Wolf-Götz

Wolf-Götz Jurjans, 73. LASK-Fan und Kommunist.

Foto: Rebhandl

Wolf-Götz ist 73, es geht ihm gut. Sogar sehr gut, seit der LASK gestern Meister geworden ist, zum ersten Mal nach 1965. Anschauen konnte er sich das Match allerdings nicht, „weil da müsst‘ ich mir das depperte Sky kaufen, und das tua i ned.“ So weit haben wir es nämlich gebracht - und als in der Wolle gefärbter Kommunist hat er es natürlich kommen sehen! -, dass die Entscheidung der heimischen Fußballmeisterschaft nicht im heimischen ORF übertragen werden konnte, sondern nur bei den Kapitalisten. „Aber na guad, hab i hoid im Live-Ticker g’schaut, und beim Spielstand von 0-1 hob i mi schon sehr wohlgefühlt, bei 0-2 hob i g‘wußt, jetzt kaunn nix mehr passieren.“

Am schönsten war für ihn, als Trainer Didi Kühbauer in einem Interview sagte: „Am liebsten tät ich sie alle adoptieren!“ Seine Spieler nämlich. „Der herzt einen jeden, der liebt einen jeden. Das ist für mich die Verbindung zum Oliver Glasner und zum Ralf Rangnick: Einerseits die Freiheit geben, und auf der anderen Seite die Sehnsucht nach einem guten Anführer erfüllen, der dich nicht wie ein Trottel zu was zwingt, sondern der dich mitnimmt und motiviert: Du bist gut! Geht schon! Komm, wir schaffen das! Das macht für mich das Leben aus...“ Diese Art der Motivation müssen die meisten Diktatoren der Welt noch üben.

Wolf-Götz wurde 1952 in Linz geboren und ist in den Hitlerbauten der Wohnungsbaugesellschaft DAF Neue Heimat aufgewachsen. „Dort hab ich die ersten fünf, sechs Jahre im Hof Fußball gespielt, da sind die Klopfstangen gestanden, die waren unsere Tore. Wobei es einen Hausmeister gegeben hat, der uns bekämpft hat, einmal sogar mit einem Wurfmesser, das er nach dem Ball geschmissen hat, dem ist gleich die Luft ausgegangen. Das war noch ein Harter, aber gut, das waren auch harte Zeiten…“

Er selbst ist dort allerdings wohlbehütet aufgewachsen, weil die Großmutter Wert darauf gelegt hat, dass er immer ein weißes Hemd trug und geschnäuzt und gekampelt war. „Aber dann bin i immer z‘rupft vom Hof heimkommen.“ Immerhin die LASK-Farben haben da bereits gestimmt: Weißes Hemd und ordentlich schwarzer Dreck drauf. „Meine Großmutter war so sauberkeitsfanatisch, dass sie im Wohnzimmer die Plastikhüllen auf die Polstersessel drauf gelegt hat und auf die noch einmal welche! Aus diesem Milieu bin ich gekommen! Der Großvoda war natürlich überzeugter Nazi und Ingenieur, dadurch war ich auch nicht so beliebt bei den anderen Kindern, weil ich zum Herrn Ingenieur gehört habe. Also zu den G’stopft‘n.“

Als er freilich zu seiner Mutter kam, die Ecke Goethestraße und Dinghoferstraße wohnte, „begann für mich die große Freiheit.“ Da war er im Bundesgymnasium in der Ramsauerstraße, „wo ich am Anfang noch sehr gut war, bis die entscheidenden Jahre gekommen sind: 1965, 66, 67…. Da hat sich bei mir alles umgedreht: Noch heute reden mich Schulkollegen von früher an, dass wir Jurjans sicher Kommunisten waren, da gab es freie Liebe und alles, das war gut!“ Und auch seine Vereinsvorlieben polten sich damals um. Bis dahin war er Fan von SV Stickstoff Linz, später Chemie Linz. Ab da folgte er dem LASK.

Auch deswegen: „Einen Stock tiefer hat der Gerhard Sturmberger gewohnt“, der 1965 mit dem LASK zum ersten und bist gestern einzigen Mal Meisterschaft und Pokal in Österreich gewann.

Quelle: LASK Festschrift 1968

„Der Sturmberger war Libero und hat immer eine unglaubliche Kondition gehabt, war berühmt dafür. Aber meine Mutter hat gesagt, der geht jeden Tag nach dem Training unten in die kleine Bumsn, die im Haus war, und haut sich seine vier, fünf Bier hinein. Das war für den gar nichts.“ Er starb bereits 1990 und wurde nur 50 Jahre alt.

Weil er nur selten zu den Matches gehen konnte, hat er sich ein Album angelegt mit Berichten und Bildern, die er aus den OÖN ausgeschnitten und eingepickt hat. „Faszinierend war der Franz Viehböck“, der letztes Jahr verstorbene schnelle Linksaußen jener Meistermannschaft, er trug 330 Mal das schwarzweiße Trikot, bei den Heimspielen bis Ende der 1960er Jahre in der Paul-Hahn-Straße am vereinseigenen Platz: „Das waren so aufgeschotterte Dämme“, erinnert er sich, „wo die Leute drauf gestanden sind.“ Und auch erinnert er sich an eine Spezialität von Viehböck – Flugkopfbälle. „Einmal ist er mit dem Schädel gegen die Stange geprallt und war total blutig, sie haben ihn bandagiert. Aber er hat dann trotzdem noch das entscheidende Tor geköpfelt, der Turban ist irgendwo gelegen, aber der Ball war im Tor.“

Was ihm taugte an dieser Mannschaft: „Dass sie schon so international waren. Da gab es den Luka Lipošinović, einen jugoslawischen Rechtsaußen, der da auf der Seiten auf und ab gerannt ist und immer schon hingefallen ist, bevor der andere ihn überhaupt gesichelt hat.“ Und natürlich die sentimentale Vereinslegende Carlos Lima, genannt Chico.

Der flinke Flügelstürmer aus Brasilien starb am 18.7.1994 im 59. Lebensjahr völlig verarmt im Linzer Sonnenhof, nachdem man ihn zuvor mit einem Plastiksackerl in der Hand in der Stadt hat betteln sehen. Nicht jeder wurde reich mit Fußball, schon gar nicht damals, wo umgerechnet nur 25.000 Euro Siegesprämie für den Meistertitel an die gesamte Mannschaft ausbezahlt wurden.

Für einen aufrechten Kommunisten, der er bald wurde und der er bis heute ist, taten sich dadurch natürlich allerlei Probleme auf, eines davon: „Der LASK war halt immer der Verein von den Geschäftsleuten, den G’stopft‘n …“ Sodass seine Leidenschaft ein wenig abgekühlt ist, als er dann bald nach Wien gegangen ist. Gefreut hat er sich gestern aber natürlich trotzdem, dass sie nach 61 Jahren wieder Meister geworden sind. Sogar sehr.

Weiter
Weiter

Eva und Erich