Berndt Anwander - VOLXkinogründer

Foto: Rebhandl

Berndt Anwander, 66jähriger Raumplaner und Kulturorganisator, gründete im Juni 1990 das VOLXkino und wurde bald zum größten Freiluftkinoveranstalter Österreichs. Über die Anfänge, Gegenwinde und lustige sowie querulantische Anrainer.

Frage: Herr Anwander, im Juni 1990 hatten sie eine Idee.

Anwander: Ich habe ja Raumplanung studiert und Stadtplanung gemacht und in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet, u.a. beim Architekten Timo Huber. Anfang der 1990er Jahre gab es im 17. Bezirk am Kalvarienberg ein Stadterneuerungsgebiet, wo eine Strasse ein bisschen nach unten hängt, wie ein Kinosaal. Dort fanden die Wiener Bezirksfestwochen statt, und am oberen Eck des Dornerplatzes war früher das Gloria-Kino drin, über einer Löwa-Filiale (https://www.kinthetop.at/forschung/kinthetop_17.html). Das brachte uns auf die Idee, dort ein Freiluftkino aufzubauen. So etwas gab es schon überall auf der Welt, nur nicht in Österreich. Wir veranstalteten also das 1. Sommerkino Dornerplatz.

Frage: Hat man Sie denn gleich unterstützt und willkommen geheißen?

Anwander: Aber wo! Am Anfang hieß es natürlich: „Das geht nicht! Das kann man nicht machen! Es gibt keine Filme! Es gibt keine Geräte, keine Leinwand! Wir aber haben gesagt: Das schauen wir uns an, das kann ja wohl nicht sein! Sehr lustig auch: Damals brauchte man noch einen Filmvorführer-Führerschein, und den hat meine heutige Frau, weil sie Lehrschwester in einem Krankenhaus war und dort 16mm-Filme vorführen durfte. Wegen der brennbaren Filmmaterialien brauchte man auch eine Sanitätsausbildung, die sie Gott sei Dank ebenfalls hatte. (lacht)

Frage: Wo bekamen Sie das Equipment her?

Anwander: Vom Orpheum haben wir einen Filmprojektor bekommen und vom Juraczka, einem Event-Verleih, eine Faltleinwand, für die wir den Rahmen zusammenstecken mussten, sehr aufwändig. Im Wiener Rathaus war man zunächst skeptisch, man wollte uns nicht mit Geld unterstützen, lieferte aber am Tag der ersten Vorführung immerhin 200 Sessel und stellten dafür neun Mann ab: Einer hatte die Aufsicht, einer hat geraucht, zwei haben die Holzsessel aufgestellt, und der Rest… keine Ahnung!

Dieser Trickfilm lief am 2. Juni 1990 im Rahmen des “1. Sommerkino Dornerplatz”

Frage: Welches war der erste Film?

Anwander: Aguirre – Der Zorn Gottes von Werner Herzog. Wir haben einfach geschaut, was wir kriegen konnten, die Verleiher waren ja nicht auf unserer Seite, die waren ein bisserl böse auf uns, weil: Ihr macht gratis Kino, das geht nicht! Aber wir haben denen gesagt: Bitte, ihr habt die Filme, niemand hindert euch daran, das selbst auch zu machen. Gott sei Dank gibt es abertausende Filme, zum Teil haben wir sie aus Deutschland organisiert, etwa Schulfilme über Staplerfahrer oder darüber, wie ein Vergaser funktioniert, sehr lustig. Oder Trickfilme wie VIP - Mein Bruder der Supermann (https://de.wikipedia.org/wiki/VIP_%E2%80%93_Mein_Bruder,_der_Supermann) von Bruno Bozzetto.

Frage: Wenn damals das Wetter schlecht gewesen wäre?

Anwander: Hätte ich den Rest meines Lebens etwas anderes gemacht. Dann hätten wir gesagt: Okay, wir haben es versucht, es war nix, machen wir was anderes. Stattdessen haben wir im Jahr darauf einen Verein gegründet und diesen Balbach genannt, weil das Architekturbüro, in dem ich arbeitete, in einer alten Wohnung war, an deren Türschild Stefanie Balbach stand, das fand ich lustig. Ich habe immer gesagt: Ich gehe nach St. Balbach zum Arbeiten. Dann ist es losgegangen. Wir waren am Hermann-Leopoldi-Platz in Wien-Meidling, andere Gebietsbetreuungen wollten auch, dass wir zu ihnen kommen. „Ihr macht das billige Kino“, hieß es. „Kommt zu uns!“ Im dritten Jahr waren wir dann schon in der verrufenen Vorstadtsiedlung Rennbahnweg: Heißes Pflaster, aber sehr spannend! Vorstadtkids mit großen Flaschen rotem Wodka, keiner wollte dort hin. Aber die waren total begeistert und haben sich später jedes Jahr gefreut: Ihr seid wieder da, können wir euch helfen?

Frage: War das ein Anspruch –  auch dort hinzugehen, wo niemand hingeht? Und kann man mit Kunst vielleicht doch Menschen erreichen?

Anwander: Wir haben einfach die Mobilität umgedreht und gesagt, wenn die nicht zu uns kommen, kommen wir zu ihnen. Die gehen ja nie in die Stadt! Wir packten also unser Zeug zusammen - am Anfang in einen Fiat Panda, dann in alte VW-Busse -, und sind überall hingefahren. Man kann über Kunst – und insbesondere über den Film - ja alles transportieren, und die Kinder und Jugendlichen in der Vorstadt freuen sich, wenn sie wahrgenommen werden. Man kann die verschiedensten Themen bringen, darüber diskutieren, aufklären. Selbst Experimentalfilme interessieren sie, weil sie so was noch nie gesehen haben. Stattdessen sagt man immer: Die verstehen das nicht. Man traut ihnen nichts zu, und das ist eigentlich eine Frechheit. Kino ist das perfekte Medium, um Menschen zu erreichen.

Frage: Wie habt ihr geheißen?

Anwander: Am Anfang schlicht Freiluftkino, dann Frei.Licht.Spiele, dann Kino der Orte, und ab 1997 endlich VOLXkino.

Frage: Gab es in der Zeit wichtige technische Veränderungen, die Ihnen geholfen haben?

Anwander: Wir hatten dann eine GmbH gegründet, die jetzt Go!Go!Gorilla! heißt, weil der Verein das Equipment nicht hätte bezahlen können. Der wichtigste Schritt waren ab 2000 die aufblasbaren Leinwände, eine im Format 16 x 8 Meter kostete 25000 Euro, eine Zeitlang hatten wir neben ein, zwei Veranstalter in Europa wohl die meisten, und nun vermieten wir sie auch selbst. Vorher mussten immer vier Leute den Rahmen für die Leinwand zusammenzustecken, ab da genügten zwei Leute vor Ort, um alles aufzubauen. Bei bis zu vier Kinos am selben Tag und bis zu 300 Vorstellungen pro Jahr war das logistisch eine Herausforderung. Als Personal hatten wir immer Studenten, die zum Teil über viele Sommer für uns gearbeitet haben.

Frage: Und im Winter wurde das Programm gestaltet?

Anwander: Das war normalerweise Ende Mai jeden Jahres fertig, dann haben wir es per Email oder als Folder rausgeschickt, heute passiert das natürlich digital. Bei der Programmierung waren wir zum Teil auch sehr mutig: In der Per-Albin-Hansson-Siedlung in Wien-Favoriten hatten wir uns entschieden, vor dem Hauptfilm Abschlussfilme von der Filmakademie zu spielen, da waren Leute wie der Hubert Sauper dabei. Normalerweise schauen sich solche Filme die Oma, die Tante und die Freundin an, aber bei uns sind 300 Leute gekommen und waren begeistert. Danach lief Harry und Sally. Der fängt mit einer Knutscherei an, und einer hat gleich geschrien: Weg mit dem Fickfilm! (lacht) Für jede Veranstaltung mussten wir zuvor eine Genehmigung einholen, aber durch das Wohlwollen der Stadt hatten wir die einzige ambulante Kinokonzession bekommen, die sehr wichtig für uns war. Denn der Gegenwind wurde desto stärker, je größer wir wurden.

Frage: Weil bald alle Freiluftkinos von Ihnen bespielt wurden?

Anwander: Wir haben aus Spaß angefangen, und das Ding ist gewachsen und immer weiter gewachsen. Alle fragen heute: Macht ihr das Augartenkino? Dann sagen wir: Nein, wir machen alles, nur nicht das Augartenkino! (lacht) Wir machen in Wien das Kino am Dach, das Stumm & Laut, das SciFi im Park, sind aber längst auch österreichweit unterwegs: Am Neusiedler See oder in Vorarlberg, wo wir für das „hard movie - Kino am See“ in Hard die Technik bereitstellen, ebenso für die Alpinale, ein Kurzfilmfestival in Bludenz. Wenn man mich gefragt hat: Was macht ihr im Winter?, habe ich immer gesagt: Im Sommer machen wir Kino, im Winter machen wir uns Sorgen. (lacht)

Frage: Sie waren dann auch international unterwegs?

Anwander: In Montenegro oder Ramallah, ja. Am liebsten aber war ich immer in Italien, wohin ich acht Jahre lang mit dem Auto 17 Stunden lang zu einem Filmfestival in Amantea in Kalabrien (https://www.laguarimba.com/) gefahren bin, denen ich die Technik und eine 12 x 6 Leinwand hingestellt habe. Da war zwar die Mafia dagegen, aber die jungen Leute dort haben es trotzdem durchgezogen. Und meine Frau und ich hatten zwei Vespas hinten im VW-Bus und sind währenddessen dort herumgefahren.

Frage: Gab es Unfälle? Gewitterabbrüche?

Anwander: In Podersdorf am See hat uns mal der Wind die 16x8 Meter große Leinwand weggetragen, die konnten wir aber eingefangen. In Linz hatten wir während der Klangwolke vier Stück mit 12x6 Meter Fläche aufgestellt, als ein irrer Sturm aufkam, da waren 20.000 Leute vor Ort.

Die Frau mit der Filmvorführerinnenlizenz.

Frage: Gegenwind wird es auch von den Anrainern gegeben haben?

Anwander: Am Volkertmarkt in Wien-Leopoldstadt haben wir einmal einen Film von Emir Kusturica (https://de.wikipedia.org/wiki/Emir_Kusturica) gespielt. Da ist eine alte Frau zu uns gekommen und hat gesagt: Was ist das für ein Dreck? Hat meine Frau zu ihr gesagt: Das hat der Haider finanziert. Da war sie baff und meinte: Jetzt kann man den auch nicht mehr wählen! Das war wirklich sehr lustig. Oder: Obwohl wir uns immer an die Vorschriften und Uhrzeiten gehalten haben, gab es ständig Beschwerden wegen Lärm. Einmal hat uns die Polizei, die immer sehr freundlich zu uns war, angerufen und gebeten, dass wir bitte leiser drehen sollen, es gebe schon wieder eine Beschwerde. Haben wir gesagt: Ja gerne, aber erst nächste Woche, weil da kommen wir! Manchmal hat schon die Ankündigung, dass wir kommen werden, einen querulantischen Reflex ausgelöst.

Frage: Konnten Sie denn alle Wünsche erfüllen, die an Sie herangetragen wurden?

Anwander: Nicht während der Covid-Jahre! Da haben alle einen Anfall gekriegt und wollten plötzlich Freiluftkino machen. Da riefen uns Bäcker und Friseure an, die vom Autokino träumten. Als wir sagten, das kostet 2000 bis 3000 Euro pro Leinwand und Tag, waren die Träume aber schnell wieder verschwunden.

Frage: Nun machen es Ihre Tochter Laura Wanderer und Ihr Schwiegersohn. Hat man es Ihnen von der Stadt wenigstens irgendwie gedankt?

Anwander: Die Stadt hat mir irgendwann das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien überreicht, eine große Ehre für mich und eine Wertschätzung für unsere Arbeit, bei der wir für wenig Geld sehr viele Menschen erreicht haben, alleine zum Karmelitermarkt im 2. Bezirk kommen jedes Jahr 500 bis 600 Menschen. Wenn du statt uns so eine halbvernudelte Opernsängerin hinstellst, kostet die ein halbes Jahresbudget, und es kommen nicht halb so viele Leute. Und am Ende knickt sie noch um am Vortag und du brauchst einen Ersatz. Hingegen kann man sagen: Der Sommer und der Freiluftfilm – da passt wirklich alles zusammen.

Berndt Anwander während seiner letzten Filmvorführung 2022 in Venedig.

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