Florian Scheuba
Wir treffen uns in seiner Hood, dem 18. Wiener Gemeindebezirk. Im Gastgarten des Herbeck ist gemütlich sitzen, da lässt es sich gut über eine seltsame Welt und ein seltsames Land in dieser Welt reden: Trump, Putin, dessen Freund in Österreich und die kleinen grundstückswidmenden Bürgermeister sind ein paar Themen, über die er mit dem Standard anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches spricht.
Standard: Sie haben ein Buch über die Absonderlichkeiten heimischer und internationaler Politik geschrieben, der FPÖ-Abgeordnete Leo Lugner hat es nicht mehr rein geschafft.
Scheuba: Es wurden Chat-Nachrichten bei ihm gefunden, die Ermittlungen wegen NS-Wiederbetätigung ausgelöst haben. Der war schon ein spezieller Typ, als er noch Kohlbauer geheißen hat und bekennender Fan von „Das Geschäft mit der Liebe“.
Standard: Flood the system with shit ist das Motto unserer Tage. Was tun Sie, um morgens ihre Frisur sauber zu halten?
Scheuba: Meine Frisur ist nicht wahnsinnig aufwendig, zumindest diesbezüglich nicht vergleichbar mit der von Sebastian Kurz. Es sind einfach ziemlich borstige Haare bei mir, die zum Glück noch nicht ausgefallen sind. Ich freue mich darüber, dass sie noch da sind.
Standard: Die Steigerungsform von „sauber“ lautet in Österreich „supersauber“. Die Plattform gesundheitstrends.com, die Eva Dichand gehört, empfiehlt die „Golden Shower“.
Scheuba: Sie empfiehlt sogar, dass man sich vorher gesund ernährt und damit einen guten Geschmack sicherstellt! Das zeigt die gesundheitspolitische Bedeutung von Eva Dichand, sie ist ja auch Vorsitzende des Universitätsrates der MedUni Wien.
Standard: Wie erfahren Sie, dass eine solche Seite mit öffentlichen Geldern gefüttert wird?
Scheuba: Das hat der Rechnungshof moniert, und ich habe es in der Zeitung gelesen. Im übrigen bin ich mit Investigativ-Journalisten befreundet, die mich mit Infos versorgen. Ich selbst bin keiner, sondernd versuche die Infos so zu übersetzen, dass sie vielleicht mehr Leute interessieren.
Standard: Nehmen Sie sich morgens noch Printmedien mit aufs Klo?
Scheuba: So lange könnte ich dort gar nicht sein, denn ich habe vier Abos – Standard, Presse, Krone, Kurier. Ich schneide sogar noch Artikel aus, die ich in Mappen sammle.
Standard: Irgendwann waren die Boulevardzeitungen so schwer von den Regierungsinseraten, dass man sie kaum mehr schleppen konnte.
Scheuba: Eine „Wohnkrone“ mit nur mehr vier Seiten hätte es früher tatsächlich nicht gegeben! Darum gibt es ja auch jetzt im Boulevard diese Kampagne gegen Babler, der eine Journalismusförderung plant, und das ist etwas anderes als eine Medienförderung, weil nicht alle österreichischen Medien machen Journalismus. Die spüren natürlich, dass es da möglicherweise ein bisschen weniger tröpfeln wird, als es zum Beispiel unter SPÖ-Faymann schlechte Tradition war.
Standard: Haben Sie von Fellner je ein Angebot bekommen?
Scheuba: Nein, und ich würde da auch nicht hingehen.
Standard: Ein großes Thema im Buch ist die Unterwanderung unseres schönen Landes durch das ebenso schöne Russland.
Scheuba: Die ist sehr weit fortgeschritten mit Aussicht auf Intensivierung, wenn die FPÖ wieder in Regierungsverantwortung kommt. Das Thema ist mir so wichtig, dass ich im Sommer mit dem Rupert Henning ein Stück darüber geschrieben habe, das „Nützliche Idioten - eine Geheimdienstleistung“ heißt.
Standard: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie selbst beobachtet werden?
Scheuba: Nein, aber ich glaube, Leute wie die Anna Thalhammer haben auch nicht damit gerechnet
Standard: Machen wir ein kleines Zitate-Quiz: Welcher heimische Wirtschaftsmagnat mit guten Verbindungen zu Finanzämtern sagte: „Putin ist ein sehr, sehr korrekter Mann“?
Scheuba: „Putin ist ein sehr, sehr, sehr korrekter Mann!“, bitte! Ja, das war Sigi Wolf, der auch gesagt hat, dass Putin „cool und positiv auf Kritik reagiert“.
Standard: Wohingegen eine vielschichtige heimische Politikerpersönlichkeit über Trump gesagt hat, dass der „eine sehr vielschichtige Persönlichkeit“ ist.
Scheuba: Mir fällt bei der vielschichtigen politischen Persönlichkeit Sebastian Kurz aber auf, dass er diesbezüglich in letzter Zeit ein bisschen zurückrudert. Da gab es zum Beispiel den Podcast mit Paul Ronzheimer, wo Kurz massive Trump-Propaganda betrieb und dann noch die Russland-Nähe der FPÖ kleingeredet hat.. Da ist dann sogar dem Ronzheimer die Hutschnur gerissen, und der ist immerhin sein Biograf!
Standard: Dabei bleibt Kurz wie Grasser immer supersauber?
Scheuba: Es gibt bei ihm tatsächliche viele Parallelen zu Grasser abgesehen vom Frisuren-Thema. Zum Beispiel den Herrn Johannes Pasquali im Finanzministerium, der schon damals für Grasser diese absurde Homepage mit Kinderfotos eingerichtet hat, mit einer Spende der Industriellenvereinigung. Und 20 Jahre später taucht der bei der Inseratenkorruptionsaffäre wieder auf. Daran sieht man auch die personale Kontinuität bei Korruptionsaffären in Österreich.
Standard: Reden wir über Kompetenz. Sie kennen die wissenschaftlich verbürgte Wirkung des Haarföhns, Journalistenkollege Fleischhacker hingegen erkennt in Wissenschaftsskepsis „ein Zeichen der gesellschaftlichen Reife“. Was können wir tun, um den Österreichern mehr Glauben an die Wirkung des Haarföhns einzublasen?
Scheuba: Es wäre tröstlich, wenn Fleischhacker so Föhn-fixiert wäre wie Sie, aber leider hat er das offenbar ernst gemeint. Kampf gegen Wissenschaftsskepsis ist eine Aufgabe von allen Medien, die sich irgendwie ernst nehmen, besonders aber natürlich vom ORF, der einen gesetzlich vorgeschriebenen Kultur- und Bildungsauftrag hat. Aber klar, Wissenschaft ist für die Sadopopulisten ein Gegner, da gibt es auch diese Untersuchungen, wonach Wissenschaftsskepsis tatsächlich mit politischer Gesinnung korreliert.
Standard: In dem Zusammenhang heißt es gerne: „Was wir nicht brauchen, ist moralisierendes Belehren.“
Scheuba: Das ist der Spin, der jedes Mal kommt. Natürlich gibt es auch Moralismen, die unsinnig sind, ich würde sagen, über „kulturelle Aneignung“ oder vergleichbaren Unfug braucht man nicht ernsthaft zu diskutieren, wer das tut, macht nur das Geschäft der Saddopopulisten. Aber das heißt natürlich nicht, dass Moral in der Politik nichts verloren hätte. Moralfreie Politik führt in die Diktatur.
Standard: FPÖ-Landespartei-Sekretär Michael Gruber fordert sehr streng „Mandel, Weiberl und dann gibt es Kinder!“ Sein Parteikollege, das „Manderl“ Pevny, hat sich in das „Weiberl“ Melissa Moore verknallt, das sich aber als nigerianischer Betrüger herausgestellt hat. Wie können wir die Medienkompetenz von FPÖ-Politikern dahingehend stärken, dass nicht jede Melissa Moore ein „Weiberl“ ist?
Scheuba: Zunächst mal wäre es wichtig, dass so jemanden nicht mehr zum Landesrat für Konsumentenschutz gemacht wird. Und dann fragt man sich natürlich: Der hat dem Nigerianer 700.000 Euro überwiesen, wie kann er sich das leisten?
Standard: Reden wir ein bisschen über Ihre Schauspielkarriere. Wenn eine Netflix-True-Crime-Serie die FPÖ Graz-Skandale aufarbeiten würde und Sie den Vizepräsidenten spielen müssten, der auf Parteikosten eine Penispumpe angeschafft hat - wie würden Sie die Rolle anlegen?
Scheuba: Da müsste ich den zunächst ein bisschen studieren und mir anschauen, was der jeweils wie aufgeblasen hat. Der war ja auch Finanzreferent für die Bundes-FPÖ, da will ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er - wenn er eines Tages doch ganz fallen gelassen werden muss von der steirischen FPÖ - uns teilhaben lässt an seinem Wissen über das Aufblasen auch von Finanzen.
Standard: Wenn Sie in einer fiktiven Servus-TV-Produktion den Schamanen Georg aus dem Burgenland spielen müssten, der HC Strache die Messingplatte in der Unterhose angepasst hat …
Scheuba: Ich hätte Angst vor der Szene! Aber noch mehr vor der, in der ich bei Harald Vilimsky böse Geister absaugen müsste. Da ist ja nicht endgültig geklärt worden, wie der Schamane da gesaugt hat, wo er gesaugt hat, und was es genutzt hat. Außerdem: Wie und wo wurden diese bösen Geister entsorgt? Beim unbedenklichen Biomüll können die nicht gelandet sein.
Standard: „Ellie Connor“ wäre ein schöner Titel für eine heimische ATV-Agenten-Serie. Wer ist diese Frau, wie haben Sie die gefunden?
Scheuba: „Ellie Connor“ war der in Chats mit Egisto Ott verwendete Deckname einer unter anderem für IT-Sicherheit zuständigen Beamtin im Innenministerium, die Daten aller österreichischen Polizisten abgefragt, und nach außen weitergegeben hat. Sie war auch Mitglied der Disziplinar-Kommission. Von dieser Kommission wurde sie in Folge wegen der Datenweitergabe verurteilt, aber dann ist nichts weiter passiert. Diese Daten sind beim Herrn Jenewein gelandet, und die Ermittler vermuten, dass sie heute in Russland sind. Das war einer der seltenen Fälle, wo man als Satiriker etwas Positives bewirken konnte, denn über diese Geschichte habe ich im Standard geschrieben, woraufhin ein oberösterreichischer Polizist bei der Staatsanwaltschaft nachgefragt hat, und das Verfahren wieder aufgenommen wurde. Alle österreichischen Polizisten können sich nun der Klage anschließen.
Standard: Würden Sie ihre damals im Standard geäußerte Idee, dass Teile der Österreichischen Exekutive zur „Untätigkeit“ fähig wären, noch einmal wiederholen? Für eine ähnliche Aussage wurden Sie ja verurteilt.
Scheuba: Ja, natürlich, das habe ich auch schon. Das Problematische an diesem Gerichtsurteil ist ja, dass in Zukunft jegliche Beamtenkritik in Österreich unterbunden werden könnte. Darauf hat mich ein Staatsanwalt aufmerksam gemacht, dass jede Berufung vor Gericht von den involvierten RichterInnen so interpretiert werden könnte, dass man ihnen unterstellt, ihr Amt pflichtwidrig auszufüllen. Das können wir uns nicht wünschen, das wäre ein absurder Zustand.
Standard: Kommen wir zu den ganz kleinen Männern in Österreich, zu den von Grundstückswidmungen profitierenden Bürgermeistern.
Scheuba: Es gibt viele tolle Bürgermeister, die mit viel Idealismus einen super Job machen. Aber die extreme Bodensversiegelung in Österreich - die auch immer wieder zu Überschwemmungen führt, kaum, dass es regnet - zeigt, wie absurd es ist, dass es bei uns keine verbindliche Limitierung für Bodenfraß und ihn ermöglichende Umwidmungen gibt.
Standard: Wenn man mal vom süßen Honig Grundstücksumwidmung gekostet hat, macht das vielleicht sogar richtig Spaß.
Scheuba: Dem ehemaligen Gemeindebundpräsident Riedl sicher, der steht in seiner Heimatgemeinde mehr als 70-mal im Grundbuch. Und in Oberösterreich schlägt der Haimbuchner vor, illegale Bauten im Nachhinein zu legalisieren, dem macht es auch Spaß.
Standard: Wenn einer wie der Asamer in OÖ 12,2 Millionen Gewinn macht mit der Rodung eines Waldes und Wiederverkauf der gerodeten Fläche - haben Sie da auch mal Respekt vor so einer Leistung?
Scheuba: Ich muss jetzt nachdenken, wann ich das letzte Mal bei so einer Geschichte gedacht habe: Coole Idee, da musst du erst einmal drauf kommen! Aber 19 Hektar Wald zu killen, und statt der 600 Arbeitsplätze, die die Politik versprochen hat, sind es dann 40 - da fehlt mir der Zugang zu sagen, das war eine raffinierte Nummer, das hat er geschickt gemacht.
Standard: Haben Sie mal überlegt, ihre Gagen in ein Haus in Sigi Wolfs Siedlung in Oberwaltersdorf zu investieren, wo garantiert mit Gas geheizt wird und sich dubiose Russen eingekauft haben?
Scheuba: Ich glaube, dass die mich dort möglicherweise nicht nehmen, aber vielleicht kommt ja Frank Stronach, wenn ihn die kanadische Justiz lässt, wieder zurück nach Oberwaltersdorf.
Standard: Erzählen Sie uns noch ein bisschen über ihre spezielle Beziehung zum Standard.
Scheuba: Als Leser kann ich ohne falsche Schmeichelei sagen, dass es mich freut, wie sich die Zeitung in den letzten Jahren entwickelt hat, vor allem im Investigativ-Bereich. Und als Mitarbeiter bin ich quasi eine Idee vom Ossi Bronner, der damals zu mir gekommen ist und gesagt hat: Mach das! Und ich habe mir gedacht, na ja, warum eigentlich nicht? Das gute Feedback, das ich seither bekomme, freut mich natürlich. Und es freut mich auch, dass im Zuge des Gerichtsurteils, wo es laut einem die Gegenseite unterstützenden Anwalt ja darum ging, „dem Scheuba endlich das Maul zu stopfen“, der Standard sich nicht weggeduckt hat, dafür bin ich dankbar.
Standard: Wie schwierig ist es, diese Themen auf die Bühne zu bringen?
Scheuba: Die Hauptschwierigkeit ist mittlerweile, den Leuten zwischendurch klarzumachen, dass manche Inhalte nicht satirische Überhöhungen, sondern die Realität sind.
https://buchkontor.buchkatalog.at/die-welt-geht-unter-aber-mich-nichts-an-9783552076259