Johannes Gruber - Die Honige des Balkans

Foto: Manfred Rebhandl

Der oststeirische Wanderimker Johannes Gruber hat sich am Balkan angeschaut, was die Imker dort für Reinsortenhonige produzieren - erstaunliche! Obendrein sind die Menschen dort in höchstem Maße gastfreundlich. Hingegen die Einheimischen: Nicht nur einer, der sich aufregt, weil er “ausländischen Honig” bewerben würde!

Ein Gespräch im Café Weidinger

F: Wie konnten Sie als Vollerwerbsbauer Ihre Reisen zu den Balkan-Imkern organisieren?

A: Am Stück konnte ich die Reisen natürlich nicht machen, wir haben in der Steiermark eine Selbstversorgerlandwirtschaft mit drei Schweinen, Hühnern und der Imkerei. Ich konnte immer nur maximal ein paar Tage wegfahren. Wenn ich mit meiner Frau gereist bin, brauchten wir immer jemanden, der auf den Hof aufpasste. Meistens bin ich in ein Land geflogen und dann ein paar Tage mit dem Leihwagen herumgefahren. Auf jede Reise habe ich mich bis zu sechs Monate vorbereitet. Zuerst muss man wissen, was man sucht, welche Art von Honig es wo gibt. Mich interessieren ja vor allem Honigraritäten, endemische Bienentrachtpflanzen oder spannende Imkerprojekte.

F: Beispiele?

A: Die Imkerin im Kosovo, deren Leben innerhalb der dortigen patriarchalen Strukturen tatsächlich sehr interessant ist. Oder den Imker in Serbien, den ich gleich nach der Grenze bei Sonnenuntergang in Palić getroffen habe, zur Begrüßung gab es den ersten Schnaps und dann gleich den zweiten. Er sagte: Ici, c’est Balkans. Das mit der Sprache ist dort oft ein Problem, mit ihm aber konnte ich mich unterhalten

F: Wie wird so einer zu einem der bekanntesten Imker Serbiens, als den Sie ihn beschreiben?

A: Živoslav Stojanovi genannt Zika hat Charisma, ist ein guter Netzwerker und natürlich ein super Imker. Er kann sehr gut mit anderen und ist rhetorisch gut. Ich habe ihn wegen seines rotbraunen Seidenplanzenhonigs besucht, einer der begehrtesten Honige Serbiens. Als ich dort war, war er auch gerade ausverkauft.

F: Wie kamen Sie zu Ihren Kontakten?

A: Als ich in Mazedonien war, fragte ich nach einem Kontakt in Bosnien, man sagte mir: Es wird sich jemand melden. Ich dachte: Na, das schau ich mir an! Zwei Wochen später ruft mich ein Strabag-Arbeiter aus dem Waldviertel an, der aus Nordwestbosnien stammt und seit dreißig Jahren in Österreich arbeitet. Der sagte mir, dass sein bester Freund dort Imker ist und es ihm eine Ehre wäre, wenn wir gemeinsam dorthin fahren würden. Tatsächlich fuhr dann er in seinem schwarzen Mercedes voraus und ich mit dem Bus hinterher. Ich schicke den Menschen, die ich beschreibe, dann immer mein Buch, und der Bosnier schrieb mir zurück: Herr Gruber ich bin stolz auf Sie. Das freut mich natürlich sehr. Die Gastfreundschaft am Balkan erstaunlich, ich habe so etwas noch nie erlebt. Je weniger die Leute haben, desto gastfreundliche sind sie, ich glaube, das kann man als Gesetz aufstellen.

F: Am Balkan ist der Honig oft noch Medizin?

A: In einigen Bereichen ist das der Fall. Wenn man sich die Webseiten der Imker anschaut, sieht man, wogegen ihr Honig hilft und was er heilt er. Das ist kulturell stark verankert. Man weiß von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, dass Honig ein Wundheilmittel war, mit dem man die großen Blessuren bestrichen hat, weil er durch Osmose Wasser raussaugt und die Wunde trocknet, auch als Desinfektionsmittel wirkt und antibakteriell ist.

F: In Bulgarien fanden Sie auch den „mad honey“, den „verrückten Honig“.

A: Den gibt es in der Region Strandscha neben dem renommierten Manna-Honig, wo sie seine Existenz allerdings abstreiten, weil er ihnen unangenehm ist. Dort wächst im Unterholz der Eichenurwälder Rododendron ponticum, ein Strauch, dessen lila Blüten im Frühling tausende Touristen anlocken, ein herrlicher Anblick. Man soll angeblich nur ein Kaffeelöfferl pro Tag von diesem med od zelenika, wie er in Bulgarien heißt, essen, sonst kann es zu Herzrasen oder Hallunzinationen kommen. Es gibt Aufzeichnungen aus der Antike bei Xenophon, wonach mit Hilfe dieses Honigs Kriege gewonnen wurden, indem er vorbeiziehenden Heerscharen zum Essen präsentiert wurde. Danach waren sie berauscht und man konnte sie nachts abmurksen.

F: Studieren Sie zuvor, welche Pflanzen Sie wo finden werden?

A: Ich habe mir zwei alte Schinken gekauft, darunter eine Vegetationsbeschreibung der balkanischen Länder aus 1900 mit genauesten und sehr ästhetischen Beschreibungen - wenn Botaniker sentimental werden, dann ist das ja immer sehr schön zu lesen. Es gibt Lexika, die sowohl Sortenhonige als auch Bienenbrauchpflanzen sehr genau beschreiben. Für Serbien gibt es eine Art Enzyklopädie. Das alles schaue ich mir vorher genau an.

F: Welche Rolle spielte Österreich während der Monarchie? Gab es da so etwas wie eine Ausbeutung des Honigs?

A: In der Herzegowina bin ich in der Stadt Trebinje im Süden an der Grenze zu Montenegro auf Aufzeichnungen gestoßen, die belegen, dass 1900 von einer Genossenschaft über zehn Tonnen Honig  an den Kaiserhof exportiert wurden. In anderen Teilen der Monarchie war das sicher ähnlich, gerade in Kroatien lieferten die ebenen Flächen ja große Produktionsmengen. Es gibt aber keine wirkliche Literatur über die Geschichte des Honighandels.

F: Welche Rolle spielten die politischen Verhältnisse für die Imkerei auf dem Balkan?

 A: Ich habe eine Imkerin gefragt, ob sie für mein Buch über die Zeit unter Hoxha in Albanien etwas erzählen möchte, weil ich vorher gelesen hatte, dass es dort diese rigoroseste Form von Verstaatlichung gab mit drei Schweinen, fünf Bienenstöcken und 100 m2 Grund, die man behalten durfte. Aber sie wollte nicht, denn man möchte diese Zeit dort einfach vergessen. Tito in Jugoslawien war da liberaler, er hat sehr früh erkannt, dass man mit Honig Devisen erwirtschaften konnte, ähnlich in der DDR.

F: Wir kennen nur süßen Honig, es gibt aber auch bitteren?

A: Der bitterste Honig stammt vom Erdbeerbaum, einer Küstenpflanze, die in Albanien oder Montenegro vorkommt. Der ist so bitter, dass man ihn sich für sein ganzes Leben merkt. Bei  Verkostungen mit 40 bis 50 Sortenhonigen kommt der immer als letzter dran, weil nach dem nichts mehr geht. Der Erdbeerbaum blüht spät im Herbst bis in den Winter hinein, da sind Blüten und Früchte gleichzeitig am Baum.

F: Geht der Balkan-Imker eigentlich rustikaler mit seinen Bienen um? Sie beschreiben auch das Töten von Bienen.

A: Das Töten der Bienen gab es bei uns auch. Da sind in der Zwischenkriegszeit die sogenannten Honigmenger, die Aufkäufer, herumgefahren mit den Kutschen und haben von den Bauern die schwersten Bienenstöcke gekauft, danach die Bienen mit Schwefel getötet und den ganzen Gatsch aus dem Stock in ein Fass geschmissen, um Met daraus zu machen. Das Barbarische hat erst aufgehört, als die Imker draufgekommen sind, dass man bewegliche Rähmchen machen kann und nicht alles kaputt machen muss, um an den Honig zu kommen.

F: Die Bienen am Balkan wohnen dort auch noch in Felsen?

A: Die letzten Honigjäger gibt es in Mazedonien, wie sie auch im Film „Land des Honigs“ dokumentiert werden. Die sind dort irgendwann draufgekommen, dass die Schwärme gerne in Felsspalten ziehen. In der Region Bregalnica gibt es eine Sandsteinformation, die sogenannte Teufelsmauer, die mit Steinplatten verschlossen werden, in denen man ein Flugloch lässt. Die Hohlräume, dort brtve genannt, werden immer wieder ausgeräumt und geputzt und mit Zitrone eingerieben, sodass jedes Jahr im Frühling neue Schwärme angelockt werden. Woher diese kommen, ist ein Rätsel, denn die Gegend ist äußerst unzugänglich mit wenig Futter für die Bienen. Dort hat man mir erzählt, dass sie vor drei Jahren an 40 Tagen über 40 Grad hatten. Da steht die Vegetation still.

F: Können heimische Imker etwas lernen von den Imkern dort?

A: Das Interesse der Imker am Balkan für das Neue und Fremde ist extrem hoch, anders als bei uns. Interessant waren ja die Reaktionen auf mein Buch im örtlichen Imkerverein, wo man mir vorwarf, dass ich Werbung für ausländischen Honig machen würde! Da gibt es eine unglaubliche Borniertheit und Blödheit. Die glauben ja, dass die Steiermark quasi der kulinarische Nabel der Welt wäre, und dieser kulinarische Lederhosenpatriotismus geht mir mittlerweile so dermaßen auf die Socken. Da gibt es Leute, die glauben, wenn man ein Schweinsmedaillon in Kürbiskernkruste herausbäckt, wäre das Weltkulturerbe. Dabei kommt das Schweinsmedaillon wahrscheinlich aus Georgien und kommen die Kürbiskerne aus China. Diese Borniertheit und Blödheit nervt mich ungemein.

F: Klingt nach „typisch Österreichisch“.

A: Das ist Österreich! Wenn ich den Imkern am Balkan einen Honig von mir mitbringe, freuen die sich und es entstehen Freundschaften. Bei uns ist das eine Bedrohung, das ist peinlich. Man muss doch das andere kennen, um das eigene richtig einschätzen zu können. Die lokalen Imker aber glauben, sie sind die einzigen, die es richtig machen. Es gibt wahrscheinlich nirgendwo so dumme Leute wie in diesen Vereinshierarchien.

F: Noch ein Beispiel?

A: Wir haben in Wien eine Buchpräsentation gemacht, und da fragt mich ein Vereinspräsident ernsthaft: Sie fahren also einfach mit den Bienen über die Grenze? Hab ich gesagt: Ja, am Montag nach Rumänien, am Dienstag nach Mazedonien, am Mittwoch nach Albanien und am Donnerstag geht sich Bulgarien aus…. Fragt er: Haben Sie da keine Probleme? Sag ich: Aber geh! Einfach schnell über die Grenze fahren, dann schaut keiner so genau hin.

F: Und über diese Blödheit darf ich schreiben?

A: Freilich! Mir ist es mittlerweile fast ein Anliegen, eine gewisse Polemik reinzubringen, weil diese Dummheit zum Himmel schreit. Jeder, der einmal das Land verlässt, gilt als suspekt.

F: Was empfehlen sie weltoffenen Honigfreunden, die sich auf dem Balkan bewegen?

A: Wenn man wohin fährt und etwas erleben möchte, sollte man sich generell auf die Suche nach landwirtschaftlichen Produkten machen, dann sieht man am besten, wie die Leute in diesen Ländern leben. Auf Märkte gehen, mit den Leuten reden, das macht Freude. Honig bietet sich dafür an, weil es nichts gibt, was mehr über eine Region aussagt. Natürlich ist auch dort nicht alles Hui! Meine Frau hat mir aus Kroatien mal einen Rosmarinhonig mitgebracht mit entsprechender Etikette drauf, ich habe daran gerochen und mir gedacht: Bist du deppert! Das ist ja mal Rosmarin pur! Dann habe ich mich aber erinnert, dass ich aus Frankreich auch mal einen mitgenommen hatte, der noch hinten bei mir im Kühlraum war. Als ich an dem roch, war da nichts von Rosmarin, und in der Literatur las ich dann, dass der eben gar nicht riecht. Tatsächlich habe ich dann herausgefunden, dass es sich um Glucosesirup mit ätherischen Ölen handelte.

F: Da lieber den bitteren Honig vom Erdbeerbaum?

A: (lacht) Ja, unbedingt!

If you love me - love me! https://rebhandl.me/donate-me Danke im voraus!

Weiter
Weiter

Berndt Anwander - VOLXkinogründer