Hilde Dalik
Als blondes Mädchen las sie Die rote Zora, Kurt Helds 1941 erstmals veröffentlichten Roman, in dem der im Schweizer Exil lebende Deutsche die Geschichte von Waisenkindern im kroatischen Küstenstädtchen Senj erzählt. An Die Unendliche Geschichte mochte sie, dass sich die Farbe der Schrift änderte, sobald der Autor nach Phantásien wechselte. Und dann hatte ihr Opa einen besten Freund, "der lustige Mundartgedichte geschrieben hat, die nie veröffentlicht, aber scheinbar zu einem Exemplar gebunden wurden". Das genügte, um diese Gedichte immer wieder laut aufzusagen. Wie die von Wilhelm Busch, der natürlich ungleich erfolgreicher war als Opas Freund und von dessen "Leitgedicht" in den "lustigsten Moritaten und blutigsten Schauerballaden" Schabernack und Lumpenpack sie auch nicht genug kriegen konnte. Ein paar Jahre später war es dann schon das dicke Turrini Lesebuch, das sie nicht mehr aus der Hand legte.
Als grundsympathischer Mensch ließ sie sich später auch nicht durch Literatur in imaginierte dunkle Gassen locken: "Sogar Murakami ist für mich manchmal schon zu gruselig, da steige ich aus." Hingegen mag sie immer noch Henry Miller und Anaïs Nin und deren unmittelbaren Zugang zum Leben: "Die Szenen in den Pariser Cafés, wo man ab Mittag Wein trinkt, sich treiben lässt, mit dem ins nächste Bistro geht und mit der ins nächste Bett – das ist ein einziger Rausch."
Bernardine Evaristo hat 2019 für Mädchen, Frau etc. als erste schwarze Schriftstellerin den Booker Preis bekommen: "Ihre Grundidee war, dass es zu ihrer Zeit keine Literatur gab, in der Schwarze Frauen eine Rolle spielten. Sie wollte also 1000 Geschichten über solche erzählen, am Ende wurden es zwölf, die alle irgendwie miteinander verbunden sind. Man hat das Gefühl, mit diesen Frauen, denen die ärgsten Schicksale widerfahren, befreundet zu sein und sie extrem gut zu kennen. Und obwohl schwere Themen wie Geschlechterzugehörigkeit oder Rassismus verhandelt werden, ist es kein moralisierendes Buch, das einem unbedingt Antworten geben will." Da atmet man in diesen Tagen ja schon mal erleichtert auf.