Jalousienkordeln von Ehlmaier
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Im Wiener Werkstättenhof produzieren die Brüder Peter (im Bild links) und Friedrich Ehlmaier Jalousienkordeln für den Weltmarkt. Peter Ehlmaier wuchs im Werkstättenhof auf und kann obendrein wirklich gut erzählen!
Ein Besuch
Am 08.06.2026 im STANDARD
„Normalerweise kommt man zu so was ja nicht, man kriegt‘s halt!“, erzählt Geschäftsführer Peter Ehlmaier, als er uns im Werkstättenhof in der Mollardgasse empfängt und mit dem Lift dort hinaufführt, wo sein Büro liegt. Während der Fahrt erzählt er ein bisschen von seiner Familie: „Mein Bruder Friedrich war der Älteste und musste das hier übernehmen, der hat gar keine Chance gehabt.“ Der Vater wäre nämlich ein richtiger Patriarch gewesen, lacht er. „So ein Familienoberhaupt!“ Aber zum Lachen wird es wohl nicht immer gewesen sein. „Der jüngere Bruder ist rechtzeitig ausgestiegen und macht jetzt in Immobilien. Ich selbst habe Theaterwissenschaften und Psychologie studiert.“ Und ein bisschen wie im Theater wäre es hier auch manchmal.
Denn: „Stellen Sie sich nur vor, der Lift! Wie langsam der ist! Wie oft wir damit auf und ab fahren müssen, um unsere Produkte hinunter zu kriegen. Und wie sich die LKWs quälen müssen, bis sie da in den Hof herein kommen.“ Dieser wurde ja einst für Pferdekutschen entworfen, und der Lift musste nachträglich erst eingebraut werden. „Ich weiß nicht, wie viele Gitterboxen für ich weiß nicht wie viele LKWs wir da jeden Tag hinunter bringen!“
Aber gut, nur jammern will er dann auch nicht. „Es ist schon sehr lässig hier!“, sagt er, nicht zuletzt wegen der vielen schönen Erinnerung, die er an sein Aufwachsen im Hof hat. Die Firma gibt es ja bereits seit 1844, ursprünglich produzierte man Gespinste. 1908 zog man als Gründungsmitglied in den neu errichteten Jubiläums-Werkstättenhof mit ein. Schon als Kind sind die Brüder durch die Hallen gerannt und haben „geholfen“, wofür sie ein paar Schillinge bekommen haben. In der „Leonischen Spinnerei“ beispielsweise, wie sie über einer Türe noch immer angezeigt wird. Was sie da machten? „Man nahm Zementdraht und plättete ihn zu Lametta. Das haben wir mit Wolle für die Gold- und Silberfäden der Schokolade am Weihnachtsbaum oder Seide für den Klerus oder das Militär umsponnen. Die ganzen Wappen, Wimpeln und Fahnen waren ja mal ein Renner, machten aber irgendwann nur mehr zwei Prozent vom Umsatz aus.“ Also hat man die Spinnerei geschlossen.
Wohingegen sich „die Geschichte mit den Jalousienkordeln“ zu einer Art Welterfolg entwickelte, nachdem es auch in diesem Bereich zunächst nicht immer nur bergauf gegangen war: „In den 60er Jahren haben wir begonnen, uns für textile Komponenten im Sonnenschutz zu interessieren. Bis vor drei, vier Jahren deckten wir die gesamte Palette ab, auch die ganz kleinen Jalousien, die man innen aufhängt. Aber da brauchten wir alleine für die südlichen Länder 100 Farben!“, sagt er. Darum machten sie auch damit Schluss, „weil die heute sowieso in China produziert werden.“ Und da könne man mit dem Preis eben nicht mithalten.
Der „Gamechanger“ für ihr Unternehmen war die Faser Aramid, die wegen ihrer Wiederstandfähigkeit auch zur Herstellung von kugelsicheren Westen, Kajaks oder ballistisch geschützten Fahrzeugen verwendet wird. Als die Brüder Ehlmaier begannen, sie in ihre Schlaufen- und Leiterkordeln für Außenjalousien, die oft viele Meter breit sind, zu verarbeiten, bekamen sie dafür den Innovationspreis der Stadt Wien und stiegen zu einem von weltweit nur zwei eigenständigen Produzenten solcher Kordeln auf. „Davor hatten wir bei den Raffstores eine hohe Dehnung durch Umwelteinflüsse, sodass sie schief gehangen oder überhaupt gerissen sind.“
Seither produzieren sie durchgehend 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche, „weil sich das sonst nicht ausgeht“. Bis die Kordeln nämlich auf Paletten verpackt mit dem Lift hinuntergebracht werden können, muss zunächst das zugekaufte hochfeste Polyestergarn in einer eigenen Abteilung auf kleine Spulen umgespult werden. Die vollautomatischen, computergesteuerten EndMaschinen, „mit denen man auch Spitzenunterwäsche erzeugen könnte“, werden in Italien gekauft und mit eigenem Know-How umgebaut. „Sie glauben nicht, was wir von diesen Kordeln rausknallen! Millionen von Metern!“, ist er immer noch selbst begeistert, wenn er sich die Jahresleistung ihrer Produktion anschaut.
Dabei dürfen natürlich keine Fehler passieren: „Wenn bei einer Palette mit 40 Kartons irgendetwas nicht passen tät‘ – Der Steg, wo die Lamelle rein will, ist gekreuzt, weil der Fadenführer nicht stimmt! - tät‘ ich alles zurückkriegen.“ Darum stehe über allem die Qualität, die sorgfältig geprüft werden müsse. Beispiel? „An einer Kochstation gebe ich zwei Meter einer Kordel wie Nudeln in kochendes Wasser. Danach dürfen sie nicht mehr als 0,5 Prozent geschrumpft sein.“
Er ist vor allem stolz auf seine Mitarbeiter, die in dritter Generation aus dem kleinen serbischen Dorf Velika Plana zu ihnen kommen. „Mein Vater hat die ersten Anfang der 60er Jahre noch persönlich vom Südbahnhof abgeholt, als es schon keine Arbeitskräfte gab.“ Sein Elektroniker – „Eine Koryphäe!“ – arbeitet seit 46 Jahren im Betrieb. „Und von der Produktionsleiterin arbeiten der Bruder mit seiner Frau, die Schwester und die Nichte hier. Plus zwei Freundinnen!“ Teils hat er sie sogar in Wohnungen untergebracht, die im Werkstättenhof an der Seite der Morizgasse liegen, sodass auch Überstunden geleistet werden können. Er musste sie alle selbst anlernen, weil es für diesen Beruf keine Lehre gibt. „Gott sei Dank bleiben sie alle für lange Zeit!“, schwärmt er von ihrer Lernfähigkeit und Treue. Und er selbst? „Müsste ich mir das alles hier noch einmal neu ausdenken – „Gute Nacht! Ich bin nicht deppert und handwirklich geschickt. Aber das wäre, als müsste ich das Rad erst erfinden!“
Und dann gibt es noch seinen Bruder Friedrich Ehlmaier, den alle „General“ nennen: „Der ist hier der Wichtigste überhaupt und sitzt ganz drüben auf der anderen Seite in seinem Büro“, wo ihm sein Sohn Moritz nach abgeschlossenem Wirtschaftsstudium zur Hand geht. Der Bruder hat die HTL für Textiltechnik in der Spengergasse absolviert und trägt den Titel Ingenieur. Bei ihm kommt der Lieferdruck an, den er dann an ihn hier in der Produktion weitergibt. „Da will man natürlich niemanden enttäuschen. Schließlich beliefern wir bis Australien die großen Raffstore-Hersteller mit bis zu 5000 Mitarbeitern.“ Und die wollen ihre Schachteln mit den Kordeln drin einfach unter ihre Maschinen am Ende der Produktionsstraße stellen. Die fertigen Raffstores hängen dann weltweit an Außenfenstern und trotzen Wind, Regen und Sonne. Und da es immer heißer wird auf der Welt, werden ihre Maschinen hier für lange Zeit nicht mehr stillstehen.
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