Es flüstert still der Jäger…

Foto: Manfred Rebhandl

Ich bin ja nicht der Typ, der längere Zeit irgendwo herumstehen und darauf warten kann, dass irgendetwas passiert. Oder der im Kino geduldig darauf wartet, bis es zum ersten Mal kracht. Seit mich aber ein Freund vor Weihnachten zu einer sogenannten Treibjagd in sein Revier westlich von Wien eingeladen hat, weiß ich erst wirklich, was Warten bedeutet.   

Ich sollte mir warme Oberbekleidung anziehen, sagte er, wärmende Gummistiefel in der richtigen Größe hätte er für mich. Er hatte auch den neuen Range Rover, in dem ich mitfahren durfte. Sein Sohn, ebenfalls leidenschaftlicher Jäger, und dessen Jagdfreund, der extra aus Tirol angereist war, kamen auch mit. Wir waren guter Dinge, trotz der frühen Stunde. Der Tag würde sonnig werden, lautete die Prognose.

Auf der Fahrt hinaus ins Revier erfuhr ich von den erfahrenen Jägern, dass es neben der Treibjagd auch eine Drückjagd gebe. Beides wären Gesellschaftsjagden, und bei beiden versetzen sogenannte Treiber, meist lautstark unterstützt von ihren Jagdhunden, das Wild in Bewegung und treiben es vor die Schützen. Bei der Treibjagd handelt es sich um Niederwild, also um Hasen oder Fasane, bei der Drückjagd hingegen um Schalenwild, also zum Beispiel um Rot- oder Schwarzwild. Als Treiber hatten sie für heute Hundebesitzer aus der Region engagiert, die gerne und ohne Entgelt den Job erledigen würden, schlicht, um ihren Hunden damit eine Freude zu bereiten. Ich dachte: Interessant! Man lernt wirklich nie aus.

Nach zwanzig Minuten Fahrt kamen wir draußen beim Treffpunkt an, einer alten Garage am Rande des Reviers. Mindestens dreißig Jäger und ein paar Jägerinnen standen schon davor, alle vorbildlich in Jagdgrün gekleidet. Überraschend für mich trugen sie aber alle auch eine orangene Warnweste, was den Eindruck der Jagd doch deutlich trübte. Orange war die vorgegebene Warnfarbe, die ausnahmslos von jedem getragen werden musste, der heute in den Wald gehen würde, also auch von mir. So wollte es das Gesetz.

Weiters steht im Gesetz: „Haben die Jagdgesellschafter zur Ausübung ihres Jagdrechtes im Gesellschaftsvertrag einen bestimmten Jagdleiter vorgesehen, dann wird dieser als Machthaber der Gesellschafter bei Ausübung einer konkreten Jagd anzusehen sein.“ 

Dieser machtvolle Jagdleiter stellte sich nun vor uns wie ein Referent und teilte die Gruppen ein, dann verkündete er, was in der Vormittagsjagd von 9 bis 11 Uhr gejagt werden dürfe: Wildsauen und Fuchs. Mir schien, dass die Enttäuschung spürbar war bei denen, die keine Sauen mögen und lieber Reh gejagt hätten. So auch bei mir, dem eine Rehleber versprochen worden war - für den Fall!

Die Jäger verteilten sich auf die Autos. Ein gezeichneter Plan erklärte den Jagdteilnehmern das Waldstück, in dem sie sich aufhalten durften, im Wald waren die Jagdplätze mit Pfeilen markiert.

Foto: Rebhandl

Der Jagdgast aus Tirol wurde weiter nach oben geschickt, während ich als teilnehmender Beobachter mit meinem Freund weiter herunten blieb. Ich machte noch ein paar Fotos von ihm mit seiner Büchse, er sah gut aus. Da erst fiel mir auf, dass er einen Schalldämpfer vorne dran geschraubt hatte. Durfte man als Jäger keinen Lärm mehr veranstalten?, fragte ich mich. Was durfte man denn überhaupt noch? Ich erinnerte mich an unseren Sommergast Günther Tomcik aus Osnabrück, der in den 70er Jahre im Audi 100 nach Oberösterreich kam und bei uns mit seiner Frau Waltraud und Jagdhund Asta in einem Mansardenzimmer mit Balkon untergekommen waren. Von diesem Balkon aus ballerte er einmal in das Waldstück gegenüber, in 50 Meter Entfernung hatte er ein Reh entdeckt. Von der Leber freilich sah ich nie etwas, dafür bekamen wir von ihm Hähnchen.

Foto: Rebhandl

Nachdem mein Freund seinen Baum gefunden hatte, neben dem er es sich gut einrichtete, entfernte ich mich ein wenig von ihm, um ihn nicht in seiner Konzentration zu stören, blieb dabei aber doch so nahe an ihm, um nicht irrtümlich erschossen zu werden. Um Punkt neun hieß es „Ruhe!“, denn um diese Zeit würden die Treiber ausschwärmen. Die Jagd konnte beginnen.

Wir schwiegen und lauschten den Autos auf der nahegelegenen Autobahn, um das Wild im Wald, auf das wir warteten, nicht zu verschrecken. Deshalb die Schalldämpfer! Verschreckt wurde das Wild aber ohnehin von den Flugzeugen, die immer wieder über uns hinwegflogen. Mir war schon ziemlich fad, als wir nach einer Viertelstunde in der Ferne erstmals Hundegebell hörten, da dachte ich: Yes, jetzt geht es endlich los! Action! Aber das Hundegebell verlor sich wieder in der Ferne, und eine Stunde lang hörten wir dann gar nichts mehr. 

In dieser Stunde fing ich an, mir alle möglichen Fragen zu stellen, die ich mir während eines langweiligen Drei-Stunden-Filmes auch stelle: Was ist jetzt? Tut sich noch was? Hab ich was versäumt? Worum geht’s eigentlich? Wohin mit den Beinen? Schöne Stiefel. Warum liege ich nicht in der Badewanne?

Ich sah, dass mein Freund seelenruhig in sein Handy blickte, während vom Tiroler weiter oben nichts zu hören und sehen war. Als endlich wieder Hundegebell ertönte, dachte ich abermals hoffnungsfroh, dass es jetzt endlich doch noch passieren würde: Dass die Sauen an uns vorbeigaloppieren und der Fuchs in Panik an uns vorbeistürmen würde. Doch das Hundegebell verlor sich auch dieses Mal. Ich begann zu frieren, obwohl die Sonne langsam hochstieg, und machte leichte Lockerungsübungen, während ich hoffte, dass ich damit das Wild nicht noch mehr verschrecken würde. 

Um 11 Uhr erreichte meinen Freund auf seinem lautlos gestellten Handy eine SMS: „Jagdende!“, rief er. Erleichtert atmete ich durch, und ein wenig enttäuscht ging ich auf ihn zu: „Das war´s?“

„Das war‘s“, sagte er ruhig und routiniert, bevor er mir kurz erklärte, dass das schon mal vorkommen könne: Insbesondere die Sauen wären ja heutzutage so intelligent, dass sie auf das Bellen der Hunde mit „Wir halten heute mal still!“ reagieren würden. Und vom Fuchs wäre ja allgemein bekannt, wie … schlau er ist!

Wir gingen also zurück zum Auto, um darin zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren, einem Parkplatz, auf dem die anderen schon warteten. Auch von denen hatte keiner auch nur ein Stück Wild gesehen, es gab keine Ansicht, keinen Schuss, nichts. Trotzdem wurden gut gelaunt die Kofferräume geöffnet und die mitgebrachte Jause verteilt - Speck, Brot und Bier. Ich aber fragte meinen Freund, wo der nächste Bahnhof wäre, und ob er mich nicht bitte dorthin bringen könne. Auf den zweiten Teil der Jagd ab 13 Uhr wollte ich nämlich gerne verzichten.

Dafür würde ich am Abend ins Kino gehen und mir gerne einen philippinischen oder kasachischen Problemfilm mit drei, vier Stunden Länge ansehen. Mit ausgiebig weidenden Yaks oder im Busch herumstreunenden Beerensuchern, die nichts anderes taten, als Beeren zu suchen.

Hauptsache, Action!

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Beruf: Buchbinderin