Kero Fichter
Er bereitet gerade zwei Führungen im Belvedere fürs Prime Programm vor, jeweils am 8. und 16. Juni werden sie stattfinden. „Die erste wird sich mit Isabella von Parma beschäftigen, der Schwiegertochter von Maria-Theresia, die mit großer Wahrscheinlichkeit in ihre Schwägerin Maria Christine verliebt war. Wir haben 200 Briefe von Isabella im Nationalarchiv in Budapest, die eine sehr klare Sprache sprechen.“ Literaturwissenschaftler wären sich einig, dass diese über das Romantisierende dieser Zeit weit hinausgingen. „Generell haben wir sehr wenige weibliche Persönlichkeiten in der Geschichte Österreichs, bei denen wir gleichgeschlechtliche Liebe anhand von Briefen einigermaßen nachweisen können.“ Würde man zu den Inhalten heute Sexting sagen? „Es liest sich natürlich nicht ganz so explizit, aber es wird schon körperlich. Das berühmteste Zitat, das ja beinahe in die Popkultur eingegangen ist, lautet: Ich küsse dein erzengelisches Arscherl.“ Oh la la!
Isabella dachte aber nicht nur an das Arscherl von Maria Christine, „sondern schrieb neben ihren Briefen auch sehr unterschiedliche, super spannende feministische Essays, in denen sie sich über Fürstentümer beschwert oder die Notwendigkeit, sich einem Mann unterzuordnen.“ Ob sie gut schreiben konnte? „Schwer zu sagen. Das meiste sind ja sehr kurze Briefe und Zettelchen, die am Hof mehrmals am Tag ausgetauscht wurden.“ Teilweise mit recht g‘schmackigen Inhalten: „So schreibt Isabella, dass sie während ihrer Schwangerschaft auf dem Nachtstuhl saß und dachte, sie müsse pinkeln. Merkte dann aber, dass sie sich einschiss.“ Ein Thema, das zu dieser Zeit noch nicht so streng tabuisiert war wie heute.
Angela Carter publizierte 1979 mit ihren zehn Kurzgeschichten The Bloody Chamber ein feministisches Re-Writing klassischer Märchen, literaturwissenschaftlich dem Magical realism zugeordnet. „Carter sprich dabei den stummen Protagonistinnen und passiven Objekten der Märchen Selbstermächtigung zu. Margaret Atwood oder Salman Rushdie waren und sind große Fans von Carter oder, und auch die Selbstermächtigung in Disney-Filmen wie Frozen geht auf sie zurück.“