Al Cook
Wir treffen uns über Wochen immer wieder in seinem Stammcafé im 3. Bezirk zum Talk, dort in der Gegend ist er aufgewachsen. Zur Vorbereitung habe ich seinen 800 Seiten dicke Autobiografie-Schinken gelesen. Für die ZEIT habe ich ihn interviewt, hier ist die Langversion dieses Gesprächs.
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Frage: „Sei doch endlich normal!“, wurde Ihnen als Kind oft gesagt. Wie haben Sie das empfunden?
Cook: Ich war ein Außenseiter, weil ich gegen alle Erwartung ein gebildetes, begabtes Kind gewesen bin. In der Schule war ich immer der Erste an der Tafel und der, der alles gewusst hat. Am Ende des Schuljahres haben sie alle Sachen, die noch im Klassenkasten waren, im Laufe eines Quiz verlost, ich habe immer alles gewusst und alles gekriegt. Das war natürlich schon was. Die Kehrseite war, dass das die Mitschüler nicht so geschätzt haben, ich war der Klugscheißer und Besserwisser. Die haben mich dann einmal da vorne am Reitschulsteg abgepasst und richtig in den Gatschtrichter hineingetreten, der sich bei Regen mit Wasser gefüllt hat.
Frage: Ihr Vater nannte Sie deswegen einen „Schuster“, weil sie sich nicht gewehrt haben.
Cook: Ein „Schuster“ war ein unbeholfener Mensch, der sich selbst nicht helfen konnte. Aber ich möchte meinen Vater jetzt auch einmal verteidigen. Er war ein Ostfrontkämpfer und hat die ärgsten Sachen erlebt und ausgehalten, ohne äußeren Schaden. Ich war der Erstgeborene, und er wollte halt einfach, dass ich so werde wie er. Im Prinzip hat er nicht verstehen können, dass ich das Gemüt von meiner Mutter hatte, die eine Schweigerin und Dulderin war. Ich würde ihn als traurigen Vater bezeichnen, der durch den Krieg immer Angst gehabt hat vor Macht- und Autoritätsverlust. Im Grunde hat er versucht mir zu erklären, wie die Struktur einer Gesellschaft funktioniert: Dass, wenn mehrere Leute zusammengekommen, innerhalb kürzester Zeit abgetestet wird, wer welche Funktion hat: Der Anführer, das Opfer…. Die Neurosen, die ich dann natürlich durch diese ganzen einschüchternden Erlebnisse gehabt habe, wollte er mit der Schocktherapie heilen, das ist ihm manchmal entglitten.
Frage: Er drosch Ihr Spielzeug gegen die Wand oder gab Ihnen heftigste Ohrfeigen.
Cook: Und wenn der Sender im Radio nicht gescheit empfangen hat, hat er mit der Faust drauf gedroschen, dann hat es gepasst. Aber er war auch ein Opernfan, er liebte den Bajazzo, und den Mario Lanza hat er verehrt. Ich habe schon als Kind gerne gesungen, einmal sind wir im Belvedere spazieren gegangen und mein Vater hat gesagt, ich soll mich davor stellen und singen. Auf einmal sind die Leute stehen geblieben und haben mir Geld gegeben, ein Wahnsinn war das.
Frage: War er ein Mann des Stils?
Cook: Ich hab daheim ein Foto von ihm, das war 1935, kurz nachdem er meine Mutter geheiratet hat, da steht er mit ihr und ihrer Mutter, da steht er da mit dem Homburger und schaut aus, wie wenn er ein Mafiaboss war. Der hat noch die Tradition vom “Sonntagsanzug” gepflegt.
Cook: War er groß?
Cook: Na, wir waren leider keine großen Leute, der Vater nicht, die Mutter nicht. Nur mein Bruder ist 1,80 geworden.
Frage: Höhere Bildung konnten sich die Eltern für Sie nicht leisten.
Cook: Ich wollte ja studieren und hätte in die Radetzky-Schule, wo auch der Kreisky war, gehen können, aber meine Eltern haben sich die höhere Bildung für mich nicht leisten können. Die Nachbarin hat meine Mutter gefragt, ob ich aufgenommen worden bin, und die hat ihr gesagt, es war leider nichts mehr frei, was gelogen war. Da hat die Nachbarin gesagt, dass wir eh auch Leute brauchen, die für uns den Koffer tragen. Das hat schon sehr wehgetan. Aber lustig: Der Nachbar hat ein Klavier gehabt und darauf immer Mozart und Beethoven gespielt, und das steht jetzt bei mir unten im Kellerstudio.
Frage: Sie wuchsen in einem Nachkriegswien auf, von dem nur noch wenige eine Ahnung haben.
Cook: Ich komme an und für sich aus einem Sozi-Haushalt, nein Vater hat die Arbeiterzeitung abonniert gehabt, der war aber nur bei der SPÖ, weil er halt ein Arbeiter war. Sie haben mich aber getauft wegen dem Klerikalfaschismus, und für den Fall, dass der Hitler kommt, haben sie für mich eine Arierbescheinigung gehabt, da kann nix passieren. Die haben in einer traumatiesierten Zeit gelebt, musst du dir vorstellen. Die Tante Paula war zehn Jahre mit einem verheiratet, der ein authentischer Nazi war und bei der Waffen SS war. Ich hab einen fünf Jahre jüngeren Bruder, der Onkel Rudolf war sein Taufpate, der war ein Schrotschieber nach dem Krieg. Die haben aus den Ruinen die elektrischen Leitungen aussazaht, die waren isoliert. Oben im Fasanviertel hat er ein Lager gehabt, und er hat ein Lastauto gehabt und die Isoltation abgebrannt. Und man hat uns geschreckt nicht mit dem Schwarzen Mann, sondern mit dem Pinkerljuden, dem jüdischen Hausierer. Wenn ihr nicht brav seids, dann holt euch der, haut euch in seinen Sack (Pinkerl) hinein, und dann werdet ihr zum Sabbath in seinem Tempel gefressen. Das Haus, in dem wir aufgewachsen sind, gehörte einem Juden, der blind war und am Sonntag immer ins Haus gekommen ist. Aber der war nie blind! Und zwar aus folgendem Grund. In der Waschkuchl, wo ich mein Studio hab, war in den 30er-Jahren eine illegale Druckerei vom Der Stürmer (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_St%C3%BCrmer), aufgrunddessen wurde er nicht ins KZ gebracht und vergast, seine Frau aber schon. Das war der Heinrich Schwarz.
Frage: Haben Sie als Zeitzeuge Bemerkenswertes gesehen?
Cook: 1950, da war ich fünf Jahre alt, habe ich den Kommunistenaufstand gesehen am Schwarzenbergplatz, wie sie mit Brecheisen einen Waggon der Straßenbahnlinie 71 umgeworfen haben und als Barrikade verwendet haben. Ich war da immer mit meinem Großvater unterwegs, und der war eigentlich ein Freund von den Amerikanern. Bei der Unterzeichnung vom Staatsvertrag war ich auch im Belvedere, da bin ich ganz alleine hingegangen und hab da oben den Fiegl gesehen. Dann bin ich heimgekommen und hab freudenstrahlend gesagt: Jetzt sind wir frei, und jetzt reißen sie endlich das g’schissene Russendenkmal ab.
Frage: Sie mussten dann in einer Werkstatt im 15. Bezirk Feinmechaniker mit Schwerpunkt Metallbearbeitung lernen, wo Sie überaus demütigende Jahre erlebten.
Cook: Dort habe ich überhaupt nicht reingepasst, und die haben mich umgekehrt auch nicht gewollt. Man muss da auch unterscheiden zwischen Handwerkern, die etwas schaffen, und dem Industrieproletariat, das nur sinnlose stupide Handgriffe erledigt. Die gehen am Abend ins Wirtshaus und haben Wochenendsex. Da habe ich einmal ein Gedicht geschrieben: Ich hasse die Masse, den Kleinen, den Gemeinen, der nur frisst, scheißt und lacht, und am Wochenende Kinder macht.
Frage: In Ihrer Autobiografie bezeichnen Sie sich als „eine blöde Geburt“ und ein „humanoides Stück Scheiße“.
Cook: Ich habe mich einfach sehr oft geschämt für mein Dasein und fühlte mich als minderwertiger Mensch. Ich hatte auch Sprechangst, habe gestottert und war sehr verschüchtert. Ich hatte eine richtige psychotische Angst vor familienfremden Menschen.
Frage: Als junger Mann hatten sie eigentlich großes Interesse an Astronomie.
Cook: Ich habe gerne so historische Science-Fiction-Filme gesehen, die man sich ab 14 oder 16 anschauen konnte. Ein Onkel von mir war befreundet mit einem Kinobesitzer in der Hainburger Straße, da war das alte Kapitol-Kino, dort haben sie gespielt Kampf der Welten und Der Tag, an dem die Erde stillstand. Da habe ich mich für Astronomie interessiert und war 1958 im Alter von 13 Jahren das jüngste Mitglied der Amateur-Astronomen in der Urania, der Astronomischen Gemeinde. Die anderen waren alle Hochschulanwärter. Die Chefin dort war eine Professorin und hat gesagt: Wenn ich mich wirklich interessiere, naja. Und die Chefin von dort war eine Studierende, die Professorin. Und ich habe gesagt, naja, sie nimmt mich auf. 1959 habe ich bereits das Fernrohr in der großen Kuppe von der Urania bedient. Jedes Jahr ist ein Almanach rausgekommen mit Auf- und Untergängen von Sonne und Mond und so weiter, die alle ich ausgerechnet habe. Als Jüngling will man eine gewisse Anerkennung, aber wie ich den Almanach anschaue, steht da drin nirgends mein Name, das hat mich leider von den Socken gehauen.
Al Cook in seinem Keller, der früher die Waschkuchl im Haus war, wo in den 30er-Jahren eine illegale Druckerei des Stürmers war.
Frage: Wie haben Sie sich rausgearbeitet aus diesen ganzen Enttäuschungen und Zurückweisungen?
Cook: Ich habe eine gewisse innere Härte entwickelt. Und dann haben mich Zufälle zur Musik geführt. Mein Großvater mütterlicherseits ist in der Besatzungszeit jeden Tag um drei Uhr zu uns gekommen auf einen Häferlkaffee und Kuchen, dann hat er zu mir gesagt: Zieh dich an, wir gehen spazieren. Der war ein lässiger Typ, ein Gentleman mit punktiertem Schal, Homburger am Kopf und Budapestern an den Füßen, das waren immer unterhaltsame Bildungsreisen mit ihm. Am Anfang der Mariahilferstraße war damals ein Besatzungscafé in der Nähe vom Gerngross, die haben die Tür offen gehabt, und da habe ich das erste Mal einen Schwarzen Boogie-Woogie am Piano spielen gehört. Dann hat einmal ein Nachbar das Fenster offen gehabt im Sommer, und ich hab Musik gehört, die mich interessiert hat. Ich bin raufgegangen zu dem und habe gefragt, was das ist? Es war Dixieland-Musik, ein ländlicher Blues, den er auf alten Schellacks gehabt hat. Den habe ich in der Folge begonnen zu studieren. Heute spielen ja alle denselben Blues-Stil, von New York bis Tokio, aber früher waren die Schwarzen überhaupt nicht in den Medien präsent, da konnte jedes Tal seinen eigenen Blues-Stil entwickeln, und ich habe die alle auseinanderhalten können.
Frage: Wie kamen Sie dann mit Elvis in Kontakt?
Cook: Ich habe oft gesagt: Ich gehe dorthin, wo der Wind mich hintreibt. Am 25. Juli 1960 bin ich einfach die Straße runtergegangen, und der Wind hat mich ins Beatrix-Kino getrieben, da lief zufällig ein Elvis-Film - Gold aus heißer Kehle. Ich kannte Elvis nicht, und alle Leute, die ich kannte, waren aus der Kriegsgeneration und haben über ihn gelacht: Dieser Horst kann nicht einmal lesen und schreiben! Ich mag den Elvis ja nur in den ersten vier Jahren seiner Karriere….
Frage: Sie haben ihn in Ihrem Buch sogar hart kritisiert wegen seines Gitarrenspiels…
Frage: Unter anderem! Aber da gibt es Fans, bei denen konnte er machen, was er wollte, bei denen war er immer Gott, und die haben mich dafür richtig angegriffen, zu denen sag ich immer “Kadaverfans”. Jedenfalls spielt er in dem Film einen Bierkistenauslieferer, der es auf die Bühne schafft, am Schluss macht er mit dem linken Fuß diese berühmte Schlingerbewegung, und die Mädchen fallen in Ohnmacht. Das ist mir so in die Knochen gefahren, dass ich mir den Film an diesem Tag drei Mal angeschaut habe, so richtig studiert. Am nächsten Tag habe ich meinen Vater gefragt, ob er mir Geld leihen kann, ich zahle es ihm von meiner Lehrlingsentschädigung zurück. In der Reisnerstraße gab es ein Plattengeschäft, dort habe ich mir sämtliche Elvis-Platten, die damals erhältlich waren, gekauft. Die hab ich dann der Brigitte geschenkt, die 1967 irgendwie meine erste Freundin war, ich hab mir gedacht, so bleiben sie in der Familie. Aber dann war sie weg mit den Platten.
Frage: Was hat eine Platte damals gekostet?
Cook: 150 Schilling, das war viel Geld. Die Lehrlingsentschädigung betrug 50 Schilling in der Woche. Aber dadurch, dass ich nie fortgegangen bin, hab ich das Geld bald zurückzahlen können. Mein Vater hat gesagt: Bua, das ist ja nur eine Filmrolle, die er da spielt! Aber ich war mir sicher, ich werde auch Multimillionär. Ich wollte irgendwie nur raus aus dem sozialen Unterholz.
Frage: Dann haben Sie diese Platten drei Jahre lang studiert? Wie ging das?
Cook: Mein Bruder war so fünf Jahre jünger als ich, aber technisch begabt. Der hat mir in einen Kofferplattenspieler einen Kopfhörerausgang eingebaut, weil laut durfte ich die Musik zuhause nicht spielen. Von Musik hatte ich bis dahin überhaupt keine Ahnung, aber ich habe begonnen, sie über die Zeit, die Menschen und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen. Also im Großen und Ganzen über die Kultur, die sie hervorbracht hat.
Frage: Haben Sie die englischen Texte verstanden?
Cook: Nein. Aber ich habe mir vom Elvis eine LP gekauft, auf der er nur Interviews gibt, damals noch mit seinem schweren Memphis-Akzent, die habe ich mir angehört jeden Tag rauf und runter. So habe ich ein bisserl was verstanden, als der Blues in mein Leben gekommen ist. Aber die Nummern haben natürlich alle irgendwelche Phrasen gehabt, die nur die Schwarzen verstanden haben. 1967 habe ich dann den Jonny Parth kennengelernt
https://en.wikipedia.org/wiki/Johnny_Parth
, der auf seinem Wiener Label Roots Bluesaufnahmen veröffentlichte, die hab ich mir alle angehört, die gesamte Geschichte des historischen Blues. Da hab ich alles gelernt.
Frage: Dann brachten Sie sich selbst Gitarre spielen bei.
Cook: Ja, bis mein Vater gesagt hat: Jetzt klimperst schon vier Jahre daheim herum, schau, dass du daraus was machst! Durch Zufall habe ich erfahren, dass in der Nähe eine SPÖ-Sektion eröffnet worden ist, wo man sich für einen Auftritt anmelden konnte, da war ich 19. Ich hab mir gedacht, was soll ich jetzt machen? Der Rock'n'Roll und der Elvis hat damals niemand mehr interessiert, aber ich habe auf der Bühne trotzdem alles so gemacht wie der Elvis 1956 in der Tommy Dorsey Show, wo er erst mal einen Akkord angeschlagen hat und die Mädels sofort gekreischt haben. Ich weiß sogar noch die Nummern, die ich gespielt habe, das war All Shook Up, Teddy Bear und Loving You. Damals wollte ich wie der Elvis klingen, was ich zu 80 Prozent geschafft habe. Später waren meine Vorbilder die ungeschliffenen, rauen Bluessänger.
ZEIT: Wie waren die Reaktionen auf Ihren Auftritt?
Cook: Naja, da saß die Stadträtin Maria Jacobi mit den ganzen Funktionären in der ersten Reihe, vor der bin ich in die Knie gegangen, und die haben alle ein bisserl deppert geschaut. Den Veranstaltern bin ich schon aufgefallen, weil ich eine gewisse Semiprofessionalität hatte. Ich hatte eine Stimme, die ich geübt habe. Nach mir ist so eine Alltime-Jazz-Band gekommen, die hat gewonnen. Ich habe als Nichttrinker einen Karton mit sechs Flaschen Wein bekommen, obwohl ich Wein nicht einmal riechen kann. Ich hatte meine Arbeitskollegen aus dem 15. Bezirk eingeladen, die haben sich alle beschämt vom Acker gemacht. Nur einer hat dann beim Ausgang auf mich gewartet und gesagt: Was willst denn du mit dem Elvis? Weiß du nicht, dass es die Beatles gibt?
Frage: Anfang der 70er-Jahren waren Sie dann trotzdem wer.
Cook: 1971, als der Ambros gerade den Hofer herausgebracht hat, hat er in Ried im Innkreis als Vorprogramm zu mir gespielt, und alle haben auch mich gewartet, da habe ich noch ganz urigen Delta-Blues gespielt.
Frage: Sie haben sich sogar das Slide-Gitarrespielen beigebracht.
Cook: Einer meiner Wohnungsschlüssel war damals so ein Tresorschlüssel, und ich habe mir gedacht, mit dem werde ich einmal über die Saiten fahren. Das hat aber nicht geklappt, weil die Gitarre auf Standard gestimmt war. Dann habe ich einmal einen Schlussakkord vom Robert Johnson am Tonband langsam angespielt, und da habe ich herausgehört, dass der seine Gitarre im offen G gestimmt hatte, und das hab ich auch gemacht, und es hat funktioniert.
Frage: Bald galten Sie als bester Interpret weißer Hautfarbe dieser Musik. Warum ist es keine große internationale Karriere geworden?
Cook: Der Alexis Korner war der Mittelpunkt des englischen Blues
https://de.wikipedia.org/wiki/Alexis_Korner
, um den die Rolling Stones oder der Eric Clapton gekreist sind. Der hat Working Man Blues gehört, meine erste LP, die ich bei Amadeo Records aufgenommen hatte. Der hat sich mit uns in Verbindung gesetzt und gesagt, dass er so was noch nie gehört hat. Er wollte, dass ich mit dem Eric Clapton und dem John Mayall eine Platte aufnehme, wir drei gleichberechtigt. Ich habe darüber nachgedacht und gesagt: Nein, mit denen spiele ich nicht. Hunderte Musiker hätten sich alle Zehne abgeleckt, wenn sie so ein Angebot gekriegt hätten. Aber ich wollte mir meine Musik nicht von seinen Psychodelic-Arrangements verwursten lassen, und das war´s.
Frage: Woher die Sturheit?
Cook: Darf ich den Unterschied zwischen Sturheit und Überzeugung erklären? Mein Vater war stur, der hat auf seiner Meinung beharrt, um das Gesicht nicht zu verlieren. Ich war überzeugt von dem, was ich mache. Johnny Guitar wollte um keinen Preis nur um des Beifalls Willen das falsche Lied spielen, niemals. Das blieb meine ewige Maxime.
Frage: Und woher kommt Ihre Abneigung gegen die Langhaarigen?
Cook: Naja, schau her, ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Ich habe anfangs eine innere Abneigung gegen die ganze Popkultur gehabt, und erst in den letzten 10 Jahren ist mir klar geworden, warum. Erst war das nur intuitiv, aber 1967, mit dem Aufkommen der Hippies, hat es eine kulturelle Zäsur gegeben, ab da hat es kein gescheites Stilbewusstsein mehr gegeben. Und dann ist natürlich diese widerliche Rauschgiftkultur dazu gekommen, an der später zum Beispiel der Hansi Dujmic https://de.wikipedia.org/wiki/Hansi_Dujmic
und er Hansi Lang zugrunde gegangen sind.
Frage: Ein Linker sind Sie nicht?
Cook: Na, sicher nicht. Aber rechts bin ich auch nicht, ich bin konservativ. Und ich bin gegen diese Streitkultur, weil ich der Meinung bin, dass Streiten nicht der Wahrheitsfindung dient. Beim Streit geht es nur darum, Recht zu behalten, und nicht darum, gemeinsam herauszufinden, was die Wahrheit ist.
Frage: Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass nie der Gute gewinnen wird.
Cook: Weil der Gute die Gewalt nicht kennt. Wir leben aber wieder in einer Zeit, wo der Stärkere immer Recht hat.
Frage: Von Ihrem Manager haben Sie dann erwartet, dass er Sie zu einer Weltkarriere führt. Auch mit dem sind Sie eingefahren.
Cook: Wenn ich dem seinen Namen nenne, klagt er mir die Unterhose vom Arsch. Der Vertrag, den ich bei ihm unterschrieben hatte, sah 50 Prozent der Einnahmen bei ihm vor, wie der Colonel Parker beim Elvis. Normal verlangt eine Agentur zehn bis 15 Prozent, für ein Exklusivmanagement bis zu 25. Aber andere Manager haben ihre Hände von mir gelassen mit dem Argument: Mit deiner Musik kann man nichts verdienen. Bewundert haben sie mich alle, aber vom Schulterklopfen kannst du nicht leben. Also habe ich mir gedacht, wenn ich 100000 Umsatz im Monat mache, kriege ich immer noch 50000, sag ich nicht Nein. Nur auf solche Summen sind wir nie gekommen.
Frage: Der Film, der nun mit Ihnen in die Kinos kommt, heißt The Loneliest Man In Town. Welche Rolle spielte Einsamkeit in Ihrem Leben?
Cook: Einsamkeit hat verschiedene Facetten. Sie bedeutet zunächst soziale Isolation, und bei mir kam die Sache mit der Weiblichkeit hinzu. Mein Bruder hat sehr früh geheiratet, weil er sich mit meinem Vater überhaupt nicht verstanden hat, der wollte nur weg. Mein Vater hat mir dann prophezeit, dass mein Bruder schon Großvater sein wird und ich noch immer keine Frau haben werde. Ich war kein Eroberer, kein Draufgänger. Was mir von der Kindheit her gefehlt hat, war das Gefühl, gemocht zu werden.
Frage: Und wie war´s beim Weggehen am Abend?
Cook: Ich war auf der Bühne eine gefeierte Sensation, und kaum bin ich von der Bühne herabgestiegen, war ich ein Niemand. Da kommt ein junges Mädchen zu mir und sagt: Du spielst wie ein Gott, wir könnten vielleicht was zusammen machen. Und dann schaut sie mich an und sagt: Aber wie du ausschaust, ist unmöglich. Hängt sich bei ihrer Hippie-Freundin ein und geht. Das hat mich einfach erschlagen. Oder ich bin im Fernsehen aufgetreten und habe 1.500 Schilling Gage bekommen. Dann hat mir eine gesagt, es geht ihr schlecht, sie kann die Miete nicht zahlen, ob ich ihr was borgen könnte? Hab ich ihr gesagt: Pass auf, ich geb dir meine Gage, und du gibst sie mir wieder zurück, wenn du was hast. Was nie passiert ist. Ich habe daher meine Mutter ersucht, das sie mir Haushalten und Kochen beibringen soll, das kann ich richtig gut. Damals habe ich auch eine für mich untypische Nummer geschrieben, The Loneliest Man in Town, weil ich der Überzeugung war, dass ich wahrscheinlich keine Frau in meinem Leben finden werde.
Frage: Das war die Inspiration für diese Nummer?
Cook: Ja. Ich hatte da schon zwei Nummern gehört, die mir ins Gemüt gegangen sind. 1954 hat es einen Film gegeben, der hieß Jazz - Rhythmus der Zeit, und da kommt eine Big Band oder eine Combo-Jazz-Nummer vor, wo der Schlagzeuger singt, das war The Lonely Man Blues, und da singt der am Anfang I'm the loneliest man in Town. Das ist mir hängen geblieben. Später hatte ich einen Chicago-Blues-Pianisten, der hat eine Nummer gespielt, die harmonisch ein bisschen ausladender aufgebaut war wie ein normaler Blues, und das habe ich dann verbunden und einen Text dazu geschrieben.
Frage: Sie fanden dann doch zwei große Lieben. Die eine war die Chrissi.
Cook: Das war 1974, die hatte damals eine Tochter, die heute 58 ist Tochter ist ich habe sie neulich getroffen. Drei Jahre habe ich mich um sie gekümmert in Neunkirchen draußen. Ich war Teil der Österreichischen Populärkultur, als ich sie kennenlernte, sie hat beim Schwarzataler Boten (https://www.schwarzataler-online.at/tag/schwarzataler-bezirksbote/) gearbeitet und über Veranstaltungen und Events im südniederösterreichischen Raum geschrieben, und sie hat sogar Sontexte geschrieben, die sie manchmal verkauft hat. Angestellte bei einem Verlag und hat nebenher Songtexte geschrieben und auch verkauft, An dem Tag fand in Gloggnitz am Fußballfeld so eine Art Mini-Woodstock statt und ich war der Headliner. Ich hatte eine Bekannte eingeladen: Komm dort hin, dann gehen wir was trinken. Natürlich hat sie mich versetzt. Auf einmal kommt die Chrissie auf mich zu, mit einem strahlenden Lächeln und Pommes in der Hand, und fragt: Magst? Und fragt, ob ich vielleicht später für die Zeitung mit ihr reden will. Ich habe gesagt, ich habe kein Auto, müsste mit der Bahn runterfahren. Hat sie gesagt, ich hole dich mit meinem Auto ab. Ich habe meinem Vater, der damals schon sehr krank war und den ich gepflegt habe, gesagt, ich gehe jetzt ein Interview machen und ich weiß nicht, wann ich komme. Er hat gesagt, ja, ist schon gut. Und ich gehe runter, und als ich aus dem Haus gehe, ist sie aus dem Auto rausgekommen und hinter ihr die Sabine, die Tochter. Die war damals fünf oder sechs Jahre alt, und ich hab mir gedacht: Mein Gott, ist die lieb! So sind wir zusammen gekommen. Die nächsten drei Jahre waren der Himmel für mich, die Erfüllung, nach der ich mich zutiefst gesehen habe. Sie hat mit ihrer Mutter in Neukirchner ein Einfamilienhaus gehabt, so schön ruhig, sie war mein Countrygirl.
Frage: Bald ist es aber bergab gegangen.
Cook: Sie wollte über mich wohl mehr die Hautevolle der österreichischen Kunstszene kennenlernen. 1977 war es aus. Aber mit ihrer Tochter und Enkeltochter bin ich wieder in Kontakt.
Frage: Zu der Zeit haben Sie Ihren schwer kranken Vater gepflegt, dem die Beine amputiert worden waren und der in der elterlichen Wohnung dahingesiecht ist, nachdem schon ihre Mutter sehr leidvoll gestorben war. Als sie 32 waren, starb er, und Sie mussten oder konnten endlich erwachsen werden.
Cook: Da habe ich dann die Silvia kennengelernt, das war 1977, und diese Frau hat mich, wie soll ich sagen, bedingungslos geliebt. Außerdem war sie die schönste Frau, die ich je getroffen habe. Sie war nicht so von der feinen Partie, einmal hat sie sich für mich als Rock´n´roll-Fan angezogen, da hab ich ein Foto von ihr mit Oberweite 115 .…
Seine liebste Silvia als “Rock’n’roll-Fan”.
Foto: Al Cook
Aber diese Liebe habe ich beinahe zerstört, als ich mit 40 meine Pubertät nachholen musste, da hat Alkohol eine Rolle gespielt. Damals habe ich als Al Cook with Harry and Mike, zwei fantastischen Musikern, Rockabilly gespielt, ich war ein Kraftwerk auf der Bühne, wir sind 100 Mal im Jahr aufgetreten. Einmal hat mich die Milica Theessink, die Frau vom Hans, für ein Konzert mit ihm gebucht, ich sollte vor ihm auftreten, damit er danach groß aufspielt. Nach dem Konzert hat sie zu ihm gesagt: Heute warst du nicht so gut. Hab ich zu ihr gesagt: Er war schon gut, aber ich war besser. Die Silvia hat dann zu mir gemeint: Ich weiß nicht, aber du hast dich so verändert. Du spielst so eine schöne Blues Gitarre, und jetzt machst du den Kasperl. Das hat mir sehr zugesetzt. 2008 ist dann leider auch sie viel zu früh gestorben.
Frage: Gab Sie Ihnen Ihren Kosenamen “Cooksie”?
Cook: Na. Wie ich beim Johnny Parth das erste Mal zu Besuch war, hat ihn mir seine Frau Melina schon gegeben. Aber es ist so, dass es in der Bluesgeschichte ein Duo gitarre und Mundharmonika, die heißen Leecan and Cooksey, aber nicht so wie ich mit “ie” am Schluß, von dem wird sie das haben.
https://www.youtube.com/watch?v=SjPbr2SO9_A
Frage: Wie haben Sie den Parth kennengelernt?
Cook: In der Hinterbrühl, da hat er in einem alten Haus gwohnt, dann haben sie sich scheiden lassen die Melina und er. Später hat er die Rikki geheiratet, mit der hat er zwei Töchter, die Corinne und die Bernadette, die Berufssportlerin geworden ist. Er war ein Steirer.
Frage: Wie war´s in der Wiener Szene, wo sind Sie aufgetreten?
Cook: Im 8. Bezirk zum Beispiel war so ein Quatschlokal, wo man gesessen ist, das Jonathan Seagull. Der Hansi Dujmic hat schon dort gespielt, der hat zu mir gesagt: Pass auf, geh dort hin und sag ihm, dass du die Leute dort ein bisserl aufwecken kannst. Am 1. Mai 1984 haben wir dort eine Show aufgeführt, das hat sich herumgesprochen, und auf einmal sind die Leute jeden Abend draußen angestanden.
Frage: Papas Tapas (https://papastapas.at/)?
Cook: War natürlich das Homelokal von der Bluesszene, da haben sie alle angefangen, der Erik Trauner und so. Da hast du eine fixe Gage gekriegt, die war nicht hoch, aber wir haben denen zahlungskräftiges Publikum gebracht, keine Studenten, sondern welche, die Sekt im Kübel bestellt haben. Und welche haben dann den Sektkübel für uns rumgehen lassen. Aber die Frau vom Chef war so eine Groscherlfuchserin, die hat ihm gesagt, das kannst du nicht machen, das ist für uns ein Verdienstentgang! Also hat er den Sektkübel konfisziert. Einmal hab ich mir fürs Telefon fünf Schilling von ihr ausgeborgt, weil ich die Silvia anrufen wollte, dass sie sich keine Sorgen machen braucht. Er hat dann gesagt, den Fünfer vergessen wir, schließlich hat er uns das Lokal vollgemacht, aber sie hat gesagt: Nix da, den muss er mir zurückgeben.
Frage: Aus der kleinen Elternwohnung, in der Sie Ihren Vater gepflegt haben, wollten Sie nie raus?
Cook: Der Vater hat gesagt, die Wohnung darf ich nie aufgeben, und recht hat er gehabt. Die habe ich noch heute. Das Haus gehört heute dem Dr. Georg Issakides, der mir das Studio da herunten ermöglicht hat und der neben der Griechischen Kirche in Wien die Teppichhandlung hat.
Frage: Waren Sie mal reich?
Cook: Nein, aber immer ein Sparmeister. Mit meinen AKM-Abrechnungen bin ich damals schon auf bis zu 300.000 Schilling im Jahr gekommen, und ich habe ja keine Ansprüche, habe kein Auto. Jetzt konnte ich um 25.000 Euro meine Wohnung renovieren lassen., einen Teppich, Küchenkasten und Vorhänge brauch ich noch, da muss ich schauen, dass ich was Günstiges kriege.
Cook: Ich bekomme durch die AKM und durch die ASVG insgesamt 2000 Euro. ist nur 350. Ich habe ja nur 15 Jahre gearbeitet.
Frage: Wie schauts gesundheitlich aus?
Cook: Relativ gut, ich hab drei Bypässe, aber nur mehr einer funktioniert, der wichtige, der was das Herz am Schlagen hält in einer Arterie, die anderen sind Hezrkranzgefäße. Ich bin vielleicht nicht mehr so ausdauernd wie früher.
Frage: Wie alt wird der Johnny B. Goode?
Cook: Ich habe mich gewundert, dass ich überhaupt so alt werde. 81 Jahre ist kein Schmutz. Und ich stehe immer noch auf der Bühne, schätzungsweise geb ich mir noch fünf Jahr. Meine Großmutter väterlicherseits wurde 90, alle anderen sind rund um den 70er gestorben.
Frage: Gibt es einen Blueshimmel?
Cook: Na. Ich bin totaler Realist.
https://de.wikipedia.org/wiki/Al_Cook
https://www.zeit.de/2026/44/al-cook-blues-wien-alexis-korner-eric-clapton
Gerade arbeitet Al Cook noch an einem Album mit dem Titel “The Spirit of Saint Louis.”