Gabriele Goffriller über Joseph Kyselak
JOSEPH KYSELAK war vielleicht einer der ersten „Tagger“. So nennt man heute Graffiti-Künstler, die in der Öffentlichkeit ihre Signatur hinterlassen. 1825 brach der schlecht bezahlte Beamte zu einer großen Fußreise auf. Vier Jahre danach machte er aus seinen Notizen einen Bericht und legte ihn dem Kaiser zu Füßen.
27.03.2026 im STANDARD
Standard: Seit wann interessieren Sie sich denn für den Wandersmann Kyselak?
Goffriller: Seit 2006, als ich mit einem Freund, dem Regisseur Chico Klein, in der Stadtchronik Wien blätterte. Plötzlich sagte Chico: „Da sind Grafitti im Biedermeier entstanden, warum beschäftigen wir uns nicht damit?“ Es war ein Foto abgebildet, wo der Name KYSELAK auf Sandstein geritzt war. Zunächst interessierte mich das nicht besonders, aber dann begannen wir zu recherchieren, und nach einem Jahr sind wir die Reise in einem Film nachgegangen und haben das Buch herausgegeben. Nun, zum 200 Jahre Jubiläum, bringen wir Kyselaks "Skizzen" neu heraus.
Standard: Wie waren denn seine Lebensumstände?
Goffriller: Er war ein schlecht bezahlter Beamter, der auf eine feste Anstellung wartete. Andererseits war er längst berühmt, als er aufgebrochen ist. Schon 1824 heißt es: „Man reist jetzt durch den Wienerwald und sieht: Kyselak war überall. Wenn einmal die Eisenbahn da ist, wird niemand mehr davon sprechen, wo wir überall spazieren gegangen sind. Vielleicht wird man noch irgendwo den Namen Kyselak lesen…“ Sein Name war europaweit zu einem geflügelten Wort geworden.
Standard: Wie war er als Wanderer?
Goffriller: Frei und damals schon abseits der bekannten Routen. Im August 1825 wirft er einen Blick zurück auf die Stadt, „die beleuchtet ist von tausend Laternen“ – damals ist man gerne bei Nacht aufgebrochen – und ist froh, "nun dem dunstigen Getümmel Wiens für längere Zeit entzogen zu sein.“ Der junge Mann von 27 Jahren ist danach ca. 40 Tage und über 2000 km zu Fuß unterwegs.
Standard: Hatte er ein Ziel, oder ließ er sich treiben?
Goffriller: Das wissen wir nicht. Er war Absolvent des Piaristengymnasiums und interessiert haben ihn historische Stätten, Ruinen und Burgen. „Dahin verlobt“ hat er sich, das letzte Versteck von Andreas Hofer in Passeier zu sehen, wo er mit dessen Witwe spricht. Aber das Versteck war eingeschneit.
Standard: Der Tiroler Spätsommer war in den Bergen bereits winterlich?
Goffriller: Als er über den Gletscher vom Ötztal ins Stubaital geht, schreibt er von "beißender Kälte“. Er ging mit einem Führer, der ihn „um das andere vorrätige Hemd“ bittet, während er selbst sich eines über den Frack gezogen hat.
Standard: Weiß man, was er an Ausrüstung mitschleppte?
Goffriller: Kyselak führt an: Feuerzeug, Schnur, Bürste, ein Paar Ersatzschuhe, Stifte, Karten; ca. acht Kilo, "Bagage". Einmal musste er sein Beinkleid tauschen: weil sein Hund im Mölltal von wilden Schweinen, "mordsüchtigen Vierfüßlern", angegriffen wurde.
Standard: Was erfährt man über die Menschen, denen Kyselak begegnete?
Goffriller: Er geht sehr offen auf sie zu und wird auch interessiert aufgenommen. Er vermittelt eindrucksvoll die Lebensumstände der Landbevölkerung: wie Kinder im Dreck kriechen; Menschen mit Kropf. All das so bildhaft, dass es ihm z.B. ein Rezensent in Kärnten nicht verzeiht. Kyselak war ein Reiseliterat, der vorbereitet war und eine Meinung hatte etwa zu forstwirtschaftlichen Belangen, von denen er sicher nicht viel verstand, aber doch mehr als gar nichts. In diesem Habitus ähnelt sein Schreibstil dem anderer Reisender zu jener Zeit.
Standard: Hatte er Wanderkarten bei sich?
Goffriller: Exakte Karten waren für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, sondern nur fürs Militär. Es gab aber eine blühende Privatkartografie, mit der er sich ungefähr orientieren konnte. Vom 3011 m hohen Mutterberger Joch gab es natürlich keine Karten, da hatte er bei der Überquerung jemanden dabei, der wusste, wo unter dem Schnee eine Wiese war und wo ein Fluss. Um seine Reise im Nachhinein zu beschreiben, benutzte er den wunderbaren Atlas von Peter Anich und Blasius Hueber, der schon sehr präzise ist.
Foto: Goffriller
Standard: Mit der Verköstigung war er zufrieden?
Goffriller: Ja. Trotz der kargen Ernährung, welche die Landbevölkerung mit ihm geteilt hat: Oft Milchsuppe oder gar schimmelige Reste. Einmal führt er als besondere Festspeise einen mit Milch übergossenen Rehbraten an. Er traf auf große Armut, viele Familien mussten wildern, um zu überleben. Er selbst hatte ein Gewehr dabei, einmal bat ihn ein Führer, damit in die Luft zu schießen, wenn er pfeift. Erst später hat Kyselak verstanden, dass dieser Schuss Gemsen aufscheuchte, die sein Begleiter dann schießen konnte. Dieser bot ihm sogar an, vom Blut der Tiere zu trinken, weil man davon selbst stark werde. Da wurde ihm als Beamten bewusst, dass er an einer Straftat beteiligt war, und er nennt den Namen des „ansonsten tüchtigen Führers“ nicht.
Standard: Schloss er gar Freundschaften?
Goffriller: Der Hirte, den er im Steinernen Meer trifft und den er namentlich nennt, teilt mit ihm seine kargen Vorräte und fragt nach Tabak oder Alkohol. Kyselak aber hatte davon nichts, er konnte ihn nicht einmal belohnen dafür, dass er ihn zwei Nächte in seiner Hütte, wo die Ziegen ein Dach hatten, aufnahm, neben den Tieren. Kyselak ist "zufrieden, das Herz dieses Mannes nicht wie seine Außenseite verwildert zu sehen". Der Hirte bittet ihn, durch einen Schuss im Tal zu signalisieren, dass er gut angekommen ist. Ja, sie wurden auf eine Art Freunde.
Standard: Begab er sich im Gebirge in Gefahr?
Goffriller: Er weiß, was Todesangst bedeutet. Möglicherweise war er der Erste, der den "Großen Hundskopftod" bestiegen hat; vielleicht auch den Dachstein? Jedenfalls hat er als einer der ersten das Eisfeld dort überquert, in Lederstiefeln. Am Mallnitzer Tauern beobachtet er Bauern, die mit kleinen Brettchen an die Füße geschnallt über den Schnee ins Tal rutschen, um Dinge zu transportieren. Er beschreibt bereitliegende Lederpolster, auf denen sich Wanderer ausruhen konnten..
Standard: Waren das erste Anzeichen von Tourismus?
Goffriller: Nein, aber Kyselak schreibt tatsächlich, dass er gehört hätte, es gäbe kletterlustige Studenten, die von München Richtung Innsbruck kommen, um, ähnlich wie am „Kahlen Berg“ bei Wien übers Wochenende Erholung zu suchen. Wenn er sich an einem Lager ausruhte und dafür ein paar Kreuzer zurückließ, nahm er gewissermaßen erste touristische Dienstleistungen in Anspruch. Dass man wandern ging, wurde damals populär. Die Menschen waren in Traditionen eingebettet, ihre Kleidung wurde durch kirchliche Feiertage vorgegeben, man hatte ein „gutes“ Gewand und vielleicht ein zweites. Es muss ein schönes Reisen gewesen sein, weil jedes Tal eine eigene Tracht hatte, andere Farben, Muster, Knöpfe.
Standard: War Kyselak ein guter Schreiber?
Goffriller: Ja, der Bericht ist sehr schön zu lesen. Ein wertvoller, sachlicher Text, amüsant, aber kein Schenkelklopfer. Er machte sich unterwegs Notizen, die er später für seinen Bericht verwendete, ein frühes Bloggen, könnte man sagen. Dabei bleibt er immer authentisch, gibt nichts dazu und nimmt nichts weg; er hat auch nie geflunkert. Beispielsweise beschreibt er eine Räuberbande in der Nähe von Stainz, die tatsächlich in den Gerichtsakten genannt wird: Die "Strata Fiesel Bande", die über 100 Leute umfasste und organisiert geraubt und geplündert hat. Er beschreibt, wie er in der Nordkette über Innsbruck sitzt. Dort erzählt er eine Entstehungsgeschichte „Tyr-Ols“, das ist sehr lustig. Und er schreibt, dass er auf einer blanken Felsplatte Gelegenheit hat, „der Fülle meines Herzens Ausdruck zu verleihen.“ – er dichtet und signiert.
Standard: Hat sein Herz sich während der Reise vielleicht auch nach Damen umgeschaut?
Goffriller: Davon liest man nichts ... aber er beschreibt „schöne Mädchen auf einer Hochzeit in Berchtesgaden“, wo ihm angeboten wurde, am Tanz teilzunehmen: „Auch die Wirtstöchter wären für den Gast aus Wien da und würden gern mit ihm tanzen“, heißt es, und dass die Mädchen den Männern im Trinken in Nichts nachgestanden wären.
Foto: Goffriller
Standard: Hatte er Farbe und Pinsel mit für seine Signaturen?
Goffriller: Ja, und es gibt entlang dieser Wanderroute mehrere Signaturen, die relevant sind. Allerdings stoßen wir hier auf ein klassisches Problem: Wir haben Orte ohne Signaturen, und Signaturen ohne Bezug. Er schreibt, wo er war, aber nie, dass er dort signiert hat. Und schon gar nicht, warum.
Standard: Hat er sich dann wieder auf Wien gefreut? Ging es beruflich bergauf?
Goffriller: Nur, dass er am Ende wieder „im Kreise seiner Lieben“ sitzen wird, mit dem Hund unter dem Tisch. Nachdem er zurückgekommen ist von der Reise, bekommt er eine schlecht bezahlte, aber immerhin feste Anstellung bei Hof.
Standard: Seinen Bericht hat er dann sogar dem Kaiser gebracht?
Goffriller: Der berühmtesten Anekdote nach wurde Kyselak wegen seiner Signaturen zur Audienz beim Kaiser befohlen. Diese Anekdote ist so verbreitet, dass wir sie in unserer Filmdokumentation sehr anschaulich dargestellt haben. Es war aber ganz anders: Durch die berufliche Verbindung von Großvater, Vater und Kyselak selbst, die alle mit der Verwaltung des habsburgischen Privatvermögens betraut waren, kannte der Kaiser die Familie. Als Kyselak ihm "sein Werk zu Füssen legt", begutachtete es der Bibliotheksvorsteher, empfahl es durchaus seiner Majestät und bemerkte: „… Bey solchen Besuchen pflegt er dann gewöhnlich, seinen Namen als Wahrzeichen auf irgendeinen Stein mit schwarzer Farbe in großen Buchstaben hinzupinseln, so, dass von diesem seinen bizarren Geschmacke her, derselbe bereits weit und breit im Lande bekannt ist... "
Standard: Seinen Ruhm als „Tagger“ konnte er freilich nicht lange auskosten.
Goffriller: Nein. Er war zwar groß und stark und tüchtig. Aber schon die erste Cholerawelle 1831 in Europa hat ihn das Leben gekostet.