Oliver Schopf

Foto: Heidi Seywald für den STANDARD

Oliver Schopf zeichnet seit vielen Jahren für den STANDARD. Ein Gespräch über Herkunft, Vorbilder, internationalen Erfolg und seine Werkschau im Karikaturmuseum Krems

21.02.2026 im STANDARD


Er ist gerade umgezogen. Im Keller des neuen Wohnhauses an der Alten Donau lagern die Kisten mit tausenden Zeichnungen. Aus denen galt es auszuwählen für die große Ausstellung im Karikaturmuseum in Krems. Dazwischen hatte er Zeit für ein Gespräch über die Kindheit, den Dichand und den STANDARD, für den er seit 1988 zeichnet.

Standard: Wann haben Sie als gebürtiger Tiroler denn gemerkt, dass Ihnen der Zeichenstift besser in der Hand liegt als der Schistecken?

Schöpf: Ich bin schon auch gut und gerne Schi gefahren. Aber mein Vater hatte ein Café in Kirchdorf in Tirol an der Loferer Straße mit einer Jukebox drin, da waren viele Gäste, die ich beobachten konnte: Ihre Gesten, ihre Körpersprache, ihre Hände, ihr Gesichtsausdruck. Außerdem hatte er ab 1970 das Profil abonniert, in dem schon der Helnwein, der Deix und der Veenenbos gedruckt wurden.

Standard: Im Innsbrucker Gymnasium hatten Sie dann diesen Englischlehrer…

Schopf: … der sich jedes Jahr jemanden ausgesucht hat, den er durchfallen ließ. 1974 war ich dran. Damals hatte ich schon vom Johannes Kunz das Buch Ich bin der Meinung… über Bruno Kreisky, in dem ein paar Zeichnungen vom Ironimus Gustav Peichl drin waren. Der hat mir gefallen mit seinem einfachen Strich, den ich so lange geübt habe, bis ich eine Karikatur vom Englischlehrer am schwarzen Brett in der Schulklasse aufhängen konnte. Ein voller Erfolg! Ich habe sie 36 Mal für fünf Schilling verkauft und mir gedacht: Da schau her! Mit so was kann man Geld verdienen.

Standard: Was sie dann schon als Schüler in der Zeitschrift präsent regelmäßig taten.

Schopf: Die haben damals einen Zeichner gesucht, und der Chefredakteur hat zu mir gesagt: Wenn Sie wollen, können Sie jede Woche einen Beitrag liefern. 300 Schilling für jede Karikatur, das war sensationell. Als ich dann in Wien war, habe ich die Blätter in ein Kartonkuvert gesteckt und bin damit am Sonntag zur Hauptpost am Fleischmarkt gegangen, wo ich sie eingeschrieben und per Express aufgegeben haben, sodass sie am Montag pünktlich um 9 Uhr in der Chefredaktion waren. Das ging über acht Jahre so.

Standard: Bis Sie 1988 STANDARD-Gründer Oscar Bronner (https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Bronner) am Festnetztelefon anrief?

Schopf: Moment! Zunächst hat Ende 1987 der Dichand zum Michael Horowitz gesagt: Du, wennst irgendwo einen Zeichner findest, meld‘ dich! Der hat dann irgendwie das präsent in die Hand bekommen, mich angerufen und gesagt, ich soll beim Dichand anklopfen. Bin ich also zu ihm in die Muthgasse in den letzten Stock hinauf in sein kleines Kammerl, wo er sich als wirklicher Kunstkenner meine Zeichnungen angeschaut und verstanden hat, was ich da mache - dass ich mich mit Schiele oder Daumier beschäftigt habe, oder mit dem Olaf Gulbransson vom Simplicissimus (https://de.wikipedia.org/wiki/Simplicissimus), dem Rudolf Wilke und dem Karl Arnold. Ich habe auch den Sokol sehr geschätzt, der handwerklich großartig war, aber als Mensch sehr schwierig. „Na gut, probieren wir es halt!“, hat der Dichand also gemeint. „Sie werden reich werden bei mir, eine Weltreise machen, und wenn Sie sich mal die Hand verletzen, werden wir sie versichert haben!“

Standard: Wie reich denn ungefähr?

Schopf: Er gab mir einen wirklich sehr guten Vertrag. Aber dann war die Waldheim-Sache am Kochen, und er hat mich immer seltener gedruckt und der Gram hat mich kaum mehr angerufen. Im Juni 1988 sind auf der Seite 3 aber noch zwei Zeichnungen von mir publiziert worden, eine Karikatur und der Kopf vom Verteidigungsminister Lichal. Die hat der Oscar Bronner gesehen und sich wohl gedacht: Der hat einen anderen Stil als in Österreich üblich, einen eher Amerikanischen. Hat er also den Dichand angerufen und ihn gefragt: „Wer ist denn dieser Schopf?“ Und der soll gleich gesagt haben: „Ja, der ist genau was für Sie, weil für mich ist er nix! Den können Sie haben, ich geb‘ Ihnen seine Nummer“. Hat er mich also tatsächlich angerufen - „Guten Tag, mein Name ist Oscar Bronner …“, so, wie er später in der Werbung gesprochen hat! -, und wir trafen uns in seinem Atelier im 2. Bezirk, wo ich ihm einigen Zeichnungen zeigte, die er großartig fand. Auch er hat mir einen sehr guten Vertrag vorgeschlagen, und ich habe mir wieder gedacht: Das ist ja super!

Standard: Wussten Sie da schon, dass Ihre Zeichnungen auf rosa Papier gedruckt werden würden?

Schopf: Anfangs sollte die Zeitung ja Wirtschaftsblatt heißen, und angeblich war auch Wiener Allgemeine als Titel im Gespräch. Ab 1. September 1988 aber gab es dann die ersten Nullnummern auf rosa Papier und dem endgültigen Titel DER STANDARD (www.derstandard.at), anfangs jedoch ohne Sport und nur an fünf Tagen in der Woche. Bis die Leserbriefe kamen: Herr Bronner, sie können doch keine Zeitung ohne Sport machen! Sie können doch nicht auf die Wochenendausgabe verzichten! Es waren viele junge Leute dort, alle waren wir topmotiviert und wollten etwas Großes machen!

Standard: Zunächst mit Ihnen als einzigem Karikaturisten.

Schopf: Ich saß anfangs jeden Tag in der Konferenz und habe danach mit der Chefredaktion und wichtigen Kollegen besprochen, was ich zeichnen soll. Dann hatte ich ca. 4 Stunden Zeit für die Karikatur, plus den Kopf des Tages. Bis ich den Chef irgendwann gefragt habe: „Was machen wir denn, wenn ich mal Grippe habe? Und was ist mit Urlaub? Wir brauchen einen Zweiten!“ So kamen der Jean Veenenbos und Jahre später der Dieter Zehentmayr dazu.

Standard: Und Sie wurden Gerichtszeichner.

Schopf: Beim Proksch-Prozess 1990 (https://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Proksch) herrschte damals komplettes Fotografierverbot, jede Zeitung musste also einen Zeichner hinschicken. Für den Standard hat der Daniel Glattauer geschrieben und ich gezeichnet. Im Proksch-Prozess hat mich interessiert, wie man das Gegenteil von dem sagen kann, was die Körpersprache ausdrückt. Oder Jahrzehnte später der Stronach, der im Bundesligaprozess mit den Händen eine Pistole geformt und gegen den Richter gehalten hat, während er auf Amerikanisch-Steirisch sagte: „I bin a gaunz a friedlicha Mensch!“ So was war schön zu zeichnen! Der Fuchs- und der Fritzl-Prozess hingegen waren eine Herausforderung. Wie der Fuchs da in Graz reingekommen ist und immer wieder geschrien hat: “Nein, danke!“…

Standard: Der BAWAG-Prozess 2006 (https://de.wikipedia.org/wiki/BAWAG-Aff%C3%A4re) zog sich dann über 117 Tage.

Schopf: Bis dahin habe ich alles in Schwarz-Weiß gemacht, ab da habe ich mit Aquarell begonnen. Nach drei Monaten tat sich aber nix mehr im Gerichtssaal, da wurden nur mehr die Gutachten verlesen, ein Großteil der Berichterstatter blieb den Verhandlungstagen fern. Meine Chefredakteurin aber wollte, dass ich weitermache. Jeden Tag musste ich also auf ein Häppchen warten: Dass die Richterin Bandion-Ortner den Murmeltiertag einläutet, oder dass der Angeklagte Föttl sagt, er hätte nur kleine Brötchen gebacken: So konnte ich ihn als Bäcker zeichnen.

Standard: Sie wurden dann als erster Österreicher Mitglied des Cartoon Arts International/New York Times Syndicate. Wie kam`s?

Schopf: Während einer Ausstellung in Brüssel 1985 habe ich internationale Kollegen kennengelernt wie den Martyn Turner von der Irish Times oder den Plantu von Le Monde. Der Kevin „Kal“ Kallaugher vom Economist hat mir dort von diesem Syndicate erzählt, das der Jerry Robinson gegründet hat, der in den 1940er-Jahren wiederum maßgeblich an der Entwicklung des Jokers in den in den Batman-Comics beteiligt war. „Schick dem was!“, hat er gesagt. Ich hab ihm also per Luftpost etwas geschickt, später per Fax und per Email, und er fand das super. Daraus wurde eine 37jährige Mitarbeit, bis das Syndicate 2022 eingestellt wurde und ich zum Cartoon Movement in Amsterdam wechselte. Wenn im Richmond Observer oder in den Ontario News eine Zeichnung von mir gedruckt wurde, standen immer mein Name und jener der Zeitung dabei, in der sie zuerst publiziert wurde. Wenn irgendwie möglich, habe ich mir Belegexemplare aus allen Teilen der Welt besorgt, einmal schrieb mir der österreichische Vertreter der Wirtschaftskammer in Tokio eine Mail: Sie sind in der Japan Times! Netterweise hat er mir die Zeitung sogar geschickt…

Standard: Die nun auch in der Ausstellung im Kremser Karikaturenmuseum zu sehen sein wird. Wie haben Sie denn aus der Vielzahl der Zeichnungen ausgewählt?

Schopf: Insgesamt sind es 8000 bis 10000, „ein episches Werk“, wie Kurator Gottfried Gusenbauer sagte. Zusammen haben wir eine repräsentative und vielschichtige Auswahl der letzten 20 Jahre getroffen - Cartoons, Gerichtszeichnungen, Bildergeschichten, Arbeiten und Portraits zu Wissenschaft, Literatur, Schach und Wirtschaft. Aber auch freie Skizzen in Analog und Digital. Das war gar nicht einfach!

Standard: Gar nicht einfach ist auch die Lage für Zeitungen und Karikaturisten. Was würden Sie denn einem 14jährigen Sitzenbleiber, der gerne zeichnet, raten?

Schopf: Zeichne, wenn es dein innerster und wirklicher Wunsch ist! Tu, was dir Spaß macht. 

Standard: Und verulke deinen Lehrer?

Schopf: Genau! Und gründe auch gleich eine Schülerzeitung, gerne auch online!

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Hansi Hinterseer