Schrammel-Montag im Bockkeller
Fotos: Christian Fischer
An jedem ersten Montag eines Monats kommen Liebhaber des Wienerlieds und der Schrammelmusik zum Liebhartstaler Bockkeller, um hier ihrer Leidenschaft zu frönen. Mit Fotograf Christian Fischer war ich mit dabei.
Eine Reportage
Am 26.05.2026 im STANDARD
Als wir eine Stunde vor Beginn des Konzertes beim Liebhartstaler Bockkeller in Wien-Ottakring auftauchen, hat sich davor bereits eine lange Schlange gebildet. Margarete Krause und ihr charmanter Begleiter Fritz Scheidl, der sich „Ehemann in spe“ nennt, wissen auch gleich, warum: „Sie bieten hier eine gehobene Schrammel-Musik, die von Professionisten aufgeführt wird, die noch dazu Spaß daran haben, mit dem Publikum zu kommunizieren – vom Feinsten!“ Sie - auch das wissen Frau Krause und ihr Begleiter – sind die Bravour Schrammeln, die nun von den Neuen Wiener Concert Schrammeln die Patronanz über den Schrammel-Montag übernommen haben. „Man mag es fast nicht glauben, dass die so eine Schrammelmusik spielen können!“ Darum wollen die beiden heute möglichst bei den Ersten mit dabei sein, die sich oben im Saal ihre Plätze sichern können. „Sie sehen ja, wie voll das heute wird!“
Stammgäste: Frau Krause und ihr charmanter Begleiter. Foto: Christian Fischer
Schrammel-Montag heißt die Veranstaltung also, die jeden ersten Montag im Monat in dieser wunderschön gelegenen Location gleich beim Ottakringer Friedhof stattfindet und zu der sich auch die wunderbar lebensfrohe Helly Chmer regelmäßig einfindet. „Nur heute hab‘ ich vergessen zum Reservieren, weil ich grad von einer Kur zurückgekommen bin. Und angerufen hab ich dann auch nicht!“ Sie ist 87 Jahre alt, und der Satz „Das sieht man Ihnen wirklich nicht an!“ wurde wohl für Begegnungen mit ihr erfunden. Früher hat sie selbst gesungen, „aber heute hab ich natürlich längst nicht mehr diese Stimme“, sagt sie ein wenig kokett. „Ich bin mit der Musik aufgewachsen, jetzt singe ich nur mehr für mich alleine.“ Vom 60. bis zum 80. Lebensjahr hat sie Bücher geschrieben, „ich mach alle zwanzig Jahre was anderes.“ Nun nimmt sie auf einen Sessel bei der Kassa Platz, denn ganz ist der Schmerz im Kreuz, wegen dem sie auf Kur war, noch nicht verschwunden. Dafür ist ihr Gesicht ein einziges Strahlen gepaart mit Hoffnung: „Vielleicht kommt ja wer nicht!“ Dann könnte sie vielleicht doch hinein und muss nicht im Garten sitzen, wo sie notfalls auch zuhören täte.
Volle Hütte! Aber am Ende finden alle Platz. (Foto: Christian Fischer)
Wer kommt und wer nicht kommt, das weiß beim Eingang Michaela Lehner: „Mit 150 Leuten wird das heute bummvoll werden“, sagt sie. „Und ich setze ungern mehr Leute hinein, weil es dann ungemütlich wird.“ Früher allerdings hätten bis zu 180 Personen in den schönen Saal gepasst, „aber Corona scheint ihn enger gemacht zu haben bzw. wollen die Leute seither nicht mehr so eng beieinander sitzen.“ Sie ist die Geschäfts- und Archivleiterin des Wiener Volksliedwerkes, das hier untergebracht und „Bewahrer, Sammler, Konzertveranstalter und Förderer für das Wienerlied und die Wiener Musik ist.“ Die meisten der Gäste hier kennt sie persönlich und begrüßt sie mit Namen: „Wir leben vom Stammpublikum, die Schrammelmusik bedient ja nur eine Nische mit vielleicht 300 Interessierten.“ Dafür sind von den 150, die heute kommen werden, 150 gut gelaunt und richtige Fans.
So wie Josef Mayr. Der 67jährige stammt ursprünglich aus dem Burgenland und kam mit 20 Jahren nach Wien, wo der Vater, wenn er Zeit hatte, mit dem Buben nach Baden oder Bad Vöslau hinaus fuhr, wo er zum ersten Mal Schrammelmusik hörte. „Mich hat die Kontragitarre fasziniert, und als die Pension näher kam, habe ich mir eine gekauft und beim Professor Hirschfeld und beim ‚Wienerlied-Rudi‘ Koschelu Unterricht genommen, so bin ich in die Szene hineingerutscht. Man lernt Leute kennen, geht zu Veranstaltungen.“ Oder man fährt, so wie er und seine Frau letztes Jahr, für elf Tage nach Litschau zum Schrammel.Klang.Festival hinauf: „Die ganze Zeit waren wir dort!“, schwärmt die Gattin. „Das hat auch ein bisserl was gekostet und war fast ein Luxusurlaub!“
Die Bravourschrammeln vorm Bockkeller. Foto: Christian Fischer
Mayr ist als Kontragitarrist immerhin so gut geworden, „dass ich auch mal in einer Formation gespielt habe, aber jetzt sollen das Jüngere machen.“ Ein Lieblingswienerlied hat er nicht, der Josef Mikulas jedoch, dem der heutige Abend gewidmet ist, „gehört sicher zu den Großen der Wiener Musik.“ In dieser gebe es viele Texte, sagt er, die man heute nicht mehr verstehen würde, „aber wenn man genau hinhört, sind sie wieder aktuell.“ Vor allem aber müsse ein Wienerlied „erzählt“ werden, weiß er, „Schlager sind das nämlich keine. Man singt von der Liebe, dem Saufen und dem Tod.“ Oder anders erzählt: „Man verliebt sich unglücklich und beginnt deswegen zu saufen, bis man tot ist.“
Die Bravour Schrammeln vereinen das Ehepaar Uhler sowie Maria und Helmut Stippich, der seine Knöpferlharmonika wie der Virtuose zu spielen vermag, der er nun mal ist. Oder wie Josef Mikulas, „der auch mal acht Töne mit fünf Fingern spielen konnte“, wie er sein Publikum wissen lässt und wie er selbst mit „Am alten Katzensteig“ demonstriert. Stippich ist ein natural born Schrammelmusik-Entertainer, und dafür braucht er nicht einmal den Spritzer, um den er erst nach dem dritten gespielten Lied bitten wird. Sein Kommunikationstalent mit dem Publikum geht sogar so weit, dass man sich bei ihm eine Komposition wünschen kann. Das weiß eine weitere begeisterte Dame, die das selbst beim letzten Mal getan hätte, und heute täte sie sich die Komposition gerne anhören, nur leider: Auch sie wartet noch auf eine Karte: „Haben Sie die Schrammeln noch nie gehört?“, fragt sie verwundert. „Es ist umwerfend!“
Wein und Schmalz, Gott erhalt’s! Foto: Christian Fischer
Sowohl sie als auch Helly Chmer haben dann doch noch eine Karte bekommen, und beim Buffet oben, wo das Schmalzbrot mit frischem Zwiebel drauf zwei Euro kostet und der Spritzer 2,80, herrscht sogar eine Art Gedränge mit deutlichen Hinweisen darauf, auf welcher Seite des Buffets sich die Schlange nun gebildet hätte: „Hier! Nicht dort!“ Die anwesenden Damen sind allesamt mindestens resolut und tragen praktische Kurzhaarfrisuren, die Herren trinken den Wein auf diese spezielle Art, wo sie den Stiel ganz weit unten beim Fuß halten, während sie genussvoll und mit hörbarem Zuzeln das halbe Glas leeren. Alle scheinen zu wissen, was sie hier wollen und wo genau sie sitzen mögen, um nicht nur die Musik, sondern auch alles Wissenswerte zu hören, das Stippich über die Mikulas-Brüder zu erzählen weiß: „Die haben es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden, ihre Virtuosität in die Wiener Volksmusik einzubringen und daraus beeindruckende Bravour-Stückerl zu schaffen.“ Bravo!
Mittlerweile spielen auch schon die Kinder der beiden Ehepaare bei den Schrammeln mit, was jedenfalls eine gute Nachricht für Helly Chmer ist. Dann wird sie nämlich auch mit 100 noch eine Karte kriegen, sofern sie rechtzeitig reserviert. Und wenn sie das nicht tut, dann kriegt sie höchstwahrscheinlich trotzdem eine.
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