Herbert Suppin - Der Mann, der alle Batterien hat

Foto: Heribert Corn

Wer in Wien eine Batterie brauchte, landete irgendwann bei Herbert Suppin. Der 78-Jährige wollte immer Showman sein – und machte sein Geschäft in Ottakring zur Legende

Ein Besuch

Am 24.06.2026 im STANDARD

Neulich erzählte mir ein Cafétier von einem Geschäft, in dem es "alle Batterien" gebe. "Schaun Sie, ich war immer ein Showman, kein Verkäufer!", sagt Herbert Suppin also, als ich ihn nur fragen möchte, seit wann ihm dieser Ruf nachhänge. Aber dann redet der 78-Jährige vier Stunden lang, und dem Zuhörer schlankerln bald die Ohrwascherln, weil man so eine reiche, in Teilen unglaubliche und vermutlich auch tragische Lebensgeschichte noch nie gehört hat.

Vom Bühnenstar zum Batterienhändler

Ein paar Schlagworte: Bei seinem Onkel Ady Berber ist er nach dem Krieg zeitweilig aufgewachsen. Einem Gastronomen, Schauspieler, Boxer und Catcher, "der am Heumarkt gegen den Primo Carnera gecatcht hat, der 1933 im Ring den Ernie Schaaf derschlagen hat". Kurz war er selbst Bühnenstar beim Fredi Tröstl in dessen Bauernschwanktruppe („Der Wildschütz von der Königsalm“). Danach war er 20 Jahre lang Reklameredner, und zwar "der Beste!".

Rolf Böhm, der die Pilatus Porter („Das erfolgreichste Flugzeug der Welt!“) mitkonstruiert hat, war ihm väterlicher Freund. Er flog im Tiefflug über das Fotogeschäft seiner Mutter („Tänzerin und Schauspielerin!“) in Wiener Neustadt, wohin wiederum 1956 sein Vater zurückgekehrt war, nachdem er zuvor … "Aber lassen wir das!", sagt er, als ihm die Augen feucht werden. Zu kompliziert ist diese Familiengeschichte.

Also springen wir lieber nach vorne, auf den 4. März 1980. Da hat er sein Geschäft in der Ottakringer Straße 76 aufgesperrt, in dessen Büro er noch heute sitzt. "Schauen Sie sich um! Die Möbel sind alle vom Sperrmüll! Und trotzdem hab ich von heute auf morgen 20 Millionen Schilling umgesetzt!"

So kam's: "Im Prater hab ich Leute in eine Sexshow gelockt: ,Kommen Sie! Sehen Sie Madame Solayka mit ihren sieben Schleiern!‘ In Wirklichkeit sind Diapositive auf eine Leinwand projiziert worden, und alle Männer waren angefressen, wenn sie hinten rausgekommen sind. Aber vorne haben schon die Nächsten 15 Schilling bezahlt!"

Das nennt man Abzocke, aber er liebte halt die Show und hatte überall seine Fans: "Kommt, wie ich vorm Herzmansky steh, eine Frau zu mir und sagt: Mein Sohn ist heute Nacht im AKH verstorben. Er hat Sie geliebt und immer gewusst, wo Sie eine Parade haben." Da kommen ihm die Tränen.

Begegnungen mit Gerhard Bronner

Der Showman in ihm lockte in der Folge auch die Kunden in sein Geschäft: "Ich hab ja anfangs nicht gewusst, was ich hier überhaupt machen soll." Der Gerhard Bronner – "Wir konnten uns wunderbar Witze erzählen!" – saß bei ihm herinnen, und gemeinsam überlegten sie, wie das Geschäft heißen könnte. "Schreiben S' groß F für Funk und groß U für Und und groß T für Television!", hat er gesagt. Und so stand bei ihm werbewirksam FUT Suppin draußen am Schild, während sein Bruder Erwin im Geschäft nebenan Radio Suppin hieß und den Konkurrenten spielte.

"In Wahrheit sind wir gemeinsam nach Las Vegas geflogen und haben geschaut, was wir bei uns verkaufen könnten." Bald lag "wahrscheinlich der erste Walkman, den es in Europa gegeben hat", bei ihm in der Auslage. "Der hat normal 1295 Schilling gekostet, ich habe ihn um 399 Schilling verkauft." Eine Japanerin ließ er damit draußen vor dem Geschäft Rollschuh fahren, was er als passionierter Grasschiläufer selbst auch gerne tat.

Im Geschäft drinnen stand sein Prokurist. "Der Schurl!", erzählt er, "war ein körperbehinderter homosexueller Alkoholiker. Wenn von Philips einer gekommen ist, habe ich zu dem gesagt: Bitten reden Sie mit meinem Prokuristen!" Wieder lacht er. "Wenn ich keinen Spaß gehabt hätte, hätte ich das hier nicht gemacht." Handstand auf der Budel inklusive.

Bald konnten sie den Andrang kaum mehr bewältigen. "Wir haben Leute rausgeschickt und gesagt, dass wir keine Neukunden mehr aufnehmen!" Verknappung erhöht aber die Nachfrage: "Wenn du was brauchst beim Suppin, dann komm zu mir, ich bin schon Kunde!", haben sich die Leute zugeraunt.

"Wir haben das erste Tric o Tronic verkauft!" Die Kinder haben ihn geliebt, und er die Kinder. Sie brachten die Eltern, die kauften. Bezogen hat er die Ware oft über Importeure, "die krachen gegangen sind". Ganz glücklich waren die nicht mit ihm. "Ein paar hab ich geschlitzt", sagt er, also: übervorteilt.

Ordner voller Streitigkeiten

Die Konkurrenz konnte ihn erst recht nicht leiden. Der Köck eröffnete gegenüber, und die Prozessakten über die Streitereien sammelt er in dicken Ordnern. Zu seinem Lieblingsfeind entwickelte sich Dr. Ernest Mauerer. "Kennen S den?" Jetzt wird er deftig.

Aber zurück zum Geschäftlichen: "Ich hab so viele Digitaluhren von Seiko verkauft, dass der Chef Tadao Kashio in Japan drüben wissen wollte, wer ich bin."

Oder: "Als der Generalimporteur von Nintendo pleitegegangen ist, hat er seine Firma an Minolta verkauft – mit 5000 Nintendos! Die hab ich dann von Minolta für 20 Schilling das Stück gekauft und für 99 pro Stück in die Auslage gestellt. Normalerweise hat man die um 199 Schilling verkaufen müssen und nix dabei verdient!"

Die Konkurrenz schickte ihm Notare inkognito vorbei, um ihn des unlauteren Wettbewerbs oder anderer Delikte zu überführen. Auch diese Prozessakten füllen Ordner.

Und die Batterien?

"Der Herlango hat damals 100 Schilling verlangt zum die Knopfbatterie bei der Uhr wechseln, eine 392er. Ich hab mir gedacht: Kauf ich ein paar Tausend Stück von der, mir wurscht, wenn ich nix verdien damit! Und hab Flugblätter gedruckt."

Darauf stand: Autoradio 300 Schilling – "Unter zwölfhundert hast damals keines gekriegt!" – und Knopfzellenbatterie um einen Schilling.

"Was hab ich auf dem Zettel vergessen?", fragt er, der sich stolz Reklameprofessor nennt. "Die Adresse! Ich hab nur FUT Suppin draufgeschrieben."

So geht Werbung

Was zur Folge hatte, dass nach Wochen Leute außer Atem bei ihm aufgetaucht sind und ihn angeschrien haben: "Hean S! Sie haben die Adresse vergessen zum Draufschreiben!"

Danach sind sie zum Heurigen gegangen und haben jedem erzählt, wo sie ihre Batterien gekauft haben. So geht Werbung.

Als dann einer vom Kurier da war, der ihm ein Inserat verkaufen wollte, dachte er sich Folgendes aus: "Wer imstande ist, mir eine Batterie zu bringen, die ich nicht auf Lager habe, gewinnt eine Flugreise für zwei Personen, 14 Tage!"

Um neun in der Früh am Montag darauf, sagt er, ist der Erste hereingeschossen, mit ausgestreckten Armen, und hat gesagt: "I fliag!"

Dazu kam es aber nicht, weil er da bereits einem Großhändler im 15. Bezirk, "der was hat zusperren müssen", alle möglichen Uhrenbatterien "um eine Kleinigkeit" abgekauft und bei sich eingeschlichtet hatte.

Ab da wusste jeder, dass der Suppin "alle" Batterien hatte. In der Art, wie Chuck Norris "alle" Liegestütze schaffte.

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