Beruf: Goldschmied
Foto: Manfred Rebhandl
Wie klein Edelsteine sein können und wie klein die Fassungen, in die er sie bringt - das und mehr erzählte mir Goldschmied Patrick Hainzl bei einem Besuch in seiner Werkstatt im 6. Wiener Gemeindebezirk.
Ein Werkstattbesuch
Mit 15 hat ihn die Schule nicht mehr interessiert. „Dafür war ich handwerklich gut“, sagt Patrick Hainzl, der sich auf seiner Homepage schlicht „Der Goldschmied“ nennt. Also begann er eine Goldschmiedelehre im oberösterreichischen Ried im Innkreis: „Es gab damals schon wenig Betriebe, die noch ausgebildet haben, ich hatte das Glück, den einzigen Lehrplatz dort zu ergattern.“ Einmal pro Woche fuhr er nach Linz in die Berufsschule, „wo wir ungefähr 15 Lehrlinge waren.“ Er ist seinem Lehrbetrieb dankbar, dass er nicht nur zusammenkehren musste, sondern auch etwas lernen durfte: Die Grundtechniken des Goldschmiedehandwerks.
„Die ersten Monate tust du wirklich nichts anderes als Sägen -gerade, um die Ecke, rund. Mit klassischen Metallsägen und Stahlsägeblättern in verschiedenen Stärken. Diese reißen sehr leicht, bis man mehr und mehr das richtige Gefühl dafür bekommt.“ Man gab ihm Messingplatten, aus denen er Quadrate schneiden musste oder enge Kurven und Spitzecken. „Dabei entwickelt man in gewisser Weise einen Ehrgeiz: Das gibt´s ja nicht, dass ich das nicht zusammenkriege!“ Bis er es eben doch zusammenkriegte.
Dann kamen all die Feilen dazu, mit denen er auf Messingstäbe verschiedene Muster feilen musste, die „drehrund“ laufen sollten. Oder Stäbe flach feilen, bis sie gerade standen. Auch steigerte sich ständig der Wert des Materials: „Vom Unedlen über Silber bis hin zu hochwertigen Edelmetallen wie Gold und Platin. Da soll nichts schiefgehen!“ Es galt: Übung machte den Meister. „Die ersten eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet man an der Perfektion, die einen die einzelnen Techniken miteinander verbinden lässt.“ Löten lernte er natürlich auch an kleinsten Ketterln und Fassungen.
Er blieb noch sieben Jahre als Geselle, bis er die Meisterprüfung ablegen wollte. „Es gab damals aber in Oberösterreich keinen Vorbereitungskurs.“ Er holte die Abendmatura nach und ging nach Wien, studierte hier Marketing and Sales und nahm ein paar Bürojobs an, „die alle okay waren, aber doch nicht so meins.“
„Back to the roots“ reichte er in Wien zwei Entwürfe für ein Meisterstück ein: „Da müssen bestimmte Vorgaben erfüllt werden: Es muss eine Mechanik haben und drei Steine (in seinem Fall ein Granat und zwei Brillanten) in zwei verschiedenen Fassungsarten.“ Er fertigte in ungefähr zwanzig Stunden ein Goldarmband mit Mittelteil, seitlichen Weißgoldbügeln und einem Biseau, das dem ganzen Stück mehr Höhe gab. „Meisterhaft!“, beschieden die Prüfer. Mit der Urkunde wechselte er in die Selbständigkeit und schloss sich zunächst einer Gemeinschaftswerkstätte an, bevor er 2017 erfuhr, dass der Kollege hier in der Gumpendorferstraße in Pension gehen wollte.
Er übernahm das Geschäft samt Werkstatt und zog mit Dutzende Zangen, die er für je eigene Arbeitsschritte benötigt: die Schienenzange zum Ringschienen biegen, die Flachrundzange zum Ösenbiegen, die Spitzzange für die ganz kleinen Teile, Ringhaltezange. Eine Flachzange hat er seit seiner Lehrzeit, weil sie am besten in der Hand liegt. Fräser und Bohrer sehen wie beim Zahnarzt aus und haben Stärken von 0,50 mm bis 2,50 mm. Golddraht wird durch immer kleinere Löcher im Zieheisen gezogen. Mit Sticheln wird Metall geschnitten. Mit dem „Fasserhammer“ wird eine Fassung zugemacht. Den Holzstock verwendet er, wenn er etwas zu „treiben“ hat. Mit der „Blättchenstanze“ stantzt er Blättchen, mit dem Aushauersatz haut er runde, ovale oder quadratische Plättchen von verschiedenen Durchmessern aus. Matrizen verwendet er für konische Formen.
Auch einige sicherheitstechnische Komponenten wie die tonnenschweren Tresore oder den Rollbalken über die gesamte Vorderfront sowie Teile der Alarmanlage löste er ab. Die wertvollen Komponenten zu schützen wäre in seinem Metier ein ewiges Thema. Am hinteren Teil des Werktisches hat er seinen „Fassplatz“ eingerichtet, an dem er Edelsteine fasst. An seinem Arbeitsplatz legt er sich mit Hilfe einer Kopfbandlupe beim Löten die Teile auf die Kohle, die er dem Schamott vorzieht, weil er dabei mehr Kontrast hat. Dann bringt er Brillanten ab 0,8 Millimeter Durchmesser in Fassungen, die man beinhahe nur durch die Lupe erkennen kann. Auch sonst ist sehr vieles, das auf seine Werkbank kommt, sehr klein: Die Ösen eines 18-Karat-Weißgoldkettchens, die er auf einem Dorn gedreht hat. Dazwischen gibt er ein winziges Blättchen, in das eine Gravur kommt.
Abfälle kennt ein Goldschmied nicht. „Wir sind seit jeher dem Recycling verpflichtet“, sagt er. Sein Werktisch umfasst drei Werkbretter mit je einem Brettfell, in das die Feilung fällt. „Diese kommt in die Scheideanstalt, wo die einzelnen Komponenten aufgearbeitet werden.“ Über ein Goldkonto bei der Ögussa wird ihm das Feingewicht der gesammelten Metalle erstattet. Die Kosten für das Recycling sind extra zu bezahlen. Das kleine Häufchen, das in einem der Felle liegt, hat einen geschätzten Wert von knapp zweitausend Euro. Darum wird in so einer Werkstatt auch nie gesaugt, sondern nur gekehrt. Der Kehricht kommt zusammen mit dem Schmirgelpapier und allem, was Metallteile enthalten könnte (Staubtücher), ebenfalls zum Recycling.
Seit Jahrtausenden würden sich Menschen schmücken. Und während sie sich heute eine Vielzahl an praktisch wertlosen Kleidungsstücken kaufen, kommen sie immer noch zu ihm, wenn sie „ein gescheites Schmuckstück“ haben wollen. Die Anlässe dafür sind immer die gleichen: Geburt, Taufe, Firmung, Beruf, Sport, Verlobung, Hochzeit. Dann zeigt er seine Beispielstücke: „Beim Ehering hat man ja grundsätzlich kaum Möglichkeiten, etwas Außergewöhnliches zu machen. Es trotzdem immer wieder zu probieren, finde ich spannend.“
Zum Aussuchen der Eheringe kommen tendenziell beide Partner, bei Verlobungsringen liegt die Verantwortung beim Brautwerber. Denen zeigt er Steine, an denen man unterschiedliche Schliffarten erkennt und andere Qualitätsmerkmale. „Es ist wie beim Schneider, wo man Stoff, Schnitt und Knöpfe aussucht.“ Normalerweise tastet man sich beim Erstgespräch an die Entscheidung heran. Nach wie vor täuscht sich der Mann gerne bei der Ringgröße („Sie hat normale Hände!“), dann wird natürlich angepasst. Klassische Verlobungsringe würden bei 0,1 Karat beginnen, nach oben hin gibt es keine Grenze. Sobald das Design festgelegt ist, dauert es zwei bis drei Wochen, bis das Stück fertig ist.
Steine hat er alle im Angebot: Turmaline mag er persönlich sehr gerne, weil es sie in allen Farben und Farbkombinationen gibt. Den Saphir gibt es in allen Farben, außer in Rot, dann heißt er Rubin. Preislich bewegt man sich als Käufer im Bereich einiger hundert Euro, wenn jemand etwas Größeres möchte, bestellt er beispielsweise bei zwei Schleifern im Waldviertel. Manche der Steine werden von fahrenden Außendienstmitarbeiter geliefert, andere kommen mit Spezialtransportfirmen. „“Kann ich die Steine vor die Türe legen?“ wird er nie gefragt.
Ist ein Ring zu klein oder zu groß, eine Kette gerissen, ein Stein herausgefallen oder die Schlaufe vom Anhänger durchgewetzt, repariert er alles. Oder er poliert eine Kette, die zuhause länger herumgelegen ist und am Abend getragen werden soll: „Mit jedem Stück sind individuelle Geschichten verbunden, sie geben ihm den Wert.“ Dabei sieht er auch immer wieder handwerklich ganz großartige Stücke, die ihm ein „Chapeau!“ abringen. An der Punzierung erkennt man teilweise, woher es kommt, und es gibt Stile, die sich zeitlich zuordnen lassen. Dass jemand nicht weiß, was er da Wertvolles in der Hand hält, kommt kaum vor.
Oft hingegen schaut er noch in seine Lehrbücher hinein: Der Umgang mit edlen Steinen enthält schöne Sätze wie „Die sich Schmückenden mögen darauf achten, dass dieser Edelstein einschließlich seiner Fassung nicht hart angeschlagen wird, die Sprödigkeit lässt gerne Ecken ausplatzen.“ Schöne Sätze in einem ansonsten wenig spröden Beruf, in dem man vielen Menschen noch immer große Freude bereitet.