Nehle Dick
Gerade herrscht in Wien bittere Kälte, die sie nicht liebt. Und in der Früh ist es noch immer finster, wenn der Wecker läutet, sie hat ein schulpflichtiges Kind. „Untertags wurde es immerhin hell“, freut sie sich. In letzte Zeit hat sie ja viel Fachliteratur zum Thema „Trost“ gelesen, da weiß sie solch kleine Lichtblicke einzuordnen. „Was ich toll fand: Trost –Vier Übungen von Hanna Engelmeier. Nicht ganz einfach zu lesen, aber sehr gut. Dieses Buch hat mir versichert, dass Worte etwas können. Aber gut, würde ich als Regisseurin nicht daran glauben, müsste ich jeden Tag hinterfragen, warum ich überhaupt aufstehe.“
Der Winter ist bei ihr stets der Fachliteratur vorbehalten: „Hirnnahrungsmäßiges Lesen im Sitzen mit Bleistift in der Hand, um zu recherchieren oder in einen Theaterprozess zu kommen.“ Solcherart gut genährt, steht sie gerade jeden Tag auf, um im Wiener Kosmos Theater das Stück Radio Goo Goo zu inszenieren, passend zur Weltlage geht es auch darin um das nahende Ende: „Zwischen Friedhof, Nagelstudio und verlassener Geburtsklinik entsteht ein vielstimmiges Panorama darüber, wie Menschen mit dem Wissen um das kollektive Ende umgehen: tastend, skurril, humorvoll und überraschend tröstlich“, heißt es im Pressetext.
In Beschäftigung damit stieß sie auch auf Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic, „denn wenn es um das drohende Ende der Menschheit geht, lese ich doch lieber - auch unterhaltsame – Literatur mit Figuren, die mich eventuell an der Hand nehmen, oder einer Sprache, die mir Trost spendet.“ Auch dieses Buch spielt in einer nicht genau verorteten Zukunft, die Welt brennt, der Klimawandel ist tödliche Realität und verstärkt die Unterschiede zwischen den Armen und den Reichen, denen alleine noch Obst und Gemüse vorbehalten sind. „Es geht aber auch viel um weibliche Wut in dieser Coming-of-Age-Geschichte und um die Frage, ob wir unser digitales Gedächtnis nicht vielleicht einfach in die Luft jagen sollten.“ Ein paar Samstage im Wald mit ein paar Sprengungen hier und da werden dafür freilich nicht mehr genügen.