Franz Schubert - Der Menschensammler
Foto: Stefan Arnswald
Von 2014 an programmierte der selbsternannte Kulturhackler und Menschensammler Franz Schubert (65) die Art-Lounge im Café Korb der Szenenlegende Susanne Widl im 1. Bezirk, 1760 Veranstaltungen sind es geworden. Im Februar ging er in Pension. Während eines langen Gesprächs lässt er Erlebtes Revue passieren.
Frage: Herr Schubert, Sie haben nun aufgehört, die Art-Lounge im Café Korb zu programmieren. Erzählen Sie uns doch bitte, wie alles anfing.
Schubert: Mit einem überraschenden Angebot der wunderbaren Inhaberin Susanne Widl (https://cafekorb.at/susanne-widl/). Ich hatte ja 2013 eine schwere Erschöpfungsdepression mit einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt, wo ich mich im Rahmen eines klassischen Krankenstandes auskurieren konnte. Ich neige ja dazu, sehr viel zu arbeiten, außerdem heißt es, dass ich ein furchtbarer Perfektionist bin. Aber ich hatte keine Empathie mehr, keine Freude, im Volksmund nennt man das Burnout. Im Landesklinikum Baden hatte ich die Erkenntnis, dass ich meinen damaligen Job beim Echo-Media-Verlag nicht ändern konnte, daher musste ich mich selbst ändern. Ich war damals jugendliche 53 und habe gekündigt, was in der Familie nicht so super ankam.
Susanne Widl, fotografiert von Christine de Grancy.
Frage: Dann saßen Sie im Sommer 2014 hier im Café Korb?
Schubert: Ich kannte das Korb und die wunderbare Inhaberin Susanne Widl schon länger, weil ich ja zuvor für den Echo-Media-Verlag die Kriminacht organisierte, und da war die Art Lounge immer wieder eine Location. Auch eine "Bloomsday"-Non-Stop-Lesung von 4 Uhr nachmittags bis 4 Uhr früh hatte ich hier mal organisiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Bloomsday). Kam ich also in den Scharnigarten und setzte mich hin auf einen Kaffee, kommt die liebe Susanne auf mich zu und fragt, was ich jetzt machen würde? Ich sagte: Ich bin jetzt 53 und habe knapp die Hälfte meines Lebens hinter mir, nun schaue ich, was ich aus der zweiten Lebenshälfte machen kann – ich bin ja Optimist! Schaut sie mich an und fragt: Willst du nicht für mich arbeiten? Zuerst dachte ich, als Kellner, aber dann haben wir uns ein paar Mal zusammengesetzt und das Jobprofil definiert. Sie kannte mich schon als verrückten Kerl und meinte, wenn ich ein bisserl weniger verrückt bin, geht sich das aus. Natürlich mit dem Ziel, Publikum zu generieren.
Frage: Die Art Lounge gab es da längst.
Schubert: Die Art Lounge wurde von Susanne Widl im Jahr 2001 gestaltet, aber da war noch ein bisschen Kegelbahn hier herunten. Sie war ja irgendwann in den 1960er Jahren nach New York eingeladen, und wer zu dieser Zeit von Wien nach New York reiste, hat einen anderen Planeten betreten. Wien war, und das wird immer wieder gerne kommuniziert, sehr grau und konservativ, die Kunstkulturszene war überschaubar. Dort war es anders, und dort gab es auch Clubs in dieser Form mit toller Musik im Untergeschoss. Sie aber wollte nicht nur Jazz - denn Jazz gab es damals genug in Wien mit dem Jazz Freddy oder dem Fatty George (https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Fatty_George)-, sondern alle Musik- und Kunstrichtungen. Es war immer ein Traum von ihr, die Art-Lounge als Spielstätte sehr divers auszurichten: „Schau, dass du interessante Leute herbringst!“, lautete der Auftrag.
Frage: Dafür musste die Kegelbahn weg?
Schubert: Der endgültige Abbau der Kegelbahn fand 2004 statt, die gab es seit 1904, und wenn ich heute eine Reiseführer über Wien entdecke, in dem steht, man müsse unbedingt die Kegelbahn im Korb besuchen, weiß ich, wie gut recherchiert wurde. Die Idee hatte also die Susanne, und ich „Kulturhackler“ und Menschensammler habe ihr dabei geholfen.
Frage: Die Art-Lounge selbst ist ja ein Kunstwerk.
Schubert: So kann man das sagen! Wandgestaltung von Peter Weibel, die andere Wand von Peter Kogler, die Decke von Günther Brus, eine interaktive Video-Installation von Alfredo Barsuglia. Und dann prangt hier noch ein Foto an der Wand von der legendären Christine de Grancy, das natürlich Susanne Widl zeigt.
Frage: Als Sie anfingen, gab es bereits das „1. Wiener Philosophen-Café“ in der Art-Lounge.
Schubert: Das startet kommenden Oktober in seine 30. Saison! Es wurde vom Dr. Gerhard Weinberger einberufen, der vor 30 Jahren österreichischer Botschafter in Paris war, wo es solche Philosophen-Cafés längst gab. Die Veranstaltung ist zunächst von einem Café zum anderen gewandert, weil kein Wirt sie haben wollte: „Die reden nur und konsumieren nichts!“ Bis der Werner Gabriel, der auch von Anfang an dabei war, die Frau Widl gefragt hat, ob sie nicht bei ihr bleiben könnten, von Oktober bis März alle zwei Wochen. Mit dem ehrlichen Hinweis, dass es kein großes Geschäft sein würde. Aber die Susanne hat immer über den Tellerrand hinausgeblickt und gesagt: „Wenn ich das nicht aushalte, ist mein Café sowieso für nichts – also kommt!“ Mittlerweile ist es auch international eine Institution. Die Veranstaltung beginnt immer an einem Samstag um 16 Uhr, die ersten Gäste sitzen ab 14 Uhr da, damit sie ihren angestammten Sitzplatz auf keinen Fall wem anderen überlassen, es ist immer gesteckt voll, 17-Jährige neben 90-Jährigen. Hier erfüllt sich auf ideale Weise, was Susanne Widl immer sagt: Ein Café ist ein Ort der Kommunikation.
Frage: Riefen Sie die Künstler an, oder riefen die Künstler sie an? Hat man Ihnen die Türe eingerannt?
Schubert: Die meisten haben sich bei mir gemeldet, ob sie hier auftreten können, im November 2024 beispielsweise war schon das komplette Jahr 2025 ausgebucht. Bei manchen – vor allem im musikalischen Bereich – wollte ich oft einfach sagen: Wenn du noch ein bisserl übst, kannst du in zwei Jahren wieder kommen. Es gab auch welche, die sehr aggressiv ein Nein nicht akzeptieren wollten und fragten: Wer entscheidet das überhaupt? Dann sagte ich: Das wird in einem streng demokratischen Prozess einstimmig von mir entschieden.
Frage: Erzählen Sie doch bitte von ein paar Höhepunkten.
Schubert: Puuuh! Wo anfangen? Einer war sicherlich der Opernsänger Julian Prégardien (https://de.wikipedia.org/wiki/Julian_Pr%C3%A9gardien). Der schrieb 2022 an die Office Adresse des Cafés, weil 2023 der Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert 200 Jahre alt sein würde. Als Schubert-Nerd plante er eine große Tour durch den deutschsprachigen Raum und fragte an, ob er auch hier auftreten dürfe. Als ich ihm mit meiner Franz Schubert-mail-Adresse antwortete, fühlte er sich zunächst natürlich verarscht – das Mißverständnis konnte rasch aufgeklärt werden -, aber dann gab Julian das erste seiner 16 Konzerte in Wien hier in der Art-Lounge, die wir locker zehn Mal mit diesem Topstar der internationalen Opernszene hätten füllen können.
Frage: Gerne mehr!
Schubert: Der große Al Cook, für den das Selbe galt. Er ist ein Publikums-Player und liebt es, wenn die Leute so dicht an ihm dran sind, aber das lieben hier alle. Oder 2015, als während der ersten Flüchtlingswelle ein Herr zu mir kam, der sich am Westbahnhof um alleine geflüchtete Kinder kümmerte, ich kannte ihn aus der Musikszene. Er organisierte hier ein Benefiz-Konzert mit dem Zipflo Weinrich, dem Harri Stoijka, dem Gidon Oechsner oder dem Roman Grinberg. Da war eine Dame, die eigentlich aufs Klo gegenüber gehen wollte, Typ Döblingerin, der es an nichts mangelt. Sie fragte, was man denn so spenden würde. Letztlich warf sie 200 Euro in die Box, am Ende hatten wir 8.000 Euro zusammen.
Frage: Einen noch!
Schubert: Ein paar Mal ist der großartig Earl Oakin hier aufgetreten, ein genialer Musikcomedian aus London, der ein Superstar hätte werden können, als der Paul McCartney die Wings gründete und mit ihm auf Tour gehen wollte. Aber er sagte: “No, Paul. You are the star, and I stay in London.” Der spielt bis heute in kleinen Clubs, dagegen ist die Art Lounge ein Ballsaal. Oder: Ö1-Lady Irine Suchy macht immer wieder Spaziergänge durch Wien, „Auf den Spuren von Clara Schumann oder Josephine Baker“ haben hier geendet. Clara Schumann war ja hier ums Eck tätig, weil der Musikverein da seinen Ursprung hatte, die Gerti Drassl hat gelesen und der Otto Lechner die Quetschenharmonika gespielt. Oder: Ali Turan, ein englischer Autor und Comedian, veranstaltet nun einmal im Monat das „Vienna Story Telling Collective“, bei dem die Art-Lounge zur Bühne für eine „Open Mic-Night“ wird.
Frage: Hört sich nach vollem Erfolg an.
Schubert: Weil sowohl Künstler als auch Publikum so vielfältig waren. Es hat kaum mal etwas gegeben, wo ich mir dachte, das passt überhaupt nicht. Einmal haben mir zwei Performance-Künstlerinnen gesagt, dass sie mit Ketchup und Mayonnaise herumspritzen werden, denen habe ich nur geantwortet: „Wenn es nach der performance wieder so aussieht wie vorher – kein Problem!“ Und – es hat großartig funktioniert.
Frage: Es gab also keine Schäden oder Zerstörungen? Die Lounge wurde nie unter Wasser gesetzt?
Schubert: Nein. Naja, die Art Lounge ist auch eine von 40 Locations beim Festival „Wien Modern“, da war mal eine Improvisationspianistin da, die mir das großartige Schimmel Piano (https://www.schimmel-pianos.de/) ein wenig zerstört hat, das alle Musiker lieben und schätzen, da es regelmäßig gestimmt wird. Oder - der Roland Guggenbichler, der ehemalige Keyboarder vom Ostbahn-Kurti, hat einmal so heftig gespielt, dass eine Basssaite gerissen ist. Aber zu großen Beschädigungen kam es nie.
Frage: Wie böse waren Ihnen die Kellner, dass sie hier während der Veranstaltungen immer rauf- und runterlaufen mussten?
Schubert: Sagen wir so, ich war bei ihnen sicher nicht der Beliebteste. Ich musste dann auch immer einschätzen, wie viele Leute bei den Veranstaltungen kommen würden, und entsprechend die Kellner einteilen. In der Regel sind bei jeder Schicht immer zwei oben. Es gab immer drei mögliche Probleme: Es sind zu viele Leute da, sodass sie nicht nachkommen. Es bestellen alle ein Essen, sodass sie erst recht nicht nachkommen. Oder es sind zu wenige Leute da, sodass sie kein Geschäft machen. Für mich war das öfters eine triple-loose Situation.
Frage: Wichtig waren auch geschlossenen Veranstaltungen?
Schubert: Und für die Kellner leichter zu handeln, weil man wusste: 45 Leute, 45 Schnitzel. Eines Tages ruft ein gewisser Michael Kunze an, der zahlreiche Texte für Musicals - u.a. „Elisabeth“, „Rebecca“, „Tanz der Vampire“ - geschrieben hat. Kunze lebt in Hamburg und ist verheiratet mit seiner Roswitha. Er wollte ihren 80. Geburtstag in der Art Lounge feiern, weil immer, wenn sie in Wien sind, kommen sie auf einen Kaffee. Während er mit ihr im Ronacher eine Probe zur Neuaufnahme von „Rebecca“ besucht hat, haben hier schon zwei eingeflogene Sängerinnen aus Hamburg ein Medely geprobt für 30 erlesene Gäste, darunter Penny McLean von Silver Convention. Sie hatten in den 1970ern diesen Superhit „Fly, Robin, Fly!“. Er hat mir erzählt, wie dieser zustande kam, als sie für eine andere Produktion das London Symphony Orchestra im Studio hatten und zwei Stunden früher fertig waren. Also was tun? Sein Chefmusiker hat ein bisschen herumgeklimpert, und die haben angefangen mitzuspielen, fertig war der Superhit! 1976 bekam er dafür als Produzent einen Grammy Award.
Frage: Wie wichtig ist es für die Art-Lounge, dass sie im Ersten liegt?
Schubert: Hier sind, glaube ich, noch 19.000 Menschen gemeldet, alles andere sind Besucher, auch Firmen und Anwaltskanzleien wandern ja langsam ab. Seit Einführung des Pfandes treiben sich hier die Unterstandslosen herum und durchsuchen die Mistkübel, drüben am Kohlmarkt hast du die ganzen superteuren Nobelgeschäfte, am Samstagnachmittag fahren hier die Poser mit ihren McLarens und Lamborghinis im Kreis. Wären wir in England, könnte man Wetten abschließen, ob der Ferrari noch ein fünftes Mal hier vorbeifährt. Das ist eine skurrile und interessante Wiener Mischung hier …
Frage: … eine typische Melange….
Schubert: … und ein perfektes Umfeld für die Art-Lounge.
Frage: Sie haben nun keine Telefonstecker mehr im Ohr, und Sie rauchen nicht mehr Kette.
Schubert: Das Rauchen hat mit meiner Gesundheit zu tun, und ja, es ist wesentlich ruhiger geworden in meinem Leben, was mir gefällt. Daher werde ich mein Telefonbuch auch nicht für etwaige weitere Projekte nützen, es wurde mir ja schon vorgeschlagen, eine Agentur zu gründen oder ein Buch zu schreiben.
Frage: Wie viele Veranstaltungen waren es denn insgesamt?
Schubert: 1760 in elf Jahren, und ich habe nur positive Erinnerungen. Wen ich alles treffen durfte! Einen kannte ich, der in Prag ein Literaturfestival organisiert und auf Youtube gesehen hat, dass ich einmal für den T.C. Boyle im Gartenbaukino Saxophon gespielt habe. Der kam nach Wien und fragte, ob ich das auch für den Chuck Palahniuk, Autor des Weltbestsellers „Fight Club“, in Prag machen würde. Habe ich also einen Auftritt gehabt im Palais Weißenstein in Prag vor 400 Gästen, live gestreamt. So hat sich von hier aus auch viel anderes ergeben, das Spaß machte…
Frage: Für den leidenschaftlichen Saxophonspieler Franz Schubert. Abschließend ein großes Dankeschön an die Chefin?
Schubert: Ein ganz großes Dankeschön! DANKE, liebe Susanne!
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