Markus Schleinzer
Schauspieler zu finden, die erdachte Figuren spielen – das war lange Zeit seine Aufgabe als erfolgreicher Castingdirektor. "Sieht" er also Menschen, wenn er Bücher liest? "Ja. Wenn man liest, ist man ein Bildhauer. Worte haben einen Körper. Worte haben einen Geschmack. Das finde ich toll." Bereits als Vierjähriger hat er sich das Lesen selbst beigebracht. Puckerl und Muckerl las er ab da und andere "Kinderbücher der Altvorderen", wie er sie nennt. "Mit einer antiquierten Sprache, die im Alltag nicht mehr gesprochen wird und dadurch ein Geheimnis bleibt. Das hat mich unheimlich fasziniert."
Mit elf spielte er am Amerlinggymnasium in Wien Schultheater: "Wir waren da sehr umtriebig, spielten Turrinis Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit von Beaumarchais. Da spielte den Figaro ein Professor und die Suzanne eine Schülerin, und niemand hat darüber nachgedacht, ob das etwas bedeuten könnte, wenn diese beiden Figuren sich auf der Bühne küssen." Heute unvorstellbar.
Oft greift er ein Buch aus seiner Bibliothek und schlägt wahllos eine Seite auf: "Wenn mich die Sprache reinzeiht, leiste ich mir das Buch. Was ich hingegen schwierig finde beim Lesen ist, wenn die Sprache zwischen mir und dem zu Verhandelnden steht. Wenn Autoren unelegant ihr Handwerk ausüben, interessiert es mich nicht. Oder wenn Daniel Kehlmann seitenlange Grußworte voranstellt. Oder wenn auf der ersten Seite 27 Mal die Farbe Blau beschrieben wird – das kann man alles streichen!"
Leo Perutz hingegen: Nichts würde er von dessen "unglaublichem Reichtum, in dem man sich suhlen kann", streichen. Auch wenn er nicht alle seine Bücher gleich gut findet, nennt er sie eine "hohe Schule für unerwartete Wendungen. Er ist romantisch und leidenschaftlich, während er gleichzeitig große Themen wie Loyalität behandelt". Exemplarisch in Der schwedische Reiter, der Verwechslungsgeschichte eines Diebes und Edelmannes in Schlesien zu Beginn des 18. Jahrhunderts, "wo die Schönheit der Sprache und der Schmerz der Geschichte mich zutiefst berührten"en.