Der Wiener, der nicht für uns trommeln möchte.
Foto: Rebhandl
Simplice “Soso” Mugiraneza (42) kam als Flüchtling aus Burundi nach Österreich. 2014 nahm er an der zweiten Staffel des Formats Die große Comedy Chance im ORF teil. Er hatte sein eigenes Format Soso's Comedy Club auf W24 und trat u.a. bei Dieter Nuhr auf.
Ich treffe ihn backstage im riesigen Comedy Pub in der Kettenbrückenstraße. Heute ist hier Open Mic, internationale Acts, internationales Publikum, das ist genau, was er mag. Aber er weiß noch nicht, ob er auf die Bühne gehen wird. Er wirkt nachdenklich.
Wie immer, wenn in diesem Land ein Weißer auf einen Schwarzen trifft, ist die Stimmung anfangs nicht ganz entspannt. Was reden, ohne das Falsche zu sagen? Also beginne ich mit einer Frage, die nicht ganz falsch sein kann: Warum macht er denn überhaupt Comedy? Und er antwortet: „Humor ist das allerwichtigste nach … Sex.“ Er lacht. Vielleicht meint er es ernst, vielleicht bedient er aber auch nur gleich ein Klischee. Dann aber schiebt er nach: „Humor ist die billigste Form, seine Trauer zu verarbeiten.“ Wie gesagt: Er wirkt nachdenklich.
Dass er im ärmsten Land der Welt, in Burundi (https://de.wikipedia.org/wiki/Burundi), aufgewachsen ist, könnte eine gewisse Traurigkeit in ihm befördert haben. „Aber wenn man dort ist, kommt man nicht darauf, dass es das ärmste Land der Welt ist. Dort sehe ich so viele sehr gut gelaunte Menschen, und ich frage mich, wie das überhaupt das ärmste Land der Welt sein kann.“ Er war nämlich in vielen anderen Ländern unterwegs, wo es den Menschen seinem Eindruck nach noch viel schlechter geht als in Burundi.
Die gute Laune der Menschen dort wäre eine Frage der Lebenseinstellung. Klingt wie ein Klischee. Aber er ist kein Tourist, der mal zwei Wochen dort war und danach von den “fröhlichen Schwarzen” schwärmt. Er weiß, wovon er redet, kennt beide Welten: „Hier in Österreich hat man immer Wüsche. Du hängst immer Träumen nach, du willst ein Haus, mehr Lohn, ein größeres Auto. Das kennen die Leute dort nicht. Man hat, was man hat. Natürlich sehe ich, dass es ihnen ökonomisch schlecht geht verglichen mit dem europäischen Raum. Aber trotzdem lachen sie ständig, treffen sich, kümmern sich umeinander … Sie sind glücklicher.“
Hier in Wien, sagt er, würde er nie erleben, dass ihn Fremde ansprechen, dort aber passiert das ständig. „Zunächst ist das immer wie ein Schock, ich denke: He, wieso redest du mich an, du kennst mich ja gar nicht.“ Da spräche der Wiener in ihm, der er längst ist. Dann brauche er ein wenig Zeit, um zu realisieren: „He, ich bin ja in Burundi, da ist das normal!“
Dass trotzdem so viele Afrikaner hierher kommen wollen, hat seiner Meinung nach mit einer falschen Vorstellung von Europa zu tun: „Sie wissen nicht, wie das Leben hier wirklich ist.“ Er zum Beispiel war überrascht, dass es in Österreich überhaupt Arbeitslose gibt, als seine Familie 1993 vor dem Bürgerkrieg hierher flüchtete. Es wäre also meistens der Krieg, der sie vertreiben würde, und keinesweg so, dass die Menschen dort unbedingt weg wollen: „Die wenigsten sagen: Ich will unbedingt den Praterdome sehen.“
Er ist witzig.
Wobei: „Österreich ist großartig, ich liebe es.“ Zuerst kam er ja nach Linz, aber wer damals in Oberösterreich Landeshauptmann war, das weiß er nicht, weil er nicht in die Schule gegangen ist, wo deren Portraits immer an der Wand hingen. „Wenn man hierherkommt, hat man andere Probleme als sich zu fragen, wie der Landeshauptmann heißt. Man muss den Akkusativ lernen.“
Er lacht.
Nachdem er den beherrschte, heuerte er u.a. als DJ im Schlag – Der Partyschuppen in Grünbach bei Freistadt an.
https://www.facebook.com/schlagderpartyschuppen/
Dort sah er, dass die Mühlviertler desto entspannter tanzten, je mehr Alkohol sie getrunken hatten. An der Art, wie wir Einheimischen tanzen, kann er auch eines unserer größten Probleme festmachen: „Euer Streben nach Perfektion. Oder warum glaubst du, dass sich einer nicht tanzen traut, wenn er nüchtern ist? Weil er den Druck spürt, perfekt sein zu müssen. Man muss aber den Mut haben, sich lächerlich zu machen, um besser zu werden.“
Hinzu kommt: „Für Österreicher ist Musik oft ein Lärm. Wenn jemand irgendwo Musik hört, ist das erste, was er sagt: Dreh leise! Ich muss arbeiten! Ich will schlafen! In anderen Ländern ist Musik in der Öffentlichkeit allgegenwärtig. Hier muss sie nicht sein - außer vielleicht am Samstagabend.“
Dabei gefällt ihm österreichische Musik: „Sie ist gut zum Tanzen, auch Schuhplatteln finde ich geil.“
Sorgen macht er sich um uns aber nicht, nur weil wir nicht tanzen können: „Schau mal, was ihr alles geschafft habt! Österreich ist ein Paradies. Ihr könnt vielleicht nicht tanzen, aber ihr habt das AMS. Also was ist dir lieber? Tanzen mit leerem Magen, oder mit vollem Magen RTL schauen?“
Solcherart sind seine Jokes.
Kommen wir also zum Humor: „Weltweit etabliert sich gerade das Format der amerikanischen Stand-up-Comedy, auch hier. Früher war mehr Schauspiel, mehr Sketch, mehr Kabarett. Jetzt steht man auf der Bühne und erzählt etwas, das man selbst erlebt hat. Das erzeugt Emotionen, und das ist wichtig.“
Und wie fügt er sich da ein? Wie lustig ist er selbst? „Manche sagen, sehr lustig, manche sagen, gar nicht lustig. Mein Humor spaltet. Man mag mich, oder man mag mich nicht.“ Meist fällt ihm eine Geschichte ein, dann beginnt er sie auf der Bühne zu erzählen, „und während ich da oben stehe, passiert eine Pointe. Eine punch line.“
Ironie in der Sprache kannte er auch in Burundi, und geschimpft wird dort ganz ähnlich wie hier, sehr genitalorientiert, sehr fäkalorientiert. Allerdings: „Wir Wiener sind unerreicht! Wir sind Weltmeister! Ich liebe es, wie wir schimpfen! Und ich finde es traurig, dass es langsam ausstirbt!“ Neulich sah er auf der Bühne jemanden, „der auf die alte Wiener Art richtig unter der Gürtellinie schimpfen konnte. Ich feiere es!“
Die Österreichische Kabarettszene: „Ich glaube, die mögen mich nicht. Weil ich nicht dazu passe. Obwohl sie alle ach so offen und links sind. Früher haben sie mich angerufen. Aber ich bin nicht mehr euer Schwarzer, der sagt, was ihr Weißen hören wollt. Und schon gar nicht bin ich euer Schwarzer, der trommelt. Ihr liebt das, wenn wir exotisch sind und Dschungelbücher vorlesen. Wenn du Afrikaner bist, stecken sie dich sofort in eine Bubble, es sind immer die gleichen Sachen, die sie von dir erwarten: Sei dankbar! Leide! Trommle! Erzähle uns von deinen Rassismuserfahrungen! Ich mache das aber nicht. Ich leide nicht. Und ich spiele Nummern, von denen jeder im Raum betroffen ist, erfülle nicht, was von einem schwarzen Künstler erwartet wird.“
Er nennt ein Beispiel, was die Kabarettszene von einem schwarzen Künstler erwarten würde: „In Deutschland gibt es Dave Davies, der mit einer Klobürste in der einen Hand und einen Pömpel in der anderen einen Klomann gespielt hat (Anm: Ab 2008 spielte er die Kunstfigur Mutombo, dabei lächelte er strahlend, sprach Bayerisch und trank Kölsch). Er war bei RTL, die Leute haben ihn geliebt. Aber dann, ich weiß nicht, warum, hat er aufgehört, den Klomann zu spielen, und seine politische Meinung zu Themen zu äußern, die man nicht mit ihm in Zusammenhang bringen wollte. Und er war weg. Das System mag es nicht, wenn ein Afrikaner sich zu etwas äußert, womit sie ihn nicht in Verbindung bringen.“
Und da meint er vor allem „die Linken“ und „die Korrekten“, die das Kabarettpublikum mehrheitlich ausmachen würden: „Die wollen immer nur hören, dass du von Rassismus betroffen bist. Aber wenn du als Afrikaner eine Meinung zur Ukraine hast, wollen sie das nicht hören.“
https://www.youtube.com/watch?v=lb0C58YdSyE
Den „0815-Menschen auf der Straße“ wirft er ihren Rassismus daher auch gar nicht vor. „Wir haben ja alles ausgelagert an die Politik, die von der Spaltung profitiert und davon, dass wir aufeinander losgehen. Der Rassismus wird von denen oben geschürt und instrumentalisiert.“
Beispiel: „Wenn Alaba für Österreich ein Tor schießt, ist scheißegal, dass sein Vater aus Nigeria stammt, dann fragt keiner, ob er vorher Fufu (Anm: afrikanisches Gericht - Knödel aus Maniok und Kochbananen) gegessen hat. Aber wenn die Mannschaft verliert, schreiben wieder alle über seine afrikanische Herkunft. Wenn du gut und brav bist, bist du einer von uns. Wenn mal einer von uns etwas Schlechtes macht, muss man daran erinnern, dass er nicht von hier ist. Das machen auch die linken Medien. Es ist so anstrengend.“
Immer wieder hat er daher die gleichen Diskussionen: „Ihr Schwarzen seid Drogendealer, ihr klaut, ihr nehmt uns die Frauen weg.“ Fragt er dann: „Wie viele Schwarze kennst du denn?“, kriegt er zur Antwort: Keine. „Also woher haben sie diese Informationen? Aus den Zeitungen. Von den Tausenden Pflegern in Österreich, die Ausländer sind, wissen sie nichts, weil niemand darüber schreibt. Aber dass wir alle Drogendealer sind, das glauben alle zu wissen, weil alle darüber schreiben.“
„Wenn ich erzählen würde, wie rassistisch die FPÖ ist, wäre ich in der Kabarettszene willkommen, bravo. Wenn ich erzählen würde, wie rassistisch es ist, Dreadlocks zu tragen, wäre ich auch willkommen. Wenn ich ständig von kultureller Aneignung reden würde, wäre ich willkommen. Aber der Weiße, der Dreadlocks trägt, ist für mich kein Rassist. Und dass man uns mit dem Begriff Kulturelle Aneignung schadet, wollen die nicht sehen. Das frustriert mich manchmal sehr, das nervt mich. Ich kenne die Reggea-Szenen. Über weiße Künstler mit Dreadlocks, die in Jamaica vor Tausenden Schwarzen spielen, regt sich dort niemanden auf, keine jamaikanische Kulturministerin hat je gesagt: Das passt uns nicht! Ich kenne niemanden aus der schwarzen Communitiy, den das aufregt, bis auf zwei schwarze Journalisten, die sich ‚Experten‘ nennen, aber keinen Austausch mit der Community haben.“
„Wenn ich so etwas sage, kriege ich einen Shitstorm von linken Gutmenschen, weil das, was ich sage, zufällig auch die Rechten sagen. Dabei habe ich mit den Rechten natürlich überhaupt nichts zu tun! Aber diese Gutmenschen schützen und helfen niemanden, im Gegenteil!”
Zum Beispiel hat ein Freund von ihm einen Afroshop, der T-shirts mit afrikanischen Mustern verkauft. Er kaufte eines für einen guten Freund, der Weißer ist, ein Deutscher. Der nahm das Shirt an und sagte: “Danke schön, aber ich traue mich nicht, es hier in Berlin zu tragen, die sagen, das ist kulturelle Aneignung.”
“Das musst du dir vorstellen! Ich als Afrikaner kaufe bei einem afrikanischen T-shirt-Verkäufer ein T-shirt, das in Afrika hergestellt wird, und will es einem Weißen schenken, und der sagt mir, das geht nicht. Wer von uns Dreien leidet? Der, der seinen Laden zusperren muss, weil er nichts verkauft! Oder: Ein Freund von mir wollte afrikanische Mode auf einer Online-Plattform anbieten. Aber wenn hier nur Afrikaner afrikanische Mode tragen dürfen, vergiss es! Und wenn weiße Frauen nicht zu Mama Senegal kommen dürfen, um sich Dreadlocks machen zu lassen – wie soll sie mit ihrem Geschäft überleben? Mama Senegal regt sich nicht auf über Weiße, die Dreadlocks tragen, nur die weiße Studentin regt sich darüber auf. Aber wenn ich so etwas sage, bin ich der unangenehme Schwarze.“
Und wie ist das mit dem um sich greifenden „Das darf man nicht mehr sagen, darüber darf man nicht mehr lachen“?
Darüber muss er herzhaft lachen: „Ihr Weißen macht euch wegen allem Stress, auch beim Lachen. Wie kann ich mich fragen, ob ich bei etwas, das lustig ist, lachen darf? Wie kann Lachen eine Frage des Dürfens sein? Lachen ist eine Körperreaktion wie Schwitzen. Aber gut, es ist besser, wir haben diese politisch Korrekten und ich werde nicht abgeschoben. Lieber Shitstorm als abgeschoben zu werden.”
Er lacht.
Längst ist er Österreicher, längst ist er Wiener. Längst hat er den Schmäh.
Und längst hat er keine Angst mehr: “Schau, wenn die Mehrheit sagt, ich soll abhauen, dann bin ich der Erste, der abhaut. Leben findet auch woanders statt. Meine einzige Wut geht gegen die, die so tun, als wären sie für mich da, obwohl sie eigentlich alles gegen mich tun. Die nerven mich, obwohl ich selbst links bin! Linke nerven mich! Die sind mein Problem.“
Österreichische Acts schaut er sich nicht mehr. Einzig Lisa Eckart findet er großartig, „aber sie macht eher Poetry Slam. Bei ihr muss ich viel lachen, aber es erzeugt keine Gefühle.“ Lieber mag er die Amerikaner: „Bill Burr zur Zeit am meisten, Chris Rock, Dave Chappelle.“ Oder den Briten Ricky Gervais.
Nächste Woche fliegt er wieder nach Burundi. Dort ist er Präsident von zwei Fußballvereinen, einem in der dritten und einem in der vierten Liga. „Es ist ein Sozialprojekt, es heißt Football helps….”
https://www.facebook.com/footballhelpsfoundation/
„…. Wir holen Kinder aus den ärmsten Vierteln raus und geben ihnen eine sinnvolle Beschäftigung. Aber sie werden immer besser! Fünf von ihnen spielen schon in der U-17-Nationalmannschaft, vier A-Nationalspieler haben bei uns angefangen, unter ihnen einer, der beim AS Monaco unter Vertrag ist.“
Er selbst, sagt er, hat keine Verträge mit den Spielern. „Ich verdiene mit ihnen nichts.“ Darum will er trotz aller Shitstorms auch weitermachen als Comedian, notfalls auch vor zwei Zuschauern.
„Ich bin noch nicht bereit, für euch zu trommeln“, lacht er. Und weiß dann noch immer nicht, ob er heute im Comedy Pub auf die Bühne gehen wird.
https://www.instagram.com/soso.mugiraneza.comedy/