“Lie or die!”- Layern und Shapen im Miedergeschäft
Foto: Manfred Rebhandl
Neulich traf ich eine Freundin, die mir von ihrem neuen Ballkleid erzählte. Sie wollte es am Regenbogenball tragen, aber es war ihr zu eng. „Ich bin einfach zu fett!“, klagte sie ohne falsche Scham. Da sie es nicht weiter machen konnte, musste sie sich selbst schmäler machen.
Für solche Fälle, erzählte sie mir weiter, gab es drüben in Floridsdorf den Miedersalon Sembera mit langer Tradition: Schon 1880 begann Emilie Weiner (+1921) Am Spitz 5 mit der Miedererzeugung und machte die Floridsdorferinnen mit ihren „Fischbeinpanzern“ schlank, wie es in einem alten Zeitungsartikel über sie hieß.
Foto: Sembera
Ihre Tochter Ella Knoblich (+1947) verlegte die Produktion dann in die Schöpfleuthergasse 37 und fertigte dort schon „etwas leichtere Mieder“. Die 1916 geborene Nichte Emilie Fischer (verwitwete Sembera) trennte schließlich Produktion von Verkauf und erwarb 1965 die Verkaufsfläche im Erdgeschoß des Hauses Schloßhofer Straße 9 nahe dem “Schnellbahnhof”, wie er damals noch hieß, ihr Geschäft nannte sie schlicht MIEDER. An der Außenwand hing ein Automat, aus dem man sich eine Strumpfhose drücken konnte. Die Geschäfte liefen so gut, dass sie sich später auch die Wohnung darüber kaufen konnte. 1980 übernahm Schwiegertochter Elisabeth Sembera das Geschäft und gab dieses 2003 an ihre Tochter Alexandra (* 1970) weiter. Deren Tochter Jasmin arbeitet seit zwei Jahren neben ihrem Studium mit. It´s all family. https://www.sembera.at/
Wir fuhren also dorthin, wo sich meine Freundin schon letztes Jahr zur Ballsaison layern ließ: drei Schichten Wäsche übereinander, um den Körper zu shapen. Eine Miederhose, einen Body und ein Mieder. Sandra, die kompetente und freundliche Verkäuferin, erkannte sie wieder und ließ sie zunächst ihr Kleid probieren, während man sehr offen die Probleme besprach: „Bauch, Arsch, Beine. Und Busen!“ Welche Farben sie bevorzugen würde? „Bloß nichts Fleischfarbenes!“ Beim Regenbogenball letztes Jahr war sie die ganze Nacht lang nicht am Klo gewesen, und nach dem Ball brauchte sie zu Hause Hilfe beim Ausziehen.
Routiniert griff die Verkäuferin nach einer ersten Miederhose und half ihr beim Anziehen:
“Ich muss unter Ihr Kleid!”, hörte man aus der Kabine.
“Ja, bitte, sehr gerne!”
“So, jetzt haben wir‘s!”
“Du meine Güte! Vielleicht hätte ich im Jänner doch weniger essen sollen!”
Denn: „Das Susa Miederhoserl erfüllt noch nicht den Zweck!“, rief Manuela in Richtung der Chefin, die als nächstes ein Weftloc-Mieder von Felina aus den 70er Jahren vorschlug: „Das hat vorne eine Bauchplatte und ist wirklich sehr fest. Manchen Damen brauche ich was Weiches gar nicht zu zeigen.“ Außerdem wäre es angenehmer zu tragen als das noch ältere Modell von Doreen Cotton aus dem Hause Triumph, ebenfalls mit Bauchplatte.
“Das Popschi paßt doch schon ganz gut”, meint Manuela.
„Das Mieder presst mir den Busen zusammen!“, ruft meine Freundin.
„Vielleicht wäre ein Bodyliner doch besser?“
Der Ursprung des Mieders geht auf die Renaissance etwa Anfang des 16. Jahrhunderts zurück. Es formte als stützende Unterkleidung die Silhouette der europäischen Frau bis ins frühe 20. Jahrhundert. Neben dem Korselett entstanden der BH und der Hüfthalter sowie mit dem Aufkommen der Strumpfhose die Miederhose. Unlängst hatten sie hier ein klassisches Planchette-Mieder in der Auslage hängen, mit dem namensgebenden starken europäischen Korsett-Verschluss aus Federstahl. „Dieser Verschluss ist fest genug für extrem eng geschnürte Korsetts und seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Gebrauch“, erklärte mir die Chefin. „Da ist auch vorne eine Stütze für den Busen drin.“ Meine Freundin probierte nun einen Body, die Verkäuferin half ihr, was sie hörbar anstrengte. „Vielleicht doch ein anderes Kleid?“
Schon vor Jahrzehnten, erzählt die Chefin, hätten ihnen die von Palmers oder Triumph Kundinnen aus der Innenstadt hergeschickt mit den Worten: „Wir kommen mit dieser Frau nicht mehr zurecht.“ Die Rede ist von durchwegs „stärkeren“ Frauen, die ihrerseits genug davon hatten, von schlanken Verkäuferinnen verächtlich schnaubend angeschaut zu werden. Bei ihnen hingegen war seit jeher Problemlösung das oberste Gebot: „Wenn andere sagen, wir führen diese superfesten Miederhosen nicht mehr, dann schauen wir halt, dass wir sie haben.“
Die Wünsche der Frauen, erzählt die Chefin, wären so verschieden wie die Frauen selbst: „Die eine will die Brust minimizen, die anderen den Bauch kaschieren, die nächste den Po oder die Beine verschmälern, und die meisten wollen alles zusammen.“ Man merke das besonders, wenn es wieder in Richtung Sommer gehe. „Da ziehen sie dünne Sommerkleidchen an und merken, dass sich hier und da etwas wölbt.“
Viele Damen kommen auch mit Hochzeitskleidern, die sie zuvor nicht mit einem passenden BH probiert haben: “Hilfe! Ich heirate nächste Woche!” Wenn aber der Busen nicht sitzt, wo er hingehört - “Ganz schwierig! Gaaanz schwierig!“ Denn grundsätzlich gelte: „Man kann die Brust ja nicht wegzaubern. Es gibt Damen, denen wir das Volumen an den Körper drücken sollen, wodurch sich aber die Gesamtsilhouette verbreitert. Daher macht es tendenziell eine schlankere Optik, wenn man die Brust nach vorne holt und nicht seitlich rausdrückt.“
Foto: Rebhandl
BHs verkaufen sie hier in Größen von 65 A bis 125 N, wobei die Damen zu 80 Prozent ihre Größe nicht kennen würden. „Die meisten Frauen tragen jahrelang oder jahrzehntelang den falschen BH, viele reißen ihn sich abends vom Körper, weil er den ganzen Tag gedrückt oder gezwickt hat.“ Ständig hören sie Sätze wie: „Ich habe immer 85 C gehabt!“, was aber nicht annähernd den realen Maßen entsprechen würde. „Der BH soll eine Festigkeit haben, aber keine roten Striemen hinterlassen“, sagt die Chefin, der in den letzten Jahren aufgefallen ist, dass immer mehr „sehr gut genährte junge Mädchen kommen oder ganz schmale mit sehr viel Brust.“
Über die Jahrzehnte erlebten sie hier alle Strömungen der Mode, beginnend mit den Bikinis, die Semberas Oma ab den 1950er Jahren verkaufte. „In den 80er Jahren gab es dann die große Freizügigkeit mit den Strings, die wir extrem gut verkauften“, bevor sie plötzlich wieder weg waren. „Aber jetzt kommen sie zurück!“ Bodies hingen hier mal meterweise an den Stangen – Kurzarm, Langarm, mit Rollkragen, mit Spitze … -, bis auch sie verschwanden. „Und dann kamen sie wieder!“ Verkauften sie zuletzt viele Corsagen, „wenn die Dame heiraten oder verführen wollte“, so finden sich diese heute nicht mehr im Regal. Dafür reißt man ihnen seit letztem Jahr Tankinis aus der Hand, deren Bikinioberteile wie Tops geschnitten sind. „Wer sich schon mal aus einem nassen Badeanzug geschält hat, weiß das zu schätzen.“
Und was die stets wechselnden Trendfarben angeht: Manch Dame kommt noch heute zu ihnen, um den einst stark nachgefragten Farbton Champagner zu finden, und was früher „Fleischfarben“ hieß, wird heute mit „Desert“ oder „Sand“ umschrieben. Kein Wunder auch: Für ihre Mitarbeiterin Aishat, die afrikanischer Herkunft ist, würde „Hautfarben“ schließlich etwas ganz anderes bedeuten als für sie.
Auch bei der Frage, wie viel Po in der Unterhose sein müsse, gebe es gewaltige Unterschiede: „Die Österreicherin und die Deutsche – der Durchschnitt! – will den Po eingepackt haben. Je weiter in den Süden wir aber kommen, desto kleiner wird das Höschen: Wehe, du gibst einer Italienerin so eine Pumpernella!“ Und die Ukrainerinnen oder überhaupt die Frauen aus dem Osten oder vom Balkan hätten sowieso einen grundlegend anderen Geschmack und forderten ganz andere Sachen als die Österreicherinnen: „Mehr sexy, mehr Spitze, mehr Halbschale“, sagt Tochter Jasmin.
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Auch, wer sich schon Richtung Heimplatz orientiert oder einen Krankenhausaufenthalt plant, wird bei ihnen fündig: „Nachthemden, Morgenmäntel, Schlapfen, Loungewear oder Beachwear – wir haben alles.“ Steht eine Reha an, werden sportliche Hosen nachgefragt. Wer nach einer Schulter-OP den BH hinten nicht mehr schließen kann, bekommt bei ihnen einen mit Verschluss vorne.
Das Alter der durchschnittlichen Kundin schätzen sie auf 45, und je älter die Damen werden, desto stärker verändere sich nicht nur das Gewebe, sondern auch die Haltung: „Dann rutschen plötzlich die Träger.“ Ab einem gewissen Alter ginge es oft nicht mehr um „Sexy“, sondern ums „Nett ausschaun.“ Es gibt daher viele Marken, die sie gar nicht erst einkaufen: „Zu wenig Popsch, zu wenig Funktion. Da frustrieren wir unsere Kundinnen nur, wenn wir so etwas hinhängen. Wir schauen lieber, dass wir schöne Sachen haben, die auch was können.“
Dass sie Ihren Kundinnen gegenüber immer ehrlich sind, wissen diese zu schätzen: „Was hätten wir davon, wenn wir nur auf den Umsatz schauen würden und sie rausschicken wie einen Dodl?“ Die beste Werbung für sie wäre schließlich, wenn eine Dame am Strand gefragt wird, wo sie ihren Bikini gekauft hat.
Foto: Rebhandl
„Sie ist wirklich die beste Verkäuferin”, lobt Tochter Jasmin ihre Mutter. “Und zwar in dem Sinn, dass alle zufrieden sind und immer wieder kommen.” Das wird auch meine Freundin tun, die am Ende wieder mit drei Lagen nach Hause geht - einer Miederhose, einem Body und einem schönen Mieder. Welchen Preis sie für die geshapte Silhouette am Ball zahlen wird, weiß sie ja schon - das Klo wird sie die ganze Nacht nicht benutzen können. Und dass sie nach dem Ball nicht alleine aus der Wäsche kommen wird, das weiß sie auch.
Aber es macht ihr nichts: „Lie or die!“, lacht sie im Auto, als wir wieder nach Hause fahren. “Fake it, till you make it!” Und nächstes Jahr wird im Jänner weniger gegessen!