Michael Steinbach - Antiquar

Foto: Manfred Rebhandl

Michael Steinbach, 80, ist einer der bekanntesten Antiquare in Österreich und seit 65 Jahren im Geschäft. Wir treffen uns in seinem Büro auf Stiege IV, wo er über sein Werden, das Früher und Heute spricht. Und den Verfall der Sitten.

Ein Besuch

Frage: Herr Steinbach, ist Ihr Büro hier im Ersten Bezirk noch leistbar?

Antwort: Im Verhältnis ja. Es ist eine tolle Lage hier, man kann fast alles fußläufig erreichen, ich bin happy. Aber was ist heutzutage noch leistbar?

F: Wo ordnen Sie sich ein unter den Antiquaren des Landes?

A: Was Wissen und Erfahrung angeht, kann ich mit allen mithalten, denn das Schönste an meinem Beruf ist ja: Man lernt nie aus. Sie kriegen jeden Tag ein Buch in die Hand, das sie noch nie gesehen haben, zu dem Sie recherchieren und sich Wissen aneignen können. Was Größe und Bedeutung angehen, ist die Nummer 1 aber der Hugo Wetscherek von Inlibris. Wir sind aber keine Konkurrenten, sondern eher Kollegen, denn er handelt auf ganz anderem Niveau als ich. Wenn Sie seinen Katalog für die London Messe anschauen, da kostet das billigste Buch – wenn ich mich nicht irre! – 50.000 Euro oder so was. Er hat aber auch Sachen für 500.000.

F: Sie entstammen einer Wiener Buchhändlerfamilie.

A: Meine Großmutter hatte eine Buchhandlung auf der Döblinger Hauptstraße, ihre Zwillingsschwester hatte dort eine Leihbücherei, für acht Schillinge konnte man sich eine Woche lang ein Buch ausgeborgen. Mein Vater nützte seine freie Zeit als Schüler, um im Kritzendorfer Strandbad mit einem Bauchladen herumzulaufen und für zwei Schillinge pro Tag Bücher zu verleihen. Als er in die Buchhandlung eingestiegen ist, hat er sie um ein Antiquariat erweitert und kam oft mit dem Auto nach Hause, das voller Bücher war. Dann sagte er zu mir: Komm, zieh dein altes Gewand an und hilf mir! Das waren die 1960er Jahre in Wien oder: Die goldene Zeiten.  Bis in die1980er Jahre hinein war Wien eine Fundgrube.  Wenn ich daran denke, was ich damals alles ausgeladen habe! Heute wäre ich ein reicher Mann, wenn ich nur einen Bruchteil jener Bücher hätte.

F: Ein paar Beispiele?

A: Die träumenden Knaben von Kokoschka https://www.dorotheum.com/de/l/9876464/

oder die Lányi-Mappe von Egon Schiele. Mein Vater hatte ein Näschen, es ging schon auch darum, Geld zu verdienen. Freilich mit Ehtik und redlichen Mitteln.

F: Da war und blieb er Vorbild?

A: Ja. Auch ich war später nie einer, der ein Buch im Wert von 1000 Euro erkannt und dafür fünf Euro geboten hat, das ist unseriös, der Verkäufer könnte mich sogar anzeigen. Allerdings gibt es leider immer wieder Kollegen, die günstig einkaufen und nicht einmal rot dabei werden.

F: Nach der Lehre bei Ihrem Vater gingen Sie nach Los Angeles.

A: Während des 18. Kongresses der International League of Antiquarian Booksellers (ILAB), der 1966 in Wien stattfand, machte ich Bekanntschaft mit Glen Dawson, der damals einer der bekanntesten Antiquare weltweit war (https://www.dawsonbooks.com/). Bald darauf flog ich als angehender Volontär mit Icelandic Airlines nach New York, wo ich zum ersten Mal den Greyhound Bus bestieg und Richtung Westen fuhr. In der Nacht habe ich im Bus geschlafen, tagsüber habe ich mir was angeschaut und die normalen Leute kennengelernt, nicht die Gstopftn, das waren tolle Erlebnisse. Und bei Dawson sah ich natürlich ganz andere Dinge als hier in Europa, das war eine tolle Zeit mit vielen neuen Kontakten.

F: Zurück in Wien waren Sie dann der eine Steinbach zu viel?

A: (lacht) Es war klar, dass zwei von uns in der gleichen Branche hier nicht funktionieren würden. Hätte ich das Antiquariat meines Vaters übernommen, wäre es einerseits natürlich einfacher gewesen für mich und ich würde heute ganz anders dastehen. Anderseits konnte ich so mein eigenes Leben aufbauen, ich trauere dem nicht nach. Außerdem war Wien in den Sechzigerjahren sehr eng und klein, nahe am Eisernen Vorhang und für mich am Ende einer Sackgasse. Mein Vater half mir damals, bei Karl Hartung https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Hartung_(Antiquar)

in München anzuheuern, von dem ich viel lernte und wo ich Bekanntschaft mit tollen Kollegen wie Helmuth Domizlaff oder Lotte Roth-Woelfle schloss. Dort wurden zweimal jährlich eine Auktionen abgehalten, in den Vorbereitungsphasen bearbeitete ich Bücher, die ich sonst wohl niemals zu sehen bekommen hätte. Ein paar Tage vor der Auktion war Besichtigung, da hat man die Sachen zeigen müssen und die Kunden kennengelernt - Sammler oder Bibliotheken, die damals noch Geld hatten, jedenfalls Leute, die sich auskannten. Bei der Auktion dann war der Saal voll mit Bietern.

F: Mit 27 machten Sie sich selbständig.

A: Das war 1972 in Eglharting in der Nähe von München. Ich hatte genug Bücher gesammelt, um einen ersten allgemeinen Katalog zu machen mit Schwerpunkt illustrierte Bücher. Rund drei Viertel davon konnte ich verkaufen, und ich stellte mir die Frage, wo ich Bücher für den nächsten Katalog herkriegen sollte. Da schlug die erste Ölkrise (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lpreiskrise) auf die Kauflaune und die Buchverkäufe gingen dramatisch zurück, das war kritisch. Aber es hat sich dann wieder beruhigt, und so ging es immer weiter: Einmal läuft das Geschäft sehr gut, dann gibt es wieder eine Delle. Im Laufe der Jahre sieht man das relativ gelassen.

F: Wie oft kommt es vor, dass man als Antiquar einen ganzen Katalog verkauft?

A: Äußerst selten. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Mir gelang das in 65 Jahren zweimal. Ende der 70er Jahre konnte ich eine Sammlung Stummfilme kaufen und diese als Ganzes an das Filmmuseum in Düsseldorf verkaufen: Filme, Plakate, Aushangfotos. Aber das war reiner Zufall.

F: Wie hat sich das Geschäft seither verändert?

A: Früher wusste ich, ein guter Sammler sucht Bücher über die Jagd. Er hat das und das, und ich habe etwas, das er noch nicht hat. Wenn ich ihm das anbot, wusste ich, dass er es kaufen würde.

F: Was haben die für Sammlungen?

A: Von Umfang und Wert teilweise unglaubliche. Heute ist es aber so, dass viele der Sammler in ein Alter kommen, wo sie sagen, okay, die Kinder interessieren sich nicht dafür, was mache ich damit? Sie zu stiften, bringt in Österreich nicht viel, also wollen sie verkaufen. Unlängst wurde mir eine Sammlung jagdspezifischer Sachbücher im Umfang von 2000 Exemplaren vom Feinsten angeboten, Erstausgaben vom 15. bis ins 19. Jahrhundert, teils handgeschrieben, wirklich toll. Aber dafür einen Käufer zu finden, der auch das nötige Kleingeld dafür hat, ist äußerst schwierig.

F: Von ungefähr wie viel Kleingeld reden wir da?

A: Da geht es schon um eine halbe Million. Der Sammler war ein Jäger, der 60 Jahre lang gesammelt hat und sich immer nur die schönsten Exemplare behalten hat. Angeboten wurde mir auch eine Cervantes-Sammlung mit Erstausgaben von Don Quixote aus dem 17. Jahrhundert im Umfang von 3000 Büchern, teils illustriert, teils mit Vorzeichnungen. Nur, wenn ich die Sammlung einer Institution in Spanien anbiete, haben die vielleicht die Hälfte davon und für den Rest kein Geld. Die Institutionen haben ja alle kein Geld mehr, das ist das Problem. Und für so etwas einen Privaten zu finden, ist praktisch unmöglich. Ein Hedgefondsmanager, der sehr viel Geld verdient, hängt sich lieber einen Picasso an die Wand und lässt das Preisschild dran, wenn er ihn herzeigt: „Schau! Mein Picasso!“ Von dem haben ein paar seiner Freunde auch schon mal gehört, aber von Cervantes? Der beeindruckt niemanden. Und darum geht es natürlich schon auch!

F: Wie viele gute Sammler gibt es in Österreich noch?

A: Das sind schon noch ein paar Hundert. Dafür, dass Österreich so klein ist, gibt es Gott sei Dank relativ viele interessierte Leute.

F: Und Geld gibt es auch genug?

A: (lacht) Geld gibt es mehr als genug!

F: Können Sie da noch mit Ihrem Know-How punkten, wo man heute alles im Internet finden kann?

A: Das Wissen, das ich mir in 65 Jahren angehäuft habe, nützt mir gar nichts mehr. Auch große Kollegen, die Millionenwerte handeln, gehen ja heute mit dem Handy herum, wenn sie auf einer Messe sind. Das hat mit dem klassischen Antiquar eigentlich nicht mehr viel zu tun. Der Antiquar war die Person des Vertrauens, die wusste, was Sache ist. Diese Person gibt es heute nicht mehr. Ich war und bin immer noch froh, wenn ich ein schönes Buch einem Sammler vermitteln kann, der Freude dran hat und nicht denkt, der wurde jetzt über den Tisch gezogen. Das sind schöne Erlebnisse.

F: Wie oft passiert das noch, dass Sie so schöne Erlebnisse haben?

A: Ich bin erst Anfang letzter Woche aus New York zurückgekommen, dort erlebt man Gott sei Dank immer noch Überraschungen. Dass jemand, den man nicht kannte, zu einem kommt und sagt, das Buch habe ich schon seit Jahrzehnten gesucht und jetzt bei Ihnen habe es gefunden, das möchte ich gerne erwerben. Ich hatte ein Buch über Emblemata aus dem 16. Jahrhundert gehabt mit 50 Kupferstichen. Und da kam eine Juwelierin und ganz bekannte Dame, wie ich später erfuhr, und hat es ohne zu verhandeln gekauft. Das war kein großer Betrag, aber sie hatte eine Freude, und ich freue mich, wenn ich jemandem eine Freude mache. Das sollte der eigentliche Sinn des Geschäftes sein, jedenfalls für mich: Es kommen zwei zusammen, und die sollten dann zufrieden sein.

F: Sie spüren und merken immer auch ein bisschen die gesellschaftlichen Entwicklungen?

A: Jetzt, wo es in der Welt so zugeht, merkt man sehr gut, wie sich die Leute fragen: Brauche ich das jetzt wirklich, oder brauche ich es nicht? Und die Institutionen gerade in Amerika sitzen am Trockenen. Auch hiesigen Bibliotheken fehlt einfach das Geld. Und einen Sponsor zu finden, ist auch nicht immer einfach.

F: Müssen Sie also hausieren gehen?

A: Hausieren in dem Sinn gehe ich nicht. Wenn ich denke, das wäre interessant für den oder die, biete ich es einmal an. Dann warte ich auf eine Antwort: Ja oder Nein? Oft reagieren die Leute aber überhaupt nicht mehr. Dann schreibe ich noch eine Erinnerung, und das war’s. Dass ich mit dem Buch vor der Tür stehe und sage: Willst es nicht kaufen? - So weit ist es zum Glück noch nicht!

F: Aber sind Sie hin und wieder enttäuscht, wenn jemand immer was gekauft hat und plötzlich nicht mehr?

A: Man ist manchmal enttäuscht, wenn die Leute überhaupt nicht reagieren. Wenn Sie ein großes Angebot machen mit Bildern und so weiter, und die Leute sagen: Tut mir leid, ist im Moment nichts für mich!, dann ist das okay. Aber wenn die Leute überhaupt nicht reagieren, nicht Muh oder Mäh sagen… das ist ein Verfall der Sitten.

F: Und man merkt, Sie leiden ein bisschen.

A: Ja, ich bin jetzt 80, und der Umgang miteinander ist … schwierig. Auch mit jungen Kollegen, die in ihren 40ern sind. Die sind ganz anders aufgewachsen und haben diese Ethik nicht mehr. Aber gut, so ist es halt.

F: Und wie gehen Sie mit den Neureichen um?

A: (lacht) Die Neureichen können meistens nicht richtig lesen, die kaufen keine Bücher und spielen daher für unseren Markt keine Rolle.

F: Und die Investoren?

A: Ich sage immer, wenn du ein Buch für ein paar Tausend Euro kaufst nur in der Hoffnung, dass es in ein paar Jahren das Doppelte wert ist – vergiss es. Ich würde niemandem empfehlen, mit Büchern zu spekulieren. Das Buch soll einem gefallen. Wenn man nach ein paar Jahren einen Gewinn damit machen kann, umso besser.

F: Wird gefeilscht?

A: Das nimmt leider stark zu! Dass die Leute anfangen zu handeln. In Amerika lautet der Standardspruch schon lange „What is your best price”? Das sagen die Leute hier noch nicht, aber “Können Sie ein bisserl was machen?“ hört man schon ganz oft. Oder „Beim Kollegen kriege ich zehn Prozent.“

F: Das nervt Sie?

A: Was soll ich tun? Ich muss damit leben

F: Findet man auf den Flohmärkten noch was?

A: Früher bin ich ab und zu auf den Naschmarkt gegangen, aber da ist fast nichts mehr zu finden. Es gibt Zufallsfunde, aber jeden Samstag deswegen um 5 Uhr dort hinzugehen, zahlt sich nicht aus.

F: Lieber fahren Sie auf Messen?

A: Italien war früher interessant, ist jetzt aber schwierig geworden, weil die wahnsinnig strenge Exportregeln haben. Im Jänner sind die Messen in Stuttgart und Ludwigsburg, im Frühjahr sind zwei in Kalifornien, im April die in New York, gerade war ich noch in Tokio. sehr wichtig. Da habe ich 15 Jahre mit einem Kollegen zusammen ein Geschäft gehabt, das lief am Anfang blendend. Dann ist der Kollege leider verstorben, und so ging auch das bergab. Im Oktober letzten Jahres haben wir zugemacht. Der japanische Markt mit japanischen Sachen ist ein relativ geschlossener Markt, davon habe ich allein zu wenig Ahnung.

F: Wenn Sie Bilanz ziehen: War es insgesamt trotzdem schön?

A: Insgesamt war es sogar sehr schön. Ich konnte mich mit Büchern beschäftigen, habe viele interessante Menschen kennengelernt, und bin viel gereist.

F: Unter anderem später noch zwei Mal mit dem Greyhound durch Amerika.

A: Ja, einmal durch den Süden, einmal in der Mitte, und einmal oben von Osten nach Westen.

F: Als interessierter Hinschauer und neugieriger Reisender?

A: Neugierig bin ich noch immer, aber das Reisen macht keinen Spaß mehr, seit alles so überlaufen ist, das ist schade. Im März sind in Tokio mehr Touristen als Einheimische. Und wenn die Leute wenigstens ein Verständnis hätten für die Kultur, die ja so reich und so anders ist! Aber die machen ein paar Selfies, das war‘s. Zum Glück wird gerade das Café Central umgebaut, denn früher standen dort die Leute um den Block herum an wie vor dem Demel um den Kaiserschmarrn in der Tüte. Das zeigt halt, wie gut deren Marketing ist und wie gleichzeitig die Kultur den Bach runter geht.

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Berndt Anwander - VOLXkinogründer