Am Friedhof Acattolico in Rom

Foto: Rebhandl

Mit der Römischen U-Bahn-Linie B (der blauen) kommt man vom Bahnhof Termini zur Station Piramide, und wer noch weiter fahren möchte, der erreicht L’EUR, ein ab 1938 errichtetes Viertel im Süden von Rom, das ausgeschrieben „Esposizione Universale di Roma - Weltausstellung Rom“ heißt und 1942 nach Mussolinis Wunsch die Weltausstellung unter dem Titel „Olimpiade delle Civiltà (Olympiade der Kulturen)“ ausrichtete, dabei aber auch das 20-jährige Jubiläum der faschistischen Machtergreifung miteinbeziehen sollte. Dafür wurde auf seine Bitte hin sogar der Temin um eine Jahr verschoben, denn regulär sollte die Weltausstellung bereits 1941 stattfinden!

Vom Bahnhof Piramide aus erreicht man auch Ostia, wo am 2. November 1975 der Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini ermordet wurde, aber ich bleibe hier im Viertel Testaccio und sehe mich nach der namensgebenden Pyramide um, und da ist sie schon.

https://www.turismoroma.it/de/places/cestius-pyramide

Studierende malen die Porta San Paolo.

Eine Gruppe von Kunststudenten sitzt auf einer Verkehrsinsel davor, sie alle malen die Porta San Paolo. Ich gehe an ihnen vorbei und um die Mauer des Cimitero acattolico, des „nichtkatholischen Friedhofs“ oder „Protestantischen Friedhofs“, herum zum Eingang, der in der Via Caio Cestio 6 neben der Porta liegt und wo mich gleich eine erste Katze begrüßt. Ein Schild weist auf das Fotografierverbot hin, an das sich aber, das sehe ich an all den fotografierenden Besuchern, niemand hält.

Im kleinen Verwaltungsgebäude des Friedhofs mitsamt “Shop” treffe ich Morici, die Friedhöfe ebenso liebt wie ich. Warum wir das tun? Wer weiß das schon. „Hier bin ich mit 200 Jahren Geschichte und vielen Geschichten konfrontiert“, sagt sie mit einiger Begeisterung, und als Aficionada hat sie gewissermaßen den Jackpot gezogen, weil sie hier arbeiten darf.

Italiensehnsucht: Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Goethe in der römischen Campagna

Im 18. Jahrhundert hatte sich die später so genannte „Italiensehnsucht“ entwickelt, die vor allem Deutsche (Goethes Sohn liegt hier begraben) und Briten nicht katholischen Glaubens hierherzog und die, so verordnete es der Papst, nicht auf den normalen Friedhöfen der Stadt wie dem Campo del Verano (Cimitero Comunale Monumentale Campo Verano) begraben werden durften, wenn sie hier im Land gestorben waren. Für sie alle wurde 1821 der zunächst Cimitero degli stranieri acattolici (Friedhof der nichtkatholischen Ausländer) genannte Friedhof eingerichtet, der später auch als Grabstätte für nichtkatholische Italiener und deren dort bereits bestattete Angehörige diente. So liegt auch der 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geborene und 2019 in Rom verstorbene Beststellerautor Andrea Camilleri hier, nicht weit von seinem Grab findet sich das des 1891 auf Sardinien geborenen und 1937 in Rom gestorbenen marxistischen Denkers und Philosophen Antonio Gramsci.

Der Dichter John Keates war einer der ersten, der 1821 hier begraben wurde, sein Grabstein steht auf dem „historischen“ Teil und ist einer der bekanntesten, wohl wegen des poetischen Grabspruchs darauf: Here lies one whose name was writ in water. Fantastisch! Auch hier begraben: Percy Bysshe Shelley, der 1922 im Meer vor Viareggio ertrunkene Schrifsteller, und der Bildhauer und Dichter William Wetmore Story, auf dessen Grab der bekannte Weinende Engel steht. Sie alle hatten ihren Wohnsitz in Italien, als sie starben, womit sie eines der Aufnahmekriterien erfüllten.

Weinender Engel

Foto: Rebhandl

Morici hat einige bekannte Friedhöfe der Welt gesehen und dort einige Gräber bekannter Persönlichkeiten besucht, sie war bei Karl Marx in London-Highgate, bei Jim Morisson am Cimetière du Père-Lachaise in Paris, sie kennt den fantastischen Cimitero Monumentale in Mailand oder den Friedhof in Lwiw, über den es Archivnotizen aus dem Jahre 1411 gibt, auf dem nun aber so viele junge Tote, alle Opfer des russischen Angriffskrieges, begraben liegen. Auch den Wiener Zentralfriedhof in Wien kennt sie, aber am Ende reiche keiner dieser wunderschönen Friedhöfe an ihren heran, den Acattolico. Für ihren Job, erzählt sie, brauche sie vor allem Managementerfahrung: „Denn das ist sowohl ein Freilichtmuseum als auch ein immer noch aktiver Friedhof.“ Davor hatte sie Englische Literatur studiert und arbeitete bei der Britischen Botschaft.

Wer sein 75. Lebensjahr erreicht hat, kann sich um eine Grabstätte hier bewerben. Die Konzessionen werden für zunächst 30 Jahre vergeben, nicht immer werden die Gebühren danach weiter bezahlt, sodass manchmal Gräber frei werden. Da der Friedhof privat geführt wird, sind sie auf diese Gebühren sowie auf Spenden angewiesen, mindestens fünf Euro soll man geben, um den historischen Teil erhalten zu können. Die zwei Friedhofsgärtner, denen ich später bei meinem Rundgang begegne, und die Restauratoren werden davon bezahlt. Für die hier überall herumstreunenden Katzen sammelt eine eigene Organisation, weil sich, so sagt Morici, die Menschen in Gegenwart von Katzen entspannen würden. Längst nicht alle sind auf einem Friedhof entspannt!

Sie mag vor allem die Gräber der „unbekannten“ Toten hier, und in ihrem „Lieblingsgrab“ liegt Fédon in der gleichen Reihe wie Gottfried Semper, der das Opernhaus in Dresden gebaut hat und 1879 in Rom gestorben ist.

„Fédon (Φαίδωνας) ist ein griechischer Name, der kleine Bub starb, als er eineinhalb Jahre alt war.“ Morici erinnert sich, dass sie hier an einem 8. April auf eine Frau traf, die mit Süßigkeiten auf den Friedhof gekommen war. Arglos fragte sie diese, was es denn zu feiern gebe, und sie antwortete: „Heute ist der Todestag meines Sohnes.“  Moici schämte sich, aber sie spürte eine Verbindung zu der jungen Frau, die immer nur an Fédons Todestag nach Rom kommen kannnm. Seither kümmert Morici sich um sein Gab, dessen Grabstein einen Engelsflügel darstellt mit Spielsachen darauf und Musiknoten von Bach, „er liebte seine Musik.“ Sie stellt ihm kleine Windräder hin oder legt ihm Süßigkeiten darauf, während seine Mutter in den USA lebt und an ihn denkt.

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