Über das Vorne, das Hinten und das Jetzt
Foto: Rebhandl
Da setze ich mich also endlich in den Speisewagen des Railjets RJX130 in Villach, und wer setzt sich zu mir? Der Hans Rauch, der in Wels arbeitet und in Mödling wohnt! Jetzt muss ich gestehen, dass ich den davor gar nicht kannte. Aber wie so oft war es eine Verkettung von Zufällen – oder gar Fügung! -, dass man sich am Ende begegnet. Er segelte nämlich gerade nicht zum dritten Mal um die Welt, sondern hatte eine kleine umständliche Weltreise aus Isola kommend hinter sich, als er auf uns lustige Reisetruppe traf, deren Zug ab Venedig an diesem Tag ausgefallen war und die wir nur noch halblustig in Villach ankamen.
Im Detail: Kurz vor Mestre erreichte uns per ÖBB-App die schlechte Nachricht mit der Empfehlung, den Nachtzug fünf Stunden später zu nehmen. Aber wie für den eine Reservierung kriegen, wenn 100 anderen die auch wollten? Ich blickte nach vorne und dachte, der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen zu können, wenn ich nach Santa Lucia weiterfahren würde, wo ich bei Abfahrt des Nachtzuges vor denen in Mestre zusteigen könnte. Dort hieß es aber plötzlich, dass die ÖBB ab Mestre einen Schienenersatz für unseren ausgefallenen Zug nach Villach eingerichtet hätten, wodurch die anderen wieder im Vorteil waren, weil sie ja schon in Mestre waren. Ich fuhr also – mit einigen Chinesen und Chinesinnen! – wieder dorthin zurück, wo die Konkurrenten um die Busplätze schon vor dem Bahnhof standen, vor ihnen aber kein Bus. Als der endlich kam, war wiederum ich im Vorteil, weil ich mit kleinem Gepäck reiste und nichts zu verstauen hatte.
Schon saß ich schräg vorne beim Fahrer, der ein azurblaues Polohemd trug und klassisch den Kragen hochgestellt hatte. „Avanti, avanti!“ drängten sich die anderen herein. Neben mir kam eine Dame zu sitzen, die sich – Klimaanlage! – sofort die Haube aufsetzte, während ich mein Mundlleiberl durchschwitze. Und links von mir – Danke, lieber Gott! – nahm eine österreichische Lehrerin Platz, die Italienisch lernen wollte, während die Italienerin neben ihr Deutsch lernen wollte. Als Lernsprache diente Englisch: „We say: It is difficult, you zuzuhören. You unterstand? Zuzu…“
In bestem Norditalienisch (sag ich mal) verkündete der Fahrer überraschend, dass er uns nur bis Tarvisio bringen werde, wo aber verlässlich ein Zug auf uns warten würde. Lautstark vorgebrachte Proteste ließ der Fahrer mit dieser fantastischen italienische Geste, die ihn mit erhobenen Armen von jeder Schuld befreite (wir kennen sie von italienischen Kickern, die so zum Schiedsrichter laufen, nachdem sie einen umgemäht haben), an sich abprallen. Da fiel mir auf, dass die neben mir stets drei Mal scharf hintereinander die Luft einzog, im Abstand von zehn Sekunden. It was difficult, ihr dabei zuzuhören. You understand?
Der Fahrer nahm tatsächlich die falsche Ausfahrt, was uns eine zusätzliche Verspätung von 20 Minuten einbrachte. Wut und Verzweiflung sind in solchen Fällen die treuen Begleiter der Menschenkinder, und vor ein paar Jahren kam das Handy dazu, in das wir Wut und Verzweiflung auch hineinreden können: „Mutti, Vati, Tochter, Sohn - ich weiß nicht, wann ich ankommen werde! Es ist ein Wahnsinn!“
Wir gurkten also gemütlich die Autobahn entlang mit langsam einschlafenden Füßen, und als wir endlich von ihr abfuhren, war es bereits dunkel über Tarvisio geworden. Die Anzeigentafel am Bahnhof immerhin leuchtete noch hell, und auf der war unser Zug angezeigt, der auf Binario Due abfahren sollte. Der liegt dort ziemlich weit unten, also schleppten alle ihre Koffer, Räder, Kinder und die dazugehörige Wägen dorthin, wo tatsächlich ein Zug bereitstand, nur leider der nach Udine. Nachdem dieser abgefahren war (und mit ihm alle Hoffnung), wurde es still. Weit und breit war kein ÖBBler zu sehen, der uns hätte trösten, geschweige denn informieren können. Es war kurz vor 20 Uhr, und ein sorgenvoller Blick nach vorne sagte mir, dass der Nachtzug um 3.55 hier ankommen würde, ein Blick nach hinten ließ mich fragen, warum ich nicht doch die Reservierung für ihn in Santa Lucia gekauft hatte?
Einigen riss die Hutschnur – mir! –, andere versuchten sich im Zen und riefen die Hotline an. Bis überraschend einer aus einer Türe trat und sprach: Die beiden Busse kommen zurück und bringen euch doch nach Villach. Gute Pointe eigentlich! Da hätte Kaurismäki einen schönen finnischen Schwarzweißfilm daraus machen können, mit Reisenden, die aneinander gelehnt am Bahnsteig stehen.
Wir stiegen also wieder alle empor, wo wir abermals in Dunkelheit und Kälte standen wie hingestellt und nicht abgeholt. Würden die Busse tstsächlich kommen, und wenn ja, wann? Wir waren alle recht leise und kleingläubig geworden, als sie wie Moses mit seiner Tafel endlich auftauchten, noch eine Extrarunde drehend und dann endlich vor uns zum Stillstand kommend. Wieder nützte ich die Gunst des leichten Gepäcks, und schon saß ich wieder dort, wo ich vorhin gesessen war, nur im anderen Bus mit dem anderen Fahrer, der über seinen Chef herzog: „È pazzo!“ Er ist verrückt! Dann musste er ein paar Zettel ausfüllen. Draußen stand noch einer, der um seinen Koffer fürchtete, solange die Kofferraumtüre nicht geschlossen war. Aber wer sollte ihn stehlen? Fuchs und Hase, bevor sie sich hier Gute Nacht sagten?
Mit einer gefühlten Woche und einer tatsächlichen Stunde Verspätung kamen wir doch noch am Bahnhof in Villach an. Mein Blick richtete sich wieder nach vorne, und zwar nach ganz vorne am Bahnsteig, wo der Speisewagen stand . Kaum hatte ich Platz genommen, wuchtete schon einer seine schwere gelbe Tasche hinter meinen Sitz und nahm auf dem mir gegenüber Platz, Typ Seebär mit weißem Seefahrerbart, weißen Seefahrerhaaren und brauner Seefahrerhaut. Er bestellte das Oktoberfestmenü – Würstel mit Bier – und erzählte, dass er über Umwege aus Isola herübergekommen war, wo zwei Boote liegen würden, auf denen er unterrichtete.
Stellte sich also heraus, dass es der zwei Mal um die Welt gesegelte Hans Rauch war, den ich nie getroffen hätte, wenn wir nicht beide vom Schicksal herumgeworfen worden wären wie eine Jolle auf hoher See. Und während ich über das vergangene Leid klagte und die Ankunft in Wien ersehnte, erzählte er mir, dass er auf hoher See, als er einmal 28 Tage ganz alleine auf seinem Boot war, oft bäuchlings auf seinem Vorsegel lag, die Zehen im Wasser und das Auf und Ab der Wellen spürend. Und dann dachte er beim Eintauchen des Bootes in die Wellen an etwas, das vor ihm lag, und beim Auftauchen an etwas, das hinter ihm lag. Und dazwischen an das Jetzt, das er ohnehin nicht ändern konnte.
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