakt zu Menschen außerhalb dieser Blase?

Hanten: Ich führe ein sehr vielschichtiges Leben und habe mit ganz unterschiedlichen Menschen engen Kontakt, weil ich beispielsweise diesem von den Ordensschwestern vermittelten Erziehungsgrundsatz folge, wonach man für jeden einen Satz mehr haben soll. Dass man also zum Postboten nicht nur Danke und Bitte sagt, sondern mit ihm auch spricht. Und beim Kirtag stehe ich hinterm Zapfhahn, denn ich bin ja Kölnerin und habe ein Zapfdiplom. Ich bin ein leutseliger Typ und habe grundsätzlich Interesse an Menschen.

Standard: Besonders gerne mögen Sie Handwerker, scheint es.

Hanten: Ich habe eine Zeitlang in Dresden in einem Schloss gewohnt, das gerade renoviert wurde, und da haben 30 Handwerker fest gewohnt, eine Art mittelalterliche Dombauhütte. Da kannst du nicht alles besser wissen als die, sondern musst erst mal schauen, wie die das machen, denn die können es ja! Im Buch nennt Charly das „mit den Augen lernen“, das Beste was es gibt!

Standard: Die Reichen sind oft mehr Problem als Lösung, oder wie sehen sie das?

Hanten: Nö! Ich bin Mitglied im Optimisten Club in Deutschland, das ist eine lose Verbindung von Leuten, die jünger sind als ich und in Deutschland große Unternehmen übernommen haben oder bald übernehmen werden. Wir glauben an den Wirtschaftsstandort, auch in Österreich, daran, dass es sich lohnt, hier mit guter Laune anzupacken. Und wir begreifen uns nicht als Problem, sondern mehr als Teil der Lösung, auch was Innovationen anbelangt. Also welche Energie soll in Zukunft eine Rolle spielen, wie soll Logistik funktionieren, damit die Ware umweltverträglich ins Regal kommt. Ich persönlich habe kein Bedürfnis, ein Boot zu besitzen. Ziel ist, dass man dort, wo man ist, nützlich für die ist, die um einen herum sind. Da kommt viel Glück rum! Ich jedenfalls war selten so glücklich wie nach den komplett leergezapften Bierfässern auf dem Kirtag.

Standard: Jetzt geht´s mal auf Lesereise?

Hanten: Ja, und ich bin schon total überbucht, aber ich habe so Bock drauf, das werden wahnsinnig beglückende Abende für mich zwischen Literaturhaus in Zürich und Buchhandlung Erlkönig im achten Bezirk. Das gehört ja auch zu den Geheimnissen eines glücklichen Lebens - dass man nie aufhört, Neues zu machen. Das ist übrigens auch die beste Demenzprävention.

https://buchkontor.buchkatalog.at/talent-zum-glueck-9783896678003

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