Rosi Grieder - ein erfülltes Leben
Foto: Manfred Rebhandl
Die Malerin und Grafikerin Rosi Bednarik-Grieder (82) lebt seit 50 Jahren in ihrem Haus in Pleißing im nördlichen Weinviertel. Ich habe sie an einem schönen Frühsommertag besucht. Ein Porträt.
Ihre Schwester holt mich in Retz vom Bahnhof ab und bringt mich die paar Kilometer nach Pleißing in der Gemeinde Hardegg, wo Rosi Bednarik-Grieder seit 50 Jahren lebt, in einem alten, wunderschön renovierten Weinhaus. Sie wuchs zusammen mit ihren Eltern und den vier Geschwistern in der damals neu errichteten Künstlersiedlung Stadlau auf (https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Siedlung_Stadlau). Ihr Vater Karl Bednarik war ein Maler und Schriftsteller, nach dem eine Gasse im 22. Bezirk benannt ist. Er war Aktivist auf Seiten der Sozis und bekämpfte sowohl Austrofaschismus als auch Hitler. „Er hatte viele Künstlerfreunde“, erinnert sich seine Tochter, „die in unserem offenen Haus ein- und ausgegangen sind. Sie waren für mich wie Onkeln und Tanten.“ Barbara Coudenhove-Kalergi, Liesl Geisler oder Maria Biljan-Bilger zählten dazu. „Rückblickend war es ein ländliches Leben mit vielen Freiheiten“, erzählt sie. „Wir sind auf der G’stett‘n gewesen und haben diese kleinen Plastiksachen, die im Linde Kaffee versteckt waren, gesucht.“ Dabei war sie körperlich eingeschränkt, nachdem sie 1944 ohne Hüftkugeln zur Welt gekommen war.
Ohne Hüftkugeln zur Welt gekommen
„Die Mutter ist von Langenzersdorf, wo ich geboren wurde, zu Fuß mit mir nach Wien ins Orthopädische Spital gegangen, weil ich nicht sitzen konnte. Dort haben sie mich von oben bis unten eingegipst.“ Nach vielen Wochen bestand die Mutter darauf, dass der Gips endlich runter müsse, „da war er schon eingewachsen.“ Die Ärzte legten ihr Schienen an, und die Hüftkugeln entwickelten sich doch noch ohne Schenkelhals. „Am Ende war es wuscht, ich bin auch mit der Schiene überall herumgerannt.“ Allerdings wuchs sie später nur bis zu einer Größe von 1.56, was sie mit der Not während des Krieges erklärt: „Als ich geboren wurde, gab es nur Grießkoch zum Essen, und in der Küche stand ein Haferflockensack, an dem sich mein Bruder Toni bediente.“ Immerhin einmal im Monat hat der Papa ein Steak bekommen, und die Kinder sind mit Wasser im Mund um ihn herum gesessen und haben es bestaunt.
Nach der Matura studierte sie an der Angewandten in Wien in der Klasse von Prof. Herberth Druckgraphik und machte 1967 ihr Diplom. Ab 1968 nannte sie sich Freie Grafikdesignerin, hat aber auch kurz am Pädagogischen Gymnasium in Wiener Neustadt als Zeichenlehrerin gearbeitet: „Ich war klein und hatte Kleidergröße 36. Die in der Fünften haben noch ein bisserl zugehört, die in der Sechsten haben sich schon mehr selbst beschäftigt, die Siebte hat Karten gespielt und die Achte ist ins Café gegangen.“ Das ständige Hin- und Herfahren wegen zwei Stunden Unterricht hat ihr auch nicht gefallen, also hörte sie auf.
Große Liebe
Da war sie schon seit ein paar Jahren in einer Beziehung mit einem sieben Jahre älteren Mann, ein Bergsteigerfreund: „Der war zwar nett, hat aber immer auch Späße über mich gemacht.“ Vielleicht mit ein Grund, warum sie sich schon nach einem Jahr Ehe Hals über Kopf in den Schweizer Maler und Grafiker Lorenz Grieder verliebte, der seinerseits sieben Jahre jünger war als sie.
„Da war ich mit Kolleginnen von der Angewandten zur Buchmesse in Bologna“, erzählt sie. Während eines Ausflugs nach Ravenna ist er ihr hinten im Autobus schon aufgefallen, wo er mit einer Frau saß und Italienisch redete. Er war Schweizer aus dem Tessin, und die Frau an seiner Seite war seine Mutter. „Er hatte braune Augen und war so nett, es war Liebe auf den ersten Blick“, schwärmt sie noch heute. Seine Mutter aber war gegen diese Beziehung. „Die Familie lebte in Basel, Wien war für sie Ostblock. Und ich war ihr zu klein und zu schiarch.“
Lorenz Grieders Vater Walter war ein bekannter Kinderbuchautor und hatte bei dieser Buchmesse ausgestellt. Er war unehelicher Sohn des schwerreichen Reeders und Kunstsammlers Max Geldner, „der viel älter war als seine Frau und ein Tiroler Dienstmädchen geschwängert hatte. Sie gaben den Bub zu einer Familie in die Ostschweiz. Später finanzierte ihm der Kunstsammler nur eine Ausbildung, geerbt hat er nie etwas.“ Ein Teil der umfangreichen Kunstsammlung Geldner hängt heute im Kunsthaus Basel, und wenn sie später dort Bilder betrachtete, dachte sie manchmal: „Ein paar davon hätten meinem Mann gehören können.“
Als dieser in der Schweiz zum Militärdienst einberufen wurde, war er 19 Jahre alt und zog es vor, zu ihr nach Wien zu kommen. Seine Mutter hat ihm 100 Franken monatlich geschickt, sie selbst hatte damals schon eigenes Geld verdient und in der Wickenburggasse im Achten Bezirk eine Wohnung angemietet. „Eine alte Zahnarztpraxis, wo wir erst Badezimmer und Küche einbauen mussten. Sein gleichaltriger Freund kam auch mit und ging mit ihm auf die Grafische.“ Bald gründeten sie zusammen das Atelier Grieder Grafik, sie illustrierte auch Kinderbücher und malte Bilder.
Als gute Bergsteigerin ist sie bei Seilschaften immer vorausgegangen, erzählt sie, und als sie ihren Mann kennenlernte, dachte sie: „Der muss doch alles können, was ich auch kann, er ist Schweizer!“ Aber dann ging sie einmal mit ihm auf die Rax, „wo es am Alpenvereinssteig drei 100 Meter hohe Leitern gibt. Als wir oben waren, schaute er mich an und sagt: Du weißt schon, dass ich nicht schwindelfrei bin?“ Die Sommer verbrachten sie trotzdem in Zermatt, wo sie Malkurse anbot. „Das liegt auf 1800 Metern Seehöhe, und darum herum siehst du 28 Viertausender.“ Castor, Pollux und das Breithorn hat sie bestiegen, und das kleine Matterhorn auch. Am Matterhorn selbst aber war sie nie, „denn das ist der verschissenste Berg überhaupt. Da dürfen die mit Führer gleich in der Früh hinauf, und die ohne Führer müssen warten, bis der Auftrieb vorbei ist.“ Ihre Zermatt Bilder hängen heute im Schlafzimmer ihres Hauses, das sie 1976 bezogen.
Monte Rosa von Rotenboden aus, 1999, Acryl, 70/100cm
Das Haus
„1976: Da hat sich der Niki Lauda dersteßen“, erinnert sie sich. „Die Reichsbrücke ist eingestürzt. Und ich war schwanger und wir haben geheiratet.“ Im Sommer sind sie dann auch noch in dieses Haus hier gezogen, das sie 1975 gekauft hatten. Als sie es besichtigten, wuchsen die Brenesseln mannshoch und die gewaltigen Bäume standen in voller Blüte. Inmitten des verwilderten Gartens stand ein Kriecherlbaum, und als sie sich bückte, fand sie eine Frucht: „Da entschied ich: Das Haus nehmen wir.“ Die 15000 Schilling Heiratsbeihilfe, die 1972 eingeführt wurde (https://www.familie.at/site/oesterreich/familienpolitik/familienpolitik/familienpolitikinoesterre/entwicklungen/article/2167.html), verwendeten sie als Teil des Kaufpreises für das 3000 m2 große Grundstück und das unbewohnbare Haus, das seit zwei Jahren leer stand. „Die Resi und die Rosi Stoiber, Tanten des ersten ORF-Rundfunkkorrespondenten Rudolf Stoiber in Amerika, lebten vor uns hier.“
Es ist eines der ältesten Häuser in Pleißing und liegt an der Durchzugsstraße „Es gab nur kaltes Wasser, die Wände waren grün gekalkt und die Mauern mit Bruchsteinen sowie gebrannten und ungebrannten Lehmziegel gebaut, die mit Kuhmist angeworfen waren. Das Dach war mit Stroh gedeckt. Es gibt keinen Keller. Als das Hochwasser war, ist der Pleißingbach zum Fluss geworden und die Straße vor unserem Fenster hinuntergeschossen, aber wir blieben verschont. In der Kirche und der Schule war überall Wasser.“ Die Renovierung dauerte zwei Jahre, im ehemaligen Hendlstall richtete sie sich ihr Atelier ein, im ehemaligen Ochsenstall das von ihrem Mann: „Da waren diese Gewölbe, die immer auf die Reinzeichnungen gerieselt haben.“
Im ganzen Haus stehen noch heute Apple Computer herum wie in einem Museum. Sie wurden ab 1988 für ihr Graphik-Büro angeschafft, und auch die notwendige Software mussten sie alle zwei Jahre lizenzieren. Einen eigenen Drucker hatten sie nicht, daher mussten sie mit ihren Dateien immer nach Wien zu Satz und Bild gefahren, um die Entwürfe auf A3 auszudrucken.
„Ich bin aus der Kirche ausgetreten, als der Papst den Pinochet anerkannt hat, da hat es mir gereicht“, erzählt sie. Trotzdem war die Drei-Königs-Aktion der Katholischen Jungschar 15 Jahre lang ein wichtiger Auftraggeber. Noch wichtiger aber war die Zentralsparkasse, wo sie 1969 nach ihrem Diplom einfach angeklopft und gefragt hat, ob sie etwas machen könne? „Ich zeichne Kinderbücher.“ Werbedirektor Karl Damisch hatte den Sparefroh aus Deutschland nach Österreich gebracht und wollte ihn modernisieren. Sie machte aus der Sparefroh-Zeitung das erste Vier-Farben-Rollenoffset-Medium in Österreich, das in Innsbruck gedruckt wurde, wohin sie immer mit dem Zug zum Andruck fuhr.
„Den Sparefroh selbst hat meist der Lorenz gezeichnet, ich habe die Redaktionssitzungen besucht. Im Winter wurde für den Sommer produziert, im Sommer für den Winter – wie bei Modejournalen. Der Buchclub der Jugend, der Schallplattenclub und der Bastelonkel, der immer im Fernsehen gekommen ist, waren auch immer drin.“ So prägte sie über Jahrzehnte die Erinnerungen österreichischer Schulkinder, denen mit dem Sparefroh Wirtschaftskunde vermittelt werden sollte. Ihr Bruder Herbert hat die Fotos gemacht, Kinder aus der Umgebung dienten als Models für die Covers.
Das Österreichische Sparkassenmuseum in Groß Siegharts ist vor einem halben Jahr an sie herangetreten, ob sie Sachen zum Ausstellen hätte anlässlich der Feierlichkeiten zu 100 Jahre Weltspartag und 70 Jahre Sparefroh. Sie hatte noch alle Zeitungen, die sie über 30 Jahre lang verantwortete, und alle Poster, die im Obergeschoß unter einem Bett in einer Mappe lagern. Die Zeitung erschien sechs Mal pro Jahr und lag in allen Sparkassenfilialen auf, sie bekam 5000 Schilling für jedes Heft. Als sie aufs Land zogen, haben die in der Zentrale gemeint, „das könnt ihr doch nicht machen, wie sollen wir euch dort erreichen?“ Danach fuhren sie jeden Dienstag nach Wien, um ihre Arbeiten zu präsentieren, und nannten diesen Tag Wienstag. Als ihr Mann Lorenz 2000 „weggegangen“ ist, verlor sie zahlreiche Aufträge. Vor allem aber verlor sie ihre große Liebe, „um die ich drei Tage, drei Monate, drei Wochen und drei Tage lang geweint habe.“
Fasnacht
Wir gehen hinauf in den ersten Stock ihres Hauses, „wo wir mal ein Mosaik gelegt haben für ein Schwimmbad in Wien.“ Da hängen noch ihre Fasnachtskostüme, die sie an gemeinsame schöne Zeiten erinnern. „Ich war nie eine, die auf Bälle ging, aber die Fasnacht in Basel habe ich geliebt. Sie gehen da im Marsch, und dann gibt es noch diese Guggenmusik.“ Sie hat sogar die Piccolo Flöte zu spielen gelernt, wobei: „Der Lorenz hat getrommelt, unser Sohn ist als Tambourmajor vorangegangen bei einem kleinen Familienzug, und dann kam einer hinter mir und sagte: Das wird schon noch.“ Nächstes Jahr ließ sie die Piccolo weg und ging nur im Vortrab: „Aber da hat man auch zu tun“, lacht sie. „Man muss den Platz frei machen.“ Sie war sogar Mitglied der ältesten Frauenclique Basels, die 1938 gegründet wurde und sich nach einer Abspaltung Die Alte Abverheyte nannte, auf gut Wienerisch: Die Abgesandelten.
https://www.srf.ch/news/die-abverheyte-die-aelteste-basler-frauenclique-feiert-geburtstag
https://www.fasnachts-comite.ch/basler-fasnacht/geschichte-und-wissenswertes
Garten
Mit ihren Nachbarn kommt sie hier gut aus, auch wenn man ihr manchmal die wilde Hecke wegschneiden und stattdessen einen Zaun hinstellen will. Das ist ein altes Problem am Land: Dass man „die Natur“ nicht will, sobald sie sich wie Natur verhält. In ihrer Scheune ist noch tonnenweise gehacktes Holz, das sie aber längst nicht mehr zum Haus tragen kann. Das sperrt sie nie zu, nachdem sie erfahren hat, „wie die Rosi oder die Resi, ich weiß es nimmer, gestorben ist“: Die war in der Nacht gestürzt und kam nicht mehr auf. In der Früh musste die Feuerwehr das Hoftor aufbrechen, dann musste der scharfe Hund erschossen werden. Dann brachen sie das Haustor auf und fanden sie auf dem Boden liegend vor. „Sie war schon erfroren, als man sie ins Krankenhaus brachte.“ Sie zeigt mir einen Feigenbaum, der nicht mehr wächst, und zwei Nussbäume, die sie erst vor zehn Jahren gesetzt hat und die schon weit in den Himmel ragen. Es ist wunderschön hier, friedlich und ruhig.
Sie schenkt mir eines ihrer Kinderbücher zur Erinnerung und einen Kalender mit Bildern, in ihrem roten Audi bringt sie mich zurück zum Bahnhof nach Retz. „Zunächst hatten wir hier einen Variant“, erzählt sie, während sie zügig die Landstraße dahinbrettert, „dann einen weißen Golf GTI, den der Lorenz mitgenommen hat, als er zurück in die Schweiz ging.“ Sie kaufte sich einen VW Beetle, aber der war nichts für sie, und so tauschte ihn gegen diesen Audi. Mit dem fährt sie aber nur noch nach Felling oder Retz, „aber nicht mehr nach Horn, seit ich einmal die Leitplanken gestreift habe, weil ich eingeschlafen bin.“
2007 veranstaltete sie mit der örtlichen Schule zusammen Leben im Dorf - Dorfansichten: „Da haben wir den Kindern historische Fotos gezeigt, die mein Bruder Herbert von den Leuten bekommen hat, und ihnen erzählt, wie das Leben damals war. Die Kinder wissen heute, wie die Leute in Amerika leben, aber von den Großeltern wissen sie nichts: Dass die so große Getreidegarben gehabt haben und mit der Sense geschnitten haben und es Kegelbahnen in der Wirtshäusern gab.“ Über ihr Leben weiß ich nun, dass es nicht perfekt war, aber insgesamt doch so, dass sie zufrieden „Danke“ sagen kann. Im Sommer wird sie wieder Rosenblüten pflücken und daraus Tee machen, den sie zu Weihnachten an Freunde verschenkt. Bis dahin wird es wunderbar riechen in ihrem Haus und in ihrem Garten, wo der alte Obstbaum steht, den sie immer noch malt.
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