Beruf: Buchbinderin
Foto: Manfred Rebhandl
Zu ihr kommen Leute mit alten, zerfledderten Fotoalben oder Familienchroniken, die sie gerne wieder schön gebunden haben möchten. Oder mit Karl May-Bänden, die es im Ramschladen um einen Euro geben würden. Lieber aber ist es ihnen, wenn Kerstin Czerwenka die Fadenbindung neu macht.
Ein Werkstattbesuch
Nach der Pflichtschule wollte Kerstin Czerwenka unbedingt Glaserin werden: „Ich war sogar schon ein Jahr lang in Kramsach in Tirol in der Glasfachschule, aber das Schulgehen hat mir nit so getaugt“, erzählt sie in schönstem Kärntnerisch. Also ging sie zurück in die Heimat und suchte dort nach einer Stelle als Glaserlehrling, fand aber keine. Da sah ihre Mutter in der Zeitung ein Inserat: Buchbinderlehrling gesucht. Sie hat sich beworben und wurde genommen. Vorstellung davon, was sie ab nun machen würde, hatte sie keine.
Heute bindet sie in ihrer schönen Werkstatt im bürgerlichen achten Bezirk noch so, wie bis 1863 alle Bücher und Manuskripte gebunden wurden: Mittels einer händischen Fadenheftung und Bändern werden mehrere Lagen, die aus gefalzten Papierbogen bestehen, zu einem Buchblock gebunden, der mittels Vorsatzpapier mit einem festen Einband verbunden wird. Schon am ersten Tag ihrer Lehre begann sie mit dem Fadenheften: „Es dauert, bis man weiß, dass man den Faden ja nicht in die falsche Richtung ziehen darf, weil sonst schneidet man die Lagen durch!“
Der Einsatz einer ersten Fadenheftmaschine um 1885 war dem rasanten Anstieg der Buchproduktion geschuldet und machte eine schnellere und maschinelle Produktion möglich. 1936 erfand Emil Lumbeck „die manuelle Kaltklebebindung“, die sich bis heute von der industriellen Heißklebetechnik unterscheidet und als „Lumbecken“ bezeichnet wird. Ihre Kollegin beherrscht diese Technik perfekt: Sie pinselt gerade Kaltleim auf den Rücken eines Buchblocks, danach wird Gaze aufgetragen. „Ein halbdurchsichtiger, sehr locker gewebter Stoff, der trotz seiner Leichtigkeit für eine enorme Stabilität beim Buchbinden sorgt. Wenn das Papier stimmt, kommt so eine Klebebindung fast einer Fadenbindung gleich.“ Wobei gilt: „Je dünner das Papier ist, desto besser hält die Klebebindung und desto besser lässt sich das Buch öffnen.“ Der Vorteil der Fadenheftung wäre, dass sich das Buch flach aufschlagen ließe, was bei der Klebebindung nicht möglich ist.
„Nach wie vor ist oberstes Ziel, dass ein Buch nicht auseinanderfällt“, lacht sie. „Und dass es schön ist.“ Für den Einband kann sie Karton schneiden und mit unzählige Arten von Papieren, Leder oder Leinen bekleben. Grundsätzlich wird bei ihr alles zum Buch gebunden, was die Kunden an Papier vorbeibringen: „Chroniken oder Lebensgeschichten, die Menschen aufgeschrieben haben.“ Oft sind es aber auch Reparaturen, die sie vornehmen muss, wie an einem Fotoalbum aus den 1920er-Jahren, bei dem sie das Innenleben wieder befestigen und einen stabilen Einband machen sollte. Bei einem Fotoalbum kommt sie natürlich nicht umhin, sich die Fotos anzusehen, „aber die Neugierde, die am Anfang vielleicht manchmal da war, ist längst verflogen, das interessiert mich nicht.“ Ebenso verhält es sich mit Tagebüchern, die man ihr zum Binden bringt: „Wenn man die Leute nicht kennt, ist es ja sowieso uninteressant“, sagt sie.
„Warum bringt man mir so was?“ Das fragt sie sich beispielsweise bei Karl May-Bänden, die im Ramschladen nur einen Euro kosten. „Wenn es was wäre, was es nicht so oft gibt, mache ich das gerne! Aber so was? Schade um die Arbeit!“ Bei Bedarf nimmt sie für dann 160 Euro aber auch Winnetou II komplett auseinander, füllt die zerrissenen Stellen aus und bindet sie neu. Oder Kinderbücher der Großeltern, die nun an die jungen Heranwachsenden weitergegeben werden: „Hannerl in der Pilzstadt“ von Anneliese Umlauf-Lamatsch aus 1941 hat sie neulich repariert - auch wenn das Buch heute als „allzu nazifreundlich“ betrachtet wird. Nur wenn ein Buch schimmelig ist, kann sie nichts mehr machen. Das den Leuten beizubringen, wäre allerdings nicht immer ganz einfach. Sie sagt dann: „Damit müssen Sie wieder gehen. Ich empfehle Ihnen, es wegzuwerfen, weil der Schimmel sehr ungesund ist zum Einatmen, wenn sie das Buch zuhause behalten.“
Eine simple Klebebindung von Diplomarbeiten dauert 20 Minuten, sie hat aber auch schon mal 17 Stunden an einem alten Rezeptbuch von der Uroma gearbeitet. „Das war zwar ein schönes Buch vom Inhalt her, äußerlich aber so richtig zerfleddert.“ Da der Urenkel aber nun mal Koch gelernt hat, sollte er es zum Ende seiner Lehrzeit als Geschenk bekommen.
Bücher aus Bibliotheken, mit denen sie zusammenarbeitet, „sind manchmal schon ein bisserl mit Tixo zusammengepickt.“ Und das machen auch Privatpersonen, die oft nicht wissen, dass es den Buchbinderberuf überhaupt noch gibt und man Bücher bei ihr reparieren lassen kann. Da sagt man sich zuvor gerne: „Mit dem Tixo picke ich ja auch das Geschenkpapier zusammen, warum also nicht auch das alte Buch?“
Ob mal aus Jemandem etwas geworden ist, der bei ihr eine Diplomarbeit binden ließ? Das weiß sie nicht. Aber dass das mit den gebundenen Diplomarbeiten abnimmt, spürt sie deutlich, „weil viele Unis aus Platzgründen gar keine gebundenen Exemplare mehr wollen.“ Lässt doch noch jemand eine binden, dann meist mit farbigem Einband, wo sie doch früher alle schwarz waren. „Heute gibt es nur noch ein oder zwei Institute, wo man sie nicht farbig binden lassen darf. Und die Architekten nehmen ausnahmslos alle einen grauen Einband.“
„Während Corona waren alle sehr nostalgisch“, erzählt sie vom Umgang der Menschen mit ihren Büchern und Alben. „Da haben alle Zeit gehabt, das Regal durchzuschauen. Sie riefen an, stellten alles vor die Türe, und ich habe durchgearbeitet. Das hat wunderbar funktioniert.“ Dabei fiel ihr aber auch auf, wie beratungsintensiv der Job eigentlich ist: „Gerade in der Zeit vor Weihnachten, wo sehr viel individuell gebunden wird, muss ich oft lange erklären, was ich machen könnte.“ Und schwierige Kunden, das will sie gar nicht verheimlichen, gibt es natürlich auch: „Die, die unter hunderten verschiedenen Papieren garantiert keines finden, das passt. Oder die, die Angst haben, dass es woanders was Schöneres gibt. Oder die, die sich für keinen Einband entscheiden können.“ Nach dem Motto: Mohnblume oder Sonnenaufgang? Hauptsache blau! Meist hilft dann der Satz: „Da haben sie als erstes hin gegriffen, nehmen Sie es.“ Dieser Logik würden die meisten folgen. „Trotzdem gibt es Tage, an denen ich mehr rede als arbeite“, erzählt sie mit fröhlichem Lachen.
Während der allermeisten Stunden in ihrer schönen Werkstatt ist sie aber einfach nur glücklich darüber, dass sie nicht Glaserin geworden ist, sondern Buchbindern: „Es ist der schönste Beruf, den man haben kann.“ Und wirtschaftlich? „Es wird schwieriger, aber es geht sich aus. Und solange es sich ausgeht, mache ich das.“