Samir Maani - extended Version

Samir Maani, 62, ist Schriftsteller, Psychiater und Psychoanalytiker

Foto: Daniel Mirus

„Je älter man wird, desto stärker merkt man, wie begrenzt die Lebenszeit ist“, beginnt er mit einer unerfreulichen Wahrheit. Man müsse sich daher genau überlegen, was man in der verbleibenden Zeit überhaupt noch lesen möchte. Unlängst war er bei seinem Freund Rainhard Just, einem Komparatisten, und fühlte sich erschlagen von dessen riesiger Bibliothek. Bis dieser ihm ein Büchlein zeigte mit dem schönen Titel Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. „Ein wunderbares Buch. Es nahm mir ein bisschen das Über-Ich-Gefühl, dass, wenn ich mich mit Kant beschäftige, ich auch alle seine Kritiken gelesen haben muss. Man kann aber nicht alles lesen!“

Unbedingt lesen solle man hingegen Mein Onkel Napoleon. Als in Graz Geborener verbrachte er sechs Jahre seiner Kindheit im Iran, wo er das Persische lieben lernte. „Das Buch wurde 1973 geschrieben und ist im Unterschied zu fast allen iranischen Romanen des 20. Jahrhunderts nicht so düster, melancholisch und bitter, sondern humorvoll. Der Held ist so eine Art Don Quijote mit Hang zu Verschwörungstheorien, er identifiziert sich mit Napoleon, weil dieser gegen die Engländer gekämpft hat. Bis heute vermutet man ja im Iran hinter allem und jedem die Engländer. Seine eigene Ohnmacht kompensiert er durch Größenwahn. Das hat sehr viel zu tun mit dem Ohnmachtsgefühl des heutigen Irans, weil es immer die Erzählung von der glorreichen Vergangenheit gibt, der in der Moderne die Zeit der Niederlagen folgte. Und diese Ohnmacht – psychoanalytisch gesagt: diese narzisstische Wunde – wird durch Größenfantasien kompensiert: Wir wollen die Atombombe; wir wollen Israel vernichten; wir wollen Amerika vernichten. Wir wollen die ganze Region vernichten!"

Das Buch wurde zu einer Kultserie verfilmt, die in vielen iranischen Familien Tag und Nacht läuft, auch in Wien. "Es gibt Redewendung aus der Serie, die Einzug in die Alltagssprache gefunden haben: 'Warst du mit diesem Mann in San Francisco?' heißt: 'Hast du mit ihm geschlafen?' Teheran war während des Zweiten Weltkrieges sehr westlich, das hielt bis in die 70er Jahre an. Bis diese islamische Katastrophe kam.“

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Gabi

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Sophie Resch