Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig, 41, ist Journalistin, Autorin, STANDARD-Kolumnistin und Podcasterin mit Schwerpunkt Digitalisierung und Falschinformation
Sie, die sich intensiv mit Digitalisierung beschäftigt, ist überzeugt: „Das Buch wird immer eine Rolle spielen, denn Menschen brauchen Geschichten. Und das Lesen ist eine der intensivsten Methoden, Geschichten zu erleben. Man muss sie sich ja im eigenen Kopf vorstellen können.“ Da sie in ihrem Brotberuf sehr viele Sachbücher und Fachartikel lesen müsse, gelte: „In der Freizeit lese ich nur Sci-Fi, Fantasy oder Dystopien, in denen alle Regeln, die es gibt, hinterfragt werden.“ Und: Selbst wenn es darin um Drachen oder Weltraumstationen ginge, „werden immer auch menschliche Dynamiken verhandelt, das finde ich spannend.“
Was sie dabei auch mag: „Happy Endings. Diese Bücher sind ja oft sehr düster, die HeldInnen erleben Ungerechtigkeit, die ProtagonistInnen müssen sich über Probleme hinwegsetzen - dieses Überwinden der Widrigkeiten ist das Bemerkenswerte.“ Diese Genres hätten obendrein oft Anknüpfungspunkte an die Realität und würden uns vieles über unsere heutige Welt und unsere schwierigen Zeiten erzählen, „wenn eine Facette daraus zugespitzt dargestellt wird.“
Emily Teshs Buch Some Desperate Glory, ausgezeichnet mit dem Hugo-Award, wäre ein gutes Beispiel dafür, denn es behandle das übergeordnete Thema „Deradikalisierung.“ Die ersten 100 Seiten hasse man die Protagonistin, „weil sie in einem System von Propaganda aufwächst, selbst viel Vorurteile hat und insgesamt sehr unangenehm ist. Das Tolle aber: Sie entwickelt sich weiter.“ Chain-Gang-All-Stars von Nana Kwame Adjei-Brenyah wiederum würde in ganz vielen Fußnoten Bezug auf das US-amerikanische Gefängnissystem mit seinen Grausamkeiten und der Kommerzialisierung behandeln.
Sie liest bewusst mehrheitlich Autorinnen, die vor allem im Bereich Sci-Fi hervorragende Bücher liefern würden: Arkady Martine, N. K. Jemisin oder Ursula K. Le Guin, „die Altmeisterin.“ Diese Bücher wären oft durchaus brutal, denn: „Natürlich können Frauen auch hart oder zermürbend schreiben. Ich glaube aber, dass viele von ihnen überlegen, was diese Gewalt bedeutet oder woher sie kommt.“