Nikolaus Weidinger, 57, führt mit seiner Schwester Anna zusammen das traditionsreiche Wiener Café Weidinger. Foto: Rebhandl
Es begab sich zur Zeit des Ernst Weidinger im Hause der Kaffeesiederfamilie in Wien-Mauer wohl um das Weihnachtsgansl des Jahres 1983 herum, dass eine mit Frau Weidinger befreundete Familie ihnen die Luxsusedition des Buches Holzfällen – Eine Erregung von Thomas Bernhard, das wohl Anfang Jänner 1984 regulär in den Handel kommen sollte, schenkte - was sie alljährlich zu Weihnachten zu tun pflegte: Ihnen den neuesten Bernhard-Band in der Luxusedition zu schenken! Das interessierte in der Regel niemanden, „denn die Bücher verschwanden meistens in irgendeiner Kiste“, erzählt Sohn Nikolaus, der, anders als sein Vater, den traditionellen Vornamen aller erstgeborenen Buben in der Familie trägt, das Buch aber trotzdem nicht mehr finden konnte.
Dieses Geschenk jedenfalls regte das Familienoberhaupt dermaßen auf, dass man – in der Rückschau! - nicht mehr sicher sein kann, ob Bernhard in ihm nicht seinen Meister gefunden hätte. „Was ihn so aus dem Häusl gebracht hat, waren aber wahrscheinlich mehr die Besucher als das Buch selbst“, beschreibt der Sohn eine Eigenheit heimischer Weihnachtsfeste, während derer regelmäßig der Deckel vom Kessel fliegt: Dass man am Tag danach gar nicht mehr so genau sagen kann, warum es eigentlich eskalierte.
Und apropos Besuch: In Holzfällen, das der Bub, der nie gerne gelesen hat, dann doch gelesen hat, nur weil der Vater sich so darüber aufgeregt hat, wartet ja „die künstlerische Abendgesellschaft“ auf „den Burgschauspieler“, der im von Bernhard gleichermaßen geliebten wie verhassten Burgtheater noch Die Wildente spielen muss, bevor er dann endlich antanzt. Die Zeit bis dahin vertreibt sich der Ich-Erzähler, der das Schimpfen auch beherrscht, in seinem Ohrensessel mit inneren Monologen.
Was der Bub um diese Weihnachtszeit herum gelernt hat: Dass das Buch für ihn erst durch die Tirade des Vaters interessant wurde. Und dass man, zweitens, ein Buch zuerst gelesen oder ein Stück gesehen haben sollte, bevor man – wie bei Heldenplatz die sogenannte Boulevardpresse -, eine Kampagne dagegen lostritt, für deren Schmutz kein Dichter und kein Cafétier Worte fänden.
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