Flipper Asylanten in Wien-Ottakring
Fotos: Rebhandl
In der Hanserstraße in Wien-Ottakring befindet sich das Flipper Asyl, das von äußerst sympathischen Menschen betrieben wird. Am Dienstag werden Flipper repariert und gewartet, am Donnerstag wird gespielt. Und Wettberwerbe gibt es auch. Hinschaun!
Eine Reportage
Am 17.06.2026 im STANDARD
Erst kürzlich eröffnete im Terra Technica Museum in Kleinhaugsdorf an der Grenze zu Tschechien eine eigene „Gedenkecke“ für Roger Sharpe, den Mann, „der den Flipper rettete“. Das war vor 50 Jahren. Bis dahin waren Flipperautomaten in vielen Städten der USA verboten, weil sie als Glücksspiel galten. Sharpe aber trat vor dem New Yorker Stadtrat an und kündigte einen Schuss mit einer Kugel an seinem Automaten an, den er auch genauso ausführte. Ein Magic Shot! Von da an galt Flippern als Geschicklichkeitsspiel.
Ihr Geschick an den Automaten wollen an diesem frühsommerheißen Pfingstsonntag auch um die 20 lokale Wizards beweisen, die sich zum Pinball Cup im Flipperasyl in der Wiener Hasnerstraße in Ottakring einfinden. Ein einladendes Vereinslokal mit zwei Stufen hinauf, vor dem ein paar Campingstühle stehen. Bier gibt es drinnen reichlich, dazu Sesamringe und Kaffee. Aufgesperrt wurde schon um 11.30 Uhr, ab 12 Uhr treten bei diesem IPFA-sanktionierten Turnier alle Spieler Head to Head gegeneinander an, ausgelost werden sowohl die Paarungen als auch die Automaten, an denen gespielt wird. Wer jemals an einem solchen Turnier teilgenommen hat, der scheint als einer von momentan 154705 Spielern im Ranking der International Pinball Flipper Association IPFA auf. Weltranglistenerster momentan: Jason Zahler aus den USA. Markus Stix, der beste Österreicher, liegt auf Rang 146.
An diesem Nachmittag wird es nicht ausschließlich um die vorderen Ränge der Weltrangliste gehen, hineinhängen werden sich trotzdem alle. Gerhards Liebe zum Flippern „begann mit 13“, das ist 57 Jahre her. Dazwischen war lange Zeit Pause, weil der Prater mit seiner Flipperhalle schlecht beleumundet war. Letzte Woche reiste er nach Ljubljana zu einem Turnier und spielte dort wie der erste Mensch: „Rang 80 von 90!“ Davor war er in Vöcklabruck beim Austrian Pinball Festival und spielte deutlich besser. „Ich hab gegen einen Profi auch schon gewonnen! Man muss halt fit sein.“ Das war er bereits 1988, als Pink Floyd im Wembleystadion spielten. Von diesem Concert trägt er ein Merch-Shirt, aber lieber schaute er sich immer Kraftwerk an. In der Weltrangliste liegt er auf Rang 2399, in Österreich auf Rang 29.
Sharon vor einem geöffneten Flipper
Niklas Worisch (der spätere Sieger des Turniers) hat mit Lukas Bramhas zusammen das Flipperasyl gegründet. Er spielt gerne in der Lugner-City ganz oben beim Kö. „Für Interessierte gibt es eine Pinball-Map, auf der man urige, coole und witzige Orte finden kann.“ Auch er spielt – wie die meisten – am liebsten auf Automaten aus den 90er und frühen 2000er Jahren. „Die neuen gehen zu sehr in Richtung Computerspiel.“ Die im Flipperasyl „haben lässige Features“ und heißen Dr. Dude, Power Play oder Star Trek.
Junge Spieler lernen heute jeden Flipperautomaten „auswendig“, begreifen schnell, welche Abfolge der Schüsse zu einem möglichst hohen Score führt. Einer dieser Nachwuchszauberer ist Max, der sich selbstbewusst Määääx nennt. Er steht vor dem Dr. Who und erklärt: „Man will am Anfang immer das W, das H und das O treffen, dann hat man einen Bonus! Dann will man die zwei da! Dann geht’s hoch und man muss drei Mal den, drei Mal den, drei Mal den und drei Mal den treffen! Dann geht’s noch höher, und du musst drei Roboter zerstören! Und bei den drei Robotern hast du einen Multiball!“
Radfahrhandschuhe wie Robert trägt er dabei nicht. „Man rutscht damit nicht ab, hat mehr Gripp und kann besser rütteln“, erklärt dieser. Ja, darf man denn das? „Auf die sanfte Tour schon. Aber sobald man den Tisch bewegt, ist der Flipper eh Tilt.“ Dieser Tilt-Mechanismus sorgt dafür, dass sofort alle Spielelemente außer Kraft gesetzt werden und Kugel sowie Bonus verloren gehen. „Manche Automaten sind toleranter, andere weniger.“ Er mag´s toleranter.
Sharon (Wie Ariel Sharon und nicht wie Sharon Stone!) wäre momentan einer ihrer Besten, sagt Lukas. Gemeinsam waren sie schon am Dienstagnachmittag hier, als sie Geräte reparierten und Biere tranken. Ein paar Rotzbuben aus der Gegend kamen auch hereingeschneit, spielten ein bisschen und wurden hinausgestampert: „Kommts am Donnerstag!“ – „Okay, Bruda!“ Manche aus dem Kulturkreis, dem sie entstammten, haben ja ein Problem mit Frauen. In der Flippercommunity hat man solche Probleme nicht, im Gegenteil! Es werden immer mehr, die Flipper spielen.
Sharon im Flipperasyl
Martina hat erst vor drei Jahren angefangen, als sie zufällig im niederösterreichischen Auersthal in den Arcade-Keller stolperte und dort gleich sehr viel Spaß hatte. „Das ist eine total nette Community, alle unterstützen einander, helfen sich gegenseitig und freuen sich mit den anderen.“ Klingt nach einem Gegenentwurf zu unserer verrückten Welt! Mittlerweile hat Martina schon einige Flipper zuhause stehen, der letzte – Dungeons & Dragons „The Tyrant’s Eye“ – kostete neun Tausender. Sie lässt sich ihre Liebe etwas kosten.
Hingegen gar nix am Hut mit Flippern hat Cristina, die lebensfrohe Lebensgefährtin vom Chef. Die brasilianische Künstlerin kam vor fünf Jahren nach Wien und hat beim Lukas überhaupt zum ersten Mal einen Flipperautomaten gesehen. „Er nimmt das sehr ernst!“, lacht sie, und der kann das nur bestätigen. Er war 17, als er sich um ein paar Schillinge den ersten Automaten kaufte, mittlerweile zerlegt und schraubt und lötete er alles, was sich Flipper nennt. „Wir haben jetzt diesen Scared Stiff geholt, weil ein gleiches Gerät ein großes Problem mit dem Board hat.“ Der steht jetzt hinten, nachdem Lukas ihn zuvor zu einem Experten nach Deutschlang geschickt hatte, „der es aber offenbar falsch repariert hat.“ Da darf man fragen: Was ist das für ein Experte? „Er repariert nur im Winter, weil er im Sommer in seinem Garten baggert.“ Lukas hatte den Automaten günstig aus einem Tschocherl gerettet und danach neue Teile im Gegenwert von 1500 Euro eingebaut. Bis er funktioniert, wird er immer noch günstiger gewesen sein als ein neuer.
Cristina unterscheidet sich auch in weiteren zwei Punkten von den meisten Flipper-Aficionados: „Ich kiffe nicht!“, lacht sie. „Und ich trinke kein Bier.“ Bei Lukas hingegen verhält es sich mit dem Bier so: „Nach dem zweiten komm‘ ich richtig in Fahrt, ab dem dritten flacht die Formkurve wieder ab.“ Wichtig ist daher, die Balance zu halten. Kurz vor 15 Uhr öffnet der Feind seiner eigenen Formkurve sein viertes, und Määäx kriegt langsam Hunger. Er freut sich auf den Pizzawirten, den sie gemeinsam ab 15 Uhr als gemütliche Runde besuchen werden. Außer der, der „I ned!“ schreit. Er wird bei den Sesamringen bleiben. Und beim Bier, das man sich gegen eine kleine Vereinsspende aus dem Kühlschrank nehmen kann.
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So true!