Cafétier Heinrich Weingartner führt - nicht mehr oft! - durch sein Billardmuseum
Fotos: Manfred Rebhandl
Cafétier Heinrich Weingartner führt ein vielleicht letztes Mal durch sein “Museum für Billard- und Kaffeehauskultur”, das im erstens Stock eines Altbaus nahe des Wiener Westbahnhofs untergebracht ist. Ab 2028 möchte er seine Sammlung in einem ebenerdigen Museum zeigen.
Ein Rundgang.
Cafétier Heinrich Weingartner führt die letzten Male durch die Räumlichkeiten seines Museums. „Am Samstag sind noch zwanzig Leute aus der Slowakei da gewesen“, sagt er. „Es ist halt grad viel los!“ Das „Kaffeehausmuseum Wien“, das er 2028 neu eröffnen möchte, soll dann nicht mehr im ersten Stock liegen, sondern ebenerdig.
Das ist die Zukunft.
Die Gegenwart mit Vergangenheit liegt in diesem Haus Ecke Neubaugürtel und Goldschlagstraße im 15. Wiener Gemeindebezirk. Es ist schon teilweise entkernt, so wie gerade viele Häuser in der Gegend, man darf vermuten: Umwandlung in Wohnungen zur Kurzzeitvermietung. „Das Museum ist 1993 von meinem Vater als Billardmuseum gegründet und um die Jahrtausendwende zusammen ihm in Museum für Billard- und Kaffeehauskultur umbenannt worden, weil noch so viele andere Sachen als Billard darin abgebildet sind“, erklärt er.
Wie viele Führungen er denn in dieser Zeit gemacht hat? Er führt seit 20 Jahren, sagt er, kann sich aber an eine erste Führung nicht mehr erinnern: „Es wird wohl so gewesen sein, dass der Vater ausgefallen ist, jedoch Leute da gewesen sind, die das Museum sehen haben wollen. Dann bin ich halt mit ihnen durchgegangen und habe begonnen zu führen“, sagt er, der als echter Wiener kunstvoll stets im Perfekt erzählt. „Das Wissen habe ich mir ja durch mein Aufwachsen, meinen Beruf und autodidaktisch angeeignet.“
Wir gehen hinauf in den ersten Stock, wo er ein Eisentor öffnet, dann weiter den Gang entlang an Bauschuttsäcken vorbei. Die Türe zu einer grün gestrichenen, auf den ersten Blick sehr geräumigen, aber seit vielen Jahren leerstehenden Wohnung steht offen. Die Türe daneben führt in sein Museum. Er sperrt sie auf, und wir treten ein.
Sehr förmlich begrüßt der Hausherr seine drei Gäste. „Billard“, beginnt er, „ist im Hoch- bis Spätmittelalter entstanden. Erst ist auf dem Boden, dann auf eigenen Tischen gespielt worden, später vor allem in sogenannten Ballhäusern, jedenfalls aber in Innenräumen, um Spiele, die man sonst im Freien gespielt hat – wie frühe Varianten von Golf oder Crocket –, auch drinnen spielen zu können. Das Billardspiel hat beim Adel und der gehobenen Gesellschaft bald große Beliebtheit genossen. Der französische König Louis XIV ist ein leidenschaftlicher Billardspieler gewesen, ebenso die britische Königin Maria Stuart, auch Mozart hat einen eigenen Tisch besessen.“
Mace und Queue
Auf zahlreichen Stichen und Bildern an den dicht behängten Wänden des Museums sieht man Menschen um Tische herum stehen, die bereits Banden hatten. „Die Bälle sind am Anfang sicherlich aus Holz gewesen“, sagt er, „und man hat mit Schlägern, später dann mit einem Mace gespielt. Wer nun vermutet, das wäre Französisch, der kann sich das lange Nachschlagen ersparen. Mace ist Englisch und heißt Keule.“ Mit dieser wurde der Ball bewegt.
Die Entwicklung des Queues
„Früh sind entlang der Banden unterhalb des Tuchs Schnüre verlegt worden, sodass sich der Ball wie von Geisterhand von der Bande wieder wegbewegt hat. Als Bezug ist praktisch immer ein grünes Tuch verwendet worden, um sich an das Rasenspiel anzulehnen. Die Versuchung, den Mace umzudrehen, ist natürlich groß gewesen, vor allem wenn der Ball nahe der Bande gelegen ist“, erklärt er weiter. Wie jeder Versuchung hat man auch dieser nachgegeben. „Also hat man begonnen, die ersten Queues zu entwickeln, die auf der einen Seite dick waren und auf der anderen dünn, aber noch ohne Leder an der Spitze.“
Er deutet auf eines der Bilder an der Wand mit einer Szene aus dem 18. Jahrhundert, das bereits Damen zeigt, die um den Tisch herum mit dem Mace hantieren und Herren, die den Queue verwenden. „Nun aber wäre die Frage“, sagt er, „ob sich das so abgespielt hat? Im Barock kann man sich das schon gut vorstellen! Trotzdem ist das Bild im 19. Jahrhundert entstanden und damit nicht zeitgenössisch.“ Plausibel scheint ihm, dass die Frauen durch ihre Mieder und Reifröcke in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt waren, so vom Tisch weggehalten wurden und dadurch den Mace verwenden mussten.
„Bald hat man die Queues mit Feilen aufgeraut, um ein Abgleiten am Ball zu verhindern, nicht selten hat man auch die Spitzen in der Mauer gedreht, wodurch Kalk daran haften geblieben ist. Dadurch hat man dem Ball einen gewissen Effet mitgeben können, was möglicherweise schon im 18. Jahrhunderts so stattgefunden hat.“
“The Spin Of Pool” zeigt den Franzosen François Mingaud
Erst auf das Jahr 1807 könne man den Beginn des modernen Billardspiels datieren: Auf einem Bild zeigt er uns François Mingaud, einen Offizier der napoleonischen Armee, „der wohl eine Ehrenhaft in der Bastille verbüßt hat. Er hat dort einen Billardtisch gehabt, was ihm Zeit und Gelegenheit gegeben hat, sich intensiv mit dem Spiel zu beschäftigen. Ihm hat man in der Folge die Erfindung des Queueleders zugeschrieben, wodurch richtige Effet-Stöße möglich geworden sind.“
Die Bälle, die geometrisch Kugeln sind
„Wir sind nun tief drinnen in der Zeit des Barock und Rokoko“, sagt er, als er uns Bälle mit Spielkartenmotiven darauf zeigt. „Es gibt heute vier große Billardspielarten. Da wäre zunächst Carambol, das man auch bei uns im Café Weingartner spielt. Dann das Pool-Billard, das sehr verbreitet ist. Weiters Snooker in der britischen Welt und das Pyramiden-Billard in der russischen.“
Die ersten Bälle waren aus Holz, später wurde Elfenbein verwendet – die Stoßzähne der Elefanten. Einen Ball zu drechseln, wäre heute noch Gegenstand im dritten Lehrjahr eines angehenden Drechslergesellen, sagt er. „Elfenbein ist teure Kolonialware gewesen und hat in die Hände erfahrener Handwerker gegeben werden müssen.“ Auch das Elfenbein vom Mammut wurde im russischen Pyramidenbillard verwendet, „und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass es viel weniger glänzt.“ Vorteil: „Es kann legal gehandelt werden, weil Artenschutz natürlich keine Rolle mehr spielt.“ Lange Zeit wurde die Elefantenjagd mit der Produktion von Billardbällen aus Elfenbein und Klaviertasten gleichgesetzt und entsprechend verurteilt. „Aber Elefanten sterben schon längst nicht mehr für Billardbälle!“, sagt er. „Bereits aus dem Jahre 1821 haben wir einen Nachweis über die Verwendung von Kunststoff, die Qualität hat aber nicht an die des Elfenbeins herangereicht. Erst ab den 1930er Jahren hat sich Kunststoff als Standard für Billardbälle begonnen durchzusetzen.“
Herr Weingartner mit Elfenbein und Billardbällen
Wir gehen weiter, und er kommt auf die Banden zu sprechen: „Frühe Billardbanden sind mit Rosshaar oder Stoff ausgestopft worden, bald hat man metallene Sprungfedern mit eingepasst.“ Ab den 1940er Jahren habe man begonnen, Gummi einzusetzen. „Im Ersten Weltkrieg hat man den Gummi aber für die neu aufkommenden Radpanzer benötigt, es hat in den Jahren 1917 und 1918 Bestandserhebungen und Beschlagnahmen von Gummi-Billardbanden gegeben.“ Und da wären viele froh gewesen, wenn sie noch die alten Stopfbanden gehabt hätten! Gelegentlich wurden die Löcher der Billardtische kunstvoll ausgestaltet und mit sehr teuren Ballfängern versehen: „Hier zu sehen als Justitia oder als Napoleon I.“, sagt er, als er uns entsprechende Ballfänger zeigt.
Regeln
Und weiter: „Wir haben oft erlebt, dass Leute glauben, beim Billard hätte es immer schon offizielle Regeln gegeben. Dabei sind es anfangs einfach nur Hausregeln gewesen, auf die man sich geeinigt hat. Alle frühen Regeln zu erforschen, hat sich noch niemand die Mühe gemacht, da wäre wirklich noch viel zu tun.“ Eine halbe Wand seines Museums ist vollgehängt mit verschiedensten Billardregeln, die älteste erhaltene datiert aus dem Jahr 1795. Hinter der Vielzahl an gedruckten Billardregeln, die man in Kaffeehäusern aufgehängt hat, müsse man auch ein Geschäftsinteresse erkennen, sagt er, „denn jede neue Regel hat einen neuen schönen Druck bedeutet, der für die jeweilige Billardtischlerei eine Werbung dargestellt hat.“
Foto: Manfred Rebhandl
Wendebillard und Kegelbillard
Das Wendebillard, von dem er eines besitzt, „ist nicht immer so beliebt gewesen, weil die eingefleischten Carambolspieler nicht auf etwas Hybridem haben spielen wollen, sondern auf einem richtigen Billardbrett. Heute bewundern wir diese Idee mit einer Platte für Carambol auf der einen Seite und einer für Lochbillard auf der anderen.“ Dass heute noch Wendebillards öffentlich zugänglich neu aufgestellt werden würden, wäre allerdings undenkbar: „Man stelle sich vor, da käme ein Kind mit seinen Fingern hinein! Die Lochbillardseite ist übrigens für Kegelbillard gewesen, das in Wien eben auf Lochbillardtischen gespielt worden ist.” Andere, noch heute gespielte Kegelbillardvarianten gäbe es in Sachsen, in Dänemark, auf dem Balkan oder in Italien, wo man sie Cinque Birilli nennt.
Der Markör
“Als das Billardspiel begonnen hat, sich in den Kaffeehäusern zu verbreiten, war für die Betreuung des Spiels eine Person zuständig, welche die Berufsbezeichnung Marqueur oder später in Wien Markör erhalten und die Spielzeit notiert, also markiert hat - freilich neben sonstigen Tätigkeiten. Dadurch, dass sich in der Folge jeder Kaffeehauskellner als Markör bezeichnet hat“, erklärt er, „hat er sich auch im Stand von anderen Kellnern, z.b. denen in Gasthäusern, abheben können. So sind die Wiener Kaffeehauskellner zu Markören geworden.“ Sogar in den Wiener Adressbüchern, die bis 1942 erschienen sind, waren sie mit ihrem Namen und dieser Berufsbezeichnung eingetragen.
„Es gibt die Theorie, dass Billard überhaupt der erste Sport gewesen ist“, erklärt er weiter, „also mit einheitlichen Spielregeln und Organisation. Dabei ist immer auch um Geld gespielt worden.“ In Wien hätte es die berühmten „Tatzerlpartien“ gegeben, wo sich Geld auf einer Untertasse gesammelt hat, bis es der Gewinner hat einsteckten können.
Spiele, Zeitungen, Wohnzimmer
„Gehen wir weiter“, lädt er uns in den nächsten dieser wunderschönen Räume ein. „Ich habe schon davon gesprochen, dass Billard in den Kaffeehäusern seinen Platz gehabt hat, aber natürlich auch andere Spiele: Schach, Backgammon oder Domino, das damals sehr häufig gespielt worden ist, und natürlich Kartenspiele, allen voran Tarock.“ Und dann wäre es dem Kaffeehausbesucher vor allem auch um das Im-Kaffeehaus-Zeit- Verbringen gegangen, ohne einem bestimmten Zweck zu folgen. Man hätte in den Kaffeehäusern auch telefonieren oder die Post empfangen und absenden können, und apropos: „Die Kaffeesieder, wie die Kaffeehausbesitzer richtig heißen, haben ihre Kaffeehäuser gerne abbilden und diese Lithografien und Fotografien als Postkarten drucken lassen, die dann im Kaffeehaus zum Verkauf angeboten worden sind. Dadurch haben wir heute eine wundervolle Dokumentation der Billard- und Kaffeehauskultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts von großen Teilen Europas.“ Das Sammeln dieser Karten ist eine weitere seiner vielen Leidenschaften.
Frauen im Café
„Bis weit in die 1850er-Jahre ist den Damen der Zutritt zu den Kaffeehäusern als Gast verwehrt gewesen. Dennoch haben sie dort gearbeitet und in Gestalt der Sitzkassiererin, die als Gattin des Kaffeesieders und somit als Chefin das Kommando gehabt hat, überhaupt die täglichen Geschäfte des Kaffeehauses geführt. Es hat zur Vertretung Letzterer auch junge Damen, sogenannte Ablöserechnerinnen, gegeben. Die Arbeit in der Küche ist abgesehen von den Feuerburschen, die zu erwähnen sind, bald auch in weiblicher Hand gewesen, allerdings im Hintergrund geblieben. Das hat umso mehr für die weiblichen Beschäftigten gegolten, denen die Betreuung der Toiletteanlagen übertragen gewesen ist. Im Gastraum herumgewuselt ist aber der Piccolo, der Lehrling, der zum Beispiel für das Ausleeren der anfangs auffällig kleinen Aschenbecher zuständig gewesen ist. Spätestens nach der zweiten ausgedämpften Zigarette ist getauscht worden, größere hätte man als unangemessen empfunden.“
Das Kaffeehaus werde unter allen möglichen Blickwinkeln wahrgenommen, aber selten unter dem der Arbeitswelt, sagt er. Aus dem Jahr 1914 hat er eine schriftliche Entschuldigung der Geschäftsführung des Café Adlon an die P. T. Gäste:
“Der ganz unberechtigte Streik unseres früheren Personals war für Sie, verehrte Gäste, eine recht unangenehme und höchst peinliche Geduldsprobe”, heißt es darin. “Unsere Absicht, das Etablissement in einer seinen Besuchern angemessenen Noblesse zu führen, kann nur bei mustergültigster Disziplin seitens des Personals durchgeführt werden. Im Interesse dieser Disziplin, also den wohlverstandenen Vorteil unserer P. T. Gäste wahrnehmend, mussten wir uns zu einer teilweisen Erneuerung des früheren Personals entschließen. (…) Wir sollten uns zu einer vierzehntägigen Kündigungsfrist und dazu verpflichten, nur am 1. und 15. eines jeden Monats zu kündigen. Selbstverständlich gingen wir auf diese Forderung nicht ein… ”
Entschuldigung für Streik im Kaffeehaus
Und was das Wesen und die Aufgabe der Zeitung damals angeht:. „Wir wissen, dass darin über Dinge berichtet worden ist, die heute in keiner Zeitung mehr stehen würden: Selbstmörder sind mit ihrem Namen und ihrer Wohnadresse genannt worden, ebenso an Seuchen Erkrankte. Und über eine Kaffeesiederin ist schon einmal berichtet worden, dass sie in ihrem Habitus arrogant den Angestellten gegenüber gewesen sei.“ All das erinnere an die heutigen Auswüchse von Social Media, in seinem Café Weingartner huldigt man allerdings noch den gedruckten Zeitungen in klassischen Zeitungshaltern, die auf einem zwei Meter breiten Tisch angeboten werden. Die wirklich ganz alten Zeitungshalter mit den geschwungen gedrechselten Griffen freilich, die sieht man heute nur noch bei ihm im Museum.
Hinweis: Wer das Museum im Mai noch besuchen möchte, kann sich unter heinrich@weingartner.wien melden und bekommt dann alle notwendigen Informationen.
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Letzte und erste Ausgabe der Wiener Zeitung