Ö1-Stimmen im Gespräch über das Sprechen
Sprechtechnik, Manierismen und Tagesverfassung: Ich habe mit den Ö1-ModeratorInnen Teresa Vogl, Raphael Sas und Christine Scheucher über ihre Arbeit gesprochen
23.05.2026 im STANDARD
Christine Scheucher studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in Wien und Berlin. Sie ist Redakteurin der Ö1-Kulturredaktion und moderiert das Radiofeuilleton "Diagonal", das "Kulturjournal" sowie "Die Literarische Soiree". Zudem schreibt sie Kritiken für Deutschlandfunk Kultur.
Raphael Sas ist seit 2008 als Sprecher, Moderator und Redakteur für den ORF tätig und vor allem als prägende Stimme von Ö1 bekannt, wo er unter anderem Musiksendungen moderiert und als Station Voice durch das Programm des Senders begleitet.
Teresa Vogl studierte Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft in Wien und Paris. Sie moderiert unter anderem die Ö1-Sendung "Pasticcio" sowie das "Neujahrskonzert" und Opernübertragungen von den Salzburger Festspielen in ORF 2.
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Standard: Herr Sas, Sie absolvierten die „Schule des Sprechens“. Was unterscheidet den Sprecher von dem, der nur redet?
Sas: Ganz banal gesagt gibt es verschiedene Regeln, wie man Wörter ausspricht. Die Sprechtechnik ist die Basis, darauf aufbauend gibt es sehr viele Möglichkeiten, Texte stimmlich zu gestalten. Es hängt auch von der Alltagssprache ab, wie lange es dauert, das zu erlernen.
Standard: Ihre Art des Sprechens, Frau Scheucher, passt zur Ö1-Kultur wie der Geigenbogen zur Geige: Sehr prononciert, durchaus ein bisschen abgehoben. Pflegen Sie das?
Foto: Christine Scheucher (https://www.instagram.com/christine_scheucher/)
Scheucher: Ob ich Manierismen pflege? Ich denke nicht. Meine Art zu sprechen fällt in dem Kontext, in dem ich spreche, gar nicht soooo aus dem Rahmen.
Standard: Andere sagen aber nicht so „soooo“ wie Sie „soooo“ sagen, und nicht alle „Christinen“ heißen „Christin“.
Scheucher: Damit würde ich vielleicht in Ö3 auffallen, aber nicht als Ö1-Stimme. Und Christin heiße ich, weil ich einige Jahre zwischen Paris und Wien pendelte. Damals schrieb mein erster Freund in Paris seine Dissertation. Der Name ist als Relikt dieser glücklichen Tage, mit denen ich sehr schöne Erinnerungen verbinde, geblieben.
Standard: Très bien. Frau Vogl, Sie sind Neulengbacherin und besuchten als solche eine Privatschule. Haben Sie jemals anders als schön gesprochen?
Vogl: (lacht) Ja, schon! Interessanterweise hat mein Vater unlängst eine uralte Audioaufnahme ausgegraben, ich war fünf, mein Bruder zweieinhalb, und ich war ehrlich gesagt entsetzt über meine Aussprache. Niederösterreich sitzt mir also in den Knochen und in den Stimmbändern, ich habe etwas gebraucht, um das rauszukriegen.
Foto: Teresa Vogl (https://www.teresavogl.at/)
Standard: Sie wollten schon als Kind Ö1-Moderatorin werden. Was stellt man sich da vor?
Vogl: Als Kind noch nicht unbedingt, aber dann als Jugendliche war ich ein großer Fan des Senders. Sprechen macht mir Spaß, Kultur ist mein Ding, wo sollte man also hin? Ö1 war das leuchtende Ziel meiner Studienzeit, und „Pasticcio“, das ich heute noch moderiere, war immer geprägt von der Vielfalt. Jeder konnte seine Eigenheiten, seinen Stil, seine Sprache kultivieren. Das hat mich fasziniert.
Standard: Frau Scheucher, Sie sind immer angezogen, als gingen Sie zu einem Kunst-Event. Tragen Sie auch im Radiostudio Handschuhe?
Scheucher: Ich setzte im Studio ganz klar auf Understatement, ich bin ungeschminkt und relativ leger gekleidet – außer ich gehe danach noch in ein Konzert oder zu einer Eröffnung. Ich habe eine sehr ausladende Gestik beim Moderieren. Manchmal erinnert so eine Live-Moderation fast an eine Spoken Word Poetry Performance. Ich versuche, Texte zu schreiben, die einen bestimmten Rhythmus und Sog erzeugen. Eine Moderation ist Körperarbeit. Beim Fernsehen gelten allerdings andere Regeln. Im TV wirkt eine zu ausladende Geste schnell unruhig und man muss auch die Mimik kontrollieren. Am Bildschirm sieht man jede Kleinigkeit wie durch eine Lupe. Im Radiostudio aber muss ich mich nicht zurückhalten, ich fuchtle manchmal wild mit den Armen und Händen herum – fast wie ein Rapper. Zum Glück gibt es bei uns keine Webcam wie bei den Kolleg:innen von Ö3.
Sas: Mir ist es sehr recht, dass mich die Menschen hören und nicht sehen. Wenn ich dann vor Leuten sprechen muss, die mich sehen, ist das eine ganze andere Abteilung. Mein Ziel ist es immer, so zu klingen, als würde ich bei den Menschen im Wohnzimmer sitzen.
Standard: Kommt es vor, dass danach die Mutter anruft und sagt: „Ich hab dich im Radio gehört, du klingst verliebt!“
Vogl: Das müssten schon Leute sein, die mich extrem gut kennen. Die professionelle Bühnensituation sollte im Idealfall immer gleich sein. Natürlich gibt es stimmungsbedingte Unterschiede, aber sobald das rote Licht angeht, ist man im professional mode, Gott sei Dank! Wenn man immer meine Tagesverfassung raushören würde, Halleluja!
Scheucher: Am Anfang, bevor sich eine gewisse Routine eingestellt hat, klingt man manchmal ein wenig bemüht. Man möchte bewusst „schön“ sprechen. Ich bringe einen Vergleich mit dem Fernsehen: Wenn man jemanden auf dem Bildschirm sieht und man das Gefühl hat, dass diese Person primär „gut rüberkommen“ oder gut aussehen möchte, dann kommt beim Empfänger nichts an. Dasselbe gilt für einen Radiomoderator oder eine Radiomoderatorin, deren Fokus es ist, besonders schön zu klingen. Sprechen ist Kommunikation. Wenn die Moderation zum Akt der Selbstbespiegelung wird, erreicht man das Publikum nicht.
Standard: Gibt es schöne und weniger schöne Stimme?
Scheucher: Die gibt es auf jeden Fall. Grundsätzlich kann man sich in Ö1 Nuancen erlauben, einen eigenen Ton, man muss sich nichts wegtrainieren. Bei uns ist sehr viel möglich.
Vogl: Stimme ist Geschmackssache. Dass es KollegInnen gibt, die feiner oder gehaltvoller oder technisch besser sprechen, na klar. Man muss aber unterscheiden zwischen Sprechen und Moderieren. Nicht jeder Sprecher ist ein guter Moderator und vice versa. Ich merke das bei mir, wenn ich manchmal Dokumentationen fürs Fernsehen synchronisiere, da spreche ich ganz anders als bei „Pasticcio“.
Sas: Ich bin als Sprecher zu Ö1 gekommen und wusste bei meiner Bewerbung gar nicht, dass zum Anforderungsprofil auch Moderieren gehört, da musste ich erst hineinwachsen. Angefangen habe ich in der „Ö1 Klassiknacht“, die damals noch live moderiert wurde. Das war ein super Übungsfeld.
Standard: Macht es einen Unterschied, ob Sie eigene oder fremde Texte lesen?
Sas: Man kennt ja sein eigenes Manuskript am besten, da weicht man spontan ab, ergänzt einen Halbsatz oder lässt etwas weg. So wird es lebendig, vor allem in der Livesituation.
Scheucher: Für die Sendungen, die ich moderiere, schreibe ich auch die Texte. Ich passe diese Texte ganz dem Rhythmus meiner Sprache an. Ich arbeite auch für den Deutschen Rundfunk, dort streichen mir die KollegInnen oft Hypotaxen aus dem Manuskript, aber ich weiß, dass diese Sätze zu meiner Mündlichkeit passen. Es gibt Moderatoren, die Sätze sprechen, welche sie nicht selbst ersonnen haben, und ich würde behaupten, ich merke das meist. Ich merke, ob eine Person ein Interesse an dem Gesagten hat und ob es Schnittflächen mit der eigenen Lebenswirklichkeit und dem Erfahrungshorizont gibt.
Standard: Bei Ihnen im Kulturbetrieb kommt ja noch das ganz eigene Vokabular dazu: Die Position, die Distinktion… Geht Ihnen das manchmal schon auf die Nerven?
Scheucher: Ich finde, dass ein gewisses Fachvokabular durchaus legitim ist. Wenn es sich um Floskeln handelt, die inflationär reproduziert werden, dann nervt es natürlich. Kurz: Wenn es nur darum geht, einen Text mit akademischen Modeworten aufzuladen, um Gelehrigkeit zu simulieren. Davon würde ich abraten. Ich bin aber nicht der Meinung, dass man Fremdworte wie ein Minenfeld meiden sollte. Ich verstehe auch nicht jedes Wort. Aber ich freue mich, wenn mich ein Kollege oder eine Kollegin dazu animiert, meinen Wortschatz zu erweitern.
Standard: Frau Vogl, ist es wichtig, dass Ihnen die Musik, die Sie anmoderieren, auch gefällt.
Vogl: Bei „Pasticcio“ haben wir eine Carte Blanche von 35 Minuten, diese Zeit kannst du nach deinem Gutdünken füllen, natürlich jetzt nicht total einseitig nach dem ewigen Motto: Meine liebsten Folksongs. Es ist ein bisschen wie das Gegenteil einer Kritiker-Tätigkeit, eine positive Auswahl von Musik. Ich spiele Stücke, die mir bei anderen Moderationen oder in Konzerten untergekommen sind oder mich beschäftigen, das macht die ganze Sendung persönlich.
Sas: Ich habe lange „Guten Morgen mit Ö1“ moderiert, da stehen in jeder Sendung über 20 Musikstücke auf dem Programm, und da gefiel mir natürlich nicht jedes. Ich habe dann manchmal in einem Halbsatz durchklingen lassen, dass ich zum Beispiel irgendwelche Streichquartettversionen von Popsongs – etwa von „Here Comes the Sun“ – furchtbar finde. Ich streue dann sowas ein wie: „Was hätte George Harrison wohl dazu gesagt? Wir wissen es nicht.“
Standard: Haben Sie schon mal versucht witzig zu sein und gemerkt, es hat nicht funktioniert.
Vogl: Ironie im Radio ist sehr schwierig.
Scheucher: Es kann gelingen, ich habe durchaus schon ironische Treffer gelandet: Zum Beispiel, wenn ich etwas hyperernst sage, aber es klar ist, dass es als Schmäh gemeint ist. Wer es verstehen will, der versteht es auch. In solchen Fällen kommen auch viele Reaktionen.
Standard: Ab wann muss man am Berg anrufen, wenn man in der Früh verschnupft ist? Oder moderiert man trotzdem, weil man das Geld braucht?
Sas: Eigentlich sollte man, sobald die Stimme krank klingt, nicht mehr vors Mikrofon. Aber beim Kleinschnupfen macht man es natürlich manchmal trotzdem, und oft geht’s auch nicht anders, weil: Wen soll ich um fünf in der Früh noch als Ersatz organisieren?
Standard: Nach der durchgemachten Kulturevent-Nacht: Was tun Sie, um die Stimme wieder auf normal zu kriegen, Frau Scheucher?
Scheucher: Nach einer durchgemachten Nacht klingt die Stimme ja durchaus gut: dunkler, tiefer. Aber Alkohol während der Moderation? Niemals! Die Stimme wird schleppend, die Artikulation leidet, ein absolutes No-Go.
Vogl: Ich klinge in „Pasticcio“ immer so, als hätte ich die Nacht durchgemacht! Aber ich singe mich vor jeder Moderation 20 Minuten ein, mache Stimmübungen, das bringt mich in den Körper und macht mich ruhig.
Standard: Oft kommt im „Kulturjournal“ noch der Satz „Uns hat gerade die Nachrichten vom Tod des oder der erreicht.“ Wie schwer ist das zu moderieren, wenn Sie persönlich betroffen sind?
Scheucher: Den Nachruf der Autorin Helena Adler zum Beispiel, die ich kurz vor ihrem Tod noch im Krankenhaus besuchte, habe ich anmoderiert. Ich war sehr betroffen. Ich bemühte mich, möglichst schöne und interessante Worte zu Oeuvre und Person zu finden, mich vor ihr zu verneigen.
Vogl: Wenn vorher etwas Neutrales oder Schönes zu moderieren war und danach ein Trauerfall angekündigt wird, dann besteht die Gefahr, dass man zu positiv reinstartet.
Sas: Umgekehrt ist es heikler, vom Ernsten ins Heitere zu wechseln. Aber grundsätzlich ist das eine Qualität von Radio, dass alles dicht nebeneinander Platz hat: And now something completely different!
Standard: Wer hat oder hatte die schönste Radiostimme?
Scheucher: Michael Schrott hat eine Stimme, die in einer anderen Liga spielt. Er war mein Chef, als ich als Praktikantin anfing.
Vogl: Angelika Lang ist meine absolute Favoritin, auch weil sie so intelligent ist. Man gibt ihr einen Text, und sie erkennt sofort etwaige dramaturgische Schwächen und findet immer den richtigen Ton. Das ist eine große Qualität, einen Text mit Leben zu füllen.
Standard: Das unterscheidet sie von der KI.
Vogl: Ich war neulich auf einer Veranstaltung, wo die Zuspieler von einer KI gesprochen wurden, und man denkt sich: Warum spart man ein paar hundert Euro für einen Sprecher? Man gewöhnt die Leute an diese Verflachung, diese Gleichförmigkeit.
Standard: Frau Scheucher, wenn die KI Sie doch einmal ersetzen sollte, würden Sie es als Stadionsprecherin bei der Rapid probieren?
Scheucher: Ich weiß nicht, ob ich diese Zielgruppe wirklich adäquat erreichen könnte, es ist ein anderes Genre. Aber vielleicht mache ich ein Praktikum bei Rainer Pariasek.
Standard: Frau Vogl, sollten Sie die ÖBB anrufen und sagen, die Chris Lohner war super, aber jetzt brauchen wir Sie…
Scheucher: Nein, den Job will ich!
Sas: Ich! Oder die Wiener Linien!
Raphael Sas https://www.medienmanufaktur.com/raphaelsas
Scheucher: Ich finde das ÖBB-Englisch ja sehr sympathisch. Es gibt Schaffner, die die Durchsagen im Zug mit großem Engagement gestalten. Ein Lob an dieser Stelle.
Vogl: Chris Lohner ist sowieso ein absolutes Vorbild, nicht nur wegen ihrer wunderbaren Stimme. Von ihr stammt der legendäre Spruch: Darling, du kannst alles von mir haben, aber das Licht muss passen. Aber das ist ein Fernsehthema.
Standard: Radio wird nie tot sein, weil…
Scheucher: Weil es im besten Fall Unmittelbarkeit erzeugt und Bilder im Kopf entstehen lässt.
Sas: … es ein sehr direkter Draht zu den Menschen ist. Und was die Publikumsbindung angeht, hat das Radio als Medium die Nase vorne. Es hat etwas sehr Intimes, du sitzt bei den Leuten im Wohnzimmer.
Vogl: Und sie können das Wohnzimmer überallhin mitnehmen.
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