Blasmusikanten sind wir
Foto: Christian Fischer
Der Musikverein Rudolfsheim-Fünfhaus wird 101 Jahre alt – und feiert mit Polka, Jubiläumsball und viel Gemeinschaftsgeist. Ein Besuch bei einem Wiener Bezirksblasorchester, das mehr ist als Musik
15.02.2026 im STANDARD
Blasmusikanten sind glückliche Menschen, Punkt. Wer das nicht glauben will, möge zum nächsten Geburtstag des Bezirksblasorchesters Musikverein Rudolfsheim-Fünfhaus kommen – es wird dann sein 101. sein. Den Hunderter feierte der Verein 2025 mit zahlreichen Veranstaltungen, darunter ein für die Mitglieder legendäres 360-Grad-Konzert am Stephansplatz, bei dem die Zuschauer im Kreis um sie herumstanden. Dann fand ihnen zu Ehren sogar noch ein Jubiläumsball im Schutzhaus auf der Schmelz statt, wo sie zur Eröffnung die Polka "In der Weinschenke" spielten, die an ihre Wurzeln im Weinbezirk Rudolfsheim-Fünfhaus erinnern sollte. All das – und noch viel mehr – macht Lukas Matuschka, den 30-jährigen Obmann des Vereins, stolz und … glücklich. Dabei ist er nicht einmal Blasmusiker, sondern Schlagwerker.
Er stammt aus Gaming im Bezirk Scheibbs, wo er mit acht Jahren zu trommeln begann. Als junger Erwachsener spielte er bei der Militärmusikkapelle und überlegte sogar, dort zu bleiben. Schließlich wechselte er in die Sozialarbeit nach St. Pölten, seine musikalische Heimat aber fand er beim MV Rudolfsheim. Zwei Bekannte "aus da Hoamat" hatten ihn – kaum, dass er in Wien angekommen war – dazugeholt. Seit elf Jahren ist er nun Mitglied, seit knapp zwei Jahren Obmann. Er steht damit auch stellvertretend für viele, die in ihren Herkunftsgemeinden bereits musiziert haben: "Bei unserem Verein gibt es vielleicht fünf Prozent richtige Wiener", weiß der Obmann.
Foto: Christian Fischer
Zu viele Klarinetten, zu wenige Oboen
"Natürlich braucht eine Blasmusik ein Schlagwerk", klärt er Unwissende auf. "Beim Marschieren aufgeteilt in kleine Trommel, große Trommel und Tschinellen. Bei den konzertanten Aufführungen ist alles dabei – von den Pauken über das Xylophon bis hin zum Drum-Set." Hinzu kommen Holz- und Blechbläser, wobei sie in manchen Registern mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen: "Klarinette oder Saxophon können wir fast nicht mehr aufnehmen, weil nicht alle auf der Bühne stehen können." Oboe und Fagott hingegen würden sie mit Kusshand nehmen – solche melden sich nämlich kaum. "Sie würden dem Orchester einen eigenen, weichen Klang verleihen."
Rund 80 Mitglieder zählen sie offiziell. Über die Konzertmeister-App organisiert sich das Orchester vor den Auftritten, denn natürlich sind nicht immer alle dabei. Zum heutigen Konzert kamen 50: "Das ist für die etwas größeren konzertanten Auftritte der Schnitt", erklärt der Obmann. Bei den Proben in der Berufsschule Hütteldorferstraße sind es meist 40 bis 60. Aufnahmekriterien gibt es nicht: Wer spielen kann, darf mitmachen.
"Wir haben eine hohe Dichte an Hochschulabsolventen – die Studenten, die einmal nach Wien gekommen sind! – und einen relativ niedrigen Altersschnitt bei gleich vielen Frauen wie Männern." Die Fluktuation ist allerdings hoch: "Wir haben mehr Proben, bei denen Neue dabei sind, als solche, wo wir alle kennen." Fünfzig Jahre, wie die beiden Mitglieder, die heuer für dieses runde Jubiläum geehrt wurden, werden in Zukunft wohl nur mehr sehr wenige schaffen. Herr Pfeiler, auch schon etwas älter, hat erst vor zehn Jahren mit der Klarinette begonnen und ist dem MV nach drei Jahren Üben beigetreten. "Ich bin froh, dass man mich hier toleriert", lacht er. "Es ist nämlich ein sehr netter Verein, sehr gemütlich, jeder spricht mit jedem. Und der neue Dirigent ist sehr musikalisch!"
Ein Dirigent aus dem Elsass
Er spricht von Claude Brendel. Der Trompeter ist vor vier Jahren aus dem französischen Elsass hierhergekommen. Dort wuchs er mit einer stark an Deutschland angelehnten Blasmusiktradition auf, "die sich ein wenig von der in den Minengebieten oben im Norden unterscheidet", sagt er. Heute unterrichtet er Musik am Französischen Gymnasium in Wien. Er meldete sich auf ein Inserat, das der Musikverein schaltete, als ein neuer Kapellmeister gesucht wurde. Nach ausführlichen Gesprächen und Proben mit drei Kandidaten fiel die Entscheidung auf ihn. "Das habe ich dir noch gar nie gesagt", verrät ihm der Obmann heute: "Du bekamst 98 Prozent."
Wohl auch, weil sich der Franzose im Vorfeld intensiv mit dem Orchester beschäftigt hatte. Er wusste sogar, dass es 1958 erstmals mit der damals ausgemusterten Sommeruniform der Eisenbahnermusikkapelle ausgestattet wurde und dass sich das Wappen an die Weinbautradition des 15. Bezirks anlehnte. "Die Leute müssen spüren, dass man sich für ihre Geschichte interessiert. Und dafür, was sie bisher so gespielt haben."
Selbstverständlich müsse man als Konzertleiter auch am Vereinsleben teilnehmen: "Wenn man sich außerhalb gut versteht, geht es auch bei den Proben einfacher." Dann könne er ihnen auch einmal die etwas anspruchsvollere Kost des französischen Komponisten Darius Milhaud zumuten. "Bei der Jubiläumsmesse Ende September im Stephansdom hat man seinen Einfluss zum ersten Mal gehört", schwärmt der Obmann. Exakt, dynamisch und fordernd sei er – Eigenschaften, die sie alle glücklich machen.
Blasmusik als Lebensfreundschaft
Denn "raus aus der Komfortzone" wollten sie schon vor zehn Jahren, als sie am Bundeswettbewerb für Blasmusikkapellen im konzertanten Bereich in Eisenstadt teilnahmen. Über dem Ergebnis (Letzter!) liegt seither ein Mantel des Schweigens, über das Erlebnis hingegen sprechen sie noch heute bei so gut wie jedem Bier. Und gewiss taten sie das auch auf der Fahrt nach Ligist in der Steiermark, wo sie im vergangenen Sommer gemeinsam mit dem dortigen Musikverein dessen Jubiläum feierten und einen Dämmerschoppen spielten.
Den klassischen Frühschoppen beherrschen sie freilich auch. Also die Frage: Wie ist das eigentlich mit dem Bier, das jeder Blasmusikant neben sich auf dem Bühnenboden stehen hat? "Grundsätzlich schauen wir, dass wir vor und während des Auftritts nicht zu viel trinken", verrät der Obmann. "Und beim Frühschoppen soll es halt im Rahmen bleiben."
Ihr Tagesgeschäft umfasst neben Früh- und Themenschoppen auch kirchliche Umzüge oder den Maiaufmarsch, an dem sie jedes Jahr für den Bezirk teilnehmen. Dann spielen sie Walzer, Polka und Märsche, und der Stabführer geht voran. Für Stephan Kaiser, den stellvertretenden Obmann, sind die paar Kilometer zum Rathaus keine wirkliche Distanz. Er ist seit vier Jahren dabei – als Klarinettist! – und hat seine Sporen in Rheinland-Pfalz verdient, "wo ich gefühlt schon immer Blasmusik gespielt habe: in Speyer am Altstadtfest oder am Oktoberfest in München".
Sogar in Südbrasilien ist er schon aufmarschiert, wo seine deutsche Kapelle vor zehn Jahren zum Oktoberfest in Blumenau eingeladen war. "Das war irre!", sagt er. Freunde fürs Leben hat er dort auch gleich gefunden.
Ein Grund mehr, um glücklich zu sein.