Marc Elsberg
Dass es um unsere Erde nicht gut bestellt ist, wissen wir längst. Dass wir etwas tun sollten, wissen wir auch. Und doch ziehen immer stärkere Kräfte in die falsche Richtung. Wie es aussehen könnte, wenn bestimmte Kipppunkte erreicht werden, beschreibt Bestsellerautor Marc Elsberg in seinem eindringlichen neuen Thriller Eden, für den er auch seinen Helden Piero Manzano aus Blackout wieder reaktiviert hat. Ich traf ihn stark verkühlt, aber gut gelaunt zu einem Gespräch.
01.03.2026 im STANDARD
STANDARD: Erzählen Sie uns von Ihrem Biologielehrer und Ihrem Verhältnis zur Natur.
Elsberg: DDr. Ernst Bauernfeind im Bundesgymnasium Baden hat mich immer wahnsinnig fasziniert, weil er einen gut geschnittenen braungrünen Dreiteiler trug oder überhaupt gleich ein Jackerl mit Knickerbocker, und wenn er rausging, hat er einen grünen Hut aufgesetzt. Er sprach fließend Latein und war auf seine strenge, witzige Art ein sehr guter Lehrer, bei dem ich gerne den Freigegenstand Biologie besuchte. Sein Spezialfach waren Eintags- und Steinfliegen, er hat die Sammlung im Naturhistorischen Museum bis zuletzt mitbetreut. Als ich mit Recherchen für Eden begann, habe ich der Direktorin des Museums von ihm erzählt, und sie sagte: Der ist heute da! In den hintersten Räumen saß er mit Blick auf die Maria Theresia und klopfte etwas in einen vorsintflutlichen Computer. Ich fand Natur immer spannend, habe sie wahrgenommen und erlebt, war Pfadfinder und wuchs in einem Haus mit Garten auf, da hat man schon viel gesehen. Als Familie haben wir immer gezeltet, und wenn wir nach drei Wochen das Zelt abbauten und sich darunter ein Nest mit Strandvipern zeigte, ist niemand schreiend weggelaufen, sondern wir haben es uns angeschaut.
STANDARD: Worauf kommt’s an bei Ihren Recherchen?
Elsberg: Wenn du in diesen altehrwürdigen Museumsräumen sitzt und jemand erzählt dir, dass er jetzt wieder für einen Monat "ins Feld" geht, was bedeutet, dass er in Südafrika Gazellenkot aufsammeln wird, dann ist es die spürbare Freude und Begeisterung, die für mich in solchen Gesprächen oft wichtiger ist als die nackten Zahlen oder Zusammenhänge. Das Gefühl, das ich für solche Menschen bekomme, kann ich dann in die Zeichnung meiner Charaktere einfließen lassen.
STANDARD: Hauptfigur ist dieses Mal ein junger, anfangs sorgloser Influencer, der mit der rauen Wirklichkeit der Zerstörung unseres Planeten konfrontiert wird und mit Postings über ein Babyhippo wachrüttelt.
Elsberg: Das Akronym HIPPO vereint einige Themen meines Buches und steht für Habitatverlust, Invasive Arten, Population, Pollution und Overharvesting. Es wird seit Jahrzehnten in Schulen verwendet, daraus ein reales Nilpferd zu machen, das zum Social-Media-Star wird, war naheliegend.
STANDARD: Gibt es realistische Chancen, über Social Media etwas zum Positiven zu bewirken?
Elsberg: Ja und nein. Man muss halt die Algorithmen richtig spielen können. Fürs Buch setze ich voraus, dass mein Held das kann und seine Geschichten in verschiedene Filterblasen bringen kann, was ja sonst sehr schwer ist. Der Influencer ist aber vor allem deswegen meine Hauptfigur, weil ich glaube, dass es keine Wissensfrage mehr ist, dass wir ein Problem mit dem Klima, dem Artensterben oder mit gesellschaftlicher Ungleichheit haben, sondern ein Kommunikationsproblem: Wie kriege ich das Wissen zu den Leuten, und zwar ohne mahnenden Zeigefinger.
STANDARD: Warum ist es so schwer, die sichtbaren Zeichen der Zerstörung unserer Erde ernst zu nehmen und zu handeln?
Elsberg: Für den Einzelnen hieße etwas zu ändern, sich einzugestehen, dass verkehrt war, was ich bisher gemacht habe. Das gleicht einer narzisstischen Kränkung. Daher ist es kurzfristig einfacher, eine Ausrede zu finden, als einen Ausweg zu gehen. Andererseits wurde immerhin mal ein EU-Green Deal beschlossen, der jetzt freilich wieder aufgeweicht wird. Bis zu einem gewissen Grad ist man sich der Problematik also bewusst, aber sicher nicht ausreichend, weder in der Politik und schon gar nicht in der Wirtschaft. Und interessanterweise auch nicht in der breiten Bevölkerung. Ich habe in meinen Kinderbüchern noch von den bösen Baggern gelesen, die eine Wiese kaputtmachen, das ist 50 Jahre her. Und Österreich gehört immer noch zu den Oberversieglern. Es fehlt das Bewusstsein.
STANDARD: Man könnte meinen, das Spiel ist verloren, weil der Planet zur Gewinnmaximierung ausgequetscht und leergepumpt wird.
Elsberg: Unsere christliche Prägung war da sicher nicht hilfreich, immer noch hört man den Satz: Macht euch die Erde untertan. Die Wirtschaftstreibenden befinden sich mehrheitlich in einem systemischen Lock-in. Die Frage ist aber, ob das Geld auch langfristig gewinnen wird. Wenn du nämlich mit Bankern sprichst, die sich mit dem Thema beschäftigen, oder Papers der Europäischen Zentralbank liest oder die großer Versicherer, dann erfährt man viel Warnendes. Ein großes Problem ist, dass "die Märkte" die ganzen Risiken von Naturzerstörung nicht ausreichend einpreisen. Was ist, wenn ganze Gegenden wie Los Angeles nicht mehr versicherbar sind? Wenn landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr versicherbar sind, weil die Böden sterben? Würde man all die Kosten, die jetzt schon auftreten und verstärkt auftreten werden, entsprechend einpreisen. Stattdessen verlässt man sich darauf, dass im Schadensfall wieder der Staat einspringt.
STANDARD: Wie Ihre Hauptfigur richtig sagt: Die Markliberalen fordern immer den freien Markt, aber wenn man den Märkten den Rücken zudreht, rufen sie nach Regulierung.
Elsberg: Dass der Markt etwas regelt, ist eines der dämlichsten Narrative. Es ist ja faszinierend, wie das bürgerlich-konservative Spektrum anderen immer Ideologie vorwirft, selbst aber am allermeisten ideologisiert ist von seiner Idee vom freien Markt, der nur zu einer Akkumulation von Wohlstand und Macht bei wenigen führt. Faszinierend ist auch, wie man über Natur spricht. Bis in die 1960er-Jahre hätte man sie um ihrer selbst willen als schützenswert betrachtet, man hat Naturfunktionen definiert, wie den Boden als Filter von Wasser. Aus den Naturfunktionen wurden Naturleistungen, und aus diesen wurden Naturdienstleistungen. Diese Dienstleistungen kannst du wunderbar ins kapitalistische System einführen, wenn du ihnen einen Preis gibst. Im Positiven versucht das nun auch die EU beispielsweise mit Nature Credits, wo man dafür bezahlt wird, dass man die Natur pflegt…
STANDARD: … oder sie gar verwildern lässt und nicht ausbeutet. Wer so etwas fordert, gilt schnell als "Wohlstandsfeind" oder "Öko-Diktator", der alles verbieten will.
Elsberg: Die Frage ist halt auch, ob man sich an Verbote hält: Niedersachsen oder Teile Hollands haben seit Jahrzehnten das Problem der Verseuchung des Grundwassers mit Nitrat, da gibt es Urteile, die aber nichts ändern, es geht einfach weiter. Die Leute müssen begreifen, dass es keine Beleidigung ist, sich um die Grundlage des Lebens zu kümmern, sondern in Wahrheit eine Bereicherung.
STANDARD: In "Blackout" erzählen Sie, was passiert, wenn der Strom ausgeht, in "Eden" erzählen Sie, was passiert, wenn uns die Natur ausgeht.
Elsberg: Dann kann es zu ebensolchen Dominoeffekten führen wie in "Blackout", die Natur ist ja noch viel sensibler, und Eingriffe in sie können verheerende Folgen haben. Als in Indien massig das Schmerzmittel Diclofenac in der Viehzucht eingesetzt wurde, führte das Mitte der 1990er-Jahre zur Vernichtung von 95 Prozent der Geierpopulation. Diese Tiere waren in diesem System aber die Müllabfuhr und Kadaververwertung, sie starben wegen dieses Mittels in den Körpern der toten Tiere. Ihre Rolle übernahmen Ratten und Straßenhunde, deren Population explodierte, die aber auch Tollwut übertrugen, was zu einem massiven Anstieg von Tollwuttoten führte. Eine halbe Million, wegen ausgestorbener Geier.
STANDARD: Schlecht steht es auch um die Meere, im Buch geht ihnen schlicht der Sauerstoff aus.
Elsberg: Im Golf von Mexiko gibt es seit Jahrzehnten eine tote Zone, weil die amerikanischen Felder durch die Landwirtschaft so überdüngt sind und alles östlich der Rocky Mountains in den Mississippi und schließlich in den Golf von Mexico fließt, wo die Dünger im Spätsommer eine bestimmte Algenart so stark wachsen lässt, dass alles stirbt. Man kann schon relativ gut vorhersagen, wann das jeweils eintritt. Die Ostsee oder die Obere Adria in Europa haben ähnliche Probleme, in den Niederlanden gibt es so viel Gülle, dass sie nach Norddeutschland exportiert wird. In Frankreich gibt es regelmäßig Giftalgenpesten, vor ein paar Jahren lief ein Jogger hinein und fiel wegen der Gase tot um.