Als ich meine Mutter im Pflegeheim Windischgarsten besuche, fällt mir ein Bezirksblatt in die Hände. Darin steht, dass im Pflegeheim Bad Hall vier Ü-100-jährige Damen leben. Ich beschließe, eine von ihnen zu besuchen: Margaretha Citroni, 101jährige Frohnatur.
Am 31.10.2026 im STANDARD
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Margaretha Citroni lebt im Caritas-SeniorInnenheim in Bad Hall in Oberösterreich. Sie wurde 1925 in Dietach im Bezirk Steyr geboren, aus dem sie nie hinausgekommen ist. In ihrem fröhlichen Oberösterreichisch spricht sie mit mir.
Citroni: (lacht bei der Begrüßung) Wollen Sie mich leicht berühmt machen
Frage: Wären Sie denn gerne berühmt gewesen?
Citroni: Was? Nein, nein! Wissen Sie, ich hör schon ein bisserl schlecht, aber man muss eh nicht alles hören….
Frage: Wie geht es Ihnen heute?
Citroni: Ja, eh nicht schlecht.
Frage: Wann sind Sie heute aufgestanden?
Citroni: Wenn es zum Aufstehen ist, stehe ich auf. Manchmal möchte ich noch bleiben, aber dann stehe ich auch auf. Ich schreie auch nicht herum, dass ich aufstehen will. Ich will selber aufstehen.
Frage: Können Sie gut schlafen?
Citroni: Ja, eigentlich immer, nur manchmal nicht.
Frage: Was wollen Sie heute noch machen an so einem schönen Herbsttag? Können Sie noch spazierengehen?
Citroni: Na, das freut mich nicht. Ich bin schon genug marschiert in meinem Leben.
Frage: Haben Sie eine erste Erinnerung an dieses lange Leben?
Citron: Ich bin 1925 in Dietach bei Steyr geboren…
https://de.wikipedia.org/wiki/Dietach
… in eine große Familie, ich war das neunte Kind. Aber jetzt bin ich schon bald alleine auf der Welt, die Jüngste ist erst letzes Jahr gestorben, die Christl. Sie war die Mutter vom Dr. Binder in Sierning, ein sehr guter Arzt. Der hat uns alle ein bisschen mitgenommen, weil wir hätten uns keinen Doktor leisten können. Kennen Sie den Dr. Binder?
Frage: Nein. Habt ihr auf einem Bauernhof gelebt?
Citroni: Ja, die Mutter hat einen gehabt, aber den hat der Vater, wie soll ich sagen… verwurstelt.
Frage: Wie hat er das denn gemacht?
Citroni: Er hat so getan, wie wenn er ein Pferdehändler wäre, aber das hat nicht funktioniert, er hat mehr auf der Straße gelassen, als dass er heimgebracht hat. Aber meine Mutter war einmalig, sie hat trotzdem zum Vater gehalten bis zum Sterben. Und sie hat noch ein kleines Häuserl gehabt, wo sie den Vater aber nicht mehr mit hat anschreiben lassen, das war ihres. Bei zehn Kindern können Sie sich vorstellen, dass da kein Reichtum da war.
Frage: Konntet ihr alle in die Schule gehen?
Citroni: In Sierning in die Volksschule, für die Hauptschule hätte man bezahlen müssen, das war früher so. Aber dafür haben wir kein Geld gehabt.
Frage: Waren Sie eine gute Schülerin?
Citroni: Ich war keine besonders gute Schülerin, aber ich bin nie sitzen geblieben, wie man früher gesagt hat. Das war wichtig, dass man nicht sitzengeblieben ist! Für die Schulbücher haben wir bezahlen müssen, und Kinderbücher haben wir zuhause keine gehabt. Für was denn? Wir haben draußen genug zum Arbeiten gehabt und der Mutter geholfen, man hat mitgearbeitet und getan, was verlangt worden ist.
Frage: Haben Sie Erinnerungen an den Krieg?
Citroni: Ja, da waren meine Brüder, alle vier haben zum Militär müssen. Drei Dirndl sind dann nach Holland ausgewandert und haben dort gearbeitet, weil sie dort mehr verdient haben.
Frage: Sind alle Ihre Brüder heimgekommen aus dem Krieg?
Citroni: Einer ist gefallen, und ein Schwiegersohn ist vermisst. Meine Mutter hat ihnen immer Packerl geschickt, obwohl wir eh selbst nix gehabt haben. Der Krieg hat uns das wenige, was wir gehabt haben, auch noch genommen.
Frage: Erinnern Sie sich, wann Sie sich zum ersten Mal verliebt haben?
Citroni: Mei, das weiß nicht mehr. Aber mein Mann und ich haben bald geheiratet, ich war noch recht jung. Er war ein guter Mensch, ein Bauernknecht, der beim Militär gewesen ist und nachher Maurer gelernt hat. Das war gut, weil Maurer hat man immer gebraucht nach dem Krieg, da hat man auch ein bisserl was verdient. Bei anderen Lehrberufen hast du nichts verdient.
Frage: Habt Ihr ein Haus gebaut?
Citroni: Ja, unser Haus haben wir zwei ganz alleine gebaut, alles mit der Hand, weil wir haben uns keine Maschinen leisten können. Da war ein altes Haus, das haben wir weggerissen und ein neues gebaut in der Steyrtal Straße, wo es auf Letten hinunter geht und nach Pichlern hinauf, genau bei der Kreuzung. Beim Keller ausheben haben uns meine Geschwister noch geholfen, danach niemand mehr. Ich bin bis zum Rauchfang raufgestiegen, habe mich so gefürchtet, mein Mann hat mich aufs Gerüst hinaufgezogen. Da war er ganz stolz auf mich, wie ich da oben gestanden bin!
Frage: Waren Sie immer glücklich verheiratet?
Citroni: Ja, ich bin heute noch verheiratet, wenn er noch leben täte.
Frage: Wann ist er denn gestorben?
Citroni: Fragen Sie mich nicht. Ist schon lange aus, aber auch wieder nicht. Ich bin halt danach da hergekommen.
Frage: Haben Sie je selbst einen Beruf erlernt?
Citroni: Hausgehilfin war ich, so hat man damals gesagt, wenn man bei einem anderen Haus in die Familie gegegangen ist und geholfen hat.
Frage: Ward Ihr Kirchgänger?
Citroni: Ja, das war halt der Brauch. Weil wenn du nicht gegangen wärst, wärst du ein schlechter Mensch gewesen. Ich habe da nichts dagegen gehabt, aber ich war auch nicht sehr christlich. Wir waren normale, brave Leute.
Frage: Sind Sie jemals weggekommen aus dem Bezirk Steyr?
Citroni: Nein, nie.
Frage: Können Sie sich an den ersten Fernseher erinnern?
Citroni: Mei, wann war das? Bald haben wir einen gekriegt, weil da haben unsere Kinder auch Fernsehen wollen, und wir haben es ihnen nicht vorenthalten, so haben wir einen gebrauchten gekauft.
Frage: Waren Sie gerne Mama?
Citroni: Sowieso. Die Gabi hat Schneiderin gelernt, und die Erni war im Büro bei den Steyr Werken, die hat in Steyr schon die Handelsschule gemacht.
Frage: Hat Ihnen die Gabi schöne Sachen geschneidert?
Citroni: Sowieso. Sie hat ja auch gleich, wie man sagt, zum Pfuschen angefangen daheim, damit wir es leichter gehabt haben mit dem Geld. Wir haben immer alle zusammengeholfen, die ganze Familie.
Frage: Haben Sie Zeitungen gelesen?
Citroni: Na, Zeitung haben wir uns nicht leisten können. Aber das ganze Dorf hat eh immer alles gewusst und den anderen erzählt.
Frage: Haben Sie gerne Musik gehört?
Citroni: Ja, ein Radio haben wir schon gehabt. Weil da war ein Bruder von mir, also ein Sohn von meiner Mutter, der hat das erste kleine Radio, das Volksradio (Anm: Volksempfänger https://de.wikipedia.org/wiki/Volksempf%C3%A4nger, gehabt. Das war unser erstes Vergnügen, dass wir Radio hören konnten.
Frage: Können Sie sich zum Beispiel an die Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 erinnern? Da waren Sie 30.
Citroni: Na freilich, Österreich ist frei! Jeder hat sich so gefreut, dass wir wieder Österreich waren und nicht mehr bei Deutschland dabei.
Frage: Darf ich fragen, was Sie gewählt haben? Den Dr. Kreisky oder den Dr. Mock?
Citroni: Nicht den Dr. Mock! Wir waren ja Arbeiter, da gab es nichts anderes als die Sozialisten, da hast du mitgetan mit den anderen. Aber mich hat die Politik gar nicht interessiert, das ist mehr Männersache gewesen.
Frage: Was war das Schönste, was Sie je erlebt haben?
Citroni: Das Schönstes... Wir haben nicht viel Schönes gehabt. Weil wir haben immer wursteln müssen, schauen, dass es weitergeht. Uns ist damals nicht so geholfen worden, man hat sich selber ein wenig was aufgebaut. Was man sich erarbeitet hat, hat man gehabt.
Frage: Darf ich Sie auch fragen, ob Sie Angst vor dem Tod haben?
Citroni: Nein. Weil wenn es soweit ist, dann ist es soweit. Mir ist alle Tag recht, wenn ich hinüberschlafen darf. Dass ich nicht recht krank werde, das wünsch ich mir halt, dass es schnell geht. Meine Kinder haben mir da meinen Lebensbaum an die Wand gehängt, als ich eingezogen bin, das war recht lieb. Da ist meine ganze Familie drauf, und wenn ich sterbe, sehe ich die alle wieder
Frage: Im Himmel?
Citroni: Wo, das weiß ich nicht. Aber auch wenn einer schlecht gewesen wäre, kämen wir wieder zusammen. Das wird schön.
Frage: Waren Sie jemals krank?
Citroni: Nein, wir hatten keine Zeit, um krank zu werden.
Frage: Was ist das Geheimnis, um gesund zu bleiben? Was muss man essen?
Citroni: Man darf nicht zu gut essen, weil dann ist wird man verwöhnt. Wir haben immer alles gegessen, viele Schwammerl und Beeren, die wir selbst gebrockt haben, das hat nichts gekostet. Wir haben so viel gebrockt, dass wir sie verkauft haben, die Bäuerinnen haben uns auch die Schwammerl abgenommen. Dass kein giftiger Pilz nie dabei war, das haben wir von der Mama gelernt.
Frage: Gab‘s Fleisch?
Citroni: Die Mutter hat schon eine Sau gefüttert, die war dann einmal im Jahr zum Abstechen, mehr hat es nicht gegeben. Da haben wir uns schon auf ein schönes Braterl gefreut und auf eine Blutwurst. Und dann hat die Mutter wieder ein bisschen ein schlechteres Ferkerl gekauft und es mit Liebe gefüttert.
Frage: Freuen Sie sich auf Weihnachten?
Citroni: Das nehm ich halt mit, wenn ich es noch erleben darf.
Frage: Wie alt wollen Sie überhaupt werden? 110?
Citroni: (lacht) Na! Sicher nicht!