Ein Lob der Volksmusik

Gerhard mit seiner Steirischen.

Wegen des angekündigten schönen Wetters am kommenden Wochenende bin ich bereits heute am Land (wo jeder ein Auto braucht, aber drei hat, mit denen er/sie ständig hin und her fährt: Ins Lagerhaus, zum Billa, zum Hofer, zum Penny usw.) und besuche meine Mutter, die seit drei Jahren im Heim ist, wegen Demenz. Manchmal bin ich dem Herrgott deswegen böse, denn: Geht´s wirklich nicht ohne? Müsste doch möglich sein, wenn man Gott ist!

Auf dem Weg dorthin unterhielt ich mich im Zug mit einer wunderbar sympathischen Zugbegleiterin, die ein bisschen aus dem Nähkästchen plauderte. Eine Frage lautete: “Was kommt da auf uns zu?” Sie meinte die jungen Leute, deren Benehmen teilweise unter jeder Sau wäre. Rauchen am Klo ist da noch das wenigste. Neulich warf einer eine Getränkedose einfach auf den Boden. Sie wies ihn zurecht, und er sagte zu ihr: “Fick dich, du Hure! Geh heim kochen!” Als sie seinen Schülerausweis anschaute, sah sie, dass er acht Jahre alt war.

Manchmal bis häufig ist im Heim nicht viel los, wenn ich meine Mutter besuche, obwohl alle Betreuer und meistens Betreuerinnen sich dort um die Bewohner wirklich vorbildlich kümmern – danke dafür! Trotzdem wird halt viel herumgesessen, Zeit totgeschlagen, Däumchen gedreht und aufs Abendessen gewartet, das um 16.30 Uhr kommt.

Meine Mutter sitzt meist an einem Tisch, „ihrem“ Tisch, und schaut vor sich hin. Oder sie sitzt an diesem Tisch und hat die Augen geschlossen. Oder sie liegt in einem Massagesessel und schläft. Oder sitzt in ihrem Zimmer auf ihrem Bett und hält eine Puppe im Arm. Manchmal geht sie auch herum und ist nicht zu bremsen. Manchmal scheint sie zu beten, während sie wieder sitzt. Dann hat sie die Hände gefaltet und redet etwas, das man als Gebet erkennt, wenn man weiß, dass sie früher gebetet hat. Natürlich ist es kein „Beten“, das Gott gefallen würde. Aber ihr gefällt sicher auch nicht alles an Gott - die Sache mit der Demenz zum Beispiel. Also was soll´s.

Und manchmal fehlt jemand im Heim, der letzte Woche noch da war und bei den anderen gesessen ist. Er oder sie kann dann nicht mehr aus dem Zimmer. Oder ein Bild von ihm oder ihr findet sich an einem Partezettel, der beim Eingang aufgestellt ist. Gott hab sie alle selig.

Heute aber ist schon Party, als ich um 15 Uhr das Heim betrete. Ich sehe den Gerhard auf einem Stuhl im Gang sitzen, den ich von früher erkenne, als er in der Katholischen Jugend war und ich in der Katholischen Jungschar. Er ist 67, und es geht ihm ausgezeichnet, als ich ihn danach frage. Er spielt heute Nachmittag die Steirische Knopferlharmonika GCFB, beim legendären Edler Anton hat er von neun bis 12 spielen gelernt, dann hörte er auf. Mit 35 Jahren fing er wieder an mit einer Kindervolkstanzgruppe, die gab es 27 Jahre lang, bis Corona. Jetzt geht´s wieder los.

„Die Steirische ist ganz leicht zu spielen“, sagt er. Und wenn er einmal im Monat hierherkommt, fällt ihm das Spielen noch leichter. Er hat 170 Stücke in seinen Händen gespeichert. „Ich spiele ohne Noten, dafür in einer Tour“, lacht er. Wenn er sieht, welche Freude er den Menschen hier macht, dann freut es ihn noch mehr. Viele klatschen, manche haben Tränen in den Augen, weil sie sich wohl an früher erinnern. Der Mader Johann, eine Legende im Ort, die seit Jahrzehnten alle Partezettel sammelt und deswegen sogar im Guiness Buch der Rekorde war, klatscht am lautesten.

Über meine Mutter sagt der Gerhard : „Normalerweise müsste sie schon tanzen.“ Ich sagte: „Jetzt verarscht du mich.“ Zwar sehe ich, wie auch sie klatscht und sich freut, ihr Gesicht strahlt wie früher, wenn sie vor ihrem Haus in der Sonne saß und Freunde auf einen Kaffee vorbeischauten. „Jeder Tag ist nicht gleich“, sagt der Gerhard. „Aber normalerweise schnappt sie sich eine Schwester und tanzt. Vielleicht spiele ich ihr heute noch nicht schnell genug.“

Er spielt ein bisschen schneller, und dann beobachte ich tatsächlich das Wunder. Meine Mutter erhebt sich und bewegt sich langsam im Takt. Ich gehe zu ihr und nehme sie in den Arm. Wir tanzen, so wie man halt tanzt, wenn einer von zwei dement ist. Aber wir tanzen!

Dann setzen wir uns hin und ich umarme sie. Ich sehe voller Freude in ihre Augen, die auch voller Freude sind, und sage: „Mami! Du bist so eine gute Tänzerin! Du und der Vater, ihr ward die Besten, kannst du dich erinnern? Im Kemmetmüller seid ihr über den Tanzboden geflogen!“

Sie schaut mich an und strahlt. Und dann sagte sie: „Danke! Danke, dass du das gesagt hast!“

Sie bedankt sich dafür, dass ich es gesagt habe! Sie weiß, was ich meine! Sie weiß, wer ich bin. Sie strahlt über das ganze Gesicht und bedankt sich immer wieder. „Danke, dass du das gesagt hast.  Du bist so ein lieber Kerl! Ich denk ganz oft an dich.“

Ich denke auch oft an sie. Ab heute öfter daran, wie wir getanzt haben. Denn ich hatte noch nie mit ihr getanzt.

Danke, Gerhard!

Seine 170 Lieder

„Die ist ganz leicht zu spielen“, sagt er. Und wenn er einmal im Monat hierherkommt, fällt ihm das Spielen noch leichter. Er hat 170 Stücke in seinen Händen gespeichert. „Ich spiele ohne Noten, dafür in einer Tour“, lacht er. Wenn er sieht, welche Freude er den Menschen hier macht, dann freut es ihn auch. Viele Klatschen, manche haben Tränen in den Augen. Der Mader Johann, ein Unikum im Ort, das seit Jahrzehnten alle Partezettel sammelt und deswegen sogar im Guiness Buch der Rekorde war, klatscht am lautesten.

Über meine Mutter sagt der Gerhard : „Normalerweise müsste sie schon tanzen.“ Ich sagte: „Jetzt verarscht du mich.“ Zwar sehe ich, wie auch sie klatscht und sich freut, ihr Gesicht strahlt wie früher, wenn sie vor ihrem Haus in der Sonne saß und Freunde auf einen Kaffee vorbeischauten. „Jeder Tag ist nicht gleich“, sagt der Gerhard. „Aber normalerweise schnappt sie sich eine Schwester und tanzt. Vielleicht spiele ich ihr heute noch nicht schnell genug.“

Er spielt ein bisschen schneller, und dann beobachte ich tatsächlich das Wunder. Meine Mutter erhebt sich und bewegt sich langsam im Takt. Ich gehe zu ihr und nehme sie in den Arm. Wir tanzen, so wie man halt tanzt, wenn einer von zwei dement ist. Aber wir tanzen!

Dann setzen wir uns hin und ich umarme sie. Ich sehe ihr voller Freude in ihre Augen, die auch voller Freude sind, und sage: „Mami! Du bist so eine gute Tänzerin! Du und der Vater, ihr ward die Besten, kannst du dich erinnern? Im Kemmetmüller seid ihr über den Tanzboden geflogen!“

Sie schaut mich an und strahlt. Und dann sagte sie: „Danke! Danke, dass du das gesagt hast!“

Sie bedankt sich dafür, dass ich es gesagt habe. Sie weiß, was ich meine. Sie weiß, wer ich bin. Sie strahlt über das ganze Gesicht und bedankt sich immer wieder. „Danke, dass du das gesagt hast.  Du bist so ein lieber Kerl! Ich denk ganz oft an dich.“

Ich denke auch oft an sie. Und heute werde ich daran denken, wie wir getanzt haben.

Danke, Gerhard!

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