Stadt-Land-Fluss
Foto: Manfred Rebhandl
Jeden Mittwoch um 9.15 Uhr wird in Siegi’s Genussstube (auch Siegi’s guade Jaus’n) in Kierling bei Klosterneuburg Stadt-Land-Fluss gespielt. Menschen aus verschiedensten Schichten finden sich zusammen und leben Gemeinschaft.
Ein Besuch
Neulich regnete es, nachdem es zuvor schon mal tagelang schön war. Also was tun? Herr Nikki, mein Podcast-Partner und Siez-Freund, besitzt das Café Weidinger in Wien, wohnt aber in Kierling bei Klosterneuburg. Er erzählte mir, dass er dort jeden Mittwoch um 9.15 Uhr früh in Siegi’s Genussstube an der B14 geht, um mit ein paar Locals Stadt-Land-Fluss zu spielen. Ist er nicht normal?, fragte ich mich kurz.
Aber dann fuhr ich selbst nach Heiligenstadt und stieg in den 400er. „Sie müssen unbedingt den Bus nehmen, der bis Lourdesgrotte fährt!“, ermahnte er mich noch. Das tat ich natürlich nicht, darum musste ich am Bahnhof in Kierling umsteigen und warten. Bei der Station Grüntal stieg ich schließlich aus.
Siegi’s guade Jaus’n liegt gegenüber dieser Haltestelle. Der Nahversorger hätte auch das Zeug zur klassischen Tranklerhütte, ist aber eine klassische Greißlerei. Der namensgebende Besitzer führt sie seit 13 Jahren mit ausschließlich heimischen Produkten. „Besonders gut gehen der Schinken und der Käse aus Maria Taferl“, sagt er. Das Brot vom Bäcker duftet herrlich, die Erdbeeren wurden gerade frisch geliefert.
Unter der Markise im Gastgarten sitzt eine freundliche ältere Dame und zieht eine Lucky Strike nach der anderen durch. Ich bin zu früh dran und setze mich bei strengen Außentemperaturen zu ihr. Ob ihr die Tschick schmecken würden? „Ja!“, sagt sie, und damit ist alles gesagt. Auf zweieinhalb Packerl wird sie heute noch kommen.
Siegi’s Genussladen
Langsam trudeln die Spieler ein, die im kleinen Verkaufslokal vor der klassischen Budel Platz nehmen. Die meisten trinken Kaffee oder Wasser, einzig Karl gönnt sich bereits ein frühes Bier. Er spielt aber nicht mit, sondern setzt sich nur in die Ecke und kommentiert launig das Geschehen. So einen braucht jede Stadt-Land-Fluss-Runde! Früher war er Rauchfangkehrer. 40 Jahre lang stand er auf den Dächern, ist „drei Mal oweteufelt“ und kletterte in die Kamine hinein, als man noch in die Kamine hineinklettern musste. „Das hat Spaß gemacht!“, sagt er. Wohingegen heute selbst die Rauchfangkehrerei keinen Spaß mehr machen würde.
Also Frage: Was macht heute eigentlich noch Spaß? Mögliche Antwort: Stadt-Land-Fluss-Spielen!
Spielzettel mit Wahlkategorie “Hobby”
Der Helmut setzt sich mit der Susi an das kleine Tischchen links der Budel, an der Wand hängt der A4-Zettel, der die Leute hierherlocken soll: STADT-LAND-FLUSS JEDEN MITTWOCH ab 9.15. Susi war 32 Jahre lang in der Bank Austria, bis man ihr den Golden Handshake anbot - den sie sich nicht aufdrängen lassen musste! Nun fotografiert sie gerne und kümmert sich um Mathilda oder um ihre an Parkinson erkrankte Mutter. Susi ist Stadt-Land-Spielerin der ersten Stunde.
Initiator Michael ist ein 53jähriger braungebrannter Sonnyboy, dessen höchstes Ziel „200 Tage pro Jahr in der kurzen Hose!“ lautet. Der HSNS-Absolvent hatte häufig Jobs bei großen Firmen und flog bis zu 40000 Meilen pro Jahr, dazu kamen 90000 Kilometer im Auto. Sehr stressig das alles! Hier hat er endlich seine Freude an der Ruhe gefunden, der dörfliche Charakter Kierlings und seine Wohnung gleich neben der Kirche und in unmittelbarer Nähe des Herrn Nikolaus gefallen ihm. Außerdem: „Jeder kennt hier schnell jeden!” Trotzdem muss die Gemeinschaft natürlich gepflegt werden, um eventueller Einsamkeit vorzubeugen und etwas fürs Gehirn zu tun. So kam er auf die Idee mit dem wöchentlichen Stadt-Land-Fluss-Stammtisch: „Das Spiel kennt jeder. Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um die Gaudi. Und im Idealfall lernt man sogar etwas dabei.“
Er ist auch der Spielleiter und teilt die Zettel mit den sieben Kategorien aus. Die siebente wird jeweils frei gewählt, heute einigen wir uns auf „Hobby“. Letzte Woche waren es „Scheidungsgründe“. Aber die, sagt Michael, wären keine gute Idee gewesen, weil dabei schlicht jede Angabe gezählt hätte: Jodeln bei J ebenso wie Zwetschgenessen bei Z. Und richtig: Jodle mal neben deiner Liebsten, und sie wird sich scheiden lassen!
Für mich Neuling erklärt er noch einmal die Regeln: „Der Siegi sagt A, und die Susi sagt als Erste Stopp. Dann haben wir 90 Sekunden Zeit!“ Der Siegi sagt „V!“, nachdem die Susi “Stopp!” gesagt hat. Nach den 90 Sekunden wird erstmals Herr Nikolaus auffällig, der uns Villach als Fluss verkaufen möchte. Gilt aber nicht! „Du startest bei Minus 10!“, mahnt ihn Michael streng. Er selbst hatte bei Hobby „Vögeln“ gewählt, womit wir schnell wieder bei den Scheidungsgründen von letzter Woche gelandet wären. Ich habe bei Essen als einziger Vintschgerl hingeschrieben, was mir 10 Punkte einbringt, auf die ich durchaus stolz bin. Vietnam als Land muss ich mir aber mit Inge teilen, was mich fünf Punkte kostet.
Dackellady Mathilda.
Inge war früher Direktorin an zwei Schulen in Klosterneuburg und genießt jetzt ihren Ruhestand. Ob die Schüler heute noch Stadt-Land spielen könnten? „Da bräuchten wir andere Kategorien!“, lacht sie. „Influencer oder Tit Tok Star zum Beispiel!“ Wir machen klassisch weiter mit dem Buchstaben „T“, was Susis Dackellady Mathilda unter dem Tisch nur schwer erträgt. Ihr Heulen klingt nun immer leidender. Vielleicht wegen der leckeren Sachen, die in der Budel liegen? Oder ist es wegen der Speise, die uns Herr Nikolaus in der Kategorie “Essen” auftischen möchte: „Tropentoast!“ Tropentoast? Großes Gelächter. Irgendwie muss er wohl an eine Ananas gedacht haben, fand dann aber das dazu passende Wort „Hawaii“ nicht, das ihm zehn Punkte für den gleichnamigen Toast eingebracht hätte. Und dann muss er mit der Ananas irrtümlich in die Tropen abgebogen sein. So geht Stadt-Land! Aber Michael bleibt auch diesmal hart: „Nikolaus, bei dir sind wir schon so oft so nachsichtig gewesen! Jetzt nicht!“ Ich hingegen bekomme zehn Punkte und Anerkennung für mein Hobby „Tuten und Blasen“.
Pause nach vier Runden! Zum Pipigehen, Wurstsemmel- oder Punschkrapferlessen oder noch besser: Zum Pariser Spitze-Essen. Die hat die Susi heute frisch von der örtlichen Bäckerei mitgebracht, als Nachhall auf ihren Geburtstages, den sie wie vier andere im Mai gefeiert hat: „Wir sind viele Stiere hier!“, erklärt Michael hörbar stolz, der nun auch ein bisserl die Türe aufmacht zum Durchlüften: „Vom Vögeln ist er ganz verschwitzt!“, ruft der Karl, der vom Bier schon ganz fröhlich ist. Wir haben es bereits um 9.30 Uhr sehr lustig. Das Schönste beim Lustigsein ist ja, dass es nicht viel braucht, um es zu sein.
Pariser Spitz. Danke, Susi!
Nachdem die Pause zu Ende ist, sagt der Siegi wieder A, und ich bin dran mit Stopp. „L!“
Während der örtliche Tischler hereinkommt und ein Schinkensemmerl mit Gurkerl bestellt – und auch bekommt! – fragt Herr Nikolaus, ob wir schon einen Buchstaben hätten? Helmut hat da schon andere Probleme: „Scheiße, ich hab kein Hobby!“ Beim Buchstaben „N“ punktet er aber mit der Neva als Fluss, und auch Herr Nikolaus brilliert in dieser Kategorie mit der Naarn. Bevor er uns aber wieder mit „Nerzmantel tragen“ als Hobby verstört. Als wir das nicht akzeptieren wollen, versucht er es noch mit „Nashornledersattelradfahren“, kommt aber auch damit nicht durch. „Nikolaus! Seit du mitspielst, müssen wir ständig Google befragen! Das bricht den Fluss!“, sagt Michael. Was er auch beim Buchstaben „G“ beweist, als er uns „Grenoble“ als Fluss andrehen will. Dass er die „Isère“ meinte, hilft ihm dann auch nicht weiter – Null Punkte!
„Zehn Sekunden noch!“ ruft Michael, als wir in der letzten Runde um 70 Punkte für den Buchstaben „J“ fighten: „Jericho, Jena, Jakarta und Jenbach“ lauten ein paar Städtenamen. Und bei der Kategorie „Essen“ lernen wir dann tatsächlich etwas Neues, ausgerechnet von Herrn Nikolaus. Der hat „Jotasuppe“ gewählt, über die das Internet sagt: „Jota (Friaulisch Jote) ist eine eintopfartige Suppe, die teilweise auch als Minestrone bezeichnet wird.“ Mit „Jungspatz“ schießt er dann in der Kategorie „Tier“ wieder den Vogel ab. Plant er einen “Jungspatzenkalender”?
Wir zählen zusammen: „Siegi, du musst uns mit deiner Rechenmaschine helfen!“, ruft Michael. Am Ende schaffen wir es aber auch ohne. Herr Nikolaus zählt als einziger laut (altes Kellnerleiden), kommt aber trotzdem nur auf 165 von 560 möglichen Punkten. Michael auf 510, ich auf 505, und die Inge auf 520, womit sie als ehemalige Direktorin wenig überraschend die Siegerin wäre. Allerdings rechnet man hier anders! „Grundsätzlich ist es bei uns so“, erklärt Michael, „dass die Verlierer die Gewinner sind und sich beim Siegi was aussuchen können - allerding im Rahmen! Zwei Erdbeeren oder einen Kaffee!“
Helmut arbeitete früher im Krankenhaus in Maria Gugging bei der Haustechnik. Geworben für den Mittwochvormittag in Siegi’s guade Jaus‘n hat ihn sein Sohn. Der liegt, als wir spielen, „gerade im Krankenhaus am OP-Tisch“, erzählt sein Vater. Als wir alle Anteil nehmen und ihm das Beste wünschen, merken wir alle, was das eigentliche Wesen dieses Vormittages ist: Gemeinschaft zu leben und den anderen wahrzunehmen. Jeden Mittwoch um 9.15 Uhr in Siegi’s guade Jaus’n.
Und wer sich über den einen Apostroph zu viel aufregt, der hat sowieso nichts verstanden!
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