Kurt Brazda - Kameramann
Kurt Brazda, geboren 1947 in Wien, ist Kameramann, Regisseur und Fotokünstler. Während seiner 1970 beginnenden, mehr als 30-jährigen Karriere als Kameramann war er unter anderem an 600 Produktionen beteiligt. Gerade erschienen: FLÂNEURS
Frage: Herr Brazda, Sie sind ein Kind des dritten Bezirks?
Brazda: Ich habe immer im Zentrum des dritten Bezirks gewohnt, in einer schönen Altbauwohnung. Aber wir haben im vierten Stock gewohnt, 108 Stufen jeden Tag. Wir haben zehn Jahre versucht, den Lift zu bekommen, aber es gibt noch immer keinen. Damit haben wir sozusagen kapituliert und sind an den Rand des dritten Bezirks gezogen. Es ist für mich wichtig, hier zu leben, ich steige in die U3, meine Station ist Simmering, aber ich wohne in Erdberg. Im Dritten bin ich aufgewachsen, hier kenne ich jede Gasse, den Prater, den Arenbergpark, den Stadtpark. Das sind alles meine Gebiete, wo ich herumgewildert und groß geworden bin.
Frage: Haben Sie beim Herumwildern bereits Ihr Auge geschult?
Brazda: Ja, das habe ich: Straßen und Menschen, was interessiert mich? Ich bin grundsätzlich ein wahnsinnig neugieriger Mensch. So neugierig, dass meine Frau oft sagt: Schau nicht so genau hin! In der U-Bahn zum Beispiel. Dann sage ich, ist doch toll! Schau dir die Körpersprache an! Wobei ich sagen muss, meine Frau tut mir schon ein bisserl leid, weil wenn wir Spazierengehen, habe ich immer das Handy gezückt, um zu fotografieren, das ist fast wie ein innerer Zwang. Das Handy kann ja heute viel mehr als all die digitalen Kameras, die ich noch zu Hause stehen habe.
Frage: War die Entscheidung für die Filmkamera eine bewusste? Oder sind Sie als Jugendlicher klassisch hineingerutscht?
Brazda: Es gab ein paar Umwege. Ich war im Gymnasium in der Stubenbastei, wo man Russisch anbot. Alle Mädchen, die das lernen wollten, mussten zu uns, darum waren wir eine gemischte Schule. Die Buben konnten aber auch Englisch wählen, was ich getan habe. Heute finde ich es schade, obwohl ich Russisch vermutlich nie gebraucht hätte, Englisch hingegen schon. Mein Elternhaus war kleinbürgerlich, der Vater war Prokurist in einer großen Lederfirma. Meine Mutter war Jüdin, mein Vater hat sie von 1938 bis 1945 quasi durchgetragen, eine furchtbare Zeit mit stets gepackten Koffern und großer Angst. Aber das ist eine andere Geschichte. Nach der Matura hieß es, ich muss in eine Bank gehen, also habe ich in der Zentralsparkasse in der Wipplingerstraße ein Ferialpraktikum gemacht. Dort hat man mich – das müssen Sie sich vorstellen! - eingeteilt für Geldtransporte, ohne Ausbildung! Wir fuhren in einem kleinen grauen Peugeot, daran kann ich mich erinnern, ich saß vorne und neben mir der Bankbeamte, der den Geldsack übernommen hat. Ich bin sitzengeblieben und habe gewartet, bis er wieder kommt. Dann sind wir zur nächsten Filiale gefahren.
Frage: Das Geld war in einem Sack?
Brazda: Ja! Kein Koffer, keine Bewachung, nix! Einmal ist der Geldsack mit Schillingmünzen nach hinten unter die Ablage gefallen, und sie mussten ihn suchen. Aber es ist nie jemand auf die Idee gekommen, dass wir überfallen werden könnten. Ich war dann noch in einer Werbeagentur beim Vater meines besten Freundes. Das hat mir besser gefallen, weil ich nach der Matura unbedingt etwas Kreatives machen wollte. Danach habe ich mich für Theaterregie interessiert, aber dafür hätte ich eine Schauspielausbildung machen müssen. Mit Schulkollegen zusammen hatte ich bereits ab der 5. Klasse Filme gemacht und für den Jugendfilmwettbewerb der Aktion „Der guten Filme“ http://www.filmabc.at/index.php?id=1142 eingereicht habe. Das war eine Initiative, die ab 1956 den Kunstfilm nach Österreich gebracht hat, Ingmar Bergmann oder die französische Nouvelle Vague kannte bis dahin niemand, Österreich war diesbezüglich Brachland. Ich hatte also Das Siebente Siegel gesehen, einen meiner Lieblingsfilme, und wir haben die Szene, wo sie über den Hügel ziehen, nachgedreht. In der 6. Klasse haben wir einen großen österreichischen Preis für Jugendfilme erhalten und im Jahr darauf wieder mitgemacht.
Frage: Wo habt ihr die Kameras hergekriegt?
Brazda: Die Doppel-Acht-Kameras hatten wir selber, eine Eumig 16mm, damals eine ganz tolle Kamera, haben wir uns ausgeborgt. Wir sind dann sogar nach Venedig eingeladen worden, aber ich war gerade auf Urlaub mit meinen Eltern, als das Telegramm eintrudelte. Unsere Nachbarin hat es entgegengenommen und liegenlassen. Ich war bitter enttäuscht, richtig böse auf sie.
Emig 16 mm Filmkamera https://de.wikipedia.org/wiki/Eumig
Frage: Da hatten Sie schon ein Gefühl dafür: Das will ich machen.
Brazda: Ja, ich habe mich dann an der Akademie für Musik und darstellende Kunst beworben und wurde aufgrund dieser Filme angenommen, Ernst Häussermann war dort ab 1957 Professor und ich einer der ersten Schüler. „Film und Fernsehen“ hieß der Hochschullehrgang, der vier Jahre gedauert hat. Danach hatte ich mein Diplom für Bildtechnik. Von Kameraprofessor Willi Sohm https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Sohm habe ich viel gelernt hinsichtlich der Lichtsetzung, parallel habe ich noch Kulturelles Management studiert und auch abgeschlossen. 1970 war ich 23 Jahre alt und vielleicht der jüngste Kameramann Österreichs, ich habe sofort Fernsehsendungen gemacht, ganz tolle Sachen für eine Konsumentenberatungssendung zum Beispiel.Ich war natürlich sehr stolz, meinen Namen am Fernsehschirm zu sehen.
Frage: Hatten Sie – klassisch österreichisch – „Kontakte“?
Brazda: Das ist eine gute Frage. Ich habe während des Studiums als Aufnahmeleiter volontiert, da haben sich Kontakte ergeben. Dann hat eine Firma plötzlich einen Kameramann gesucht, ich erhielt einen Anruf: Willst du das machen? Das wollte ich. Die Firma hat dem Schwiegersohn vom Jopie Heesters gehört und war in Mödling in der Villa angesiedelt, wo auch er gewohnt hat. Unten im Keller saß ein alter Tonmeister, und dem hat der Jopie, damals auch schon über 90, seine alten Lieder vorgespielt, während wir oben geschnitten oder gedreht haben.
Frage: Erzählen Sie von Ohne Maulkorb https://de.wikipedia.org/wiki/Ohne_Maulkorb) , der Jugendsendung des ORF ab 1967.
Brazda: Da herrschte eine absolute Aufbruchsstimmung. Und ich muss ganz ehrlich sagen, was wir damals gemacht haben, wäre heute nicht mehr denkbar. Wir waren alle so jung und so frech. Ein Film, den wir gleich am Anfang gemacht haben, war über jugendliche Selbstmörder, der hat dann auch einen Preis gekriegt in München bei einem Fernsehfilm- Festival. Andreas Friesz, dem später das Café Europa gehörte, war ein junger Redakteur, er war wild, ich eher ruhig und schüchtern, aber ein ganz brauchbarer Kameramann. Der Friesz hat sich eingebildet, wir müssen den Film mit einer Leichenöffnung anfangen, also sind wir nach Wiener Neustadt in die Prosektur und haben aufgenommen. Das war natürlich eine Herausforderung für mich, aber ich merkte: Die Kamera wirkt wie ein Filter, ich hatte eine gewisse Distanz zum Geschehen. Mit dieser Leichenöffnung wollte der Friesz den jungen Menschen klarmachen, was der Tod bedeutete, er hat nichts vom romantischen Ich bringe mich halt um, weil mich niemand versteht. Das war wirklich ein starker Einstieg. Da gab es Budget und es wurde alles gesendet.
Frage: Waren Sie ORF-Angestellter?
Brazda: Ich war nie beim ORF angestellt. Ich habe viel für die Cinecoop gearbeitet und bekam jeweils eine Tagesgage. Damals haben wir noch auf Umkehrmaterial gedreht, das war teuflisch. Wenn du dich um eine halbe Blende vertan hast, war das Material unbrauchbar. Heute kann man in der Postproduktion viel machen. Ich habe damals viel mit Farben experimentiert, die Selbstmördergeschichte habe ich in einem ganz alten Blau gehalten. Da sind dann die Redakteure gesessen und haben gesagt: Das ist ja alles blau! Und wir haben gesagt: So wollen wir das! Also schrieben sie dazu: „Künstlerisch gewollt!“ Und es wurde gesendet.
Frage: Weitere Höhepunkte?
Brazda: Ich habe ein Rolling Stones Konzert aufgenommen, das war so laut! Ich habe die Tina Turner aufgenommen, das war im Stadion. Ich stand mit der Kamera vor ihr, und sie hat fürchterlich geschwitzt, ich war halb nass. Die Fans wollten mich abschlecken, aber für mich war das nicht so angenehm. Wir haben einen Film über Rauschgift gedreht oder das Bundesheer durch den Kakao gezogen. Ich war bei der Arena-Besetzung dabei. Wenn man heute im Fernsehen etwas darüber sieht, dann habe das Material ich gedreht. Damals knüpfte ich Kontakte zum Werner Fitzthum oder Ernst Grandits und drehte in der Folge viele klassische Kulturbeiträge. Insgesamt um die 600 Filme sind es geworden.
Frage: Wie wichtig war Ihnen die Gestaltung der Bilder?
Brazda: Ich muss jetzt etwas sagen, das haben der Andreas Friesz und ich entwickelt, und das hat der Ulrich Seidl später übernommen: Nämlich die berühmten Tableaus, wo die Leute im Film ganz unten sitzen und oben viel Luft ist. Wir haben gesagt: Man muss das Ambiente sehen, in dem der Mensch sitzt. Wir filmten einen Militärseelsorger, der über Liebe sprach, und über ihm sah man ein Kriegsbild an der Wand hängen. Der Seidl muss das irgendwann gesehen haben, aber auf so was gibt es kein Copyright.
Frage: Sie haben sich bald auch filmpolitisch engagiert.
Brazda: Wir haben heuer den 50. Geburtstag vom Verband Österreicher Kameraleutehttps://www.aacamera.org/mitglieder/ehrenmitglieder/ gefeiert mit einer großen Gala, ich bin ja einer der Gründer des Verbands, der letzte von fünf, der noch lebt. Ohne Anmaßung kann ich sagen, dass es ohne unseren Verband kein Filmförderungsgesetz und nie einen Kollektivvertrag für Filmschaffende gegeben hätte, auch keine Verwertungsgesellschaft oder die Akademie des Österreich Films oder den Dachverband der Filmschaffenden. Der erste Vorsitzende war der Elio Carniel https://de.wikipedia.org/wiki/Elio_Carniel, der https://de.wikipedia.org/wiki/Die_letzte_Br%C3%BCcke drehte. Ich war ab 1984 der dritte nach Kurt Junek und habe es dann 25 Jahre gemacht. Wir haben uns auch in die Gewerkschaft hineingewählt, weil wir gesehen haben, dass dort nur Leute sitzen, die eigentlich nichts tun.
Frage: Welcher Politiker hat am meisten angeschoben für den Österreichischen Film?
Brazda: Der Fred Sinowatz war ganz wichtig. Aber ich muss sagen: Dass ich mich filmpolitisch engagiert habe, war für mich natürlich nicht immer karrierefördernd. Ich habe öfters gehört, wenn mich ein Regisseur als Kameramann haben wollte: Der kennt sich ja aus! Der kennt die Gesetze! Und das wollte man beim Film nicht immer haben.
Frage: Zum Spielfilm sind sie letztlich nie gekommen.
Brazda: Ich hab dann schon auch Regie gemacht, aber Sie haben Recht, in den Spielfilmbereich habe ich es, anders als viele meiner Assistenten, nie so richtig geschafft. Und das hat mich, gebe ich ehrlich zu, auch geschmerzt. Ich habe etliche Fernsehspiele gemacht, aber leider Gottes keinen Kinospielfilm.
Frage: Wäre das die Meisterschaft gewesen?
Brazda: Ein Kinofilm ist oberste Klasse, Königsklasse.
Frage: Was halten Sie denn von Ihren Kollegen?
Brazda: Der Martin Gschlacht ist natürlich sehr gut, aber ich habe auch immer versucht, die Frauen im AAC zu fördern. Die Christine Mayer ist eine ganz großartige Kamerafrau, oder meine Nachfolger im AAC Astrid Heubrandtner, sie ist grandios und eine wahnsinnig gescheite Frau, die das hervorragend macht. Der Klemens Hufnagl ist fantastisch, der Klemens Koscher ist ein junger Kameramann und mein Schüler, der fantastische Sachen macht. Ich freu mich immer, wenn ich von meinen Schülern eine Einladung zu einer Premiere erhalte. Das ist für mich dann genauso ein Erfolg, wie wenn es mein eigener Film wäre.
Frage: Wie bringt man jemandem bei, ein guter Kameramann zu werden?
Brazda: Zuerst ohne Equipment, denn die Bedienung kann jeder lernen. Du musst Talent haben, du musst schauen können, du musst wahrnehmen können. Du muss dieses Gefühl für den Raum haben, wenn du in ein Café gehst. Die Wahrnehmung schulst du am besten, indem du sitzt und schaust: Woher kommt das Licht? Wie bewegen sich die Menschen? Bei der Bildkomposition bin ich dann sehr streng, ich mag, wenn die Kamera beiläufig wahrgenommen wird. Wenn ich ein Bild perfekt komponiere, entsteht sofort eine Distanz. Ich sage meinen Studenten immer: Passt´s auf, geile Bilder kann jeder machen. Aber Bilder, die einen Sinn ergeben und Geschichten erzählen, sind etwas ganz anderes. Ich sage immer, im Film ist nicht das wichtig, was man sieht und hört, sondern das, was man nicht sieht und hört. Wir müssen uns in Bildern und Tönen Assoziationen schaffen. Die meisten aber hängen irgendwo eine Go-Pro an und machen perfekte Bilder. Ich frage dann: Und? Was soll das jetzt?
Frage: Haben Sie immer viele Filme geschaut?
Brazda: Sehr viele. Das Problem ist, dass es heute so viele Filme gibt, dass ich mir die Titel und Namen gar nicht mehr merken kann, ich habe den Überblick verloren, obwohl ich oft ins Kino gehe.
Frage: War früher auch für einen Kameramann alles besser?
Brazda: Aber geh! (lacht) Entschuldigung, wir sind heute auf einem ästhetischen Niveau, das ist unglaublich, das Potenzial ist riesig, es gibt so viel, das wir nützen können. Das Problem ist die Überfrachtung, diese Inflation an Effekten. Mich fasziniert noch immer am meisten die Großaufnahme auf der Leinwand, in einem Gesicht sehe ich alles. Die Gesichter in Spiel mir das Lied vom Tod kann ich mir hundertmal anschauen. Oder die Filme der Nouvelle Vague. Ich bin ein Truffaut-Fan. Ich sage den Schülern: Wenn ihr wissen wollt, was den Wahnsinn von Filmschaffenden ausmacht, schaut euch Truffauts Die Amerikanische Nacht an.” Ich sage immer, im Film ist nicht das wichtig, was man sieht und hört, sondern das, was man nicht sieht und was man nicht hört. Wir müssen mit Bildern und Tönen Assoziationen schaffen.
Frage: Was war so schön an der Nouvelle Vague?
Brazda: Da ist ästhetisch etwas passiert, das hat man bemerkt. Die Kameras sind leichter geworden, die Filmmaterialien empfindlicher. Auf einmal konnte man mit Originallicht drehen, was man vorher nicht konnte. Als ich im zweiten Jahr auf der Filmakademie war, habe ich meinen ersten Dokumentarfilm gedreht, damals kam SW-Material heraus, das 400 ASA hatte, man konnte ohne Licht drehen. Ich habe damit einen Film gemacht im Obdachlosen-Asyl draußen im 20. Bezirk in der Meldemannstraße, wo der Hitler gewohnt hat.
Frage: Jetzt gibt es „Dogma 25“, also “Dogma neu”. Würden Sie da auch noch mittun?
Brazda: Wenn jemand anruft und sagt, jetzt drehen wir einen Kinofilm, machen wir Dogma? Dann mache ich natürlich mit! Es gehört zum Handwerk eines Kameramannes, dass er in allen Stilen zu Hause ist. Aber heute bin ich ja selbst hauptsächlich Regisseur.
Frage: Wie ist das für die Kameraleute, wenn ein Kameramann Regie macht. Weiß er immer alles besser?
Brazda: Wahrscheinlich ist es wirklich nicht so einfach. Mein erster Film, bei dem ich versucht habe, als Dokumentarfilmregisseur eine eigene Bildsprache zu entwickeln, war ein Film über Depressionen und hieß Aufbruch aus der Dunkelheit. Mein ehemaliger Assistent hat die Kamera gemacht und ich habe mich zurückgenommen, weil dem konnte ich nicht auf die Nerven gehen. Später habe ich sehr viel mit dem Benjamin Epp gedreht, das ist mein ehemaliger Assistent. Der hat sich auf mich eingestellt und ich mich auf ihn.
Frage: Wie geht man ein Dokumentarfilmprojekt an? Muss es immer die zündende Idee sein?
Brazda: Also eine Idee ist wichtig, aber dann muss man vor allem schauen, ob die Idee auch für andere interessant ist. Eine gute Doku kann dann über drei, vier Jahre Arbeit beanspruchen, von der Recherche bis zum Moment, wo sie fertig ist.
Frage: Besonderes Anliegen war und ist Ihnen Ihre Doku über den ehemaligen Burgtheaterdirektor Achim Benning – Homo Politicus. https://de.wikipedia.org/wiki/Achim_Benning.
Brazda: Sein Nachfolger Claus Peymann hat ihn ja geradezu ausgelöscht. Peymann war ein toller Theatermann, aber menschlich? Sehr schwierig! Achim Benning hat er einfach nicht akzeptiert und dem Benning sehr, sehr geschadet, weil im Endeffekt niemand seine kulturpolitische Bedeutung gewürdigt hat. Da hatten Mercedes Echerer und ich die Idee: Machen wir doch einen Film über ihn. Durch die Karin Bergmann, die den Benning sehr geschätzt hat, haben wir die Möglichkeit bekommen, zu seinem 80. Geburtstag einen ganzen Tag lang auf der Bühne ein Interview zu drehen. Fertig geworden ist der Film acht Jahre später knapp vor seinem Tod.
Frage: Diesen Film hat man Ihnen aus der Hand gerissen?
Brazda: Im Gegenteil! Ich habe das dem ORF angeboten, und dort hat man gesagt: Warum machen Sie nichts über Peymann? Da habe ich gesagt, Entschuldigung, über den gibt es schon 100.000 Dokus, aber über den Benning nichts. Dabei hätte es den Peymann ohne ihn gar nicht gegeben, weil er das Burgtheater zu einer politischen Bühne gemacht hat mit Havel, Stoppard, Kohut. Es hat zehn Jahre gedauert, bis ORF 3 gesagt hat: Ja okay, interessiert uns. Kann ich noch etwas dazu erzählen?
Frage: Bitte!
Brazda: Ich hatte noch die Möglichkeit, Benning im Spital zu besuchen, einen Tag vor seinem Tod, wo ich ihm erzählt habe, dass in zwei Tagen die Präsentation im Metro-Kino sein wird, er war so glücklich. Ich habe seine Hand gehalten, das hat mich so berührt. Und dann war dieses pompöse Begräbnis, wo wir hinter seinem Sarg um die Burg herumgegangen sind. Auf einmal sehe ich den Peymann dort stehen mit ein paar Leuten, er hat groß Hof gehalten. Bin ich zu ihm hingegangen und habe gesagt: „Herr Peymann, Grüß Gott! Ich habe den Film über Achim Benning gemacht.“ Sagt er: Jaja… soso.“ Sag ich: „Das muss ich Ihnen jetzt ins Gesicht sagen: wie Sie sich ihm gegenüber benommen haben, ist eine Schande! Schämen Sie sich, dass Sie ihn derart heruntergemacht haben. Schämen Sie sich!“ Da war er ein bisschen nervös und sagte nur: „Müssen wir das hier besprechen?“ Habe ich gesagt: „Ja, genau hier! Schämen Sie sich!“ Das war ich dem Achim schuldig, mit dem ich ja dann gut befreundet war.
Frage: War es oft schwierig, Filme zu verkaufen?
Brazda: Ich habe zum Beispiel einen Film gemacht über zeitgenössische Musik ab 1945, der in Österreich nie gelaufen ist, ich fand einfach keinen Verleih. Alle Leute, die den Film gesehen haben, meinten: Jetzt verstehe ich endlich, was zeitgenössische Musik ist. Es ging um Karl Schiske https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schiske, der alle ausgebildet hat, die nach 1945 etwas geworden sind: der https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Schwertsik Schwertzik, der Friedrich Cerha. Die Olga Neuwirth ist eine Schülerin von einem Schüler von Schiske. Der Film hatte seine Premiere beim Festival in Montreal, und ich wurde zu einer Masterclass nach Hanoi eingeladen, wo sie den Film mit Vietnamesisch untertitelt haben. Aber der ORF hat sich nicht interessiert.
Frage: War das Reisen ein schöner Nebeneffekt für einen Filmschaffenden?
Brazda: Ja. Als Kameramann bin ich doch viel herumgekommen, allerdings immer nur in der nördlichen Hemisphäre, ich war noch nie in der südlichen Hemisphäre, aber das muss ich auch nicht. Ich habe sehr viel in Amerika gedreht, war zweimal in Japan, in China, in Pakistan. Aber als Dokumentarfilmer bin ich eigentlich gerne hier geblieben und habe Themen gesucht, zu denen ich einen Bezug habe, das ist das Wichtigste. Ich habe eine starke Bindung zu Österreich, fühle mich aber als Europäer. dieser Kontinent ist faszinierend.
Frage: Wie sind heute die Arbeitsbedingungen für Kameraleute?
Brazda: Ich bin ja auch im Working Condition Committee von IMAGO, der Weltvereinigung der Kameraleute. Wir haben gerade eine Studie herausgebracht über die Arbeitsbedingungen von Kameracrews in Europa, und was da rausgekommen ist, ist verheerend. Nach außen die Glamour-Fassade, dahinter Prekariat, Ausbeutung und Machtmissbrauch.
Frage: Ist es nirgendwo gut?
Brazda: Es gibt die skandinavischen Länder, wo es gut ist. Aber Polen ist besonders schlimm, Griechenland ist schlimm, auch Frankreich. Die Studie haben wir im EU-Parlament präsentieren können, da bin ich stolz drauf, gebe ich ganz ehrlich zu. Wir sind jetzt offizieller Dialogpartner von der Kommission und vom Parlament.
Frage: Sie waren aber ökonomisch immer gut aufgestellt?
Brazda: Ich klage nicht im Geringsten, ich habe gut verdient. Aber wenn man Filme dreht, die keinen Verleih finden, und praktisch für nichts arbeitet... Andererseits macht man halt Sachen, wo man das Gefühl hat, die müssen gemacht werden. Kunst kommt ja nicht vom Können, sondern von Müssen. Jetzt bekomme ich eine Pension und unterrichte noch, was mir ganz große Freude macht. Und wenn ich die Möglichkeit habe, mache ich noch einen Film. Gerade plane ich eine Doku aus Material, das ich über viele Jahre mit meiner Handykamera gemacht habe. Da muss ich nirgendwo einreichen, meine Tochter ist Editorin und wird mir das zusammenschneiden.
Frage: Wo lagern ihre digitalen Schätze?
Brazda: Ich spiele mir alles auf eine Festplatte, auch mein fotografisches Werk. Was mich besonders freut: dass Kuratoren vom Wien Museum dieses gestern übernommen haben. Und gerade kam ein kleines Bücherl FLÂNEURS heraus mit Wien-Fotos, die ich und drei weitere Fotografen mit der Handykamera gemacht haben.
Frage: Es läuft. Ehrenmitglied sind Sie jetzt auch?
Brazda: Im Dachverband der Filmschaffenden, was mich deshalb besonders freut, weil die Auszeichnungen von Kolleginnen und Kollegen vergeben wird. Ich muss sagen, ich bin wirklich glücklich, weil ich immer mit ganz tollen Leuten gearbeitet habe.
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