Andreas Tieber – Bassist und Musikschulleiter a.D.
Fotos: Manfred Rebhandl
Im Keller des Hauses seiner Lebensgefährtin hat der legendäre Bassist Andreas Tieber eine Sammlung mit 72 Bassgitarren eingerichtet. Bei einem Besuch erzählt er über seine Anfänge in Gumpoldskirchen, seine Band The Form, Kokain in Wien und darüber, wie er Joe Zawinul dazu brachte, für die Musikschule Gumpoldskirchen seinen Namen herzugeben. Ein Portrait
Bass, Bass, wir brauchen Bass!
Andreas Tieber stammt aus gutbürgerlichem Haus in Gumpoldskirchen, sein Vater war 70 Jahre lang beim Kirchenchor der katholischen Pfarrkirche. Er selbst hat jedoch bereits mit 16 alles Katholische hinter sich gelassen und danach „eine Zeitlang im Östlichen herumgeschnuppert: Transzendentale Meditation und ähnliches Zeug, zum Leidwesen des Vaters.“
Klavierunterricht
Seine gutbürgerliche Herkunft bedeutete aber auch, dass er mit sieben Jahren zum Klavierspielen beginnen musste. „Und zwar bei der einzigen staatlich geprüften Pädagogin im Ort, die Noten von Czerny oder Der Schmied Opus irgendwas hatte.“ Diese Frau ist nach der Schule neben ihm am Klavier gesessen und hat, während er spielte, gegessen: „Ihre Mama stellte ihr immer den vollen Teller aufs Klavier, dann hat sie hineingeschaufelt, während sie ab und zu Fiiiiiis! oder Ciiiiis! geschrien hat.“ Die Handhaltung immerhin korrigierte sie ihm mit dem Bleistift und nicht mit dem Messer: „Ruuuunde Finger!“, rief sie. „Das war eine Tortur sondergleichen!“, fasst er zusammen.
Mit 14 hat er dieser Tortur Lebewohl gesagt und zu seinen Eltern: „Spart euch die Kohle, das wird nix!“ Immerhin ein bisserl Theorie und ein gutes Gehör hat er von der guten Frau mit ins Leben genommen. Beides schadete nicht, als sich in Gumpoldskirchen überraschend eine Band mit Gitarre, Schlagzeug, Gesang und Keyboard formierte. Fehlte nur noch ein Bass.
Sein erster Bass
Den hatte er sich gekauft, nachdem er als 16jähriger in den Sommerferien einen Monat lang in Deutschland bei Daimler am Band gearbeitet und dort sehr gut verdient hat. „Davon habe ich mir meine erste eigene Stereoanlage gekauft und einen Bass der italienischen Firma Eko. Das Holz hatte das spezifische Gewicht von Balsaholz“, erinnert er sich. Es war aber immerhin schwer genug, um bei ihm eine lebenslange Liebe zu diesem Instrument zu entfachen.
Ihre Band hieß Golgota, und sie nannten sich Hardrockband, als sie mit dem Covern von Songs begannen, die Anfang der 70er Jahre in der Hitparade waren: Black Sabbath mit Paranoid genauso wie – weniger Hardrock! – Peter Alexander mit Das kleine Beisl. „In Baden gab es ein Plattengeschäft“, erinnert er sich, „wo ich mir als erste LP überhaupt Cosmo’s Factory von CCR aus dem Jahr 1970 gekauft habe, da war Who‘ll Stop The Rain drauf.“ Danach ging es weiter mit Deep Purple und Made in Japan: „Bist du deppert!“, erinnert er sich auch daran. „Mörderisch! Unfassbar! Die hatten alle den großen Vorteil, dass sie wirklich spielen konnten.“ Und damit meinte er auch Roger Waters von Pink Floyd, an dem er neben Geezer Butler von Black Sabbath oder Roger Glover von Deep Purple sein Ohr schulte.
Erster Gig in der Kirche
„Denn Noten gab es zu diesen Songs damals keine, wir mussten alles nach Gehör nachspielen.“ Dafür probten sie in einem der zahlreichen Nebengebäude eines Gutsverwalters in Gumpoldskirchen. Ihr erster Gig fand dann aber nicht beim Heurigen, sondern – wie so oft damals am Land – in der Kirche statt. Golgota war dafür jedoch kein passender Name, also tauften sie sich kurzerhand ohne Segen des Pfarrers in Stoneys Bluesbreakers um und spielten als solche die „rhythmische Jazzmesse“, obwohl diese mit Jazz genauso wenig zu tun hatte wie mit Blues.
Lebensveränderung The Weather Report
So hätte es dahingehen können, jeden Sonntag eine rhythmische Messe. Und wer weiß, vielleicht wäre es sogar ein schönes Leben geworden. „Aber dann ist der Keyboarder auf einmal mit der ersten Weather Report-Platte dahergekommen – Mysterious Traveller.“ Und dazu fällt ihm nur ein: „Bist du deppert! Die war lebensverändernd. Da haben der Schlagzeuger, der Keyboarder und ich auf einmal in eine völlig neue Welt hineingehört, das war so geil!“ Flugs wurden die damals noch recht jungen alten Rocker „ins Abstellkammerl“ verbannt und durch Herbie Hancock, The Headhunters oder Brand X ersetzt.
Oder durch Chick Coreas Band Return To Forever, in der ein Bassist spielte, der ihn schlicht umhaute: „Unfassbar, wie der Stanley Clarke gespielt hat! Der hatte so lange Finger! Ich hab dem einmal die Hand gegeben und mir gedacht: Das gibt es nicht, was der für riesige Bratzen hat! Der spielte damit locker fünf Minuten uptempo, ich schaffte nie mehr als drei Minuten.“
https://en.wikipedia.org/wiki/Stanley_Clarke
https://de.wikipedia.org/wiki/Alembic_Series_I
Ihren Gitarristen hatten sie da schon gekündigt, „denn der wollte nichts mehr tun außer den Traum von den Hasen im Proberaum träumen.“ Hasen nannte man damals die jungen Mädels, wohl in Anlehnung an Hugh Hefners Playboy Bunnies, und ein paar sind sogar gekommen in den Proberaum, denn damals war man wer, wenn man eine Band gegründet hatte. Er selbst ging auffällig stolz durch Gumpoldskirchen, mit seiner Bassgitarre in der Hand, damit sie auch jeder sehen konnte.
Maturiert hat er trotz der „Hasen“, und danach hat er erst recht von einem „wilden Musikerleben geträumt, weil man ja Superstar werden und nicht nur die Stromrechnung bezahlen können will, wenn man jung ist.“ Der Vater freilich, ein Jurist, hatte als vielleicht erster in Österreich die Zuschreibung „Der langhaarige Rauschgiftsüchtige mit der Stromgitarre“ geprägt und ihm 1980 wegen seiner Federn und der Gitarre den Geldhahn zugedreht, von Drogen war da noch keine Rede. Blieb ihm also nur der Zivildienst, während dem er weiter träumen konnte. Als er den hinter sich gebracht hatte, drehte der Vater den Geldhahn aber nicht wieder auf, sondern verlangte vielmehr, dass er ab jetzt auf seinen eigenen Füßen stehen solle „und nicht auf meinen.“
Bei der Bundesländer-Versicherung
Immerhin stellte er ihn auf die Beine, indem er ihm „mit seinen guten Verbindungen einen Job in der Bundesländerversicherung besorgte“, wo der aufstrebende Bassist die nächsten drei Jahre und vier Monate buckelte: „Ein gut bezahlter, aber vollkommen sinnloser Job.“ Der ihm aber genug Zeit und Kraft ließ, nebenher für die Aufnahmeprüfung am Konservatorium Noten lesen zu lernen, in seinem Elternhaus, wo er im ersten Stock eine Bude hatte und heute immer noch hat.
Endlich am Konservatorium!
1982 war er dann einer von 29 Bewerbern am Konservatorium und wurde als einziger ausgewählt für das Studium der Popularmusik, Hauptfach E-Bass: „Da war ich gleich um einen Kopf größer!“ Die folgenden zwei Jahre bog er die 40 Versicherungsstunden pro Woche in Gleitzeit herunter und ging jeden Tag ab 15 Uhr aufs Kons, „wo nach dem Unterricht noch irgendwo eine Probe mit irgendeiner Band auf dem Programm stand und am Wochenende ein Gig!“
„Dann bin ich in die Studioszene hineingerutscht“, erzählt er von einem weiteren Turn in seinem Leben, und das kam so: „In der Rotgasse parallel zur Rotenturmstraße hat es das Olympiastudio gegeben, das von 1986 bis 1998 dem David Bronner (1965–2023) gehört hat, dem Sohn vom Gerhard. Da waren unten ein Tonstudio und ein Filmstudio eingerichtet, in dem auch die Stegreif-Fernsehserie Die liebe Familie aufgezeichnet wurde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_liebe_Familie
Kokain in Wien
Kein Wunder also, dass seine ersten Jobs in eine etwas seltsame Richtung gingen: Für eine LP-Produktion von Lore Krainer hat er gespielt oder für Der G’schupfte Ferdl reitet wieder von Erwin Steinhauer (1984). „Ich war technisch ziemlich fit, und mein Timing hat auch gepasst“, erzählt er von den Anfängen. Bald merkte er auch, dass man damit gutes Geld verdienen konnte. „Denn wenn du damals eine LP mit zwölf Titel eingespielt hast, gab es pro Titel eine Gage von 3000 Schilling, machte in Summe 36.000.“ Und dafür hätte er in der Bundesländer-Versicherung ziemlich lange arbeiten müssen.
Flugs kehrte er dieser den Rücken, um sich ausschließlich der Musik widmen und wieder mehr schlafen zu können. Aber dann tauchte in seinem Leben eine Substanz auf, die ihn erst recht rund um die Uhr wach halten konnte: Kokain. „Für ein Gramm musstest du damals 2000 Schilling auslegen.“ Das waren eineinhalb eingespielte Songs.
Bald aber bekam er das Zeug auch gratis: „Da haben wir einmal die LP von einer damals sehr bekannten englischen Musikerin aufgenommen, produziert hat sie der Markus Spiegel. Sie hat so einen englischen Wappler mitgehabt, mit dem sie abwechselnd einen Joint geraucht und ein Naserl gezogen hat.“ Da ist dann natürlich überhaupt nichts weitergegangen beim Produzieren. „Es war also schon vier Uhr in der Früh und wir waren immer noch nicht fertig, wie auf einmal der Spiegel daher gekommen ist wie das blühende Leben und ‚Kinder!‘ zu uns gesagt hat, weil der halt immer ‚Kinder!‘ zu uns gesagt hat: ‚Grüß euch Kinder, wie geht‘s euch denn? Seid ihr schon müde?‘“
Und sie alle haben „Ja“ gesagt.
„Da hat er in seinen Mantel gegriffen und so ein Nylonsackerl herausgeholt, ein größeres. Und im Aufenthaltsraum war so ein Rattantisch mit einer Glasplatte, auf die hat er alles draufgeleert. Dann hat jeder im Raum seinen Rüssel hineingehalten, und nach zwanzig Minuten war davon nichts mehr da.“ Dem Vater erzählte er davon freilich nichts.
Austropopper zum Teil Nebochanten
Wenn nicht musiziert wurde, erzählt er, hätte man sich im Gasthaus Wiener in der Hermanngasse im siebten Bezirk getroffen oder im Nana in der Alserstraße im Achten: „Dort hast du immer wen getroffen von den Austropoppern, die Stefanie Werger zum Beispiel – ein Wahnsinn! Der Bernhard Locker war sowohl ihr Gitarrist als auch seiner: „So ein zarter, zierlicher Kerl. Einmal ist die Werger im Nana gestanden in ihrer ganzen Opulenz in so einem lila-fliederfarbenen Strickpullover, sie hat ihn gesehen und geschrien: ‚Puuuuutzi!‘ Dann ist sie zu ihm hingewandert und hat ihn umarmt, sodass der Locker als Ganzes quasi verschwunden ist zwischen all ihren Ausbuchtungen, das war unfassbar.“ An ein paar – nicht alle! – der übrigen Austropopper erinnert er sich als “Nebochanten”. Was auf gut Wienerisch nichts anderes heißt als: Unfähige Menschen.
The Form
Sein erfolgreichstes eigenes Bandprojekt hieß The Form und wurde 1987 gegründet. Es spielten Marc Berry (Keyboards, Vocals), David Bronner (Keyboards), eben dieser Bernhard Locker (Gitarre), Heribert Metzker (Drums) und er am Bass. „1989 haben wir eine Platte herausgebracht, als wir bei CBS einen Major-Deal hatten. Die LP wurde in 13 Ländern veröffentlicht, und alle unsere drei Videos liefen auf MTV.“
Das erste haben sie auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios in München gedreht, in jenem U-Boot, das für den Film Das Boot als Kulisse diente. „Das war ein Nachtdreh, weil am Tag immer Touristen das U-Boot anschauen gekommen sind.“ Das zweite Video wurde in den Schweizer Bergen auf einem Hochplateau gedreht, wohin das ganze Equipment per Hubschrauber geflogen werden und eigens Strom gelegt werden musste. „Dann ist der Hubschrauber im Kreis geflogen, und die Band hat zum Playback performt.“ Schließlich hat der Hannes Rossacher noch ein drittes Video für 700000 Schilling in der Schiffswerft in Korneuburg gedreht, denn Geld spielte damals keine Rolle. „Die Österreichischen Toto nannte man uns“, erzählt er stolz. „Weil wir so eine gute Studioband waren.“
Als er 1989 selbst Vater wurde, erinnerte er sich seiner bürgerlichen Herkunft und der Sicherheit, die ihm diese letztlich doch auch geboten hat. Er überlegte also, wie er seinen eigenen Kindern etwas Ähnliches bieten könnte, Stichwort: Regelmäßiges Einkommen, für das man auch mal am Tag arbeiten konnte. Er ging also zum Gumpoldskirchener Bürgermeister, legte diesem seinen Kons-Abschluss auf den Amtsschimmeltisch und erwähnte, dass es in ganz Österreich keine einzige Musikschule mit einer eigenen Abteilung für Popularmusik geben würde. Zusatz: Das wär doch was für Gumpoldskirchen!
Seine geliebten Bässe
Das sah auch der Bürgermeister so, der ihn ab 1. Jänner 1988 mit einem Werkvertrag ausstattete, der schon ein Jahr später auf Druck des Bundes in ein reguläres Dienstverhältnis mit fixer Anstellung umgewandelt wurde. Als plötzlich zur unregelmäßigen Studiomusikerkohle auch noch die regelmäßige Musikschullehrergage dazu kam, konnte er anfangen, sich ein paar Bassgitarren zu kaufen, die ein höheres spezifisches Gewicht als Balsaholz hatten. Vornehmlich die der kalifornischen Marke Alembic, die heute in größerer Stückzahl in seinem Kellerstudio im Regal stehen: „Dieses Ding hier aus Kastanienwurzelholz mit Sterlingsilber hat einen Listenpreis ohne Shipping und Einfuhrumsatzsteuer von 35000 Dollar“, plaudert er aus der Schule. „Und dieser 5-saitige Bass aus gemasertem Nussholz ist sogar noch teurer.“ Kein Wunder, dass den auch der Chris Squire von den Yes gespielt hat.
Einer seiner schönsten Bässe stammt aber von einem anderen kalifornischen Gitarrenbauer namens Kenneth Lawrence: „Geflammtes Koa-Holz mit semi-akustischen Löchern und Abalone-Griffbretteinlagen statt Plastik. Den kriegt man um ca. 15000.“ Oft setzt er sich herunter in sein Kellerstudio und merkt erst nach einer Viertelstunde, dass er die ganze Zeit wieder einmal nur seine Bässe angeschaut hat. „Die Chefs dieser kleinen Produzenten“, erzählt er, „fahren mit dem Miniaturhammer zu den Holzhändlern und klopfen potenziell geeignetes Holz ab, aus dem sie einen Bass bauen könnten. Ein Corpus aus Ahorn klingt nämlich heller als ein Eschenkorpus oder Erlenkorpus.“ Die meisten seiner mittlerweile 72 Bassgitarren kaufte er gebraucht über die Online-Plattform Reverb. Lieblingsbass hat er keinen, „weil man alle seine Putzis gleich gut behandeln muss.“
Joe Zawinul Musikschule
Wie aber kam es dazu, dass die von ihm mitbegründete Gumpoldskirchener Musikschule ab 2003 den Namen von Joe Zawinul tragen durfte? „Der Zawinul war unser Hero“, erzählt er, „seit wir ihn mit 18, 19 zum ersten Mal gehört haben. Weil er ein Wiener war und einen ganz eigenen Zugang zur Musik hatte. Als wir die Musikschule gründeten, sahen wir in ihm so etwas wie unseren heimlichen Patron.“ Und beim Heurigen wagen sie nach dem Unterricht sogar hin und wieder ein bisserl zu träumen: „Das wär‘ doch leiwand, wenn unsere Musikschule seinen Namen tragen könnte!“
Lehrer und Schüler der Musikschule Gumpoldskirchen
Eines Tages war der Meister dann tatsächlich für ein Benefizkonzert in Baden angekündigt, und da dachte er: Jetzt oder nie! Hat er also seine Managerin, die Risa Zincke, angerufen und ihr sein Anliegen auseinandergesetzt, und diese verriet ihm, dass der Meister „extrem old school“ wäre. Wenn er also etwas von ihm wolle, müsse er ihm dies mit Füllfeder auf schönes Briefpapier schreiben und persönlich übergeben.
Den Brief hatte er schnell – und schön! – geschrieben, aber der alleine schien ihm nicht genug. Darum hat er noch eine CD mit Kompositionen von Zawinul produziert und dazugelegt: „Da waren der Conrad Schrenk an der Gitarre oder der Max Nagl am Saxophon mit dabei“, beides Lehrer der Schule. Damit ging er zu diesem Konzert, und als dieses zu Ende war, kam tatsächlich die Risa Zincke heraus und sagte zu ihm, der Zawinul hätte jetzt kurz Zeit für ihn. Obwohl er damals schon über 30 war, ging er „wia a Bua“ mit dem Brieferl und der CD in der Hand zu ihm und erstarrte in Ehrfurcht, bevor er doch noch ein paar Worte herausbrachte: „Es wäre uns eine Ehre …“
Zawinul, erzählt Tieber, war nach dem Konzert verschwitzt und hatte deswegen sein berühmtes Kapperl abgelegt, er hörte auch nur mit einem Ohr zu, so war sein Eindruck, aber doch so aufmerksam, dass er irgendwann sagte: „Na gib ma halt de CD, i hea s’ ma an und möld mi bei dir!“ Die ganze Begegnung hätte keine fünf Minuten gedauert, erinnert er sich, und dann wäre er wieder gegangen. Ohne große Hoffnung.
Am nächsten Tag aber rief er ihn schon an: „Hearst!“, sagte er, der mit seiner Band gerade auf dem Weg nach Italien war. „I hob mir de CD jetzt ang‘hört, und die ist ur super! Wir machen des, ihr kriegts meinen Namen!“ Bald darauf gab es einen Festakt am Hauptplatz in Gumpoldskirchen. „Der Zawinul ist mit seinem mittleren Sohn, dem Erich, gekommen, und als der offizielle Teil im Kunstwirtshaus vorbei war, hat er noch seine Lieblingsspeise gegessen – Backhendl mit Kartoffelsalat – und Schlibowitz getrunken.“ Zur Sache mit dem Schlibowitz fällt ihm noch ein: „Ja, bist denn du deppert!“ Geredet haben sie später, wenn sie sich mal im Birdland trafen, das der Zawinul dann ein paar Jahre lang geführt hat, nicht übermäßig viel, und wenn, dann kaum über Musik. Aber eines hat er ihm mitgegeben: „Du musst deine eigene Musik finden, weil keiner auf der Welt spielt deine Musik so wie du.“
„Hearst, drah o den Schaas!“
Bis heute gibt es keine andere Musikschule auf der Welt, die Zawinuls Namen tragen darf, und darauf ist Tieber durchaus ein wenig stolz. „Als er dann am nine-eleven 2007 gestorben ist, war ich zuhause, als mich die Nachricht ereilte.“ Erich Zawinul, der 2019 eines der ersten Covid-Opfer werden sollte, erzählte ihm später einmal, dass er kurz zuvor noch beim Vater im Krankenhaus war. „Er ist an zig Schläuchen gehangen und alles hat geblinkt. Und als ein Arzt hereinkam, hat der Vater zu ihm gesagt: Hearst, i schau ja aus wia a Christbam, drah o den Schaas!“ Er war halt ein Wiener, auch noch im Angesicht des Todes.
Andreas Tieber mit dem Joe Zawinul-Award
Mit Zawinuls ältestem Sohn Anthony, der nicht sein leiblicher Sohn war, haben sie dann „im Sinne des Papas“ noch den Joe Zawinul-Award ins Leben gerufen, eine Cooperation zwischen Los Angeles und Gumpoldskirchen: „Da können sich junge Musiker jeder Stilrichtung bewerben, und die jeweiligen Sieger fahren auf Kosten der Musikschule einerseits und der Zawinul Foundation for Achievment andererseits, die der Tony in Los Angeles leitet, für jeweils drei Wochen in das andere Land. Sie wohnen dort bei einer Familie, kriegen den Austrian oder den American way of life mit plus Unterricht von ausgesuchten Lehrern.“ Ein österreichischer Klavierspieler hätte drüben in L.A. sogar mal beim Herbie Hancock Privatstunden bekommen. „Das musst du dir mal vorstellen!“
Obwohl dort auch seine geliebten Alembic Bässe produziert werden, kann er selbst mit dem Golden State nichts anfangen, „weil dort sind die Plastic people zuhause.“ Lieber fährt er nach New England hinauf, über die Niagra Falls bis nach Montreal oder Quebec. Und das größte musikalische Genie, sagt er, stamme ohnehin nicht aus Kalifornien – „Wo wirklich viele musikalische Genies leben!“ –, sondern aus Fort Lauderdale im Sunshine State Florida.
Jaco Pastorius
Er spricht von Jaco Pastorius, der auch bei Zawinuls The Weather Report den Bass spielte: „Die wirklich großen Musiker erkennst du nach zwei Takten, dann ist alles klar“, sagt er. Aber bei Jaco Pastorius wäre es noch einmal etwas anderes gewesen: „Wenn ich den höre und einen Summenstrich ziehe, dann steht darunter: Bist du deppert!“ Freilich bescherte ihm sein Genie kein langes Leben, denn: „Als er mit 37 schon völlig versandelt in einen Nachtclub hinein wollte, hat er zum Randalieren angefangen, und der Türlsteher hat ihn derschlagen.“
Bis dahin hatte er aber hoffentlich ein erfülltes Leben mit seiner Musik. „Weil wie hat der Nietzsche gesagt?“, fragt Tieber zum Abschied. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“
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