Oliver Lehmann
Weder „die Leseratte“ noch „der Bücherwurm“ gefallen ihm als Zuschreibung, er nennt sich Lesegourmet. „Das entspricht der Sinnlichkeit, die mit dem Lesen einhergeht.“ Literatur ist ihm Gegengift zur vom Irrsinn geprägten Welt, kleine Einschränkung: „Gute Literatur! Denn schlechte Literatur ist das Widerlichste überhaupt.“ Diese schleppt er dann säckeweise zur Caritas im 5. Bezirk, wo ein Schulfreund das Antiquariat leitet.
Nie zur Caritas würde er Bücher von Wolfgang Herrndorf bringen. „Die Biografie von Tobias Rüther beschreibt das Mäandern des Autors aus der norddeutschen Provinz kommend hin in die klassische Tafelmalerei, von der Zeit bei Titanic zu den Höflichen Paparazzi hin zur Literatur: „Das ist für sich genommen sehr guter Stoff! Aber dem Rüther gelang es auch, nicht nur ein Sachbuch zu schreiben, sondern in sich selbst ein Stück Literatur mit einer für einen Biografen selten uneitlen Sprache.“ Besonders schön fand er die Beschreibung einer Kindheit und Jugend in der norddeutschen Provinz, „die mir völlig fremd war und gleichzeitig vertraut, weil Höhepunkte wie die Olympiade 1972 oder die Fußball-WM 1974 eine Art von Verbundenheit herstellen.“
Herrndorf war ein Getriebener, der nach seiner Tumordiagnose etwas fertigbringen musste. An Schweben von Amira Ben Saoud hingegen schätzt er „die bemerkenswerte Klarheit und Ruhe in ihrem gelassenen, aber entschiedenen Ton. Eine namenlose junge Frau erzählt von ihrer Tätigkeit als Identitätsverleiherin in einer abgeschiedenen Siedlung nach einer großen Apokalypse, der Ort ist egal, aber es gibt ein großes Tabu: Gewalt. Und wie bei jedem Tabu wird dagegen verstoßen. Gegen Ende des Buches hin beginnen Menschen zu schweben, gar nicht esoterisch, sondern aus alltäglichen Situationen heraus. Das ist eine zusätzliche fantastische Wendung, die diesen Ton noch einmal verstärkt. Ähnlich der Musik von Steve Reich, die dissonant wird, aber nie penetrant.“ Im Herbst begleitete er eine Wanderung von Schafen ins Tiroler Ötztal: „Die hatten Glocken um den Hals, und diese hallten wider von den Felswänden. Dieser Klang ist dem Schweben sehr ähnlich.“