The Days And Years After - über das AKW Zwentendorf

Fotos: Manfred Rebhandl

Stefan Zach ist ein Sammler: Andere mögen noch Atomkraft – Nein danke!-Kleber an ihrer Schlafzimmertüre picken haben, er hat eine schöne Sammlung mit Pro-AKW-Klebern an seiner Bürowand. Kernkraft und Kohle – Ja! oder Atomkraftgegner überwintern bei Dunkelheit mit kaltem Hintern heißt es da. Aber auch sonst hat er allerlei Lustiges auf Lager, wenn er über die Zeit des AKWs Zwentendorf nach der Abstimmung am 5. November 1978 spricht, die gegen eine Inbetriebnahme ausgegangen war.

Protokoll einer Führung durch “sein” AKW Zwentendorf

Mal schauen, wird schon werden …

“Die Eigentümer Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld GesmbH (GKT), an der die sieben Landesenergieversorgern sowie der Bund beteiligt waren, dachten zunächst, die Anlage könne irgendwann doch noch in Betrieb gehen, schließlich hatte man bis zu diesem Zeitpunkt bereits 500 Millionen Euro investiert. Also haben sie beschlossen, die Anlage in den Konservierungsbetrieb zu versetzen, was bedeutete, dass die 200 Mitarbeiter hier beschäftigt blieben, um die Anlage für den Tag X in Schuss zu halten. Ein Potemkinsches Dorf, ein Ort der Langeweile. In der alten Schaltwarte, dem meines Erachtens schönsten Raum im Kernkraftwerk, liegen noch die alten Schichtbücher aus den 70er und 80er Jahren, dort haben die Leute hineingeschrieben, womit sie sich beschäftigt haben: Sie haben Metallverbindungen auseinandergenommen und die Enden in Plastik eingeschweißt, damit sie nicht verrosten und man sie wieder zusammenschließen könnte – am Tag X.

Konservieren

Dieser Konservierungsbetrieb war ein klassisches österreichisches Provisorium, und das kann etwas sehr Stabiles sein. Die meisten Leute glauben ja, dass die Katastrophe von Tschernobyl 1986 das endgültige Ende von Zwentendorf gewesen wäre. Die Eigentümer haben aber bereits im Jahr davor beschlossen, den Konservierungsbetrieb zu beenden und ein Ersatzteillager für Kraftwerke in ganz Europa zu machen. Nicht nur für Kernkraftwerke, sondern auch für konventionelle Gas- oder Kohlekraftwerke, weil man die Teile aus dem Maschinenhaus wie Turbinen, Generatoren und Pumpen auch für konventionell kalorische Kraftwerke verwenden konnte.

Die Schreibmaschinen wurden nicht abverkauft.

Oder hätte verwenden können! Denn wie nahezu alles hier war auch dieser Ersatzteilverkauf kein Erfolg, 95 Prozent des Originalinventars sind noch vorhanden. Die beiden Geschäftsführer der GKT haben sehr unterschiedlich auf die Eigentümerentscheidung, den Konservierungsbetrieb zu beenden, reagiert. Der eine hat Selbstmord begangen, der andere ist in die Energiewirtschaft gewechselt und hat bis zu seiner Pensionierung Wasserkraftwerke geplant.

Mannschaft wechselt nach Dürnrohr oder ins Ausland

Hier ist es über die Jahre immer stiller und einsamer geworden. Ein Großteil der Mannschaft hat von hier aus zu Beginn der 80er Jahre begonnen, das Ersatzkraftwerk für Zwentendorf zu planen und dann auch zu errichten: das vier Kilometer Luftlinie entfernte Kohlekraftwerk Dürnrohr (https://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_D%C3%BCrnrohr), das 1985 und 1986 blockweise in Betrieb ging. Als diese Mitarbeiter dorthin übersiedelt sind, markierte dies das eigentliche Ende von Zwentendorf, weil das qualifizierte Fachpersonal abhanden gekommen ist. Andere, die unbedingt in Kernkraftwerken arbeiten wollten, gingen nach Deutschland, in die Schweiz, in die Vereinigten Staaten und einer nach Brasilien. Ich habe noch alle Personalakten im Keller des Kernkraftwerks gelagert, einige bunte Karrieren sind von hier aus gestartet.

Schutzanzüge mit gelber Schutzunterwäsche von Mäser

Hansi Fleischer - Legende

Am Schluss war hier nur noch eine Person beschäftigt, in einem verwunschenen Dornröschenschloss hinter einem langsam vor sich hin rostenden Doppelstacheldrahtzaun. Hansi Fleischer hat er geheißen, einer meiner absoluten Lieblingskollegen und liebevoll Der Hausmeister oder Der einsame Cowboy von Zwentendorf genannt. Er ist jeden Tag mit seiner Hündin, der Leonie, durch die Anlage geschlendert, mit einer Ölkanne in der Hand. Mit der hat er Metallteile eingeölt, damit sie nicht verrosten, weil man sie vielleicht doch einmal verkaufen kann – am Tag X.

Permanentes Scheitern

Zwentendorf ist in dieser Zeit zu einem weltweit einzigartigen Ort geworden und steht aus meiner Sicht für zwei Dinge: Erstens für permanentes Scheitern, denn hier ist über drei Jahrzehnte wirklich alles gescheitert, was geplant wurde. Und zweitens für einen Ort, der schräge Menschen und schräge Projekte angezogen hat wie sonst wohl keiner. Allerdings bin ich selbst, glaube ich, der einzige Mensch in diesem Land, den dieses Kernkraftwerk zu einem glücklichen Menschen gemacht hat. Der berühmte österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser hatte die Idee, hier ein Museum der fehlgeleiteten Technologien einzurichten, es ist gescheitert. Ein bekannter österreichischer Baumeister – nicht der Herr Lugner, sondern der Herr Rogner! – wollte hier ein Abenteuerland errichten, das Projekt ist gescheitert.

Proksch

Und dann hat diesen Ort auch ein sehr illustrer und etwas krimineller Österreicher für sich entdeckt. Udo Proksch hatte seinen Metallschrott auf der Lucona von der EVN gekauft, die wusste aber nicht, dass er ihn im Pazifik versenken würde. Zuvor schon wollte er die Trauerkultur in Österreich verändern und hat die Errichtung einer neuen Art von Friedhof geplant, weil er es wahnsinnig traurig fand, wenn die Verstorbenen unter der Erde verschwinden mussten und man ihre Gesichter nicht mehr sehen konnte. Er wollte sie stattdessen in große Glassäulen eingießen und sie dann hier auf der Freifläche neben dem Kernkraftwerk aufstellen. Auch dieses Projekt ist gescheitert. Ich fragte mich manchmal, warum ich selbst so viel über den Proksch erzähle, dafür gibt es vielleicht eine einfache Erklärung: Er hat mich als junger Bursche schon fasziniert, weil er so hässlich war und immer so schönste Freundinnen hatte. Eine war die Erika Pluhar, die mich vor sechs Jahren ebenfalls hier besuchte, sie war 13 Jahre lang mit ihm verheiratet.

Geplant war ein Siedewasserreaktor

Hollywood

Schließlich hat auch noch Hollywood dieses Kernkraftwerk für sich entdeckt, einer meiner Höhepunkte hier. Eines Tages kam mein späterer Generaldirektor, der in einer Nebenrolle einer der beiden Geschäftsführer der mäßig erfolgreichen Ersatzteilverkaufsgesellschaft war, zu mir ins Büro und hat mir so ein dickes Manuskript auf den Tisch geschmissen mit den Worten: „Schau dir das an, Hollywood will in unserem Kernkraftwerk einen Film drehen, ist das was?“ Ich habe dieses Drehbuch in einer Nacht ausgelesen, und ich muss sagen: Ich bin ein Fan von seichten Actionfilmen, aber diese Handlung war wirklich extrem seicht: Böse Terroristen besetzen ein Kernkraftwerk in New York und bedrohen die Welt. Aber! Einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler, Dolph Lundgren (http://dolph-ultimate.com/dolph-in/meltdown.html), rettet uns alle.

Ich war begeistert und habe diese Begeisterung auf meinen späteren Chef übertragen. Der hat einen super Vertrag mit der Filmfirma ausverhandelt, für zwei Drehtage sollten ein paar hunderttausend Schilling reinkommen. Es waren hier schon die Filmkulissen errichtet, der Dolph Lundgren hatte schon zwei Tage in Wien gedreht, wo ich ihn kennenlernen durfte, und war mit dem Auto auf dem Weg hierher nach Zwentendorf. Und dann ist auch dieses Projekt gescheitert, als die österreichische Filmproduktionsfirma in Konkurs gegangen ist und die Dreharbeiten abgebrochen wurden. Die Szenen, die in Wien schon gedreht worden sind, hat man mit Szenen, die schließlich in einem Schweizer Kernkraftwerk gedreht wurden, zu einem Film gemacht, der unter dem Titel Meltdown – Kernschmelze in die Kinos kam.

Geplant war ein Siedewasserreaktor

Sicherstes Kraftwerk der Welt

Zwentendorf war dann viele Jahre lang noch das sicherste Kernkraftwerk der Welt. Nicht nur, weil es nie in Betrieb gegangen ist, sondern weil in diesem Gebäude die NÖ. Landes-Gendarmerieschule untergebracht war und jeden Tag draußen am Parkplatz 70 bis 80 Polizistinnen und Polizisten exerziert haben.

2005 hat die EVN diese schräge alte Hütte dann gekauft. Warum? Dafür gibt es ein paar romantische Erklärungsmodelle, die wahren Gründe aber sind wirtschaftlicher Natur: Zwar wurde mit dem Erwerb des historischen Kernkraftwerks auch die Verantwortung für ein wunderschönes Stück österreichische Zeitgeschichte übernommen, vor allem aber ein 24 Hektar großes Kraftwerksgelände. Vom Dach aus sieht man sehr gut, dass man hier seit den 1980er Jahren in den Augebieten nichts mehr machen durfte, in den 70er Jahren ging das noch problemlos. Die EVN hat also einen zugelassenen Kraftwerksstandort mit toller Infrastruktur, kostengünstigen und umweltfreundlichen Transportwegen für Brennstoffe und Güter aller Art auf der Donau. Es liegt nahe am nächsten Umspannwerk und es gibt in einem Radius von vier Kilometern keine Nachbarn, die sich genervt fühlen könnten.

Aktuell gibt es aber keine Pläne hier etwas Entsprechendes zu machen, dafür sollte es vernünftig vermarktet werden. Es wurde deshalb ein internationales Sicherheitstrainingszentrum eingerichtet, das bis 2011 – da war die Katastrophe von Fukushima – durchgängig ausgebucht war. Heute wird es immer mehr zu einem Rückbautrainingszentrum für typgleiche Kraftwerke, die in den meisten europäischen Ländern nach Stilllegung schrittweise zurückgebaut werden müssen.

Bis wieder nur noch grüne Wiese da ist. So wie früher….”

Stefan Zach, 61, arbeitet seit 35 Jahren beim Energiekonzern Energieversorgung Niederösterreich (EVN). Seit 2004 leitet er die Unternehmenskommunikation, er kennt das AKW Zwentendorf wie kein anderer und veranstaltet dort regelmäßig Führungen.

Pro Atomkraft Kleber

Empfang

Im Schaltraum

Blick vom Dach auf die Donau

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Andreas Tieber - Bassist und Musikschulleiter a.D.