Adieu, mein Freund

Foto: Heribert Corn

In letzter Zeit war ich selten im Engländer, denn wie alles, was schön ist, soll man es nicht überstrapazieren, sonst wird es zur Gewohnheit – oder gar zum Alltag. Christian Wukoniggs Café-Restaurant aber war das Gegenteil, es war Bühne oder "Theater", wie er es nannte, das er jeden Tag drei Mal bespielte: in der Früh, zu Mittag und am Abend – Vorhang auf! Kommt alle herein, die ihr essen und trinken und einfach nur glücklich und aufgehoben sein wollt, die John Malkovics‘ und Cordula Reyers ebenso wie die Hinichen und Fertigen. Ich selbst war ein Niemand in dieser Stadt, bis ich ihn Freund nennen durfte, und wie stolz war ich darauf! Gewachsen bin ich an seiner Seite wie eine Pflanze, die am richtigen Platz steht, denn das Engländer war der richtige Platz für so viele von uns – fangen wir gar nicht erst an, sie aufzuzählen! –, und er war – ich übertreibe nicht! – die Sonne. Am Dienstag ist Christian im 67. Lebensjahr verstorben.

Wer kein Wohnzimmer hatte, der hatte das Engländer. Wer zwei Wohnzimmer hatte, der hatte das Engländer als drittes. Und wer alles hatte im Leben, und er hatte das Engländer nicht als sein Wohnzimmer, der hatte nichts. Denn: Was will der Mensch, der Wiener zumal, mehr von seinem Leben erwarten als einen Ort, an dem man freundlich bis freudig mit Namen begrüßt und zu seinem Tisch geführt wird, von einem Mann, der mit seiner Eleganz und seinem Stil so perfekt in den ersten Bezirk passte wie der alles überragende Steffl. Nur dass in dem niemand konnte, was er konnte.

Schon wie er redete, nein, sprach! Im schönsten Prager Deutsch unterhielt er uns und bewirtete dabei großzügig, erzählte vom Aufwachsen in einer zugigen Villa, von bauunternehmerischen Abenteuern in Polen, wo er sogar die Sprache leidlich gut lernte, oder dem halben Jahr im afrikanischen Accra. Denn er war einer, der neugierig war und rausging, obwohl er im Grunde wusste, dass er hierher gehörte und nirgendwohin sonst: in das Grätzl am Rande des ersten Bezirks beim Stadtpark, in das er als fescher Bursch hineinwuchs: zunächst als Türlsteher und Barmann im Panigl hinter der Jesuitenkirche, wo er sie alle kennenlernte, die anderen Wirten (Kurti Kalb!) und Künstler (Franz West!) und Ziager durch die Nacht der Inneren Stadt, für die er bald sein eigenes Café-Restaurant aufsperrte – das erste Engländer, mit dem er krachen gegangen ist. Na und? Dann sperrt man es halt ein zweites Mal auf, 2002 war das, und hängt ein Büldl hinein mit einer Halbfeschen drauf, die er Saloméa Engländer nannte und von der die Neuankömmlinge in seinem Reich dachten, sie wäre die robuste Chefin.

Saloméa Engländer

Das hat er getan mit dem Wolfi Jelinek zusammen, der von ihm so verschieden war und der noch weit vor ihm gestorben ist, der aber in seinem Sohn weiterlebt, dem Marvin Krenn, den der Wukonigg auf Italienisch "Nipote" nannte, Neffe, und der ihn Gott sei Dank in seinen Serien noch verewigt hat mit seiner schönen Erscheinung und der perfekten Frisur, um die ihn der Marcello Mastroianni beneidet hätte, mit dem er die Liebe zum Vespa-Fahren und zum Dolce Vita teilte.

Wie viel der gelernte Buchhändler gelesen hatte, und wie schön er über Bücher reden konnte! Über Moby Dick oder Die Reise ins Herz der Finsternis, über seine liebsten Krimiautoren, die nicht selten – no na! – Engländer waren und deren Helden wohl ähnlich gut gekleidet sein mussten wie er. Nie war er ordinär, nie war er gewöhnlich, immer war er ein Sir. Und spät auch noch Vater mit seinen zwei wunderbaren Buben, dem Vito und dem Pauli, deren Namen ein zweites Innenstadtrestaurant schmücken, das er zusammen mit seiner Frau betrieb, und von denen er erzählte in langen Nächten bei gutem Wein und beim Lachen und Deppert-Reden über Tische hinweg, wie man es nur hier konnte.

Wo es kein "Wait to be seated" gab und keine "Slots", die doch niemals genügt hätten, um das zu erleben, was man bei ihm erleben konnte: zu Hause sein in einem Wohnzimmer, auch wenn man eh schon eines hatte oder gar drei. Und jetzt? Jetzt ist sein Slot abgelaufen, und wir alle, die wir jeden Tag des Jahres oder auch nur an einem besonderen Tag im Jahr bei ihm waren, bleiben zurück und sind unendlich traurig. Wir werden ihn immer vermissen und nie vergessen. Lebwohl, mein Freund!

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