Caroline Rainer
Reisen hat für sie viel mit "dem langsamen Vorankommen" zu tun: "In jeder Stadt leihe ich mir zuerst ein Fahrrad aus." Joseph Roth kannte noch keine Leihfahrräder, ließ sich beim Reisen aber auch Zeit zum Wahrnehmen und Beobachten der "einfachen" Menschen. "In seinen Reportagen finde ich unglaublich tolle Gedanken, die mich inspirieren."
Seinen Radetzkymarsch bringt sie heuer im Rahmen des Festivals "Bühne der Macht" im Kärntner Gailtal auf die Bühne. Ihrer Meinung nach erzählt Roth darin gar nicht vom Untergang der Monarchie, "sondern von Menschen, die an einer Ordnung festhalten, obwohl sie längst spüren, dass diese brüchig ist. Die Rituale funktionieren noch, die Institutionen funktionieren noch. Aber der Glaube daran schwindet." Darum findet sie den Roman auch so aktuell: "Was passiert, wenn die Geschichten, an die wir geglaubt haben, ihre Kraft verlieren? Wenn keine Revolution stattfindet, sondern ein langsamer Zerfall, während dem die Menschen einfach so weitermachen wie bisher?"
Auch die Themen Verführung und Gehorsam wären bei Roth sehr präsent. "Was zieht uns an? Wo gehören wir dazu?" Sie hat für das Festival 30 Menschen aus der Gegend zusammengebracht und ihren Dialog filmisch festgehalten: "Das war unglaublich berührend, wie Junge und Alte sich austauschten – was übernimmst du von den Eltern, was von den Großeltern? Es lohnt sich, sich mit diesen Menschen zu beschäftigen."
Dann könne auch passieren, was letztes Jahr dort passiert ist: "Im Publikum saßen Theaterkenner, aber auch Menschen, die noch nie im Theater waren." Zuvor hatte sie einen der lokalen Helfer gefragt, ob er nicht auch kommen wolle? "Na, das schau ich mir sicher nicht an!" Am letzten Tag saß er aber doch im Publikum und fragte sie nachher: "Macht ihr das nächstes Jahr wieder?" Vielleicht könnte der Untergang ja auch aufgehalten werden, wenn hochsubventionierte Kultursnobs sich mehr mit den Menschen beschäftigen würden, auf die sie immer nur hinabschauen: mit den sogenannten "einfachen"